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I am loving it

Neue Männlichkeit als Lernprozess? Ade, toxische Männlichkeit

Wie am Beispiel der Serie Ted Lasso alte Normen unterhaltsam aufgebrochen, und toxische Männlichkeit in Empathie umgewandelt werden

Kansas goes London. Der erfolglose American Highscool Football Coach Ted Lasso wird nach London in die Soccer Premier League gedraftet zum Klub AFC Richmond, wo er für den Abstieg (!) sorgen soll. Der AFC Richmond ist ein klassisches Scheidungskind: Klubeigentümer Rupert ist kürzlich von Rebecca Welton geschieden. Seine Ex-Gattin Rebecca erhält laut Ehevertrag nichts als den ihr verhassten Fußballclub, den sie aus Rache in den Untergang, sprich Abstieg, führen will. Und hier kommt der titelgebende Ted Lasso ins Spiel: Er weiß nicht, welche Intention seine Chefin in Wahrheit hegt, geht mit überschäumender Positivity wie Menschenfreundlichkeit ins Trainerrennen, dreht dabei einen narzisstischen, testosterongesteuerten Feldspieler nach dem anderen um zu einem sozial intelligenten Zeitgenossen. Die Profifußballer gehen im Dominoeffekt reihum zu Boden, lernen step by step Brüderlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Auch Keeley, prollige Spielerfreundin, trägt das Herz am rechten Fleck, weiß die Top-Spieler Jamie und Roy nachhaltig in die Schranken zu weisen. Auf dem Fußballplatz punkten sie dennoch nicht. Das ist natürlich Fußballmärchen und Gesellschaftsfabel zugleich. Alles zu schön um wahr zu sein? Diese Frage stellt sich unweigerlich in jeder Folge. Erstaunlich, dass Jason Sudeikis Overacting funktioniert. Neuzugang Dani Rojas darf, ebenso manisch und ambitioniert wie sein Coach, wie ein Duracell-Häschen über den Rasen trippeln.

Der writers room lässt männliche Stereotype in den beiden Staffeln nicht hinter sich (kein Klischee – vom arroganten, harten Schönling bis zum schüchternen Platzwart oder afrikanischen Spielerimport – wird ausgelassen), aber er bietet diesen männlichen Figuren zum Austarieren ihrer Schwächen, Ängste und Nöte klar Auswege aus den altbekannten toxischen bis aggressiven Reaktionen: Der schon eine Staffel zuvor geläuterte Schönling und Brachialmacho Jamie Tartt wird vom ehemaligen Teamkollegen und nunmehrigen Neo-Coach Roy Kent (verstopft mit seiner Extremkörperbehaarung sämtliche Gullys) in den Arm genommen, nachdem Jamie von seinem Vater vor versammelter Mannschaft im Umkleideraum beschimpft und bloßgestellt wurde. Ausgerechnet der harte Jamie darf weinen, noch dazu in den Armen seines einstmaligen größten Widersachers im Team. Das ist sehr dick aufgetragen, aber die Botschaft gibt Hoffnung im gegenwärtigen Gesellschaftsdiskurs über toxische Männlichkeit und sorgt beim Streamen für den nötigen Feelgood Moment: Seht her Männer, selbst in der Fußballkabine darf das starke Geschlecht Haltung und Härte hinter sich lassen und Formen von Empathie und Emotionen zulassen. Nicht Aggression und Gewalt muss die Antwort auf Konflikte oder Ratlosigkeit sein, auch besonnene Reaktionen können auf überraschend nachhaltige Weise Lösungen bieten. Ein bisschen Brechreiz kommt da schon auf, bei all der überzeichneten Harmonie wie Läuterungsprozessen.  

Ausgedacht haben sich diese Feelgood-Serie (bei der weibliche wie männliche Zuseher schon mal die eine oder andere Träne verdrücken) Hauptdarsteller und Co-Produzent Jason Sudeikis sowie der Serienschreiber Bill Lawrence. Bereits 2013 hatte Sudeikis seine Figur Ted Lasso als Slapstick für Saturday Night Live entworfen. Der enorme Publikumserfolg aus den USA (Spielort ist jedoch London) lässt bekennende Ted Lasso-Fans von Ellen DeGeneres bis Jimmy Fallon regelmäßig zu Tränenbekenntnissen hinreißen und auch ich ertappte mich nach den ersten vier Folgen der Staffel 1 dabei, tiefes Mitgefühl für die latent trauernde Hauptfigur Coach Lasso (grandios dargestellt von Jason Sudeikis) zu empfinden:

