DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Supercalifragilisticexpialigetisch

Mary Poppins –

Ein Revival?

Von den Kaprizen und Idiosynkrasien unserer hochsensiblen Gesellschaft war in DER LAVOIR schon des öfteren zu lesen. Munter bewegen sich neueste kapriziöse Tendenzen auf des Betrachters Sensoren zu. Da wären die Ladenbesitzer aller Gewerbe zum Beispiel, die uns immer öfter immer seltsamere Ladenöffnungszeiten zumuten. An den Schildchen, Täfelchen und Aufklebern, die die Öffnungszeiten deklarieren, egal ob an den Eingangstüren – und Portalen der veganen Kaffeeterien, Haarschneidereien, Limonadereien oder Mini-Boutiquen angebracht, sind die haarsträubendsten Von-Bis-Zeiten abzulesen. Was ist mit unserer Gesellschaft los, bin ich gereizt auszurufen, muss die Frage aber sogleich umformulieren, denn dass die Gesellschaft immer kapriziöser, egozentrischer und wichtigtuerischer wird, stellt seit langem kein Novum dar. Die Unzeiten, weil in ihrer Unregelmäßigkeit kaum zu überbieten, machen mich fassungslos. Welche Kundschaft zeigt sich geneigt, von zwanzig verschiedenen Läden, deren zwanzig höchst unregelmäßige bis unverständliche Ladenöffnungszeiten zu merken bzw. sich nach ihnen und somit deren Ladenbesitzer richten zu wollen?    

Galt bis vor einigen Jahren noch die Faustregel Werktags von beispielsweise 10:00 bis 18.00 geöffnet bzw. mit Mittagsunterbrechung zwischen 12.00 und 14.00, ist heute am Öffnungszeitenschildchen einer kleinen Spezerei wie folgt abzulesen:

MO, MI und DO 07:30 - 17:45 
FR 09:00 - 14:25
Samstags geschlossen

Wo bitte ist hier der Dienstag geblieben? Kennt die Betreiberin (lt. Impressum auf der Homepage tatsächlich eine Betreiberin) keine Dienstage? Der Freitag besticht mit seiner Unregelmäßigkeit und wirft gleich mehrere Fragen auf. Gönnt sich die Betreiberin da morgens eine Pilatesstunde, bevor Sie sich schließlich um neun Uhr ihrem Laden zuwendet? Und warum ist an Freitag Nachmittagen bis 14:25 geöffnet und nicht bis 14:30? Läuft die Ladenbesitzerin in diesen fünf Minuten zum Bus, der Punkt 14:30 die Haltestelle verlässt? Supercalifragilisticexpialigetisch, weil außergewöhnlich, gestalten sich die Öffnungszeiten eines Speiselokals in der Wiener Innenstadt:

MO - FR 11:50 - 14:30 und 
17:50 - 23:15
An Samstagen durchgehend geöffnet,
Sonntags und Feiertags geschlossen.

Unlängst fand ich auch diesen Zusatz der Öffnungszeiten für ein Restaurant: Feiertags geschlossen, außer, wenn der Feiertag auf einen Samstag oder Sonntag fällt. Nicht einfacher für seine Kundschaft gestaltet ein Elektrobetrieb seine ominösen Öffnungszeiten in Wien Hernals:

DI bis FR vormittags ab 09:15 geöffnet 
MI Nachmittag bitte nebenan klingeln
Montags kein Betrieb

Was auffällt: Kein Kleingewerbetreibender bzw. Händler als Einmannbetrieb will Samstags arbeiten. Auch Ordinationszeiten, ob bei Hausarzt oder Facharzt, gestalten sich auffallend individuell. Zwei Arzttermine an einem Tag unterbringen zu wollen, endet in einem Spießrutenlauf.

Frühfördergruppe in Döbling – Geza Gold © Bildrecht, Wien 2020

Den Taschenrechner zücken sollten Eltern, die ihr Kind folgender Frühfördergruppe (erfrischend zudem die fehlenden Umlautpunkte!) für Kleinkinder anvertrauen möchten: Kinder von exakt 0 bis 3,6 Jahren werden hier aufgenommen. Glatt null Tage auf der Welt, öffnet dieser Kinderhort Neugeborenen die Pforte. Komplizierter wird es nach dem dritten Geburtstag, denn wie errechnet man genau das Alter von 3,6 Jahren? Wie viele Monate und Tage ergeben null Komma sechs Jahre? Die Logik versteckt sich gern im Taschenrechner. Jene Ausgeburt an Unlogik durfte als Fallbeispiel und Szene #05 bereits in meinem Buch ÜBERSCHREIBUNGEN – Von Wald bis Wien (Edition CH 2017) Einzug halten:

Da zwängt ein Kind sich hinein / das Ein mal Eins der Primzahlen / die Nullerbabies / glatte null Tage auf der Welt / es zählt / ob x oder y / die grasgrüne Strumpfhose passend gemacht / die Zahlen hinter dem Beistrich  sind etwas für Mathematiker / man möchte nicht einmal sagen für Verspielte / die Logik versteckt sich gern im Taschenrechner / und in den Bauklötzen / und nicht einmal ein Kind mit einer Kommastelle zu viel hat Chancen  / so ein Monat zum Beispiel / hitziges Gefecht oder Wochentilgung / aber auch die Gruppendamen haben randvoll zu tun / nichts zu machen / sagen sie / der Rotstift folgt auf Komma sieben / Pinocchio oder Pünktchen und Anton.

Mary Poppins bzw. der Liederschreiber zum gleichnamigen Filmmusical, Richard M. Sherman, hätte eine neue Herausforderung gefunden an jener Frühfördergruppe in Döbling. Supercalifragilisticexpialigetisch eben.

Aufhorchen ließ mich unlängst die Wegbeschreibung samt Klingelanweisung einer Kinesiologin, deren Praxis ich aufsuchen wollte: „Sie finden mich in der Pellinkagasse 9, Tür 8a.“, wies sie mich am Telefon an. „Aber bitte nicht bei Top 8a läuten, sondern bei KLUG im zweiten Stock, und dann nicht wie angeschrieben in den zweiten Stock hinauffahren, sondern in den vierten Stock!“, fügte sie hinzu. Ich war verwirrt. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Supercalifragilisticexpialigetisch!

Strikte „Öffnungszeiten“ haben auch in Partnerschaften Einzug gehalten. Till, der Partner einer Freundin in Cottbus, hat seine Freitagnachmittage für seinen Border Collie Chuck reserviert, an denen er nicht nur das alltägliche Gassigehen absolviert, sondern eine ausgiebige quality time mit seinem Hund verbringt. Als wäre das nicht schon schräg genug, hat er die exklusive Beziehungszeit mit Border Collie Chuck wie folgt festgelegt: 13:50 bis 18:10. „Punkt zehn nach sechs steht er jeden Freitag mit dem Hund in der Tür! Keine Minute früher oder später!“ flötet Marlis ins Telefon. What ever! Ob Till seinen Hund nach dem Protagonisten Chuck, dem Bundesstaatsanwalt und späteren Justizminister Charles Rhoades in der TV-Serie Billions benannt hat? Sollte ich jemals auf den Hund kommen, werde ich das Tier Supercalifragilisticexpialigetisch nennen. Wer auch immer dann diesem Ruf folgt, ist selbst schuld!

Regina Hilber

Folge uns auffällig.