DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

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Hohe Tatra

Novemberbaumfrau

Hohe Tatra bei Stary Smokovec / Slowakei
© Geza Gold (Bildrecht) 2019

Eine Novemberbaumfrau ist ein fabelhaft Ding. Jene im Haus Timrava in der Hohen Tatra hatte geglänzt von Kopf bis Fuß, von der Krone bis zum Stamm hinunter. Auf den Stellen, die mit Stoff bedeckt waren, schimmerten  Pailletten, ihr Gesicht strahlte jünger, als das der anderen Hausgäste.  An der Novemberbaumfrau konnte man sich nicht satt sehen. Ein wenig schief stand sie und an den Spitzen wirkte sie etwas ausgefranst, aber genau so hat man Weihnachtsbäume aus früheren Tagen in Erinnerung, nicht perfekt in der Form, hier und da zu dünne, oder krumme Äste, eine ungleich gewachsene Stelle, weshalb der Baum so zur Wand gedreht wurde, dass die abgeflachten Partien von der Mitte des Raumes aus nicht zu erkennen waren. Sie kam aus einem anderen Land, mitten in diesen November hinein.

Im Haus Timrava war alles abgezählt. Die slowakischen Schriftsteller und Wissenschaftler, die  jährlich für zwei Wochen die würzige Luft der Hohen Tatra genießen durften, die portionierte Butter zum Frühstück, die Marmeladentiegelchen „marhula“ und „jahoda“, die Brötchen, die am Vortag akribisch bei der Serviererin bestellt, um nicht zu sagen rapportiert werden mussten und das Papier, das nur in äußersten Notsituationen in der Kancelária ausgegeben wurde. Gezählt waren die Bären, es waren derer zwei, die nachts am Parkplatz vor dem Haus um die Mülltonnen strichen und daraus fraßen, gezählt waren die Lichtmomente, die Erbsen, die Gedankenschlieren, das Korn. Das Korn in den Gläsern vor allem. Gezählt waren auch die Worte in den finsteren Magazinen, jene Abstellkammern an den Enden der Flure, fensterlos und muffig.

Ungezählt hingegen waren die Blicke zwischen dem Mathematikwissenschaftler, der gerne über Sardinen referierte und der Serviererin, die mehr in der Küche zugegen war, als im kleinen Speisesaal. Ungezählt blieben die Wolkenschlieren, die sich ungefragt vor den Vollmond schoben, die kurzen Spaziergänge, auch das kleine Dreieck genannt, und der Bärenkot, der diesen Weg säumte.

Ansonsten alles wie immer. Zwei und zwei. Drei und einer. Einer allein. Hier ein Täschchen aus Pferdefell, dort ein Übersetzer als Pianist am Russischen Flügel im angrenzenden Grandhotel Bellevue. Wer konnte die meisten Pseudonyme vorweisen und welcher Autor hatte nie unter einem Pseudonym veröffentlicht, zu sozialistischen oder postsozialistischen Zeiten. Wer betrat das „Büro“ im ersten Stock, die sogenannte Kancelária, wie es in roter Schrift auf dem Messingschildchen geschrieben stand.

Niemand hatte je dieses Büro unbeschadet verlassen, wurde gemunkelt. Sauber, ja, sauber, im Sinne von Löschung trat man aus ihr heraus, über drei Generationen hinweg. Die Kancelária  war voll mit Dreck bis obenhin, aber wer aus ihr wieder in den Flur hinaus entlassen wurde, war frei von allem Schmutz. So lautete die Vorgabe. Die Kancelária erreichte man von der Mitte des Flures aus, woraus sich automatisch zu ihren Seiten ein flinkes und ein rechtschaffenes Lager ergaben.

Im rechtschaffenen Flügel lagen die schönen, großen Zimmer mit integriertem Bad und zwei zueinander geschobenen Einzelbetten. Das flinke Lager zeichnete sich durch die rege Betriebsamkeit aus, die dort tags wie nachts herrschte. Aus dem Gemeinschaftsbad drang heitere Stimmung. Im Gegensatz zu den winzigen, unbehaglichen Zimmern funktionierte dort die Heizung. Kollektive Kopfduschen erhitzten die Gemüter zusätzlich. Die letzte Flasche Horec war gerade zur Neige gegangen, der sechzigprozentige Tatratea tat sein übriges. Ilona, eine heitere Romanschreiberin, nahm allen Mut zusammen und stellte sich vor Ondrej.

