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Der Weblog für freien Diskurs

JENNE

Gesunde Ohrfeige im einsamen Bergmassiv der Monti Simbruini

Geza Gold © (Bildrecht, Wien)

Aus den Abruzzen bei Subiaco:

Un schiaffo ti fa bene! Ti fa crescere un schiaffo, sagt der alte Herr in der Bar Rita etwas aufgebracht zu seinem Gegenüber, während er sich weit nach vorne beugt und mit den Armen ausholt. Eine Ohrfeige tut dir gut, eine Ohrfeige lässt dich wachsen!

Er gehört einer Altersgruppe an, der noch kein eigener Begriff zugeordnet wurde, sich zwischen Pensionsantrittsdekade um die sechzig bewegt, aber weit vor dem beginnenden Greisenalter, nämlich siebzig genau. Beiden Herren bietet Jenne keine andere vormittägliche Beschäftigung als sich bei einem Café oder einem Glas Wein zu zerstreuen, so wie allen Bewohnern hier, die gern das eigene feuchte Steingemäuer gegen den sonnenbeschienenen Platz tauschen um auf der Piazza Vittorio Emanuele III, vor der Bar Rita zu sitzen. Die Piazza ist eine verbreiterte Ausbuchtung einer Straßenkreuzung mit vielen Abzweigungen. Vorne die wuchtige, schmucklose Front der chiesa Sant`Andrea Apostolo, zieht sich rechts von ihr die steile Straße aus Kopfsteinpflaster hinauf zur strada provinciale, von der wir gekommen waren. Wir hatten nicht gleich auf Anhieb gewagt, das Auto in diesen sprungschanzenwürdigen Kanal aus Steinpflaster eintauchen zu lassen, um an die unten liegende Piazza zu gelangen. Mut und Muse leiteten uns schließlich doch hinab. 

Das steile Sträßchen benennt sich nach dem italienischen corso, zu Deutsch Haupt- oder Prachtstraße, so wie es ausladende, von Bäumen oder imposanten Bogengängen gesäumte corsi gibt in allen großen, feudalen Städten Italiens. Mit einem corso in Mailand oder Triest hat dieser hier nichts gemein. Der Corso Umberto I in Jenne ist nichts weiter als eine enge Gasse mit mehr als zehn Prozent Steigung, an der sich die schmalen Häuser in geschlossener Bauweise hochziehen und damit optisch Enge wie Steilheit noch wirkungsvoller hervorheben. Immer wieder tönen die Worte des älteren Herrn, der siebzig genau ist, über die Piazza: Eine Ohrfeige schadet dir nicht, Ohrfeigen lassen dich wachsen. Und der andere nickt zustimmend, während die Ohrfeigen-Theorie sich weiter hochschaukelt. Aus der einen gesunden Ohrfeige werden gar schiaffi, wird ein Plural, wird eine Serie aus Ohrfeigen. I schiaffi ti fanno crescere, non ti fanno mica male!

Wen oder was lassen diese insistierenden Ohrfeigen wachsen, wem sind sie zugedacht? Den jungen Buben im Dorf, die in ihrem Übermut ihnen zugedachte Grenzen überschritten haben, oder den wenigen jungen Männern die hiergeblieben sind in den Häusern aus Steinmauern, hier oben in den Abruzzen, in den Monti Simbruini? Aus Fehlern lernt man, will der Alte sagen, Rückschläge machen dich stark. Weise gar? Spricht er über seinen Enkelsohn, der in Rom studiert, oder in Frosinone eine Ausbildung zum Mechaniker macht? Ein großväterlicher Rat, eine Ohrfeige schadet dir nicht, schaden uns nicht, die Ohrfeigen werden gebraucht oder Kontrahenten zugetragen, die gerne mal auf die Schnauze fallen dürfen, während andere aus der Entfernung dabei zusehen.

