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Der Weblog für freien Diskurs

SPRINGTIME

Warum das Verkehrtherum gar nicht so einfach ist

Regina Hilber © Bildrecht, Wien 2021

Dieser Frühling wird ein besonderer sein, weil coronabedingt die Frühlingsgefühle nicht ganz so aufkeimen und sprießen werden wie das in Jahren ohne Pandemie der Fall war. Wer bisher diesen besonderen Impetus in der von vielen als die schönste aller Jahreszeiten tituliert kannte, wird ihn möglicherweise heuer vermissen bzw. wird sich dieser Impetus anders gestalten. Dieses energetische „Bäume ausreißen“, kaum geht der Februar in den März hinüber – wie wird sich das heuer gestalten bei all den Corona-Maßnahmen? Daher gehe ich über zu einem noch radikaleren Schnitt und sage von vornherein: Verkehrtherum! Keine halben Sachen bitte! Wenn das gewohnte Anschieben, Sprießen und Pulsieren in der Natur wie in unseren Köpfen von vornherein in die Schranken gewiesen ist, bleibt als Alternative die Flucht in das Gegenteil. Keine Sachertorte ohne Schlagobers, keine Gertrude Stein ohne Alice B. Toklas und kein James Joyce ohne Finnegans Wake. So einfach ist das. Nur nicht die Wahrhaftigkeiten des Alltags vermischen jetzt, seien sie noch so banal. Lieber gar kein Rasenmäher, als einer mit stumpfen Messern. Lieber gar keine Beziehung als eine, die vor lauter faulen Kompromissen nur so stinkt. Womit wir prompt wieder bei den Frühlingsgefühlen gelandet sind. Besondere Zeiten, besondere Maßnahmen: Die österr. Regierung macht es, zur großen Unzufriedenheit der breiten Bevölkerung, vor. Für uns alle bedeutet das weiterhin Ausnahmezustand mit ungewissem Ende und ungewissem Ausgang. Aber zurück zum Kompensationsversuch dieser Stunde.

Was dieser Frühling NICHT ist, soll hier ausgelotet werden. Was das Pendant zu „Frühlingsgefühlen“ sein kann zum Beispiel, oder wie das Antonym zu „Knospe“ lautet. Herbstgewitter fällt mir da spontan ein, oder Herbstleere. Das Gegenteil von „Gefühlen“ zu benennen? Gar nicht so einfach. Was wäre so eine Nicht-Emotion? Nicht auszudenken, wie leer sich das Dasein ohne jegliche Emotion anfühlen würde. Ausschließlich der Ratio gehorchen?

Stichwort Frühjahrsputz: Auch er fällt in dieser Springtime aus, weil die harten und weichen Lockdowns der letzten zwölf Monate genug Gelegenheit boten, sämtlichen Ballast aus Haus und Wohnung loszuwerden bzw. weil während jener Zeit nicht nur IN Kühlschränken geputzt wurde, sondern auch darunter und dahinter. Herbstchaos, Alltagsdurcheinander lauten meine Antonyme. Das Alltagsdurcheinander ist das, was uns allen seit Monaten zusetzt. Deshalb muss das Verkehrtherum noch einmal ein Verkehrtherum sein. Das Gegenteil von Fensterputzen, Ausmisten und Auslüften gestaltet sich heuer wie folgt: AUSSPANNEN und VERWEILEN. Wie herrlich, so ein Frühling ohne Frühjahrsputzstress!

War da noch die Knospe. Mehr Frühlingssymbolik geht nicht. Dazu Hegel aus der Vorrede der Phänomelogie des Geistes: „Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“

Die Knospe als Antonym, als Verkehrtherum: Verwelkungsprozess, Wachstumsstopp. Wenig erbaulich. Reife? Ausgereiftheit? Vollendung, oder das Erreichen von Fülle? Schon besser. Aber wieder erinnert diese Gegenüberstellung an das, was wir mit Herbst assoziieren, mit dem Herbst des Lebens. Fazit: Es geht eben doch nicht ohne zarte Pflänzchen, ohne zarte Knospen. Muss manchmal doch ein Kompromiss als Kompromiss genügen? Nur Palatschinken mit Erdbeermarmelade bleiben selbst in diesem Lenz unerwünscht! Die werden weiterhin ausnahmslos mit Marillenmarmelade serviert. In der Home-Gastro selbstverständlich.

Regina Hilber


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