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Vorfreude alpin

Wenn das Schönste erst kommt

Gipfelbesteigung des Hochfeiler 3.510 m – Foto: Karl Hilber

Vorfreude ist die schönste Freude – so weit, so banal. Dennoch: Wenn pandemiebedingt die Sommeraktivitäten im Ausland beschränkt bleiben werden im noch vor uns liegenden Sommer, rücken die heimischen Bergspitzen noch näher an unsere Nasen heran. Eine der schönsten Touren machte ich damals Anfang der Neunzigerjahre mit meinem Vater in den Zillertaler Alpen, genau: auf den Hochfeiler, der bereits auf italienischer Seite thront. Mit Steigeisen waren wir am Tag 2 über die Schneefelder am Gipfelgrat entlang hinaufgestiegen. Tag 2 deshalb, weil der Hochfeiler mit seinen 3.510 m kaum an einem Tag zu bewältigen ist. Immerhin sind pro Strecke 1.800 Höhenmeter zu bewältigen, also sowohl hinauf als auch hinunter, reine Gehzeit für Geübte 10 Stunden. Das schaffen selbst die härtesten Gipfelstürmer nicht freiwillig. Theoretisch müsste man, um den höchsten Gipfel der Zillertaler Alpen an einem Tag rauf und runter zu schaffen, in den frühesten Morgenstunden den Aufstieg antreten, um vor Einbruch der Dunkelheit wieder unten im Tal, im Pfitschertal/Val di Vizze, anzukommen.

Wozu auch diese Schinderei? Gibt doch die auf 2.710 m gelegene Hochfeiler-Schutzhütte für den Zwischenstopp samt Nächtigung. Wir waren damals, und ich schäme mich das zuzugeben, nach einem opulenten Mittagsmahl (samt Eisbecher) im sog. Wiesenhof (Wiesen/Prati) die mehr als tausend Höhenmeter bei ärgster Augusthitze auf die Hochfeiler-Hütte hinaufgewandert. Die Versuchung, vor dem Aufstieg die kulinarischen Highlights der Südtiroler bzw. italienischen Küche zu genießen, war einfach zu groß gewesen. Bergsteigerfehler Nummer eins war das, ganz klar. Bei 34° Hitze haben wir uns eher bedächtig als sportlich über den steilen schattenlosen Bergkamm hinaufgekämpft, die ersten siebenhundert Höhenmeter waren die schlimmsten. Später ging es dann weit oberhalb der Baumgrenze schön verlaufend die restlichen Höhenmeter zur Hütte hinauf. Schön verlaufend heißt für den Alpinisten, dass es bedächtig bergan geht, aber eben stets mit weiteren Höhenmetern. Der links vom Weg verlaufende Unterbergbach spendete weiter oben, nach dem steilen Erststück zwischen dicht bewachsenen Himbeerhecken und Sträuchern, Trost. Dass wir zuvor noch einen Eisbecher mit heißen Himbeeren gegessen hatten, war blanker Hohn: Hier zwischen den Himbeerstauden stockte eine unvergleichliche Gluthitze, der nicht zu entkommen war.

An Schönwettertagen ist der Hochfeiler als einer der höchsten Gipfel der Region ein vielbegangener (eher leicht zu bewältigender) Dreitausender, überlaufen könnte man sagen, ergo war für uns kein Schlafplatz mehr frei, wie uns der Hüttenwirt bei den abendlichen Linsen mit Knödel recht trocken mitteilte. Mit der harten, schmalen Holzbank in der Wirtsstube müssten wir Vorlieb nehmen, Decken hätte er auch keine mehr zur Verfügung. Mit Hochprozentigem fügten wir uns mehr und mehr in unser Schicksal, Punkt 22:00 Uhr setzte in der Hütte die Nachtruhe ein, die Gaststube leerte sich, in den Gängen, auf den Treppenabsätzen und auf dem sehr kalten Kellerboden lagen bereits jene Bergsteiger, die zumindest einen Schlafsack ihr Eigen nannten. Das Matratzenlager (ohnehin schaurig dieses Wort) war zum Bersten überfüllt. Mann an Mann, vereinzelt Frauen, harrten dicht an dicht unter den kratzigen Militärdecken aus ungekämmter Wolle der beklemmend kalten Nacht. Natürlich hatte es nachts geschneit.

Ich hatte gerade den Rucksack zum Polster gefaltet und auf die schmale Holzbank gelegt, da kam der Hüttenwirt auf uns zu: „Oben ist noch ein Zweibettzimmer frei – die Gäste, die dieses Zimmer reserviert hatten sind nicht gekommen.“ Wir schlichen uns über das überfüllte Matratzenlager in besagtes Zimmer mit Betten und Tuchenten. Gefroren habe ich trotzdem. Um vier Uhr morgens saß ich klamm vor Kälte in der Gaststube bei Tee und trockenem Brot, der Gipfelanstieg war ja noch zu bewältigen. Über frischen Schnee stiegen wir weiter hinauf, ließen ein Kletterstück hinter uns, wo die weniger geübten Urlauber aus anderen Regionen Italiens stecken geblieben waren, und erreichten schließlich mit Steigeisen über den Grat den Gipfel des Hochfeilers. Der Ausblick war atemraubend.

Der Gletscherrückgang ist auch im Hochfeiler-Gebiet zu erkennen. Während wir 1991 über einen vereisten, tiefverschneiten Gipfelgrat stiegen (siehe Foto), der ohne Steigeisen nicht zu bewältigen war, bewegt man sich heute auf diesem Grat nur noch über schneefreies Geröll. Ausrutschen sollte man dennoch nicht, links und rechts vom schmalen Grat geht es senkrecht tausende Meter in die Tiefe. Der nächste Bergsommer kann kommen!

Regina Hilber

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