DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Kabelsalat in Czernowitz

UKRAINE – eine Anschau

Geza Gold (Bildrecht) 2019

Einem Städtchen wie Czernowitz kann man nur mit Zuneigung begegnen, einer bedingungslosen Zuneigung. Die Liebe fällt da hin, wo sie am wenigsten zu erwarten wäre. Czernowitz kann man nur mögen. An keiner Stelle wirkt die Stadt ausschließlich urban, an jeder Ecke, in jeder Gasse, umgibt sie eine provinzielle Atmosphäre. Abseits der wenigen Hauptadern, die die Stadt durchziehen, folgen krumme Straßen mit noch krummeren Häusern. Die Gassen führen stets einen Hügel hinauf oder hinab, bevor die jeweilige Häuserfront in einer Kurve verschwindet. Manche Straßenfront endet abrupt, gesäumt von wild wucherndem Gebüsch, das ein Ende markiert: Das Ende eines Straßenzugs, das Ende einer rumänischen Familiengeschichte, einer sowjetisch geprägten Ära, das Ende ganzer Epochen und Tragödien. Dahinter steht das Nichts. Und doch befindet sich diese Gasse mitten in der Stadt, gesäumt von alten Ladas.

Akkurat sind die Wurmfortsätze von den asphaltierten Straßen abgekappt, sind pflasterlos aus gestampfter bukowinischer Erde, hier und da mit aufgerissenen Straßenbelägen, die vielleicht schon morgen, eher aber in nicht zu bestimmender Zeit, erneuert werden wollen. Da und dort ragen ein paar Meter Kopfsteinpflaster aus dem Flickwerk, bevor die bukowinische Erde gänzlich das Terrain übernimmt. Genau hier, in einer Seitenstraße wie der Troyanova Straße zum Beispiel, haben Karl Emil Franzos und Gregor von Rezzori das gesehen, was ich heute sehe: das multiethnische Provinzstädtchen, das alles hat, was die Hauptstadt eines Kronlandes braucht, von nichts zu wenig und von allem sehr viel. Die bukolische Dichtung muss eine Erfindung dieser Stadt sein, mitten im Buchenland.  

Epochenverschlepper hatte sich Rezzori selbst genannt, weil er das Stadtkolorit der zu Ende gehenden Habsburger Ära literarisch nachgezeichnet hatte. Sowohl Rezzoris als auch Franzos Werke über die jüdischen Shtetl im ehemaligen Galizien können einer heutigen literaturwissenschaftlichen Prüfung nicht wirklich standhalten.

In den Seitenstraßen von Czernowitz wird die ganze Farbpalette der Bukowina aufgetragen. Zum schmutzigen Ocker gesellen sich gedecktes Türkis, Variationen von Mintgrün und das Rostrot der schmiedeeisernen Balkönchen. Die Häuser sind ebenerdig oder zweigeschoßig und könnten genausogut im Zentrum von Hollabrunn oder Korneuburg stehen, wie sie vor mehr als hundert Jahren gebaut wurden. Unser Leuchten kommt da in Fahrt, wo der Asphalt gekappt wurde und die Unebenheiten, die Buckel und Auswürfe der entvölkerten Gassen, sich den Anforderungen der Zeit erfolglos entgegenstemmen.  

Aber da sind ja noch die unzähligen Kabel, die Strom- und Telefonleitungen, die die ganze Stadt auf sehr geringer Höhe überziehen. Sie suggerieren greifbare Nähe. Kabelsalat auf Augenhöhe. Für unterirdische Leitungen ist kein Geld da. An exponierten Stellen sammeln sich mehr als einen Meter hoch, dicke Wulste aus ummantelten und freiliegenden Stromleitungen, Telefon- und Netzwerkleitungen. Wir stellen uns unter den Kabelsalat an einer Straßenecke und hören auf das Summen, das Summen von Strom, von eingebildeten Zirkulationen und Schwingungen, von Spionen, der NSA vielleicht. Ich bin jetzt hier.

Ich bin hier in der Bukowina, an einem Ort, der früher ganz bestimmt eine pulsierende, multiethnische Stadt war und gegenwärtig mehr zu Rumänien passen will, als zur Ukraine. Dass sich Czernowitz offener der Ukraine gegenüber positionierte wünscht sich auch die Stadtplanerin Natalja Jerjomenko. „Wir befinden uns im Blinddarm der Ukraine“, sagte sie in einem Interview. Fern der Hauptrouten befinde sich die Anbindung der Hügelstadt mit der restlichen Ukraine, oder gar nach Europa. Die Verbindung mit Europa finde eher auf einer zwischenmenschlichen Ebene statt. Die jungen Bewohner der Stadt, die Studenten vorwiegend, die Familien mit kleinen Kindern, sie halten Czernowitz nach außen hin zusammen, unterstützt vom Kabelsalat, der die Straßenschluchten umspannt.

Regina Hilber

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