DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

PARIS, mon amour

Versuch wider die Häuslichkeit

Blick von Montmartre – Geza Gold © Bildrecht, Wien 2021

Das PARIS aus diesen Tagen, step by step wider die neue Häuslichkeit: Lockdown & Co feiern den ersten Geburtstag. Was ist zu tun? Welche Kompensationstechnik ist noch unerschlossen? Sind alle Bestellungen der letzten Monate auch tatsächlich angeliefert worden, oder blieb da eine Rechnung offen? Ist noch frische Hefe im Haus? Alle Wände sind inzwischen neu gestrichen, die Farbpalette reicht dabei von nude-rosé bis nachtblau. Kein color blocking, aber gelungene shades of fun. So gut sich Farbe und Aufgeräumtheit (ganz nach Feng Shui) auch anfühlen – ich habe die omnipräsente, mir auferzwungene Häuslichkeit endgültig satt.

Wir alle durften auf sämtlichen Social Media-Kanälen Schausteller und Schauspieler zugleich sein während der letzten Monate: Günter Vallaster postete täglich sein selbst erkochtes Mittagsmahl (konsequent vor derselben Kulisse abgelichtet) sowie seine konkreten Ulysses-Leseergüsse, und Regine Koth-Afzelius arbeitete sich an der Fotogenität ihres Hundes ab, während Peter Hodina wiederum seine Ausfallschritte in und um Salzburg Stadt bebilderte. So reitet halt ein jeder sein apokalyptisches Steckenpferd oder Haustier. Vielleicht ist das jetzt der richtige Zeitpunkt, sich einen Rhodesian Ridgeback anzuschaffen, oder wir gründen einen virtuellen Literatursalon.

Was konnte mir in den letzten zwölf Monaten Abhilfe verschaffen? Welche Tricks wider die eigene Verspießerung haben gegriffen? Man will ja nicht so bieder wie die große Allgemeinheit werden, wie die, die seit ihrem siebzehnten Lebensjahr bereits verspießert sind und es für den Rest ihres Lebens auch bleiben bzw. geblieben sind. Das Neo-Spießertum brauchte bekanntlich weder eine Corona-Pandemie noch einen langen Lockdown, nein, es hat sich seit Jahren leise erst, dann immer lauter, in der westlichen Welt wieder eingeschlichen gehabt. Eine Retro-Erscheinung sozusagen. Ich mache mir ernsthaft Sorgen ob der omniverspießerten Hipster-Gesellschaft der Generation X und Y da draußen. In meinem Essay Adieu, Hipster hatte ich in Europas Kulturzeitschrift LETTRE INTERNATIONAL ausführlich darüber berichtet (Ausgabe 130/2020).

Andererseits. Weshalb jucken mich die überhaupt? Kehrtwende. Und da war ja noch Paris. Das Paris aus diesen Tagen. Sehnsüchtig erwarte ich die bereits abgedrehte vierte Staffel der französischen TV-Serie Call My Agent. Bis es so weit ist, dass die Wohlfühl-Dramedy über den Screen flimmert, begnüge ich mich mit einer ebenfalls französischen Serie: En thérapie. Ja, genau: In Therapie. Das brauchen Frau/Mann jetzt auch in Zeiten wie diesen. Brandaktuell sind die Kammerspiel-Folgen zum Beispiel auf Arte zu sehen. Mit jeweils nur 28 Min. sind die Folgen für meinen Geschmack leider zu kurz geraten. Viel lieber klinke ich mich in 59-Minüter ein. Da kann Zuseher sich richtig „einrichten“ in Dramaturgie und Figurensetting, sich einwühlen und alles um sich herum abprallen lassen. Bei einer Folgenlänge von nur 28. Min. geht das nicht. Kaum ist man drinnen im Stoff, folgt schon der Abspann und noch bevor man es sich gemütlich gemacht hat auf der Couch, die ideale Sitz- oder Liegehaltung gefunden hat, muss man sich schon wieder aufrichten und die nächste Folge aktivieren. Damn! Ein Verbrechen ist das. Eines gegen die Ausformungen von binge-watching. Über Kofferwörter werde ich demnächst berichten. Versprochen!

Vielleicht doch die Nase vermehrt in Bücher stecken zwecks Vertiefung. La Parisienne von Linda Tramuta liegt da aktuell auf meinem Tisch und sofern der Februar zwischendurch ein Licht-und Wärmefenster aufreißt, auch auf meinem Schoß, auf der Gartenstufe sitzend. Noch tiefer geht der Leseblick dann in Leïla Slimanis Roman Dann schlaf auch du. Der nächste Paris-Abstecher kommt bestimmt – da will Frau doch informiert sein!

Regina Hilber

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