DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Vorsicht, Lawine!

Winteraufstieg

Zwei ist einer zu viel in der Berghütte: Marietta sowie Klaus, ein junger Bergführer, treffen ungeplant in der alpinen Abgeschiedenheit aufeinander. Eine Weihnachtsgeschichte, inspiriert von den Tiroler Alpen.

Gipfelblick vom Hochfeiler (Südtirol)

Marietta schüttelt benommen ihren Kopf in den kühlen Morgen. Wer ist dieser junge Kerl? Ist er noch Teil des Traumes, der seine Fäden in die Gegenwart zieht? Verstört bleibt sie liegen. Langsam durchmisst sie mit unsicheren Augen den Hüttenraum. Marietta erkennt mit einem Blick den Ernst der Lage. Der junge Bergsteiger mag sie gar nicht ansehen, wendet den Blick von ihr ab.  Er zuckt leicht mit der Achsel, geht wortlos nach draußen. Die Holztüre fällt schwer  ins Schloss. Draußen glitzern die Schneekristalle in der Sonne. Strahlendblauer Himmel am frühen Vormittag des Vierundzwanzigsten. Die Luft ist schneidig, so schneidig, dass sogar dem jungen Bergsteiger, bestens ausgerüstet gegen die Kälte, fröstelt. Er zieht den unteren Lappen der Ganzkopfmütze über das Kinn bis zu den Lippen. Die kurzen Skier am Rucksack befestigt. Zehn Grad unter Null. Und das Risiko, dass der Ofen ausgeht während seiner Figlpartie, ist groß.  Er verlässt sich auf das zurückgehende Fieber der irren Frau und auf ihren Restverstand, obwohl, um den Verstand scheint es nicht weit her zu sein, klammert sie sich die ganze Zeit an ein Stück Wurzelstock. Wer hat ihren Schädel entstellt?

Erst einmal muss er sich auslüften, der Berg ruft. Durch die Bewegung und Anstrengung des vor ihm liegenden  leichten Aufstieges wird er klarer werden. Eine kleine Tour hat er sich vorgenommen, ein bißchen figln an diesem herrlichen Sonnentag. Alleine sein im Berg. Nicht auf abgetrampelten Tourenpfaden gehen. Niemand wird ihm in die Quere kommen, selbst für eine Tagestour liegt die entlegene Gebirgslandschaft zu weit entfernt. Der Osthang wird ihm ganz allein gehören und sei relativ lawinensicher. Danach wird er überlegen, wie er den Eindringling in der Hütte loswerden kann. Tagelang hatte er zu Hause überlegt gehabt, wo er ein paar Tage in absoluter Abgeschiedenheit  verbringen könnte. Wo befindet sich eine Hütte, die so entlegen liegt, dass sie im Winter nur für Extremalpinisten, für einen wie ihn, Klaus Bergmann, den jüngsten staatlich geprüften Bergführer seines Bundeslandes, erreichbar ist. Dann erinnerte er sich an eine Hütte, an der er einmal als ganz kleiner Junge vorbeigekommen war, während einer Dreitageswanderung mit seinem Vater. Seine Kindheit war geprägt von der Begeisterung für den Bergsport. Kein Marsch ging ihm zu weit, keine Gelegenheit einer Seilschaft lies er aus. Er liebte den Duft der Nadelwälder, die Würze der Latschen, die kahlen Berghänge oberhalb der Baumgrenze, die Geröllschneisen und Kamine, die Gletschersteige und schmalen Gratstege, die schneidige Luft, das Pfeifen der Murmeltiere.

