DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

STEYR goes around #36

DUBAI in Steyr

Die Baustelle, die Baustelle

Glück Auf – Museum Arbeitswelt
Regina Hilber © Bildrecht, Wien 2021

Die Eisengitter im Glück Auf vor dem Museum Arbeitswelt erinnern mich an eine Zeit, in der ich in einem Statikbüro gearbeitet hatte und für die Erstellung der Bewehrungspläne samt Stahllisten verantwortlich war. Dazu ein (wahrscheinlich sehr seltener) fiktiver Text, der Baustahlgitter, Eisenlisten und Alpinismus in einer Dramaturgie vereint. Zeitraum: Die Achtziger Jahre waren eine Ära der Misogynisten am Arbeitsplatz. Das Setting passt ganz trefflich zu Eisen und Erz in Steyr:

Der rote Zeiger

Das Maskulinum in der Felsbenennung ist ein Unheilbote, scheint Garant zu sein für einen besonders hartnäckigen Fels, für Granit, an dem die Kletterer sich die Zähne ausbeißen wie an der harten Nuss. Viele hat der Rote Zeiger schon abgeworfen, ganz anders als das sogenannte Sprüngele (leicht und luftig), oder die Helenenwand (breit, aber sanftmütig und edel). Weiblich bedachte Felsbezeichnungen klingen weit weniger wild, sprich bedrohlich. Harmlos macht sich auch das Hafelekar aus – dem Namen nach: Das Hafele (das Häferl), bürgt mit seinem weichen, gedehnten Klang und dem imaginär hinzugedachten Henkel für handfesten Halt, gleich einer mütterlichen Hand, sichernd und stützend sich unter dem Po des Bergsportlers unterschiebend (in Sicherheit wiegend). Und das Kar, ohnehin die Bezeichnung für eine kesselförmige Ausbuchtung bzw. Vertiefung eines Bergkamms, unterstützt die Rundung des Häferls, macht die verharmlosende Namensgebung komplett. Bertram hat den ganz und gar nicht harmlosen Fels, den Roten Zeiger im hintersten Gschnitztal, ins Spiel gebracht. Seit der Gipfelname im Büro kursiert, im Statikerbüro, sehe ich nur noch, höre ich nur noch „der Rote Zeiger“, Alarmstufe rot, so als gelte es ausschließlich diese unheilvolle  Felswand zu bezwingen, nicht aber die gesamte Wanderung mit qualvollen tausendzweihundert Höhenmetern den Gipfel hinauf: Roter Zeiger. Roter Zeiger!

Gotti, der Büroleiter, hat keine Miene verzogen, mit festem Blick, wie ihn nur ein staatlich geprüfter Schweizer Bergführer aufsetzen kann, bestätigt er in die Runde: „Ja, den Roten Zeiger, den machen wir!“

Und Gotti grinst das Ziegenbartgrinsen, ein Gurgeln und Glucksen, hinten in die Kehle hinein, ohne dass sich die Augäpfel auch nur einen Hundertstelmillimeter bewegen. Nur die blaue Iris weitet sich, strahlt ein wenig heller, glänzt. Das Weinviertler Doppel, die beiden trinkfesten Techniker Gustl und Andi aus Poysdorf lachen lauthals auf, unisono. Ihr junges, überschüssiges Fleisch an den Bäuchen wackelt, wölkt sich. Ein Frau Holle-Lachen ist es, eines, das von Herzen kommt, uns ansteckt. Wie sie sich schütteln vor Lachen und umdrehen zum Zeichentisch, Gustl fährt die Linealschiene des Zeichentischs hoch und lässt sie mit einem lauten Knall auf das  Transparentpapier über der harten Platte knallen. Andi tippt mit dem Zeigefinger zielgestreckt auf den Ziffertasten des Taschenrechners herum.  

Aus dem Weinviertel immer gute Laune. Sie trinken Wein, viel Wein, nicht Bier, wie der Rest der Bürobelegschaft und haben noch nie Sport gemacht. Wozu auch, sagen sie. Mitte Zwanzig sind sie, aber ihre Haut ohne Spannung, das Gewebe weich und nachgiebig. Nein, nicht mal ein Gedanke, dass man zumindest bis zur Alm hinauf mitwandere und auf die anderen warte, bis sie auf den Gipfel und den Fels und wieder hinunter. Das Mädchen aber muss mit, muss mitwandern, mitklettern, aber klettern kann ich doch gar nicht, protestiert es, das Mädchen, das bereits eine Frau ist, insgeheim eine Frau ist, denn ein Mädchen zu sein birgt auch Vorteile in den wilden Achtziger-Jahren.  

