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Kabelsalat in Czernowitz

UKRAINE – eine Anschau

Geza Gold (Bildrecht) 2019

Auf der schmalen, oberen Stirnseite des Zentralen Platzes liegt das imposante Rathaus mit hellblauer Fassade, links davon erstreckt sich die lange Olga Kobyljanska Straße, zur Zeit der Donaumonarchie die sog. Herrengasse. Auch heute noch ist die Kobyljanska Straße, die Prachtstraße in Czernowitz und ein typisches Beispiel für die Namensänderungen, denen viele Gassen und Plätze in der Westukraine im Laufe der wechselvollen Geschichte unterworfen  waren. Bis 1918 nannte sich die schöne, langgezogene Straße, die sich ungefähr auf halber Länge genau auf einer Hügelkuppe befindet und links und rechts davon sanft abfällt, Herrengasse. Nach dem ersten Weltkrieg wurde sie rumänisiert und zur Strada Iancu Flondor. Seit dieser Teil der Bukowina 1944 an die Sowjetunion fiel, heißt die Straße Olga Kobyljanska Straße. Sie blieb weiterhin die Flaniermeile und damit erste Adresse der Stadt für Geschäfte, Kaffehäuser und Restaurants.

Die jungen Czernowitzer schlendern langsam über das frisch verlegte Pflaster der Flaniermeile bis zum oberen Ende zur Schewtschenko Straße, vorbei an der großen orthodoxen Kirche, und manche von ihnen flanieren vielleicht auch wieder zurück zum Zentralen Platz, während die Geschäfte menschenleer bleiben und ab und an von Reisenden wie uns aufgesucht werden. Neben dem Haus der polnischen Kultur finden sich in der ehemaligen Herrengasse das Czernowitzer Museum für Lokalgeschichte, eine Kärnter Studentenverbindung sowie das Celan-Literaturzentrum und die Universitätsbibliothek. Olga Kobyljanskas Stücke werden noch heute im Czernowitzer Akademietheater aufgeführt.

Galizien oder Bukowina? Wie ordnet sich Czernowitz in die südlichste Region der Westukraine ein? Das Kronland Galizien und Lodomerien wurde 1772 gegründet, die multiethnische Stadt Czernowitz, am nördlichsten Zipfel der Bukowina, des Buchenlandes, wurde jedoch erst 1775 offiziell Teil der Habsburgermonarchie und damit Teil Galizien Lodomeriens. Nach der Konstituierung der Bukowina als eigenes Kronland der Habsburgermonarchie im Jahre 1849 wurde Czernowitz dessen Hauptstadt. Heute definiert sich die bukowinische Hügelstadt am Pruth, der etwas weiter südöstlich zum Grenzfluss wird und die Ukraine von Rumänien trennt, stark rumänisch geprägt. Im Straßenbild ist dies ebenso erkennbar wie an der rumänischen Sprache und den rumänischen Volksstämmen, den Huzulen zum Beispiel, die heute in ihren weißen Trachten mit bunten Stickereien durch die Olga Kobyljanska Straße ziehen. Das rumänische Kulturhaus hat einen Umzug organisiert.

Wer einmal in der Erde des Karpatenhügellandes wühlt, einmal in die bukolische Welt der östlichsten Habsburgerprovinz eintaucht, kommt nicht so schnell davon los. Martin Pollack erging es so und auch Karl-Markus Gauß. Der Mythos Galizien bleibt intakt, auch mehr als hundert Jahre nach dem Untergang der österreichischen Monarchie.

Nicht nur zu Lebzeiten sehr populäre Autoren wie Leopold von Sacher-Masoch und Karl Emil Franzos haben auf unterschiedlichste Weise, aber jeweils auflagenstark, über die östlichen Provinzen und das Leben im galizischen Schtetl berichtet. Auch die deutsche Literaturwissenschaft hat den Mythos noch befeuert. Höchste Zeit, einen Blick auf die zeitgenössische westukrainische (ruthenische) Literatur zu werfen.


Regina Hilber

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