DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

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TRIESTE

Hin und hin. Immer ein Mond. Immer ein Buch.

Der CAPO IN B in Triest ist ein Espresso Macchiato im Gläschen:

capo in b im Cafe San Marco/Triest
© Geza Gold (Bildrecht) 2020

Ein März ohne capo in b a Trieste. Der April ebenso. Der Mai ein weiterer Monat ohne unserer Frühlingsauszeit in der Stadt am Karst. Ausgleich muss die Literatur schaffen. Das schmale Bändchen Erzählung vom Jahr 5744 des Triestiner Schriftstellers und Verlagsmitarbeiters Ferruccio Fölkel zum Beispiel kompensiert für eine Lesestunde lang das Sehnsuchtsgefühl. Kollege Berliner hat das Fundstück aus Salzburg mitgebracht. Links Gedichte, rechts ein Journal aus Prosasplittern, führt das von Primus-Heinz Kucher editierte Büchlein (erschienen im Alekto Verlag) nicht nur durch ein lebendiges Triest, sondern auch auf die Spuren von Fölkels Zeitgenossen bzw. Wegbereiter und Wegbegleiter.

Während ich im Geiste den Spazierweg, die Strada Vicentina zwischen Prosecco und Sottomonte abschreite, dabei links auf den Karst blicke, rechts auf das darunter liegende glitzernde Blau, erinnere ich mich an hellere, klarere Tage. Wann genau war das? Und wie manifestierte sich diese Klarheit? Wie gelange ich wieder dorthin?

Immer ein Mond. Immer ein Buch.

Vollmond über dem Praterstern zwischen Nacht und Morgen – der Direktzug nach Udine und weiter nach Triest startet sehr früh aus dem Hauptbahnhof hinaus, hinauf auf den Semmering und hinunter schließlich nach Süden. Süden meint hier das stundenlange, monotone Durchpflügen gegen Westen vorerst, bis sich der Zug gegen Mittag endlich tatsächlich südwärts bewegt, auf Udine zu. Nicht hinausblicken auf das Steirische, dann Kärntnerische, nein, hineinfräsen in das mitgeführte Buch. Hinschauen, hinausschauen auf das Landschaftsbild erst ab dem Grenzort Tarvisio: die Julischen Alpen, die Oberläufe und Zubringer des Tagliamento, des letzten (und längsten) Alpenflusses seiner Art, die ockerfarbenen Fassaden der schmalen Häuser, eng an den Hang, eng an den Stein, eng an den Fluss.

Dann aber Udine mit seinen Bogengängen, die Loggia del Lionello mit rosa und weißem Marmor, der erste Latteria der Saison. Hinsetzen, hineinhören in der Contarena auf das Friaulische, auf das Italienische. Wieder ein Buch. Für die Weiterfahrt in den Karst. Wieder die Bucht!

Zu lange ist das her. Zu lange noch werden Alltags-Rhythmus und Bewegungs-Tendenzen eingeschränkt bleiben. Aber: Immer ein Mond. Immer ein Buch, Bücher. Carlo Michelstaedter, Scipio Slataper, Italo Svevo. Den capo in b a Trieste kann kein Espresso mit Milchschaum in Wiens Innenstadt ersetzen.

Regina Hilber

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