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Nachgeschaut

Das Suchtpotential der TV-Serien II – DIE LAVOIR hat nachgeschaut

Genau vor einem Jahr gab ich in DER LAVOIR an dieser Stelle einen Überblick über die sehenswertesten TV-Serien der vorigen Saison. Höchste Zeit, die versprochene Fortsetzung nun einzuhalten. Gar nicht so einfach, die Highlights der zahlreichen Serien-Produktionen herauszupicken, unterscheiden sie sich eben  nicht nur in Machart, Genre, Schauspiel, Dramaturgie, Setting etc. – sie sprechen derart divergierende Themen und Tendenzen an, dass es schwerfällt auch nur einem Superlativ gehorchend, eine Bestenliste zu erstellen. Ich versuche es also mit einer losen Chronologie der von mir zuletzt mit Gewinn verfolgten TV-Serien, Superlative dabei aussparend und ganz meinem subjektiv/objektiven Geschmack gehorchend, eine Auswahl widerzugeben:

Ganz aktuell startete die Mini-Serie Unorthodox[1] (nach dem Roman von Deborah Feldman) über einen Ausbruch der Hauptprotagonistin Esty aus dem streng gläubigen Kreis der Satmar-Juden im New Yorker Stadtteil Williamsburg. Nicht weil die Mini-Serie so großartig produziert wäre, nein, weil sie ein außergewöhnliches Setting zu bieten hat, sei diese hier erwähnt. Vielleicht führe ich die Serie Unorthodox aber nur deshalb hier an, weil mir das die Möglichkeit gibt auf den ganz wunderbaren Kinofilm Menashe[2] hinzuweisen, der ebenfalls in einer jüdischen Enklave in Brooklyn/New York spielt, jedoch aus der Perspektive eines verwitweten Vaters erzählt. Herzzerreißend wie der tollpatschige Menashe und sein achtjähriger Sohn Rieven versuchen, das kleinste Stück vom Glück in einer von Restriktionen geprägten isolierten Gesellschaft zu finden. Keine andere filmische Milieustudie ist mir in den letzten zwei Jahren so eindrücklich in Erinnerung geblieben wie diese. Unbedingt ansehen! Beide in Jiddischer Sprache.

Achtung Suchtpotential:

Auf der brandaktuellen Welle von #MeToo & Co schwimmen The Morning Show[3] sowie The Loudest Voice[4]. Ja, ihr zahlreichen unverbesserlichen Misogynisten da draußen – es geht euch an den Kragen und nochmals ja, ihr kommt dabei ganz schlecht weg. Gut so. Beide starbesetzten Serien sind in der Medienwelt angesiedelt und erzählen aus der Perspektive der weiblichen Opfer über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz. Während The Morning Show fiktiv eine Gegenwartsgeschichte kurz nach  der ersten #MeToo-Debatte aufgreift, setzt die reale Story zu The Loudest Voice etwas früher an, also bevor Ronan Farrow & Co die #MeToo-Bewegung international in Gang brachten. Aufstieg und Fall des Fox News-Gründers Roger Ailes wird in The Loudest Voice abgehandelt. Im zeitgemäßeren Setting präsentiert sich The Morning Show, kein anderes Thema könnte momentan aktueller sein. Beider Cast erinnert ein bißchen an ein Schaulaufen, ähnlich jenem Laufsteghighlight der letztjährigen Chanel-Show in Paris, als zu Ehren des verstorbenen Karl Lagerfeld die Supermodels der Neunziger noch ein Mal gemeinsam über den Laufsteg huschen durften. Von Naomi Watts bis Russel Crowe bzw. Jennifer Aniston, Rheese Whiterspoon und Steve Carell sind sie alle dabei, der Rest erklärt sich von selbst. Besonders nett anzusehen nach einem dichten Arbeitstag. Der Kontrast folgt bei Fuße.

Money, money, money:

Gleich mehrere Serien entführen an die Wallstreet bzw. in die Welt der Superreichen. Das Ende der Serie Billions[5] zum Beispiel (der Titel ist Programm und muss nicht weiter erklärt werden) hat in mir eine Leerstelle evoziert. Ein großes Loch klafft da im Moment, eines das ich bislang noch nicht füllen konnte, ergo nicht ersetzen konnte durch ein anderes  Serienspiel, das mich ob ihrer Protagonistinnen und Protagonisten hineinziehen würde in die Tiefen der fiktiven Serienfamilywelt – einer Crowd gleich, an der ich mich festklammern kann, wenn mir danach verlangt. Ähnliche Verlustgefühle evozierte die aufwendig produzierte Serie Succession[6], ebenfalls in New York City angesiedelt und mit einem sehenswerten Cast ausgestattet. Das komplexe, dialoglastige Drehbuch erlaubt dem Zuseher keinerlei Unachtsamkeiten. Jeder einzelne Dialog wiegt so schwer wie das Unheil, das über der zerrütteten Upperclass-Familie lastet. In den letzten Jahren entstanden zahlreiche anspruchsvolle Serien in der Stadt die niemals schläft. Fazit: Fies, fieser, am fiesesten: Succession!

