DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

PARIS

Paris? Ouí!

Unaufhaltsam. Neue Jahre, neue Meter, immergleiche Muster? Peter Hodina aus Salzburg denkt sich die zurückgelegten Fußmeter als Sammelliste in einem (weißen? wattierten?) Kuvert vor, säuberlich gefaltet und geklammert, erzählte er unlängst. Die Fakten sprechen für sich: Nicht nur in der Höhe, auch in der Länge, gebe ich, die per Wanderschaft zurückgelegten Kilometer einander abgleichend, vor.

Buchmeter dabei unberücksichtigt lassend, schaukle ich fußfrei durch die Lüfte, da wo Sauerstoff dünner ist, während eines Trips zum Beispiel. Paris, ouì, ist überall. Hodinas Lektürekompendium wiederum ist in meinem Leben nicht mehr aufholbar, gleich wie seine Füße meine bisher zurückgelegten Wegstrecken nie mehr einholen können. Ein jeder für sich, bewegen wir uns unaufhaltsam auf eine jeweilige Dekade zu,  in welcher Superlative eine Fata Morgana bleiben dürfen: Irgendwo hat irgendwer irgendwann Höheres erreicht. Kopfschaukeln? Manchmal das Ungesagte wie eine Aufforderung an sich selbst.

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, glaubt James N. Frey zu wissen. Wir prüfen das nach und werden berichten. Über halbfertige Literatur, über zu wenig „abgelegene“ Texte, könnte man zahlreiche Essays schreiben. Wann ist ein Text fertig? Und wann ist er gut? Können literarische Texte je zur einen ultimativen Endfassung geführt werden? Literarische Texte müssen eine bestimmte Zeit lang abliegen wie rohes Fleisch, bevor sie überarbeitet und optimiert werden können. In den seltensten Fällen wird das so praktiziert. Unheimlich sind mir Autorinnen und Autoren, noch unheimlicher die Verlage, die der Meinung sind, jedes Jahr oder zumindest jedes zweite Jahr ein Buch publizieren zu müssen.

Was ist mit der Reifezeit? Den nötigen Abstand, den eigenen Text objektiv weiter bearbeiten zu können, gewinnt der Autor nur mittels zeitlicher Distanz. Je größer dieser Zeitraum ist, desto besser. Ich korrigiere: ein größerer zeitlicher Abstand ist einem kürzeren vorzuziehen. Ein bis drei Monate reichen für Essays und kürzere Prosastücke. Für einen Roman macht eine Wartezeit von einem Jahr Sinn, aber wer hat diese Zeit schon? Die Verlage und der immer erbarmungslosere Literaturbetrieb erlauben sich keine Pausen, sie bestimmen das Tempo. Unlängst las ich mit Genuss Adam Thirlwells Essayband Der multiple Roman, der u.a. auch dieses Thema aufgreift.

Niemals zuvor wurden die literarischen Werke so schnell aus den Regalen der Buchläden verbannt, um Platz zu schaffen für das neue Programm. Schonungslos werden alle Bucherscheinungen des letzten Jahres vom Verkauf in den Läden ausgeschlossen, selbst Werke namhafter Autoren verschwinden schnell aus den Regalen, von den Büchertischen sowieso. Gleich danach werden die Bücher verramscht und so mancher Autor vom Verlag gezwungen, den Restbestand selbst aufzukaufen. Wer will dieses verrückte Tempo überhaupt? Weder der Leser, noch der Autor, finde ich und auch so mancher Verlag nicht. Durch das vorgelegte Tempo des Literaturbetriebs verkommt die Lektüre zu einem oberflächlichen, schlampigen Akt. Je schneller Neuerscheinungen nachgeschoben werden, desto überforderter ist auch der Leser. Wie der Autor, wird auch der Leser an die Wand gedrückt. Sich Zeit zu nehmen für die Lektüre halte ich für genauso wichtig, wie Geschriebenes reifen zu lassen. Ein Text ist also vorläufig nicht im Sinne eines druckfertigen Manuskripts fertig, sondern ausschließlich hinsichtlich Inhalt und Komposition. Fürs erste. Jetzt wird der Text etwas ruhen, bevor er von neuem gelesen, gesichtet, und so hoffe ich, einer endgültigen, verbesserten Fassung zugeführt wird. Disease to please.

Aber: PARIS. Weil erstens dieses Zitat von Albert Camus: „Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ und zweitens der eigene Impetus. Das Leben kann leicht sein. In solchen Momenten hinterfragt man nichts.

Regina Hilber

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