DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

San Vito Romano

SommerLAVOIR #ITALIA 05

Egal wie winzig der Ort, eine Bar Centrale findet sich im Landkreis Frosinone, südlich von Rom, auf jeden Fall. Die Bar Centrale ist fixer Bestandteil der romanischen Gemeinde, wie Wäsche auf der Wäscheleine vor den Steinfassaden. Wir sind müde, das fotografische Auge und ich. Träge von der Hitze, benebelt vom Mittagswein. Schnell gewöhnt sich die Flaneuse an den Leerstand der Hügelorte, an marode Straßenzüge, an durchlöcherte Landstraßen. Lazio zeigt sich ärmlich. Entvölkert. Wie die Zikaden in den Bäumen geht mein Zirpen hinaus in die schmalen Gassen, trifft auf Steintreppen, auf schäbige Palazzi, auf Marmortischchen vor der obligaten Bar Centrale an der Piazza Centrale. Und zirpen wir, die Zikaden und ich, nachmittags um drei, ohne Pausen.

Geza Gold (Bildrecht GmbH) 2020

Zirpen wir, mein Vögelchen Glocke, das müde Mädchen dort hinter der Bar, die Nachmittagssirenen in den Platanen (planetenumkreisend) und das, was sich Alter Ego nennt. Ein Kreissägeknirschen, Kreissägeheulen, vielfach erprobt. Selbst Roger Willemsens Knacks vermag das schwere Geschrill in den Bäumen nicht zu spalten. Wir sind alle da. Gleichberechtigt nebeneinander. Jeder für sich und doch als Kollektiv verharrend am Platz: Das Geschrill, die Sublimation, das Ich des Besten-Ichs, die Hitze, der Knacks. Zusammen wie in einem Orchester, nebeneinander die Noten umblätternd und doch bläst ein jeder selbsttätig ins Horn.

Später dann Artena. Die geduldige Atelierpartnerin K. kommt mit auf unseren mediterranen Roadtrip. Südlich der Ciociaria, auf einem Vorhügel der Monti Lepini, der Lepinischen Berge, türmt sich das alte Artena terrassenförmig auf. Leerstand in den Häusern aus Stein, nur schmale, steile Gassen mit vielen Stufen führen hinauf. Seit jeher für jeglichen Autoverkehr ungeeignet. Nicht einmal das Knattern einer Vespa durchschneidet die gespenstische Stille in den engen Gässchen. Unten breitet sich das neue Artena aus, ergießt sich übergangslos in die Ebene. Die Autobahnanbindung Valmontone mit dem gleichnamigen bekannten Outlet liegt in der Nähe. Wie ein Freilichtmuseum thront das Städtchen mit dem Palazzo Borghese auf dem gänzlich verbauten Hügel.

Wie Norma in den Lepinischen Bergen, war auch Artena eine Stadt der Volkser. Von Norma aus traten wir den Rückweg an, stoßen nun auf Artena. An einer exponierten Kreuzung, kurz vor Colleferro, verursacht der Familienanhang eines frisch vermählten Brautpaars ein kleines Verkehrschaos. Die gesamte Einwohnerschaft des Ortes hat sich versammelt, um dem Schauspiel beizuwohnen. Es wird gehupt, gewinkt, getänzelt, gerufen. Wir lassen uns anstecken von der ausgelassenen Stimmung, warten geduldig, bis die Hochzeitsgäste zumindest partiell die Straße freigeben, blicken den steilen Hügel hoch, auf dem das alte Artena sich terrassenförmig auftürmt. Artena? Wir prüfen die Straßenkarte: kein Stern für Artena verzeichnet, also Stern als Auszeichnung für einen besonders sehenswerten Ort. Lohnt es sich dennoch, die steilen Gassen der Altstadt in der Hitze hinaufzugehen, um uns selbst ein Bild zu machen? Auf jeden Fall!

Und was wir gegessen! Nein, nicht was wir gegessen wie in SommerLAVOIR #ITALIA 02, sondern: was wir vergessen. Vergessen haben. Dass die einfachsten Zutaten die besten sind, solange sie direkt aus der Region kommen. Eine sonnengereifte Tomate aus Frosinone terra. Brot aus dem Steinofen in Genazzano. Jeden Nachmittag auf einen Café macchiato ebendort. Vergessen ist der Reifenplatzer von Tag 1. Gezählt sind jetzt die Serpentinen Richtung Paliano hinauf und die kleine Nebenstraße hinunter Richtung Palestrina. Bitte bloß kein Gegenverkehr auf der einspurigen Straße! Vergessen der arbeitsame Vormittag, das Plündern im Vokabelpaternoster. Was wir gegessen, will verdaut sein. Der Malvasia zum Pranzo macht träge, Genazzano ruft. In der Stunde zwischen zwei und drei sind die Dörfer tot. Reihum. In der toten Stunde also die Serpentinen rauf und runter. Immerhin ein Parkplatz direkt vor der Bar. Il castello Colonna nebenan. Vergessen der Rost an den Rändern. Überall hier. Vergessen die Schlaglöcher. Lektüre ruft.

Und was wir gegessen – ein Fest!

Regina Hilber

Erinnerungsprosa an einen vergangenen Sommer in Lazio.

Folge uns auffällig.