Los Angeles bzw. Kalifornien:

Too Old To Die Young[7] – der schräge Titel impliziert es bereits – das „überdosierte“ Serienepos von Nicolas Winding Refn ist eine Mischung aus David Lynch (mysteriös) und Quentin Tarantino (Gewaltexzess). Was dieses TV-Epos so besonders macht? Gekonnt langsam gedrehte Szenen in Echtzeit verstärken das Gefühl von Beklemmtheit und Bedeutungshoheit. Entgegen der üblichen konventionell gedrehten Serienneuheiten erschafft der dänische Regisseur hier einen ungangbareren aber nicht minder berauschenderen Ansatz. Selten durfte ein undurchschaubarer Cop so lasziv und oft im Schneckentempo über eine Straße bzw. über die Fernsehleinwand schlendern, ausgestattet mit der sehenswertesten schwarzen Haartolle seit Elvis Presley. Egal ob Lolita, Bad Cop, Gangstas, Mexikanische Drogenbosse oder SM – Too Old To Die Young steckt alles auf einmal in den Kasten. So manch zart besaiteter Tourist wird in Zukunft vielleicht abwägen, ob eine Reise nach Los Angeles nicht doch zu gefährlich sein könnte – man weiß ja nie, in welche Untiefen man hineingeraten könnte! Mein absoluter Geheimtip für lange Abende, die sich übergangslos in die Nacht ziehen.

Und ja, liebe 40 plus da draußen, die ihr zu Hause kleine oder große Kinder auf dem Sofa verteilt sitzen habt – hier kommen zwei Serien-Pendants für sehr erwachsene, sprich ältere Eltern, vornehmlich Patchwork-Eltern: Big Little Lies[8] sowie die fünfte und letzte Staffel von The Affair[9](die vorigen Staffeln 1 – 4 kommen zu seicht über die Flimmerkiste).  Beide Serien sind in Kalifornien angesiedelt, beide raffiniert und aufwendig ausgestattet, sind aber letztlich zu „clean“ abgehandelt. Seis drum, Big Little Lies kann mit dem besten Frauen-Cast ever aufwarten, Nicole Kidman mimt überzeugt die von häuslicher Gewalt geprägte Ehefrau. Zur Höchstform läuft überraschend die finale Staffel der Serie The Affair auf. In diesem Staffelfinale übernimmt endlich ein kluges, schonungsloses Drehbuch die Regie und Schriftstellerfiesling (sic!) Noah Solloway sowie seine gar nicht so unschuldige Ex-Frau Helen dürfen verdientermaßen so richtig arschig in Erinnerung bleiben für uns Zuseher. Haben wir doch immer schon gewusst, dass letztlich jeder sich selbst der Nächste ist! Go for it!

Der britische Musiker Michael Kiwanuka schaffte es mit seinem Titelsong Cold Little Heart zu Big Little Lies in die europäischen Charts. Seine Songs werden seit der Ausstrahlung der Serie in den Radios hierzulande rauf und runter gespielt, sehr zu Unrecht für meinen Geschmack, auch wenn mich der Serien-Hit Cold Little Heart zu überzeugen vermag.

Für verregnete Vorabende an denen es einzig darum geht, eine Stunde lang das Gehirn auf Minimalbetrieb zu schalten um den eigenen Alltag auszuknipsen, empfehle ich die französische Serie Call my Agent[10], die mit grandioser Leichtigkeit mimenden Darstellern aufwartet und voller Esprit durch eine Pariser Casting-Agentur führt. Im französischen Original heißt die Serie Dix pour cent – Zehn für Hundert, dies ein Beispiel für wenig gelungene Titeltranskriptionen. Mit Cafe au lait und einem frischen Croissant schaut sich die charmant witzige Serie gleich noch besser an und siehe da, nach 55 Minuten läuft das Leben mit Normalbetrieb wieder weiter! Lasst euch in jeder Folge von den jeweiligen Starauftritten überraschen – alles was schauspielerisch Rang und Namen hat in Frankreich, darf eine Runde lang mitspielen.

Auch die Papst-Serie des italienischen Filmemachers Paolo Sorrentino soll hier nicht unerwähnt bleiben: The Young Pope[11] und The New Pope wird wohl die einzige Vatikan-Serie bleiben, die es je am TV-Himmel zu sehen gab. Konnte die erste Staffel mit Jude Law in der Hauptrolle durchwegs mit Set und Dramaturgie überzeugen, schafft es Der Neue Papst leider nicht über bildgewaltige, epische Sequenzen hinaus. Sorrentino ist hier schlichtweg das Drehbuch abhanden gekommen. Wo mag es hingekommen sein? Ausschließlich die gekonnt ironischen Anspielungen auf die von Papst Franziskus im Vatikan eingeführten Neuerungen vermögen mich zu besänftigen. See you next time – mit Serien aus dem deutschsprachigen Raum.

Regina Hilber für DIE LAVOIR


[1] Idee: Deborah Feldman, Regie: Maria Schrader für Netflix

[2] Regie und Idee: Joshua Z. Weinstein

[3] nach dem Roman von Brian Stelter; Adaption für die Serie: Jay Carson für Apple TV

[4] nach dem Roman von Gabriel Sherman; Adaption für die Serie: Tom McCarthy und Alex Metcalf für HBO

[5] Idee: Brian Koppelman, David Levien und Andrew Ross Sorkin für Netflix

[6] Idee: Jesse Armstrong für HBO

[7] Idee: Nicolas Winding Refn für Amazon

[8] nach dem Roman von Liane Moriarty, Regie Jean-Marc Vallée für HBO

[9] Idee: Sarah Treem und Hagai Levi für Showtime

[10] Idee: Dominique Besnehard, France 2

[11] beide Paolo Sorrentino für Sky Antlantic und HBO

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