DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Winter dem Winter

Was die Schneezeit mit Rocco Schiavone zu tun hat

Schneezeit in Wien. Mehrere Tage Weiß vom Himmel gab es in Wien schon lange nicht mehr. Umso schöner die Ausgangsrunden im Wienerwald sowie das Serienbingen daheim. Nein, nicht zwischen den vier weißen Wänden, diese leuchten seit dem ersten Lockdown letzten März in azzurro bzw. in lichtrosa. Dazwischen hat sich in Anwandlung einer stillen, aber arbeitsintensiven Silvesternacht das große Vorzimmer in nachtblau gesellt. Ein Akt der Schönheit. Der Verbundenheit auch.

Mein Tipp gegen den Isolationsblues: erinnern Sie sich an die Kraft der Farbe! Da die Trafiken völlig unverständlicherweise geöffnet haben dürfen, stellen Sie sich ausnahmsweise in die Reihe der Süchtigen und warten Sie, bis Sie im Tabakladen eintreten und somit das neueste Wohnmagazin erstehen dürfen. Die Bibliotheken haben leider immer noch geschlossen, bleibt also keine Alternative. Oder gleich online ein Abo abschließen und monatlich auf die neue Ausgabe des Wohnungsverschönerungsmagazins warten, der Lockdown wird uns ja noch länger erhalten bleiben als uns lieb ist.

Aktives Kompensationsprogramm wie Ausmalen und Entrümpeln bescherte mir persönlich die langanhaltendsten Dopaminausschüttungen während der gesamten Pandemiezeit. Nach getaner Arbeit bietet sich das Serienbingen an, das TV-Programm ist markant schlechter geworden in den letzten Monaten, soweit das ohnehin dauerüble Programmangebot überhaupt noch zu steigern war. Als letzte Alternative bleibt eben das Streamen. Was würde besser in die schneereichen Wintertage passen als die italienische Erfolgsserie Rocco Schiavione, die ihren Schauplatz endlich mal in einer unterrepräsentierten  Bildschirmregion aufschlagen darf?  Das beschaulich kleine Aosta im alpinen Aostatal nahe der französischen Grenze mit seiner eigenen Sprachinsel (dem Franko-Provenzalisch),  darf in der Serie mit bislang drei Staffeln zum stillen Protagonisten mutieren. Mir passt das ausgezeichnet in mein winterlich justiertes Stimmungsfeld und auch in meine von Heimweh geplagten Jännertage (das Knirschen des gepressten Schnees unter den Stiefeln – wie sehr vermisse ich es!). Die Altheimat Tirol bleibt dieser Tage ein Sehnsuchtsort. Gleich in der ersten Folge darf Vize-Questore Rocco Schiavone, der aus dem heißen Rom in den kalten Nordwesten zwangsversetzt wurde, einen Mord durch eine Pistenraupe zu Tode Gewalzten aufklären. Wie passend. Vor den Ratraks hatten wir uns vor allem zur Dämmerungszeit auf den Pisten immer gefürchtet! Mit der Aufzählungsreihe an nostalgischen, synästhetischen Eindrücken aus der Kindheit im tiefwinterlichen Westen, kann Wiener im Allgemeinen wenig anfangen. Kollege Günter Vallaster und ich versuchten uns vor einigen Jahren daran, übten uns in einem umfassenden brainstorming: Die Arten von Schnee, die gefühlten und tatsächlichen Kältestufen, der Hoanigl.

Gleirsch im Sellraintal – Geza Gold © Bildrecht, Wien 2021

Um zwischendurch das Arbeitsgewissen etwas zu erleichtern und die täglich mir selbst verordnete Leseration zu bewältigen, lese ich David Schalkos soeben erschienenes Buch Bad Regina. Eine Freundin aus Innsbruck hatte es mir geschickt, weil es just an meinem Geburtstag erschienen war. Nach wenigen Seiten der Lektüre drängt, nein dürstet es mich geradezu, die Unterhaltung beiseite zu legen um wieder den Ernst aufschlagen zu lassen. Es muss. Man läuft ja Gefahr, die brachiale Unterhaltungsliteratur à la Sargnagel & Co mit geistreicher Literatur zu verwechseln. Nicht weil es gut geschrieben wäre, nein, weil es eben ganz gegen mein Verständnis von guter Literatur läuft, aber im Feuilleton kaum mehr anderes (sprich wirklich literarisch Hochwertiges) rezensiert und vor allem hoch gelobt wird. Lektüre-Downgrading im großen Stil ist das bei gleichzeitigem Upgrading der U zu E im Feuilleton. Volksverblödung.

Grobe Provinzlersprache, wie Schalko sie in Bad Regina walten lässt, gewollt walten lässt selbstverständlich – bereitet mir nach wenigen Seiten des beschriebenen Dauersaufens, Dauerkiffens, Dauerfickens, Dauerrauchens eine omnipräsente Dauerlangeweile. Warum will David Schalko in die Fußstapfen einer Stefanie Sargnagel treten? Ist er dafür nicht auch zu alt? Selbst Letztgenannte ist ihrem Jugendjargon bereits (zumindest altersmäßig) entwachsen. Ein vom letzten Christbaum übrig gebliebenes Rumfläschchen verschafft für einen Moment lang Abhilfe. Ja, Bücher wie diese lassen sich verkaufen, klar. Muss man halt selbst so ein Schmonzettenbuch für und über die Provinzgrobiane und Stadtproleten da draußen schreiben. Im nächsten Jahr vielleicht.   

Trotzdem – danke für die so liebe Geste, meine Freundin! Ich habe mich sehr gefreut über das Paket. Zwischendurch habe ich auch geschmunzelt beim Lesen, muss ich zugeben. Gemeinsam mit italienischen Freunden und Bekannten  warte ich nun sehnsüchtig auf die vierte Staffel des von Antonio Manzini kreierten Rocco Schiavone. Unterhaltung auch das, keine Frage!

Regina Hilber

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