Wir schlürfen den Latte Macchiato und hören zu mit einem Ohr, manchmal auch mit eineinhalb, fangen die Sprachfetzen auf, legen das Unsere mit hinein. Unverkennbar ist die Luft, die uns einhüllt mit ihrer würzigen Frische, eine Bergluft. Ein Windstoß weht vom Monte Pratiglio herunter, sorgt für kurze Augenblicke für aufkommendes Frösteln, das gleich wieder weggewischt wird, denn die Septembersonne hat nichts eingebüßt von ihrer sommerlichen Kraft, selbst hier oben nicht, im dicht bewaldeten Naturschutzgebiet der Monti Simbruini. Wer als Wanderer und Pilger den Benediktweg bis hinunter in das rund hundert Kilometer entfernte  Montecassino wagt, wird ihre unerbittliche Kraft zu spüren bekommen an den Stellen, wo die Berghänge kahl und steinig sind und kein Baum für Schatten sorgt.   

Zwei Kinderwägen werden über die einzige Piazza geschoben.  Die Hände, die die Wägen schieben, sind die einer kräftig gebliebenen Großmuttergeneration knapp jenseits der Fünfzig. Der kostbare Dorfnachwuchs wird tags von kräftig zupackenden Armen versorgt und aufgezogen. Für junge Mütter kann ein abgelegenes Bergdorf wie Jenne kein Platz zum Leben sein, ein Ort zum Wiederkehren vielleicht, für einen Wochenendbesuch bei Eltern und Tanten, ein Unterschlupf wenn anderswo die gesunde Ohrfeige, ein Fehltritt zugeschlagen hat. Dreihundertsechzig gemeldete Bewohner hat Jenne heute, kurz nach dem ersten Weltkrieg waren es zweitausenddreihundert gewesen. Bis ins erste Jahrhundert nach Christus geht die hochgelegene Siedlung zurück, sogar ein Papst wurde hier geboren: Rinaldo der Zweite von Jenne, der später als Alexander IV 1254 den Papststuhl bestieg. Wie viel gleichmütiger könnten die Leute in meinem Tiroler Heimatdorf in den Alpen auf ihren Dorfplatz blicken, ließe ihre Dorfchronik die Geburt eines gleichzeitig Edlen und späteren Papstes zu. In Jenne sind jene geblieben, die sich selbst und Ihresgleichen beim Altern wiedererkennen, dabei aber gesund und rüstig genug geblieben sind, um nicht Pflege oder medizinischer Versorgung zu bedürfen. Es gibt keine Arbeitsmöglichkeiten in den Monti Simbruini, es sei denn als Schäfer oder weiter nördlich im Benedikt-Städtchen Subiaco, das aber die eigenen Einwohner kaum ernähren kann. Rita, die Barista, hat mit der einzigen Bar des Bergdorfs ein gutes Auskommen, ihre fünf Tische auf der Piazza gereichen zur einzigen Zerstreuungsmöglichkeit im Ort. Auch dem Greißler gegenüber, dem sog. Alimentari und dem Apotheker, der all die Alten und Greise versorgt mit Mittelchen für die üblichen Alterserscheinungen wie Blutdrucksenkern, sind die Einkommen gewiss. Man stelle sich vor, das einzige Mädchen des Dorfs würde Gewissheit erlangen wollen über einen möglichen anderen Umstand mittels eines Schwangerschaftstests aus genau dieser Apotheke. Zum nächsten Ort sind es viele Kilometer über enge, kurvige Bergstraßen. Das ganze grüne, dicht bewaldete Bergmassiv, einem Urwaldteppich gleich, müsste überwunden werden. Der einzige Junge des Dorfs wäre sofort als Verursacher des Malheurs enttarnt, die chiesa Sant`Andrea Apostolo, ohnehin viel zu monströs gebaut für den Ort und nur für wenige Hochmomente den nötigen katholischen und festlichen Rahmen beisteuernd, würde die einzige Hochzeit des Jahres einläuten, die einzige für ein Jahrzehnt sogar.

