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Grauer Maitag in Przemyśl


Logbuch OSTSCHLEIFEIm Grenzgebiet Polen/Ukraine

Mainachtmittag in Przemyśl © Geza Gold (Bildrecht) 2020

Auf den Spuren des ehemaligen Galizien-Lodomerien:

Eine typische ehemals galizische Stadt war Przemyśl (Prömsel), eine der ältesten Städte Polens. Sie liegt am äußersten östlichen Rand des polnischen Verwaltungskreises Woiwodschaft Karpatenvorland. Wie ein Vorbote auf Ruthenien wirkt die kleine Stadt, die sich den Hügel hinaufzieht, nahe an der Grenze zum Nachbarland Ukraine. Unten fließt träge und trüb der San. An seinen Ufern schäumt die schmutzige Brühe, Unrat kreiselt im weißen Schaum an der Oberfäche. Viel weiter im Norden speist der San die Weichsel.

Der Fluss teilt die Stadt in zwei Hälften. Östlich des Sans erstreckt sich das historische Stadtzentrum den Hügel der Vorkarpaten hinauf. 1939, nach dem Einmarsch Russlands sowie der deutschen Truppen, erfuhr die Stadt neben der geographischen eine weitere Zweiteilung, eine politische. Gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt verlief die Grenze zwischen Russland und der von Hitler-Deutschland okkupierten Region genau in der Mitte des Flusses. Das jüdische Ghetto lag auf der russischen Seite, bis die Nationalsozialisten im August 1941 in Russland einmarschierten, und so auch den Ostteil der Stadt einnahmen und die dort verbliebenen 17.000 Juden im Wald bei Belzec erschossen, oder in Vernichtungslager brachten. Nur 500 Juden der Stadt sollten den Nationalsozialismus in Verstecken überleben. Viele von ihnen, Frauen und Kinder, wurden in einem Schulhof mitten im Stadtzentrum erschossen. Eine Gedenktafel erinnert daran.  

Das Hotel, in das wir einchecken, ein kommunistischer Plattenbau an der Durchzugsstraße, ist wenig einladend. Die strenge Rezeptionistin verlangt nach den Reisepässen. Ihre Miene ist finster. Grob hackt sie auf der Tastatur herum, tätigt einen Anruf. Es findet keine Kommunikation zwischen Rezeptionistin und Gast statt. Sie bleibt stumm, ihr Gesicht weiterhin versteinert. Wäre ich mir nicht sicher, dass ich vor dem Rezeptionsdesk eines Hotels stünde, ich würde es mit der Angst zu tun bekommen.  Zwei Anrufe hat die strenge Dame bereits getätigt, meinen Reisepass dabei hin und hergewendet, Daten durchgegeben, Nummern notiert. Welcher Umstand rechtfertigt ein solches Telefonat? Ich hatte eine Online-Reservierung getätigt, der Aufenthalt ist bereits mit meiner Kredikarte im Voraus bezahlt. Kein freundliches Winken meinerseits hilft, kein fröhliches Zunicken, Informationen werden keine weitergegeben an den Hotelgast.

Weiterhin hartnäckiges Schweigen aus dem Rezeptionskasten. Mein Begleiter deutet auf ein Schildchen, das auf dem Tresen steht: English spoken. Die Dame will nicht sprechen, weder auf Englisch, noch auf Russisch. Ich wage es nicht, sie auf Deutsch anzusprechen. Genervt erhebt sich die Rezeptionistin von ihrem Schreibtisch, sucht in einem Schrank nach einem Ordner, blättert die Seiten brutal um, es folgt ein weiteres Telefonat. Berliner ist fasziniert von diesem groben Schauspiel, gleichzeitig fragt er mich im Flüsterton, ob wir uns im richtigen Hotel befänden. Jeder zeigt sich verunsichert auf seine Weise.

Berliner gießt uns erst einmal Vodka in die großen Gläser ein, als wir endlich die Zimmer beziehen dürfen. Wortlos wurden uns zwei Schlüssel in die Hand gedrückt, mit schweren, großen Messinganhängern, die mehr wiegen als die zwei Bücher in meiner Handtasche. Nicht einmal Berliner will die schweren Ungeheuer in seinem Rucksack unterbringen. Schlüssel wie diese gibt man gerne an der Rezeption ab, bevor man das Hotel verlässt. 