„Wir haben noch jeden da hochgebracht“, sagt Bertram trocken, der Neue, der staatlich geprüfte Bergretter aus Gschnitz im Gschnitztal, der noch nie gelacht oder gelächelt hat, mich stattdessen argwöhnisch beäugt. Wie schwer, wie groß, wie breit – ich werde vermessen, durchmessen, Länge, Breite, Gewicht, wie der Stahl, den es für die Betonteile zu berechnen gilt. Seillängen werden ausdividiert, Kletterrouten skizziert, eine „leichte“ für das Mädchen, das eine Frau ist, eine „anspruchsvolle“ für die Herren Statiker und Techniker aus dem Westen. Mir wird schlecht.      

Das Büro ist ein Raucherbüro. Wie in allen Betrieben und Betriebsstätten wird in den Achtzigern geraucht, demonstrativ gegen den Willen der nichtrauchenden Belegschaft. Vier Büros finden hier auf einer Ebene zusammen: das Ziviltechnikerbüro, ein Vertriebsbüro für spezielle, in Italien produzierte Eisenmatten, die keinen Käufer finden, das Büro der Firma Baubeton und ein weiteres, das zu definieren mir noch Mühe macht. Die Sekretärin letzteren Büros ist Mitte fünfzig und eine blondierte Vollblutitalienerin, die stets im aufgeregten, aber aufgesetzten zischenden Flüsterton mit dem Chef aller Unterbüros spricht, sodann aber lauthals auf Italienisch ins Telefon brüllt, nach dem Gespräch den schweren Hörer demonstrativ auf die Gabel knallt, bis das rote Lämpchen am Zentralapparat zornig orange aufflammt (nur die Lämpchenfarben Rot und Grün sind laut Bedienungsanleitung des Zentralapparates vorgesehen), dann zuckend in hellerem Orange flackert, bis es sich schließlich in ein friedliches Grün austariert, in das Grün, das laut Hersteller für das Freisein einer Klappe vorgesehen ist.   

Der Geschäftsführer der Firma Baubeton wiederum ist ein Macho, ein Donald Trump, ein Hengst. Er setzt sich und anderes ausschließlich in die einzige Damentoilette, Zeitung lesend, ewiglich. Dann trabt er, eine Zigarette rauchend, polternd durch die Gänge, lässt einen Geldschein fallen vorne an der Rezeptionstheke, zwischen dem Statikerbüro und dem Vertriebsbüro für die Eisenmatten, gelegen. Irgendwer wird sich seines Bedürfnisses schon annehmen: eine Stange Marlboro, eine Semmel mit Schinken ohne Fettrand, oder ein Lotterielos, während er sich schon zurückbewegt hat in sein Baubetonbürozimmer, dabei in jede offene Türe entlang des Ganges laut hineingröhlend, seine Männlichkeit demonstrierend, den soeben in der Damentoilette in der Kronen Zeitung gelesenen Witz des Tages, darbietend.

Als Misogynist würde man ihn heute betiteln, ihm das Stigma erkennbar auf die Stirn stempeln. Von Begrifflichkeiten wie diesen ist Mann in den Achtziger Jahren noch weit entfernt, ist Frau sich nur ihres Rocksaums sicher. Diesen schützt sie mit Hingabe oder mit vorgehaltener Hand, je nachdem. An dieser Stelle macht sich das Mädchensein besonders bezahlt: es schützt vor allzu aufdringlichen Avancen und schlüpfrigen Witzen der männlichen Belegschaft. Der Rauch zieht von den Gängen hinein in die Bürozimmer, gleichzeitig von den einzelnen Büroräumen wieder in den Flur hinaus. Dort prallen die Rauchschwaden aufeinander, verdichten sich zum beharrlichen Flursmog.

Gotthard, genannt Gotti, der Schweizer, ist gesund, gediegen, entspannt. Aus seinem Büro qualmt kein Zigarettenrauch. Ich würde gerne in seinem Zimmer arbeiten, aber ich kringle Kreise mit Hilfe der Kreisschablone im Büro des Weinviertler Doppels, da wo der Nebel am dichtesten ist und eine junge, gesunde Lunge wie die meine am wenigsten Schaden nehmen kann, sagen Gustl und Andi aus Poysdorf unisono. In zwei Wochen wollen wir den Wald hinter uns lassen und den Gipfel besteigen. Betriebsausflug des Statikerbüros. Den Roten Zeiger nehmen wir dabei mit, liegt auf der Route ohnehin, so praktisch, gleich zwei Fliegen, sagen Bertram und Gotti.      