All das ist eine spontane Mär, ein bukolischer Gedankensprung in einem bukolischen Landschaftszug. Jenne beherbergt gewiss mehr als nur ein Mädchen und einen Jungen im Mittelschulalter und auch eine zweite Apotheke reiht sich drüben in der Via Cesare Battisti ein. Beide Apotheken sind fest in Frauenhand, werden jeweils von einer dottoressa geführt. Der hier geborene Papst Alexander IV hatte sich als einer von wenigen gegen die aufkommenden Hexenverfolgungen ausgesprochen gehabt. Wer weiß, ob seine schützende päpstliche Hand nachhaltig für die Anerkennung der Rechtschaffenheit der Frauen in Jenne gesorgt hat. Der Apothekerladen im vielleicht schmalsten und abgelegensten corso Italiens überhaupt ist von winzigem Ausmaß, wie eben alle Zimmerchen in engen Steinhäusern nur dieses bescheidene Maß hervorbringen können. Wie die schwindelerregende Steigung zur strada provinciale hinauf, sind auch die zwei Stufen ins Innere des Apothekerladens den steilen Hängen der Monti Simbruini angeglichen. Nichts darf aus dem Lot kommen. Wo die Natur abenteuerliche Schrägen zieht, muss sich die Geometrie des Dorfs den Bergformationen anpassen. Die Piazza vor der Bar Rita dient als ebener Scheitelpunkt, wo sich Ort wie Ortsansässige austarieren dürfen um Luft holen zu können. Von hier aus geht der Talblick weit nach Nordwesten hinüber zu den Felsen bei Subiaco, wo sich das Kloster San Benedetto mit der Felsenkirche Sacro Speco abenteuerlich an der Felswand hochzieht und auf der anderen Seite nach Süden, wo uns die strada provinciale vom Nationalpark der Simbruiner Berge heraufgeführt hat. Das langgezogene Jenne erstreckt sich auf dem auskragenden Hügelgrat entlang, nach drei Seiten blickt es in die Schluchten hinunter zum Aniene. Hinter der Piazza führen die engsten Steinpflaster bis zum Endpunkt des Dorfs, wo die Häuser um eine weitere Dimension schmaler werden. Treppchen, die noch auf dem kleinsten Grundriss Platz finden, ziehen sich die Steinfassaden empor, wo sie auf einem waghalsig montierten Podest Platz schaffen für einen zweiten Hauseingang im Obergeschoß. Am abgerundeten Endpunkt des Hügelgrats thront die romanische Kirche Madonna della Rocca auf einem Felsen über dem Tal des Aniene. Die Kirche ist als letzter Rest des einstmaligen Schlosses erhalten geblieben, in dem Rinaldo II und spätere Papst, geboren worden war. Tief unten in der Talschneise schlängelt sich der grünlich gefärbte Aniene, der an Subiaco vorbei, weiter bis Tivoli führt und nach Rom. 

Aus den beiden Kinderwägen ist kein Laut zu hören. Die Babies darin schlafen den Abruzzen-Schlaf, werden von einer engen, abschüssigen Gasse in die andere geschoben, immer am schmalen, auskragenden Bergrücken entlang, auf dem sich das langgezogene Jenne seit 1065 ausgebreitet hatte. Zwei Mal um die Piazza herum, oder waren es drei Mal, vier Mal, ruckeln die Kinderwägen über hartes Gestein. Mutter und Vater sind gerade anderswo, die Stunden vor dem Mittag lang, bis es Zeit wird für die kräftig zupackenden Großmutterhände, den  Mittagstisch zuzubereiten. Vielleicht gibt es keinen Ehemann, der gewillt wäre, von hier oben zur Arbeit nach Frosinone oder noch weiter zu pendeln. Wir sind froh, dass die Bergsträßchen uns allein gehören auf der Weiterfahrt nach Subiaco, uns niemand entgegenkommt in den einspurigen, finsteren Tunneln, die in einer halsbrecherischen Kehre enden oder beginnen und einen entgegenkommenden Verkehrsteilnehmer nicht einmal ansatzweise erahnen lassen. Wir hupen. Wir hupen ausgiebig vor jeder Kurve, ob innerhalb oder außerhalb der dunklen Tunnel und hoffen, der einzige Kleinlaster, der hier verkehrt um die Bar Rita mit Nachschub zu versorgen, möge nicht gerade jetzt unseren Weg kreuzen.

Regina Hilber


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