Wir gehen den Fluss entlang in das Stadtzentrum. Neben dem Hotel liegt einer der vielen Betonbunker, die die Sowjets errichten ließen. Eine Gruppe Erwachsener und Kinder tummelt sich im und vor dem Bunker, wo sie ein Lagerfeuer entzündet haben. Die Feuchtigkeit, die vom San aufsteigt vermischt sich mit der nasskalten Mailuft. Es nieselt leicht, Mütze und Schal, die wir eigentlich für den Notfall eingepackt hatten, werden wir während der gesamten Reise nicht mehr ablegen. Die Lichtverhältnisse werden bescheiden bleiben wie am heutigen Tag, aus dem Einheitsgrau wird sich kaum ein Farbtupfer hervorheben. Fluss, Himmel, Straße und Häuserfassaden verschmelzen zu einem einheitlichen Grauton. An den ersten zarten Blättern der Bäume hängen schwer die Regentropfen. Tropfnass ist das Brückengeländer an der kleinen Brücke über dem San, tropfnass sind die Parkbänke entlang des Ufersteigs an denen selbst an Sommertagen keine Menschen sitzen, tropfnass sind unsere Nasen, die Gedanken verhangen. Mai im Grenzgebiet.

Durch die strategische Lage im Karpatenvorland, den Bau der riesigen Festungsanlage und der Anbindung an das österreichische Bahnnetz, erlebte Przemyśl vor allem um die vorige Jahrhundertwende einen gewaltigen Aufschwung. Krankenhäuser wurden gebaut, Gymnasien errichtet, imposante Villen, Repräsentationsbauten und kleine Industriebetriebe entstanden in dieser Zeit. Die Einwohnerzahl stieg enorm, in den Gassen hörte man Polnisch, Deutsch, Jiddisch, Ruthenisch und Armenisch. Die Ansiedelung österreichischer Zuwanderer brachte kulturelle Vielfalt in die Stadt, in den Villen entstanden Salons,  deutschsprachige Schulen wurden eröffnet, eine bescheidene Literaturszene entwickelte sich. Helene Deutsch (geborene Rosenbach) wurde hier geboren, gründete gemeinsam mit dem sozialistischen Politiker Herman Lieberman eine Organisation für Arbeiterinnen, bevor sie zum Medizinstudium nach Wien ging und als Psychoanalytikerin international bekannt wurde.

Joseph Roths fiktives Hotel, das Hotel Savoy[1], könnte genau hier in einer Grenzstadt wie Przemyśl gestanden haben, die geschlagene Schlacht hier in den Ebenen vor dem Karpatenvorland stattgefunden haben. Zwar hatte Roth das in Łódź stehende Hotel Savoy als Vorlage für seinen Roman verortet (mutmaßt die Literaturwissenschaft), aber die Soldatenheimkehrer, die aus der Gefangenschaft Entlassenen, die Gestrandeten, die Verzweifelten, sie könnten genau hier am Ufer des Sans, in den Elendsquartieren am Rande von  Przemyśls Innenstadt Zuflucht gesucht haben. Das imperiale Hotel Savoy steht in Roths kurzen Roman Pate für den österreichischen Kaiser, für das ganze Imperium der Habsburgischen Doppelmonarchie, das dem Untergang geweiht ist.

Kälte und Feuchtigkeit zwingen uns zum Verweilen, zwingen uns immer wieder zu einem Kaffehausbesuch, der ja nie ein solcher sein kann, denn das typische Kaffeehaus gibt es nicht. Nirgendwo wird geheizt in den Lokalen, aufwärmen können wir uns leider nicht. Wir zwingen uns an grobe Holztische in den rustikal eingerichteten und von Dunst verhangenen Restawrazi.
Das Verweilen gestaltet sich (wie das Tempo hier im Osten) von einer ungewohnten Seite. Es erlaubt kein Entrinnen. Auch kein Aufbäumen dagegen. Mit dieser ausgeprägten Adaptivität haben wir nicht gerechnet. Überrascht über uns selbst, und doch dankbar, nehmen wir sie entgegen. Sobald Jacken und Mützen etwas angetrocket sind, sich nicht mehr nass anfühlen, treten wir wieder hinaus auf die Plätze und Gassen, nehmen das Grau hin, die Nässe, die abermals in unsere Kleidung kriecht.  

