DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Sorden und Nüden

Wsten und Oesten

Da ist sie schon –  die Zweiheit als Dualismus bzw. als Bipolarität – und steht im Verdacht, nicht mehr weichen zu wollen als Impulsgeber, wenn angezupft. Als Ziffer unangetastet, pflastert die Zwei als bipolares Begriffspaar automatisch jegliche Gedankengänge zu. Im Vorfeld tummelt sich ein Reigen aus Antagonismen, Part und Gegenpart, Pol und Gegenpol, aus Verdoppelungen, aus Paarungen wie Stan Laurels und Oliver Hardys, aus Thelmas und Louises. Kriegslinien. Zweifrontenkriege. Norden und Süden bzw. Nord- und Südgefälle. Norditalien versus Süditalien, Norddeutschland gegen Süddeutschland, pardon, Bayern! Mindestens so geläufig ist das Ost-West-Pendant. Auf Österreich bezogen konkurriert seit jeher das Mentalitätsbarometer mit den Himmelsrichtungen West gegen Ost, während der Norden (wo liegt der genau in Österreich?) selten sich ähnlich ideologisch gelagerte Schlachten liefert mit dem ihm entgegengesetzten Süden. Europaweit betrachtet ergab sich bis 1989 (wir erinnern uns): Osten Kommunismus (Ostblock, Eiserner Vorhang, Mangelwirtschaft), Westen Konsum und Freiheit.

Oder die Wohnung, die sich teilt in zwei Hälften, in einen Ostteil und einen Westteil mit unterschiedlichen Klimata: im Winter die eisigen, unbeheizten östlich gelegenen Räume (Küche, Schlafkabinett, Kabuff) versus der beheizbaren Räume in der Westhälfte. Dort tut ein alter Meller-Ofen lebensrettende Dienste, schafft in der frostigen Jahreszeit belebtes Tun in Zimmer Nummer eins, zwei und drei. Ein Dazwischen gibt es nicht. Kalt oder warm. Sorden oder Nueden. Wsten oder Oesten? Ein Hin und ein Her, Klimagefälle.

Sommers der schweißtreibende Ostteil an sonnigen Vormittagen, der mich in den zu dieser Zeit noch im Schatten liegenden Westteil scheucht, um arbeiten zu können. Nach der Mittagsstunde dann umgekehrt wieder hinüberwandern in die Osthälfte, wo zwar die Hitze von den frühen heißen Tagesstunden noch in den Räumen flirrt, die Sonne aber in der Zwischenzeit weitergewandert ist, also nicht mehr auf die hohen Fensterscheiben knallt wie jetzt drüben an der Westfassade. Ein Hin und ein Her ist es. Ein nomadisches Arbeiten wie Wohnen innerhalb der eigenen vier Wände. Sommer wie Winter. Von Klimazone eins zur Klimazone zwei wechseln, nur Frühjahr und Herbst sorgen für ein ausgeglichenes Raumklima auf der gesamten Wohnfläche. Ganze Romane könnten geschrieben werden in diesem Setting, über dieses Setting.

Die Zwei als bipolares bzw. dualistisches Begriffspaar lauert überall, ich entkomme ihr nicht. Aporie in Folge der Abschweifung. Bewusst den einmal in Gang gesetzten Determinismen Einhalt gebieten mit Hilfe einer Maulschelle. Ein Codewort kann so ein Gegeninstrument sein: Maulschelle.

Dann ruft der neue Untermieter an. Er arbeite als Simulationspatient an der Medizinischen Fakultät in Wien – für acht Monate im Jahr. Schlagartig sehe ich mich auf eine weiße Bahre gebettet, zentriert auf einem Podium des Vortragssaals, von Neonlicht umkränzt. Bin ich krank, bin ich gesund? Bin ich Osten, bin ich Westen?

Wiedergeboren.

Regina Hilber


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