DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Walking

Die lange Gerade nach hier

KoKo (Bildrecht) 2020

Eine Stadt, ein Outfit. TRIESTE. Eine Gerade, ein Ewigkeitsmoment. Immer ein Buch. Bücher. Über allem der Endjuni, vormittägliche Bora und nachmittägliches Gewitter. Duft der Pinien längs der Barcola, dem gepflasterten Erholungsstreifen der Triestiner. Lange führt sie als Leitschnur (vorne das glitzernde Blau) nach Grignano mit dem Schloss Miramare. Eine Pinienpromenade als gepflasterter Strandabschnitt, dessen Anfang übergangslos aus der Stadt heraus in die lange Gerade aus Stein wächst und dessen Ende sich sanft im Park des Schlosses Miramare austariert. Heute ist die Barcola beinahe ausschließlich von Schülern und Jugendlichen in Beschlag genommen, auffallend ruhig und gemäßigt genießen sie die Nachmittagsstunden während der letzten Schultage vor den Sommerferien. Aus den iPhones drängen die Beats zu den jeweiligen Nachbarliegeplätzen. Handtuch an Handtuch. Montag. Gestern gehörte die Barcola den Familien mit Kindern, den Großeltern, den Senioren mit und ohne Anhang. Jede Altersgruppe hat ihren eigenen Barcola-Tag. Mein Steißbein schmerzt. Die Hitze schmerzt. Auf der gepflasterten Geraden zwei Stöße breit nach links wandern, unter den Schatten einer Pinie. Für immer geradeaus gehen. Geradeaus einer einzigen Linie folgen. Leitschnurmächtig durch die Tage ziehen. Nur ein Mal vom Weg abgezweigt, die Konstante verlassen gehabt, im Chaos versunken gewesen. Wieder in der Spur. Endich. Ignoriere das Gelb. Ignoriere das Gold. Ignoriere das Glitzern. Sei einfach nur Blau. Stur geradeaus. Und dann Die lange Straße aus Sand von Pier Paolo Pasolini. Wiederentdeckt. So viele Italien. So viele Schatten. Noch poetischer klingt der italienische Originaltitel: La lunga strada di sabbia.

1959 hatte der italienische Filmemacher, Schriftsteller und Aktivist Pier Paolo Pasolini die heimatlichen Küstenabschnitte abgefahren in einem Fiat Millecento und ein (oftmals armes) Italien der Fünfziger Jahre abgebildet. Für die Darstellung der ärmlichen Küstengebiete in Apulien und Kampanien wurde der Autor mehrmals von aufgebrachten Bürgermeistern angeklagt.

Als neu zu entdeckende Leitschnur macht sich das Reisebuch T WIE TROUBLE – Mit Fords Tin Lizzy durch Trumps Amerika von Tim Moore auf meinem Handtuch breit. Ein ganz besonderes Vehikel hatte sich Tim Moore vor einigen Jahren ausgesucht für sein on the road-Abenteuer durch die USA. Mit dem berühmt berüchtigten Ford Model T tourte bereits Gertrude Stein mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas durch ein Frankreich der Vorkriegs- und Nachkriegszeit. Das Gefährt nannten sie Auntie Pauline, kurz Auntie. Gedicht Propemptikon II in Anlehnung an Getrude Steins Auntie:

ein Schreck ist ein Schreck ist ein Schreck
Telegramm
Telegramm
fünf Perlhühner in der Kiste
                            grau gram in der Ecke
Auntie in Notzeiten - gestern wars

Eisen Schrot Schrott nochmal Eisen
bei Louis in Gimont alles in Splitter
 
fort Auntie fort Ford T
verschmolzen in Toulouse
einläufig zurück
die Eins, die Zwei, die Drei
                           we are save
 
Irish Whiskey mit Zucker und Sahne
Telegramm
Telegramm
drei Perlhühner in der Kiste
                            illegal

 

Regina Hilber

Folge uns auffällig.