So viele Erinnerungen kamen Klaus dazwischen, als er die einsame Hütte in sein Gedächtnis zurückgerufen hatte. Fast hätte er seinen riskanten Plan aufgegeben, die Weihnachtstage in der Einsamkeit und Stille des Gebirges zu verbringen. Doch dann hatte er sich gesagt, er, Klaus Bergmann, sei ein junger Gott, hatte sich stolz auf die Brust geklopft und ein paar Tage später hatte er es tatsächlich geschafft. Geschafft, was noch keiner vor ihm bewältigen konnte. Mit größter Anstrengung hat er den Gewaltmarsch zur Hochebene an einem Stück auf sich genommen, hat dabei wohlweislich nicht seine letzten Kraftreserven verbraucht, denn die galt es aufzusparen für den letzten und gefährlichsten Teil seines Unternehmens, dem Passieren des Kamins, dem einzigen Zugang, dem einzig möglichen Zugang zur anschließenden Hochebene, auf drei Seiten umschlossen vom mächtigen Kalksteinmassiv. Erschöpft und durchgefroren, aber im Hochrausch der Gefühle, war Klaus bei der Hütte angekommen, um dann festzustellen, dass eine sonderbare Person sich eingenistet hatte. Im Winter. Im abgeschnitten Kessel dieser hochalpinen Landschaft. Außer Plan. Außer Plan. Bei der Ausbildung zum Bergführer wurde oft darüber gesprochen. Was ist zu tun, wenn alles außer Plan gerät, wenn alle erdenklichen Notlösungen nicht anwendbar sind, kein Ausweg aus der verfahrenen Situation in greifbare Nähe rückt? Ein Albtraum eines jeden Alpinisten. So viele Erinnerungen kamen Klaus dazwischen, als er die einsame Hütte in sein Gedächtnis zurückgerufen hatte. Mit größter Anstrengung hat er den Gewaltmarsch zur Hochebene an einem Stück auf sich genommen, hat dabei wohlweislich nicht seine letzten Kraftreserven verbraucht, denn die galt es aufzusparen für den letzten und gefährlichsten Teil seines Unternehmens, dem Passieren des Kamins, dem einzigen Zugang, dem einzig möglichen Zugang, zur anschließenden Hochebene. Erschöpft und durchgefroren, aber im Hochrausch der Gefühle, war Klaus bei der Hütte angekommen, um dann festzustellen, dass eine sonderbare Person sich eingenistet hatte. Im Winter. Im abgeschnitten Kessel dieser hochalpinen Landschaft. Außer Plan. Außer Plan. Bei der Ausbildung zum Bergführer wurde oft darüber gesprochen. Was ist zu tun, wenn alles außer Plan gerät? Ein Albtraum eines jeden Alpinisten. Seine Stöcke locker im Griff stapft er nach oben im gleichmäßigen Schritt. Die oberste Schneeschicht, eine hauchdünne, kristalline Decke, zerspringt bei jedem seiner Schritte, ein Klirren, dann Knirschen, wenn der Fuß schließlich im zusammengepressten Schnee Halt findet. Sein Atem hält konstant den Rhythmus zu seinen bedachten, gleichmäßig gestzten Schritten. Das Blut wird dicker, zirkuliert jetzt langsamer.

Hinter der Gleirschalm (Sellraintal)

Wie hatte diese Frau es geschafft, hier her zu kommen? Niemals kann sie im Winter den Aufstieg auf sich genommen haben. Sie muss den Aufstieg noch im Sommer, bevor Schnee und Eis den Weg unpassierbar machen, gewagt haben. Klaus bleibt unvermittelt stehen. Konstant das Tempo halten, aber keine unnötigen Pausen einlegen, und sei es nur für einen Moment. Ruhe bewahren, einen Fuß vor den anderen setzen,  Gleichgang, Tempo halten. Sein Blick ist konzentriert, heftet sich auf das blühende, irisierende Weiß. Ohne Sonnenbrille wäre er verloren.

Marietta ist übel. Speiübel. In die Hütte will sie sich nicht erbrechen, schließlich wäre der Gestank in der kleinen Hütte nicht zu ertragen. Eingemummt in eine dicke Decke stolpert sie gerade noch rechtzeitig nach draußen. Rechtzeitig einerseits, um sich auf das glitzernde Weiß zu erbrechen, andererseits, um das Donnern und Grollen vom Osthang her zu vernehmen. Lawine, schießt ihr durch den Kopf. Irritiert und etwas benommen richtet sich Marietta auf und schaut in die Richtung, aus der die Lawine abgegangen sein muss. Sie hält die zitternde Hand schützend vor ihre Augen, ein greller Sonnenblitz bahnt sich den Weg zwischen Zeige- und Mittelfinger. Entschlossen zieht sie die steif werdende Decke fester um ihren Kopf zusammen und stapft unsicheren Schrittes zur Rückseite der Behausung, woher sie das Grollen vernommen hat. Die Ausläufer des abgegangenen Schneebrettes sind am Fuße des Fernerkogels zu sehen. Sie macht ein paar Schrittbewegungen im Stand, hält noch einmal die Hand vor ihre Augen um den dunklen, braunen, vielleicht schwarzen Fleck dort knapp unterhalb des Fernerkogels zu  fixieren. Ein bewegungsloses Tier, eine Gams,  fragt sie sich, eine Mahlzeit, ein Stückchen Fleisch? Frische Nahrung, hallt es in ihrem Kopf. Entschlossen geht sie in die warme Hütte zurück, legt sogleich ein paar Scheite Holz nach.  Sie faltet die Hände in ihrem Schoß und horcht aufmerksam in sich hinein. Ihr Herz ein Rasen, der Körper ein schwaches Kribbeln und Zittern, der Kopf ein konstantes Hämmern. Marietta gesteht sich ein, sie muss sich noch schonen, etwas hinlegen und ausruhen, nur drei Minuten oder fünf, dann wird sie bereit sein, sich das Lawinenopfer zu holen.

Regina Hilber

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