DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Unter Dach und unter Wasser

Kurs auf Tuvalu

Oder: Was ein STEYR Traktor mit einer Stadtschreiberposition gemein hat bzw. wie das verbindende Glied sich verselbständigt als Text. Ein Reproduktionsversuch

Unlängst das Wasser. Zu viel davon. Enns und Steyr in ihrem Zusammenfluss bringen nicht nur den Stadtkai regelmäßig in Bedrängnis. Das angeschwemmte Totholz staut sich am Ende der Kaimauer unterhalb des Café Werndl, Schicht für Schicht haben sich Baumstämme, Äste und Müll ineinander verharkt. Die Steyr umspült den Wulst gelassen, ergibt sich nur wenige Meter dahinter in die Enns, oder ist es genau umgekehrt: die Enns übergibt sich der Steyr?

Regina Hilber © Bildrecht, Wien 2021

Unter Dach die sehr langgezogene, schmale Stadtschreiberwohnung, drüben auf der anderen Seite der Enns. Wie in einem Schiffsrumpf, darüber nur das Deck als Dach, als dünne Haut. Entlang des Mittelfirsts durch die Wohnung laufen, Dachluke eins bis vier öffnen, schließen, öffnen, schließen, niemals unbeobachtet lassen, halb aufschieben, ganz aufkippen mittels Dachfensterstange, und wieder zu. Die Dachhaut mit ihren Öffnungen ist sensibel, die wechselhafte Witterung bestimmt den Lukenalltag. Wo hängt die Stange? Auf Luke eins, drei, nein vier? Welches Fenster zuerst, wenn der Starkregen plötzlich einsetzt? Die schmale Reihe durchlaufen, immer mit der Stange in der Hand, von morgens bis wiederum morgens. Das ist neu für mich. Niemals die Luken aus den Augen lassen.

Dicht an dicht stehen die alten Häuser in der engen Gasse, manche nur eine Armbreite voneinander entfernt. Die Dachwohnungen sind aktiv. Unter den Dächern läuft das Leben durch die Luken aus, dringt durch sie von außen wieder herein: Wir hören einander, wir lauschen einander, wir riechen einander, wir erkennen einander ohne uns zu sehen. Wir liegen jeweils im eigenen Dachboden, aneinandergeschmiegt im Hafen, Schiff an Schiff, nur durch Bojen einen Spalt breit voneinander getrennt. Kein Himmel, kein Ausblick zur Seite hin, wir sind unter Deck, recken unsere Köpfe steil nach oben, legen den Kopf weit nach hinten in den Nacken: Formen von Blau, Schwarz. Gelb bei Hagel.  

Und so schaukeln wir durch die Nacht, die Nachbarn in den schmalen Häusern rechts und links von mir und ich, atmen hinaus über Deck, hören die Musik aus einem Smartphone des anderen durch die Luken hereindröhnen, sehen aber nichts, hören das Hinausatmen des einen in den Abendhimmel, während wir versuchen ganz still in uns selbst hineinzuatmen. Ich bin jetzt hier, im Bauch des Schiffs und zähle die Sparren an der Dachschräge. Fünf sind es in der Schlafkammer. Von der Dachluke des Nachbarhauses rechts von mir weht der Geruch von gebratenem Fleisch herein.

Was ist ein Stadtschreiber? Welche Arbeiten haben Sie zu erbringen? Ganz klar wird hier eine konkrete Leistung vorausgesetzt, die plakativ vor Augen treten soll. Diese „Pre-Einforderung“ als Rapport habe ich noch nie erlebt als nomadisierende Autorin. In Steyr werde ich oft gefragt. Immer gefragt. Vielleicht liegt es an der Beamtendichte, die in der Stadt Steyr besonders hoch ausfällt (gemessen an der Einwohnerzahl weist Steyr die höchste Beamentdichte Österreichs auf). Ausholen. Was ist ein Schriftsteller, höre ich mich dann selbst sagen, nein, flüstern. Es ist, als fordere man einen Installateur auf zu erklären, was ein Installateur an Aufgaben zu erfüllen hat. Ich liege nachts unter Deck, befrage mich wie ein Flugverkehrsanalyst sich selbst als Flugverkehrsanalyst befragte, sich ein Mechatroniker selbst als Mechatroniker befragte, beprüfte, betastete, weil er in der Außenwahrnehmung nicht als solcher identifiziert wird: Was genau wird von außen nicht verstanden? Hast du tatsächlich angenommen, ein Mechatroniker zu sein? Ich zähle die Holzbohlen an der Dachschräge, auf Sicht verschalt.

Gegenwärtig die Einrichtungsphase: Einen neuen STEYR Traktor vor die Tür geliefert bekommen. Er will eingefahren werden. Wie unterscheidet er sich vom Vorgängermodell? Woran orientiere ich mich zuerst? Der Kunstlederbezug über dem Sitz riecht nach Chemie, wo ist der Hebel für die Höhenverstellung? Das Lenken eines Fahrzeugs macht erst Spaß, wenn alle Handgriffe sitzen, die Funktionen auf dem Tablet einstudiert sind.

Halte Kurs auf Tuvalu. Acht aneinandergereiht. Das Schriftstellern ist kein Speedbootfahren. Es ist ein Segeln auf hoher See. Navigieren und Aufzeichnen, den Radius immer breiter ziehen, genau hier setzt der Zirkel an. Manchmal sitze ich im dunklen Schiffsrumpf, im Frachtraum, dann wieder steige ich hinauf an Deck, hisse die Segel, oder packe den Sextanten aus. Die Stürme gibt es, die Stürme gibt es, würde Inger Christensen sagen, hohen Wellengang auch. Ozeanien ist mein Ziel, ein Essay über die Stadt Steyr. Der Kurs wird gehalten. Joseph Conrad hatte viele Jahre lang als Kapitän das Südchinesische Meer befahren, bevor er sein erstes Werk veröffentlicht hat. Er hat sie gehasst, die immerselbe Route zwischen zwei winzigen indonesischen Inseln. Die See als unendlicher Irrgarten ist keine Option, selbst gedachte Prokrastination erlebe ich als Angstauslöser: Ein Nichts, das in ein anderes Nichts einfließt.

Wenn in Etappen neuer Input vorbeizieht auf der Gegenwartsfahrt, Ortsnamen wie Herzograd skalpelliert werden in Herzo-Grad bzw. Herzog-Rad und Autorin sich fragt, ob die Namensgebung eher einem Neologismus zu Grunde liegt, oder die mögliche Existenz eines sog. Herzog-Rads austariert wird, dann ist das Schriftstellerei, beschreibt dieser Hinterfragungsvorgang exakt das, was ich mache, während ich mäandere zwischen unzähligen Textprodukten. Hat ein Herzog in früherer Zeit ein spezielles Rad erfunden und wurde dadurch Pate für jene Ortschaft, oder versteht sich das Grad in Herzo-Grad wie Petro-Grad und Stalin-Grad als slawische Bildungssilbe für Burg bzw. Stadt?   

Zur Zeit begreife ich die Stadt Steyr als meine See, auf der ich versuche Kurs zu halten. Strandgut wie Totholz nicht ausgeschlossen, Aufzeichnungen, Katalogisierungen, Kausalitätsketten, Koinzidenzen von Stopover zu Stopover.

Regina Hilber

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