Charakteristisch für osteuropäische Regionen sind die vielen Unverhältnismäßigkeiten, die uns begegnen. Das Irrationale sorgt verlässlich für Überraschungen: Irgendwie werden wir vorankommen, irgendwie werden wir das gesuchte Haus, die Straße, den Zug, finden. Manchmal sind wir einfach zu müde und durchgefroren, um ein viertes oder fünftes Mal nach einem Straßennamen zu fragen bzw. nach einer Verkehrsverbindung. Gelassenheit lerne ich da, wo ich sie selbst am wenigsten erwarte. Was hier zählt, ist das Ungeschriebene. Darauf sollte man vertrauen. Dies gilt insbesondere für Fahrpläne, Öffnungszeiten und Auskünfte jeglicher Art.  

Im Wirrwarr der verschiedenlichst angekündigten Zugankunfts- und Abfahrtszeiten, oder Stadtpläne, die Änderungen von Straßennamen nicht berücksichtigen, bleibt die Orientierung schwierig. Faustregel Nummer eins: Die An- und Abfahrtszeiten von Zügen oder Bussen, die man online auf den offiziellen Homepages findet, korellieren niemals mit den an Bahnhöfen analog ausgeschlagenen Zugtafeln und sie unterscheiden sich zudem von den an elektronischen  Displaytafeln angezeigten Zugverbindungen in den Bahnhofshallen, sofern es solche gibt. Das Vorab-Organisieren wird zu einem Spießroutenlauf.  Es ist unmöglich, eine Fahrt genau vorauszuplanen. Am Besten, man geht eine Symbiose ein, mit den regionalen Besonderheiten, eine Symbiose die auch Kollege Berliner und ich inzwischen eingegangen sind. Wir lächeln im selben Moment denselben Landschaften zu, die draußen vorbeiziehen, sprechen synchron, sprechen sogar ganze Sätze Silbe um Silbe synchron, werden zur selben Zeit müde vom Hinausschauen, erahnen den nächsten Schritt des anderen.  

Es ist nicht die Fremdheit, die einen anderen Rhythmus vorgibt – Verständigungsschwierigkeiten und infrastrukturelle Eigenheiten evozieren diese besondere Form der Entschleunigung, nach der ich lange gesucht hatte. Die Ränder des Ostens schaffen diesen Grad der Entschleunigung in wenigen Tagen. Es ist wie eine Gratisbeigabe während des Arbeitsaufenthalts zur Recherche an meinem Logbuch OSTSCHLEIFE. Ich nehme den Umstand dankbar entgegen.

Ich spüre, wie sich alles in mir verlangsamt, wie das Sprechen sich nicht nur reduziert, sondern auch zeitweise entkoppelt von intellektuellen Ansprüchen. Die vielen Wartestunden, die langen Zugfahrten, die wenig Abwechslung bringen, sie alle evozieren einen Sog, der sich „der steile Abfall zur Banalität“ nennen könnte. Wir ertappen uns dabei, wie wir zeitweise sinnbefreit vor uns hinbrabbeln. Dann schrecken wir auf, schütteln Romantisierungsmechanismen und infantile Einschübe ab, richten uns wieder auf, wenden uns krampfhaft einem intellketuellen Austausch zu.

Weit entfernt hat sich die gewohnte Alltagsmaschinerie. Das Irrationale wird genauso ein konstanter Begleiter, wie der Tempowechsel. Wir glauben uns an einen Ort,  an eine Zeit zurückversetzt, in der wir uns in keiner Vergangenheit bewusst aufgehalten hatten, doch die tatsächliche Distanz zu Wien beträgt nur achthundert Kilometer. Ein schnelles Gebet zu Entschleunigung und Indeterminismus. Oder ist es doch ein Determinismus, der sich nur anders offenbart? Die Erkenntnis ist trügerisch. Ich bewege mich in einer Art temporärer Umbruchphase, bis ich mich an die regionalen Rhythmen und Gepflogenheiten gewöhnt habe und der Determinismus auch hier unweigerlich das Ruder übernehmen wird. Mai, immer noch. Tropfnass, grau, nebelverhangen.

Regina Hilber


[1] Joseph Roth, Hotel Savoy (erstmals erschienen 1924 im Berliner Verlag  Die Schmiede)

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