DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Spalt

Die achtsamkeitsneurotische Gegenwart

Auf der einen Seite die achtsamkeitsneurotische Gegenwart, auf der anderen der ewig gestrige Männertyp, der als Angry White Man zornig durch die Lande zieht, in den USA ebenso wie in Thüringen oder Niederhollabrunn. Im (gefühlten) Spalt dazwischen, der ein sehr breiter ist, wohne ich. Dennoch habe ich permanent das Gefühl, mich in diesen Spalt hineinzwängen zu müssen, so als würde eine Kakerlake sich dünn machen wollen, um noch in die kleinste Ritze eindringen zu können. Die Angry White Men-Fraktion zelebriert die Rückbesinnung zum gewaltbereiten Patriarchat, Machotum sowie Frauendiskriminierung, sprich zur Misogynie in Reinform. Eine traurige Rückwärtstendenz. Hat Doris Lessing davon geahnt, als sie 2007 den Roman Die Kluft publizierte? Die Autorin erhielt im selben Jahr den Literaturnobelpreis.

Geza Gold (Bildrecht)

Was zwischen diesen beiden Fronten keinen Platz findet im gegenwärtigen Diskurs ist der große Rest in des Spalts Zwischenraum, der schweigt. Was nicht passt, wird passend gedacht. Der Rotz ist tot. In den Neunziger Jahren gab es ihn noch. Widerstand, Rotzigkeit, Direktheit, wird von der achtsamkeitsheuchelnden Linken plattgewalzt, von der Rechten bekommen Attribute wie diese einen Haken verpasst, auch von Eisenstangen ist die Rede.

Freie Diskurse an den Hochschulen sind gewünscht unerwünscht. Gastredner, Intellektuelle und Diskutanten werden wieder ausgeladen, sofern sie den Test über den Achtsamkeitsscanner nicht bestanden haben.

Zur Langeweile, weil diktiert brav, ist unsere Gesellschaft verkommen. Diversität war immer bloß ein Modewort, wir haben es geahnt. Die aktuellen gesellschaftsrelevanten Tendenzen sprechen Bände. Ein Diktat der Wir-haben-uns-alle-lieb-Fraktion, einer Wir-sind-alle-gleich Schwestern- und Brüderschaft hat sich wie ein Virus in allen Foren und Medien ausgebreitet. Links ist längst nicht mehr links, links ist zu einem lauwarmen Mainstream  verkommen, zu einem Kaffeekränzchen mit selbstgewerkten Häkeldeckchen und Mandelmilch. Die Milchkuh ist böse, sie, die Kuh, pardon, scheißt zu viel.

Die Hypokrisieanfälligkeit steigt mit jedem neuen veganen Laden, der in der Stadt seine Pforten öffnet: Noch nie wurden so viele Nahrungsergänzungsmittel und Bluteisensäfte verkauft. Drogeriemärkte erfreuen sich des stetig steigenden Umsatzes, weil Veganer, Vegetarier und Fruttarier dann doch nicht an Mangelerscheinungen laborieren wollen.   

Man möchte Tränen lachen. Unentwegt. In den Kinos flimmern Wohlfühlfilme über die Leinwand, die man allesamt bereits vergisst, während man noch im Kinosessel fläzt. Joker von Todd Phillips ist da eine erhellende Ausnahme. Meine fiktiven frustrierten Fotzen dürfen weiterhin durch Text und Textlichkeit spazieren, nicht aus Trotz, sie sind der künstlerischen Unbedingtheit geschuldet. Im Spalt ist viel Platz für die LAVOIR.

„Im Jahr der Sardinen muss man mit den Sardinen gehen!“, sagt der Berliner Buschauffeur, hält den Bus an einer Ausbuchtung, die keine Haltestelle ist und stiefelt davon.

          

Regina Hilber     

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