Ein Mitvierziger in der Midlife Crises, der innerhalb der beiden Staffeln von der „geahnten“ bevorstehenden Trennung durch seine Frau, bis zur Zeit nach der Scheidung, alle Trauerphasen durchläuft. Wie er das tut, ist neu innerhalb der TV und Filmwelt: Ted will allen gefallen, versteckt seine Trauer, Unsicherheit und sein verlorenes Selbstwertgefühl hinter einer grotesken Maske aus Witzeleien, Spaß und Nettigkeiten. Wie eine Pumpgun schießt er clowneske Wortspielchen auf sein jeweiliges Gegenüber, immer positiv (super positiv), Vergleiche mit der Filmwelt ziehend, befeuert er seine darniederliegende Mannschaft mit Goodwill-Mentalität, Empathie und sanfter Erziehungsarbeit. Alles wird gut. Und bis dorthin haben wir jede Menge Spaß und gute Laune, lautet seine Botschaft. Anfangs finden sich Streamingzuschauer vor den Screens (wie seine attraktiven Fußballerschützlinge in der Serie) irritiert vor diesem Best-of-Laune-Beschuss wieder, aber auch wenn diese Rettungstaktiken überzeichnet bis deplatziert daherkommen, geht die Rechnung auf. Der Plot funktioniert, die Botschaft ist klar: Wir Männer können auch anders!

Kann neu definierte bzw. wiederholt vorgespielte neue Männlichkeit die Welt zu einem angenehmeren Ort machen? Ja, antwortet das gesamte Figurenensemble, und gemessen an den fabelhaften Schauspielleistungen (allen voran der jungen Riege), scheinen alle Akteure viel Spaß gehabt zu haben beim Dreh.  

Zu viele männliche Zeitgenossen driften ab der Lebensmitte ab in die ewige Verbitterung samt maliziösen Tendenzen (maligner Narzissmus!), die mit einer erheblichen Portion Misogynie einhergehen. Vor allem nach gescheiterten Ehen oder Beziehungen. Statt das Scheitern aufzuarbeiten um Platz zu schaffen für neue (Lebens-) Optionen, geht Mann zu oft in die fatale Offensive: Mehr Drogen, mehr Alkohol, mehr Gewalt, mehr Hass, mehr Selbstmitleid, mehr Kreisen um das eigene Ego, mehr Aggressionsverhalten. Auch ich bin es leid, Männern beim wiederholten Scheitern zuzusehen, und exakt an diesem Punkt fädeln die Serienmacher von Ted Lasso ein: Wir alle wollen letzten Endes geliebt und respektiert werden, ob Mann das zugibt oder nicht.  

Ich erinnere mich, als der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek 2004 der Literaturnobelpreis verliehen wurde: Mit meinen sehr viel älteren Autorenkollegen (allesamt jenseits der 47, frisch getrennt und scheidungstraumatisiert – ich selbst stand vor meinem Buchdebüt) saßen wir in einem Garten, dahinter der Fels. Wie sie sich geschlossen das Maul zerrissen haben über die Autorin Jelinek. Widerlich. Ein Jahr später zog ich in die Großstadt, seitdem zerreißen sich jene männlichen, temporären Weggefährten das Maul auch über mich. Toxische Kurzsichtigkeit nenne ich das.  

Jason Sudeikis (46), der zur selben Zeit als die Serie entstand sich selbst vor den Trümmern seiner langjährigen Beziehung mit Schauspielerin Olivia Wilde fand, hat wohl viel Selbsterfahrung in die Dramaturgie bzw. mit in den writers room gebracht. Verdammt sexy, dieser Coach Lasso in seinem zu engen „Pulli über dem Hemd“- Outfit!

Fazit: Ted Lasso ist eine Komödie, die regelmäßig haarscharf am Slapstick vorbeischlittert (und manchmal in subtilen Zynismus übergeht), aber den Zuschauer immer wieder mit klugen Kniffen und Suspense zurückholt auf die Zuseherbank. Alles zu schön um wahr zu sein? Ja, das kann man bemängeln, aber endlich gibt es eine Serie abseits des omnipräsenten Science Fiction-, Thriller- und Krimigenres, das Männern zudem Auswege und Lösungen aus vertrackten Alltagssituationen aufzeigt (wie Frau sie ohnehin schon lange kennt). Das Stichwort lautet: Gesichtswahrung für das vermeintlich starke Geschlecht. Könnte nicht besser laufen. Auch die Männerwelt findet Gefallen an diesem unterhaltsamen Schauspiel. I am loving it.

Regina Hilber 

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