DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Ostbrandenburg

Eine Rückschau

Zeit aufstellen als Burgschreiberin in Beeskow/Ostbrandenburg 2017:

Der November macht müde. Munter macht die Lektüre. Das periodische System von Primo Levi zum Beispiel. Wenigstens bleibt mir dieses Jahr Wiens Novembernebel erspart. Im Landkreis Oder-Spree herrschen andere Novemberbedingungen. Die Spree gerinnt zur dunklen, sehr dunklen Brühe. Ich mag sie. Grünschwarz und geheimnisvoll zeigt sich der Wasserspiegel. Nach einem kurzen Regen riecht die Spree viel fischiger als sonst. Ich fahre mit dem Fahrrad unter den tropfnassen Weiden entlang des Flüsschens, inhaliere den Fischgeruch. Einigen Weiden hatte der Jahrhundertsturm vom Oktober arg zugesetzt. Der Obdachlose, der in den vorangegangenen Monaten immer auf dem Holzkrokodil saß, ist nicht mehr da. Er schläft nicht mehr im Schilf entlang des Spreeufers. Wo ist er hin?

Spreeufer in Beeskow – Geza Gold (Bildrecht GmbH) 2020

Zeugungsstätten – Statt der Zeugen

Eine Warmluftfront schickt zwei helle, warme Tage in den Endnovember. Mit Gustav aus Niewisch fahre ich durch das Schlaubetal. Wir queren den Mischwald bis zum Campingplatz, folgen dem Wanderweg am Schervenzsee entlang bis zum Forsthaus Siehdichum. Wie viele Kinder wurden hier am Campingplatz gezeugt zur DDR-Zeit? Wie viele Pärchen hatten sich formiert, hier im Schutz des Mischwaldes, im nie enden wollenden Lichtraum der schwülheißen Julitage? Ein Miniaturidyll mit Strandabschnitt, Limobuden und Urlaubsflair dockte da an den Schervenzsee an.  

Aber jetzt ist November, die Deutsche Demokratische Republik Geschichte. Die Zeitzeugen haben ihre Campingplätze an die nächste Generation weitergegeben. Der Nieselregen der letzten Tage hat den Boden aufgeweicht, trotzdem stapfe ich hinter Gustav und seinem Hund Johnny her, bin dankbar für jeden Sonnenstrahl, der durch die Baumlandschaft sticht. Wie Mangroven ragen die Wurzeln der Erlen aus den sumpfigen Böden, ein Stück weit säumt eine Zedernkolonie den Weg. Matt grün heben sie sich vom braunen Laub der Buchen ab, die den Waldboden bedecken. Weiter folgen wir dem sonnigen Uferweg des Schinkensees und Langesees zurück zum Parkplatz, schließen so die Schleife.

Kunersdorf – Ośno Lubuskie – Słubice – Sieversdorf – Wittmannsdorf

Keine Scheu vor Bungalows auf dem Schlachtfeld bei Kunersdorf. Bauen wir die Toten zu. Ohne Bebauungsplanung. Wie viele Kilometer passen in drei Stunden hinein? Totenplätze werden aufgezählt und auch Reservekisten. Links das Schlachtfeld, sagt Marchant, rechts Eva Kleist. Pistole, Wald, Tod. Wir fliegen nach Ośno Lubuskie. Hügel auf, Hügel ab. Es tropft der November. Im Grenzland. Polen und Deutschland.

Um vier, mahnt Marchant. Um vier, auch Sie, Frau Hilber, treten wir zur Lesung an. Davon war keine Rede gewesen bislang. Albtraumschleife eines Autors: fünf Minuten vor Lesebeginn stellt der Schriftsteller fest, dass er weder sein Buch, noch sonstige Texte in seiner Tasche vorfindet. Rezitieren? Wie viele Gedichte gehen vom Kopf direkt durch das Mikrophon? 

Hier Ośno, sagt Marchant. Die Minuten sind gezählt. Rechts die Kirche, links die Mauer. Dazwischen das Rathaus in Märchenfassade. Die strenge polnische Beamtin scheucht uns aus dem Rathaus. Der Hochzeiter kommt. Der Hochzeiter kommt. Grau sind ihr Kostüm und auch Haut, das Haar. Geht niemals verloren, so ein einfärbiges Matronengeschwader. Himstedt parkiert das Auto um, läuft an unserer Zufluchtsstätte, der Bäckerei, vorbei. Die polnischen Verkäuferin mit Blick auf die Uhr. Die Verkäuferin mit Brotbesen über die halbleeren Regale. Die Verkäuferin kann Uhren verdrehen, an Zeiten schrauben. Unter unsere Stühle hindurch fährt grob ihr Wischlappen, fährt ihr Samstagsauszeitwille. Zwei vor Zwei.

Geht noch ein Bigos in Słubice, sagt Marchant. Es ist halb Vier. Über die Oderbrücke zurück und nach Sieversdorf hinauf, wo das Publikum schon Platz genommen hat und auf die Literaten wartet. Der Veranstaltungsraum ist zweigeteilt, in der Mitte des Raumes ragt eine Mauer frontal bis zum Lesetisch hinein. Punktgenau vor der Mauer im Polstersessel Platz nehmen und lesen, mal in die linke, mal in die rechte Publikumshälfte blicken. Ich navigiere das Segelschiff, vorne am Bug teilt sich die Mauer, das Meer: Links die Renegaten, rechts die Vorzimmergesellschaft.  

Regina Hilber

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