DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

STEYR goes around #17

BAD ISCHL in Steyr

Speculative Nonfiction

Wenn Stadtschreiberin sich von der Stadt wie vom Schreiben löst; die Stadt sich von der Schreiberin löst

Zerrbilder wohin ich trete. Abends, in der verfrühten Stunde zwischen sieben und acht, tritt die Figur der Stadtschreiberin (die sie tagsüber gewesen war) hinaus zum Kaisergang am Ufer. Sattes Grün, Bad Ischl-Laune, Kaisersommergelassenheit, kapriziöse Trägheit. Böschungen wohin man blickt. Nicht dabei zu sein sei das Schönste, nein, den Kaisergang anzutreten ist es: Losgelöst von Spekulation, Erdichtung, Realität und all ihren Mischformen spaziert ein drittes Alter Ego, jenem Ennsgrün gleich, allein und ohne Pflicht wie Kür dem Zusammenfluss entgegen. Es ist dieses vollständige Loslassen der Rolle als Stadtschreiberin, die mich kaiserlich (befreit) fühlen lässt, wohl wissend, dass Kaiser zu sein dazumal genau das Gegenteil bedeutete: Pflicht und Verpflichtung über alles und allem. In dieser herrlichen Umkehrung fühle ich mich fraulich wohl.  

Als aktuelles Lektürebeispiel zur Speculative Nonfiction bzw. Fact in Fiction sei Joyce Carol Oates umfassende Darstellung über Marilyn Monroe erwähnt. Blond ist eine überarbeitete Neuauflage, heuer auf Deutsch erschienen im Ecco Verlag. Die Originalfassung wurde bereits 2000 publiziert. Weder Roman noch Biografie noch spekulative Biopic bzw. reine Nichtfiktion ist das tausend Seiten fassende Werk von Joyce Carol Oates. Die Begrifflichkeit Speculative Nonfiction ist für mich ein typisches Beispiel unübersetzbarer Termini. Er muss auch nicht vom Englischen ins Deutsche transkribiert werden, zu viel ginge dabei verloren. Manche Wörter verbleiben bewusst als Anglizismen in unserem Sprachgebrauch, eine mechanische Übersetzung würde nur zu einer Verfälschung bzw. Abänderung führen. Oder haben wir uns bereits so sehr an all die Anglizismen bzw. englischen Fachtermini seit dem Internet- und Social Media-Zeitalter gewöhnt, dass uns deutsche Begrifflichkeiten immer fremder anmuten?

Umgekehrt haben sich genauso viele Germanismen in die Englische Sprache nicht eingeschlichen, sondern ganz bewusst eingeschrieben. Abgesehen von zahlreichen deutschen Termini, die sich vor allem durch die Zeit des Nationalsozialismus weltweit verbreitet haben wie Blitzkrieg und Berufsverbot, manifestierten sich deutsche Zauberwörter nachhaltig im englischsprachigen Alltagsgebrauch: Wanderlust, Doppelgänger, kaputt, Weltschmerz, Kindergarden, Hinterland, Zeitgeist, Weltanschauung. Die deutsche Sprache bringt wunderbare Komposita hervor! Hier einige meiner selbst gebauten Lieblings-Neologismen: Zitronenbaumwelten, achtsamkeitsgesteuert, welkgrün.

By the way: Als neues Genre führe ich demnächst den „Eishockeyroman“ ein. Ob er Steyr als Schauplatz haben wird?

Regina Hilber

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