DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

NORBA

SommerLAVOIR #ITALIA 09

Der Himmel zeigt sich bunt. Ein letzter Augusttag in Norba, südlich von Rom.

Reste der Zyklopenmauer in NORBA (Latium)
© Geza Gold (Bildrecht GmbH) 2020

Norma sei die häßlichste Gemeinde der ganzen Umgebung, kommentiert ein Ortsansässiger auf einer regionalen Internetplattform: brutta e veramente disgustosa – hässlich und wirklich abstoßend. Ein weiterer schreibt andernorts: Selbst Favelas sehen besser aus. Auf der Homepage der Gemeinde findet sich ein Versuch, die heruntergekommene Gemeinde etwas aufzuhübschen mit Poesie: Norma in Gedichten. Von den drei zeitgenössischen Gedichten, die beispielgebend (und wahrscheinlich als Auszug) angeführt werden, sei hier jenes von einem gewissen Agostino Sagliocco zitiert: „Wenn du ein Ideal hast, an das du glaubst, für das du kämpfst, nichts und niemand wird dich aufhalten können.“

Ich sehe den Versuch über das Gedicht als gescheitert an. Auf ganzer Linie. Bei den hier erwähnten Zeilen handelt es sich auch gar nicht um ein Gedicht, um Poesie, denn es wurde vom erwähnten Verfasser nicht er-dichtet oder ge-dichtet, hier wurde bloß eine Floskel wiedergegeben, eine Beschwörungsformel, die jeder bereits kennt. Dass diese als Gedichtzeile deklarierte Floskel wie die Verlängerung des faschistischen Ausdrucks auf der Hausfassade in der Via del Corso wirkt, ist nur eine von vielen möglichen Assoziationen, in diesem Fall möglicherweise eine falsche Schlussfolgerung: Das Gedicht ist seiner Frau und den Töchtern gewidmet. Die Widmung steht jedenfalls neben dem abgebildeten Buchumschlag.  

Ich bin versucht, den Propaganda-Spruch „il popolo italiano – quando vuole – sa fare tutto“ in der Via del Corso beiseite zu schieben. Weitere Recherchen oder sinnbringende Rückschlüsse scheinen mir in diesem Augenblick, an diesem Ort, nicht möglich. Oder ist diese für mich untypische Versöhnungstendenz bloß der erbarmungslosen Mittagshitze geschuldet?  Was könnte mir einer der nicht jungen, aber auch nicht alten Männer sagen, die auf der Piazza Roma vor der Bar Caracas wie aufgefädelt entlang der Hauswand sitzen und den Zeitraum zwischen dem bereits beendeten Mittagsmahl und dem Wiederöffnen der Läden um fünf nachmittags totschlagen? Siesta-Zeit. Eine Ausflucht? Warum gerade hier oben in den Lepinischen Bergen?

Vielleicht ist es an der Zeit, die vielen Fäden der eigenen Sensibilisierung zu entwirren, die sich im Laufe der letzten Jahre zu einem dicken Strick verdichtet haben, und eine Auszeit zu nehmen von den Automechanismen, die sich längst verhärtet haben. Wenigstens für diesen einen Augenblick die vorgegebenen Determinismen durchbrechen, sei es nur zum Selbstzweck. Genuss. Ein Mal unvoreingenommen Luft holen im beschaulichen Latium, die Landschaft als Wirkungskreis akzeptieren, losgekoppelt von politischer Sensibilisierung sich der Muse und dem Hedonismus hingeben. Der Klang der Espressotassen auf dem Marmortresen soll weiterhin vorbehaltlos den Raum durchdringen. Und doch: es rumort in meinem Kopf.  

Weiter vorne an der Piazza Roma, immer noch in Norma, werden rote Gimpeln aufgehängt, Fahnen wie Fähnchen werden verteilt an die wenigen Passanten. Ein aufgescheucht wirkender Wirt treibt die Kellner in schlecht sitzenden Anzügen zur Arbeit an im leerstehenden Restaurant. Wofür und für wen sollen sie zwischen den engen Tischreihen herumtraben?

Norma scheint sich selbst nicht sehr zu gefallen, mit oder ohne meinen Wahrnehmungen und dem, was ich daraus schließe. Die Kommentare auf diversen Internetforen zeugen davon. Hätte die Gemeinde nicht die Ruinen des antiken Norba (die Reste einer Volsker-Siedlung) außerhalb des Ortes zu bieten, nur sehr wenige Nichtortsansässige würden die unzähligen Serpentinen hier herauffahren. Die Ansiedlung der antiken Stadt Norba mit den zum Teil erhalten gebliebenen Zyklopenmauern ist älter als Troja. Zwei riesige Pinien markieren den Haupteingang mit den antiken Mauerresten.

Über dem antiken Norba
© Geza Gold (Bildrecht GmbH) 2020

Der Himmel über Norba zeigt sich bunt. Auf einer Wiese gleich neben den Ausgrabungsfeldern starten und landen unzählige Paragleiter, die von den idealen Aufwinden der unten liegenden Ebene profitieren. Eine Geländekante wie diese ist prädestiniert für Paragleiter. Viele Sportbegeisterte wissen die Gelegenheit und Thermik zu nutzen. Während wir auf den Treppelpfaden den Überresten des antiken Norba nachspüren, ziehen die Paragleiter mit den bunten Schirmen ihre letzten engen Schleifen über unseren Köpfen, kurz bevor sie auf der Wiese landen. Dann werden die Schirme akkurat gefaltet und zusammengerollt, in einem großen schweren Bündel über das antike Norba querend bis zum Parkplatz hinüber geschleppt und im Kofferraum eines Kombis verstaut.

Unten in der Ebene ist die kleine Anlage des Garten der Ninfea, il giardino Ninfa, zu erkennen – benannt nach dem antiken Nymphentempel. Der Fluss, der den Weiher speist, entspringt oben in den Bergen von Norba. Auf der steilen Abbruchkante der Hochebene recken Kolonien von Kaktusfeigen ihre pinkfarbenen reifen Früchte, über den Abgrund schwebend, in die Höhe. Niemand wird diese Früchte ernten, zu abschüssig ist das Gelände. Von der Süße der Früchte der Opuntia ficus-indica, die dieses Jahr zur Kakteenart des Jahres gewählt wurde, profitieren einzig die Insekten. Wir fahren die unzähligen Serpentinen hinunter, die zur Pontinischen Ebene, dem ehemaligen Sumpfgebiet führen, während oben auf dem Hochplateau die letzten Paragleiter ihre Schirme zusammenrollen.

Regina Hilber

(Erinnerungsprosa an einen vergangenen Sommer in Lazio)

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