DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Über Möglichkeiten des Genderns und Wiens politischen Spucknapf

Klaus Berndls Gastkommentar zu „Wie im Film!“*

Einkotz

Gender ist ein „schönes“ Wort. Der Vorteil an den Fremdwörtern ist, dass sie – auch, wenn sie dasselbe bezeichnen wie das deutsche Wort – im Deutschen eine neue, zusätzliche Bedeutung bekommen können und damit die Sprache bereichern. Also, „Gender“ als kulturell geprägtes Geschlecht, als Geschlechterrolle, in Abgrenzung zum biologischen „Geschlecht“, englisch „sex“. Und schon ist alles klar und unstrittig, schon bleibt nur noch die Frage, woher der „Wahn“ kommt. Ja, woher eigentlich? Wer verbindet die Erkenntnis, dass die Geschlechterrollen sich laufend ändern, mit dem „Wahn“? Aus welcher Ecke kommt das?

Ich sehe keinen Wahn, und „wahnsinnig“ kommt mir nur vor, wer wahnhaft gegen die Erkenntnis anrennt, dass Geschlecht und Gender zwei Paar Schuhe sind. Also, wer beides in eine Lavoir kotzt und dann … das Kind mit dem Bade ausschüttet. Aber warum soll man das machen? Das kann man getrost den Blauen und den Braunen überlassen.

In der Sprachgestaltung ist das Wort „gendern“ unglücklich unpassend, geht es doch hier nur darum, dass die „andere“, die zahlreichere Hälfte der Menschheit mitgedacht und also auch mitbenannt wird. Schweigen ist Tod. Es ist eine Frage der Höflichkeit, ja, schlicht des Anstandes, in der direkten Ansprache die Frauen mitzubenennen. Warum regt sich eigentlich niemand von denen, die sich über den selbstkonstruierten „Genderwahn“ aufregen, darüber auf, dass man Versammlungen immer als „Meine Damen und Herren“ adressiert? Warum spricht niemand jedermann unterschiedslos als „Herr“ an? Wir sind schon viel weiter, wir sind viel weniger ignorant als wir es wahrnehmen.

Aber zu Geschlecht, Gender und der „Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache“ ist eigentlich schon alles gesagt, sodass eigentlich nicht jeder und jede alles auch noch einmal sagen muss. In der Praxis gibt´s hierfür auch gute Lösungen (schon im Duden 9, S. 416-422,  in der Auflage 7 von 2011). Viel interessanter ist dagegen, was in Wien alles im Spucknapf landet, und nicht nur die Tatsache, dass munter gespuckt wird. Als Historiker sehe ich Müllkippen primär als historische Primärquellen. Und da gibt es Politikeräußerungen, die tief in die gesellschaftliche Psyche, ja, in psychische Abgründe blicken lassen. Schön, sowas zu sehen – in der Außensicht fällt´s mehr auf, wie bescheuert das alles ist, als wenn´s die eigenen Großkopferten sind. Schön, dann mit diesem Wissen wieder auf die eigenen zu blicken. Man könnt kotzen.

Klaus Berndl / Berlin

*Siehe Beitrag „Wie im Film!“ in LAVOIR ON TOUR mit Regina Hilber

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