Fundamentpläne zeichne ich am liebsten. Die Grundrisspläne für Fundamente sind geordnet und übersichtlich. Zwischen den aufgezeichneten Säulenfundamenten und den Streifenfundamenten, sofern es keine Bodenplatte gibt, bleibt viel Freiraum für die Beschriftung sowie für die runden Kringel von der Kreisschablone. Kurzum: auf dem Grundrissplan für Fundamente ist viel Platz: Platz für eigene Ideen, Platz zum Ausschwirren in die eigenen Kopfwelten abseits des Arbeitsalltags. In die mit sehr dünner Tusche gezogenen Kreise (Durchmesser 1cm) setze ich in dicker Schrift die Numerierungen mittels der Zahlenschablone ein. Gustl hat mir die Eisenliste neben das Transparentpapier auf dem Zeichentisch geklebt. Anhand der Eisenliste, die der Statiker zuvor berechnet hat, sind die verschiedenen Durchmesser für die Bewehrung der einzelnen Betonwände, -decken, -säulen, der Unterzüge und Überzüge, ersichtlich. Die Unterzüge machen am meisten Arbeit beim Zeichnen der Statikpläne.

Position 1 für nicht gebogene Eisen mit Durchmesser 12 (für 12 Millimeter), Position 2 für nicht gebogene Eisen mit Durchmesser 14 und so fort. Auch die Länge ist natürlich variabel und je nach Länge numeriert und positioniert. Für Säulenfundamente werden auf der Baustelle auch gebogene Eisen, sogenannte Körbe, mit den vier Längseisen in jeder Ecke, vom Eisenbieger verdrahtet. Position 32 also für zu einem Viereck gebogenem Eisen, das die Längseisen umklammert. Dicke Tuschestriche für dicke Eisen, dünne Tuschestriche für kleiner dimensionierte Bewehrungen.

Der Statikplan ist ein undurchdringlicher Wald, ein nicht zu entzifferndes Dickicht auf dem ersten Blick. Ich klammere mich an eine Zahl, der Vier zum Beispiel, konzentriere mich auf diese Ziffer und schon sehe ich nur noch Vieren auf dem riesigen Plan vor mir. So spaziere ich durch das Dickicht aus Linien und Schraffuren, durch Vierecke und Kreise, durch Zahlen für Positionen oder Längenangaben, durch spezielle Hinweise für den Polier und Eisenbieger und finde somit einen Pfad durch den Wald, der voller Bäume steht. Wie Hänsel und Gretel folge ich der Spur der Brotkrumen auf dem Weg.

Auf Konzentration folgt Entwirrung, besser: Entwirrnis. Die unzähligen, kleinen Kreise für die Bewehrungspositionen sind meine Luftblasen, meine Gedankenblasen. In ihnen läuft meine imaginäre Parallelwelt ab, plustern sich Sprechblasen zu tollkühnen Dialogen auf, Worte, die niemals gesprochen werden in der realen Welt, zumindest nicht in meiner realen Welt. Worte und Gedanken auf Papier sind geduldig, erst recht auf transparentem Papier und wenn ich Stunde für Stunde über dem Plan gebeugt nach Orientierungspunkten Ausschau halte, mich festkralle an Vieren oder Kreisen oder Körben, dann verselbständigt sich parallel dazu die Kopfwelt, meine Kopfwelt, bricht aus, weitet sich, ergießt sich ungefragt über den auf den Zeichentisch geklebten Planriesen. Die Eisenliste ist abgearbeitet, ich kontrolliere noch einmal alle Positionen auf dem Plan, vergleiche sie mit der Tabelle. Dann trage ich mit hoch erhobenen und ausgestreckten Armen den fertig gezeichneten Plan, der etwas am Boden schleift in Gottis Büro, das empfindliche Transparentpapier darf beim Tragen durch den Flur nicht einreißen an den Seiten, und platziere das Ungetüm von zwei Quadratmetern auf seinem Ablagetisch: „Ich laboriere noch an einer Eierstockentzündung. Ich kann nicht mitkommen auf den Roten Zeiger!“ sage ich zu meinem eigenen Erstaunen mit fester Stimme, am Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist nicht zu zweifeln. Gotti blickt von seinen Berechnungen hoch, blitzt mich an mit seinen kühlen blauen Augen, nickt wortlos. Gustl hämmert peinlich berührt auf die Rechenmaschine ein, es ist mucksmäuschenstill.

Regina Hilber

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