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STEYR goes around #39

TRINIDAD TOBAGO in Steyr

Pachergasse in Steyr
Regina Hilber © Bildrecht, Wien 2021

Wo war Ernest Hemingway nicht? War er in Trinidad Tobago? Beinahe in jedem österreichischen Bundesland ist eine Wirtshausstube zu finden, die den Namen des amerikanischen Schriftstellers trägt. Eine Verbindung zwischen Hemingway und der Industriestadt Steyr lässt sich auch so herstellen:

Unlängst aus dem Fundus des medialen Zettelkastens: „Junge Steyrerin bestellte mehr als 50 Pizzen aus Liebeskummer.“ Selbst Ernest Hemingway, für viele einst Inbegriff von Männlichkeit, Draufgängertum und Stärke (zumindest Mitte des 20. Jahrhunderts) offenbarte die Qualen seines Liebeskummers: Sein erster Liebeskummer – die unerwiderte Liebe zur amerikanischen Krankenschwester Agnes von Kurowsky – sei schmerzhafter gewesen als seine schwere Kriegsverletzung am rechten Bein. Ernest Hemingway erlitt nicht nur im ersten Weltkrieg gleich mehrere schwere Verletzungen. Vielleicht lag es auch ein wenig am Morphium, dass er Krankenschwester Agnes 1918 in einem Mailänder Lazarett „erlag“. Aus einer Distanz von zehn Jahren schrieb Hemingway später den Kriegsroman In einem anderen Land, der auf seine Erfahrung an der italienisch-österreichischen Front an der Piave und auf seine Begegnung mit der amerikanischen Krankenschwester beruht. Wahrscheinlich hatte eine Mörsergranate aus Steyrer Produktion Hemingways Bein zerfetzt.   

Nicht nur die Weltliteratur, auch die berühmtesten Gemälde, großartige Filmproduktionen sowie alle Kunstsparten im Allgemeinen wären ganz schön leer ohne jene großen Gefühle. Egal, ob dieser alles umfassende Zustand der Muse als Liebe definiert wird, oder sich aus Anregung und Resonanz evoziert bzw. auf einen biochemischen Prozess, ein Zusammenspiel aus Dopamin, Oxytozin und Serotonin zurückzuführen ist, auch Heimatgefühle und Identifikationsmuster folgen denselben Mechanismen von Sublimierung und Erhöhung.

Einen Retrogefühlsfund ähnlicher Art machte ich während meiner Erkundungsfahrten auf dem Fahrrad durch den Stadtteil Münichholz. Unten an der Enns schläft eine Sportstättensatelliteneinheit ihren ganz eigenen charmanten Dornröschenschlaf im Gewand der Siebziger und Achtziger Jahre: Eisstockplatz, Minigolfanlage, Tennisplatz, Campingzone und Ruderclub reihen sich aneinander. Der Geruch von frisch gemähtem Rasen hängt in der noch einmal schwülwarmen Luft, der gefühlt letzten in diesem Jahr. Noch einmal das sommerliche Gras inhalieren. Sofort fühle ich mich in meine Kindheit und früheste Jugendzeit zurückversetzt. Das Ohr hat ein Gedächtnis, der Knall der Tennisbälle auf dem Sandplatz, der Wind, der den Schall beim Aufschlag bis an das Ennsufer auf der anderen Seite des Flusses trägt.

Aus dem städtischen Friedhof am Tabor leuchtet es rot aus Bodengräbern wie von Urnenwänden. Rote Eisbegonien und rote Geranien beherrschen die Szenerie, halten die Raster farblich einheitlich zusammen. Heiß begehrt seien aber die Erdgräber in der Bergsteigerzone mit den kleinen Felsblöcken, die wanderaffinen SteyrerInnen vorbehalten sei, wurde mir unlängst erzählt.

Unten in Steyrdorf, im Zwickel zwischen Sierninger Straße und Gleinker Gasse scheint die Zeit still zu stehen. Nur der städtische Linienbus, der sich durch die engen Gassen zwängt, bricht diese Idylle. Warum hier keine kleineren Busse eingesetzt werden? Der Wirt neben dem Brunnen weiß auch keine Antwort.

Regina Hilber

Erstveröffentlicht als Kolumne Nr. 4 in den OÖ Nachrichten.

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