DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Prilblume

Retroerscheinung auf Wiens Straßen

Geza Gold © Bildrecht, Wien 2021

Eine Rückschau 1976:

Die Prilblumen an den Küchenkästen, an den Fliesen im Bad, eins, zwei, drei schräg hinauf über der Badewanne. Kaufen wir eine neue Flasche Pril, im Greislerladen hinter der Kapelle. Gelb oder blau. Die Prilblume auf Tassos Hundenapf, auf dem kleinen Spiegel über der Küchenspüle, wo Großvater morgens sein dünnes Haar kämmt. Er weiß nichts von den Prilblumen im Bad. Das Bad fensterlos und  muffig. Bring Großvater den Napf. Hol Großvater zum Essen. Geht Großvater schon wieder zum Greisler, mit leeren Bierflaschen im Werkstattmantel. Geh Glockenläuten mit dem Großvater, zwölf und sechs, in der Kapelle gegenüber. Häng dich an das dicke Seil. Großvaters dünne Beine baumeln in seiner viel zu großen blauen Werkstatthose, baumeln mit dem Seil im Takt. Zwölf und sechs am Abend. Das Seil flutscht nach oben. Halte das Seil immer fest, sagt Großvater. Seine weit gespreizten Finger am zappelnden Tau. Zwischen den mageren Handgelenken und den weiten Ärmeln des Blaumanns klafft ein ganzes Leben, das lange schon vorbei ist. Großvater ist Mitte Fünfzig. […]

Der zweite Weltkrieg war in den Köpfen der Großeltern noch allgegenwärtig. Oder das, was durch Krieg und Besatzungszeit geblieben war. Immer und überall. Wunden wurden aufgezählt und Narben gezeigt. Aufgeräumt mit Verfehlungen und Versäumnissen wurde nicht. Im Aufzählen der Kriegsgräuel und Entbehrungen lag gleichzeitig das Schweigen über die Ursachen zu diesem Krieg. Das Schweigen über den Nationalsozialismus. Jeder verstand sich als Opfer. Hinterher. Die Generation der Nachkriegskinder gründete früh eigene Familien, um den Traumata in den Elternhäusern zu entkommen. Die unbewältigte Vergangenheit zog sich wie ein latenter Schatten endlos die Wagramkante im Weinviertel entlang.

Zur Geschichte der Prilblume:

Zwölf Jahre lang durften Kinder und Erwachsene sich im vorigen Jahrhundert bei jedem Kauf einer Flasche Pril am Abziehbild, das an der Rückseite der Spülmittelflasche angebracht war, erfreuen. Erfunden hat die Prilblume ein kleines Team des Markenherstellers Henkel in Düsseldorf. Das war 1972. Ab 1984 war also Schluss mit dem begehrten Aufkleber. Zur Zeit erlebt die beliebte Prilblume jedoch ein Revival: Die bunten Aufkleber gibt es mittlerweile in verschiedensten Variationen und Größen zu kaufen. Für mich ist und bleibt die Prilblume ein Stück Erinnerung an die wilden Siebziger. Wer hat damals nicht Küchenkästen und Holzkommoden damit beklebt? Aktuell werden ganze Straßenzüge damit gestylt – siehe Bild (Döblinger Hauptstraße / Wien).

Regina Hilber

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