„Du machst mich Leuchten. Ist das korrekt?“

Erwartungsvoll lehnte sie sich nach hinten an die kalte Novemberwand. Ondrej würdigte sie keines Blickes. Er drehte die Augen unmerklich nach rechts und redete weiter von sich und Sardellen. Sardellen mochte er auch. Im flinken Lager wurde weiter sinniert, vielleicht auch diskutiert. Es gab noch mehr Tatratea und Steinbeck in angezählten Pausen. Dann kam der Sturm. Ein Orkan mit Geschwindigkeiten bis zu zweihundert Stundenkilometern überraschte den Landstrich zwischen Stary Smokovec und Tatranska Lomnica.  Der gewaltige Sturm vernichtete nahezu den gesamten Baumbestand des Umlands. Auch das Haus Timrava wurde in Mitleidenschaft gezogen. Das Dach der flinken Haushälfte wurde vollständig abgedeckt.

Es war später Abend und dunkel, als der Sturm tobte und das Dach mit sich fortriss. In den oberen Zimmern des flinken Lagers schaute man die Sterne. Der Strom war ausgefallen, noch mehr Tatratea wurde getrunken, drei und eins, zwei und zwei, einer allein, rückten noch näher zusammen. Die Übersetzerin für französischsprachige Literatur strich über ihr Täschchen aus Pferdefell und wartete geduldig. Ungezählt waren die Idiosynkrasien der einzelnen Hausgäste in jener Nacht.

Roman, Journalist für eine wöchentlich erscheinende Gratiszeitung, schrieb einen Eilartikel über die Sturmschäden, deren Ausmaß er wegen der Dunkelheit nur erahnen konnte.  Einmal wollte er Erster sein. Das rechtschaffene Lager kannte wie immer keine Schlafunterbrechung. Ilona jedoch fror im Zimmer mit freier Himmelsicht und stieg über Holztrame und geborstene Sparren, die das Treppenhaus blockierten, nach unten zu Oleg. Aber in Oleg war es schon Nacht. Einen Jan gab es auch, aber dieser kannte den Unterschied zwischen flink und rechtschaffen nicht. 

Eine verwüstete Landschaft tat sich am folgenden Morgen auf. Was vorher Wald gewesen, lag wirr ausgebreitet über Feld und Flur, Baumwurzeln klafften aus der Erde.  Eine einzige Fichte hatte den Sturm beinahe unbeschadet überstanden. Sie stand im Garten vor dem Haus Timrava und ragte zwanzig Meter in die Höhe. Alle Äste der bergzugewandten Seite hatte der Orkan mit sich gerissen.

„Hoffnungslos!“, rief einer vom rechtschaffenen Fenster aus in die Morgenstunden. „Hoffnungslos!“

Wie zur Antwort öffnete sich ein Fenster im obersten Stock des flinken Flügels.  „Ahoi, ahoi!“ hallte es in die verwüstete Landschaft und in Oleg wurde es allmählich Tag. Die Köchin, die zwei Häuser entfernt wohnte, war über unzählige umgestürzte Bäume geklettert und trat pflichterfüllt ihren Frühstücksdienst in der Küche an. Mit lautem Getöse und Geklapper räumte sie den alten Holzofen zum Heizen und Kochen leer, die Gas- und Stromleitungen waren defekt, die Schriftsteller morgens besonders küchenbedürftig. „Herd an!“, rief sie frenetisch  in den noch leeren Speisesaal und eilte zurück in die Küche, um ein Feuer zu entfachen, beugte sich hinunter zum leergeräumten Backrohr in dem eine Spinne hockte, überlegte kurz, ob das Tierchen gezählt oder abgezählt war. Mit festem Druck schloss sie das Backrohr und flüsterte verschwörerisch  durch das winzige Guckfenster: „Mach mich leuchten! Ist das korrekt?“.

Dann pustete sie kräftig durch das vergitterte Feuertürchen, um das noch zarte Feuer anzustacheln. Ein winziges Lichtchen ging an. Im Tumult des erwachenden Hauses Timrava rollte irgendwo eine verloren gegangene Erbse.  

In den oberen Stockwerken gingen  zwei und zwei, drei und eins, einer allein, übergangslos von der Nacht zum Tag über. „Ich mache eine Meldung.“, sagte Ondrej feierlich und schielte auf die Tür zur Kancelária. „Der Sturm verhindert die Heimreise zu meiner Frau. Es lebe das Fest! Überhaupt, alles soll leben!“

„Ahoi!“, schrie Roman, der soeben seinen Sturmartikel beendet hatte.

„Ahoi!“, stimmte Otakar zu, der nicht nur Übersetzer, Autor und Pianist, sondern zu tschechoslowakischen Zeiten auch Botschafter in Washington D.C. gewesen war. Die Novemberbaumfrau wurde aus ihrem Bett geholt, im Speisesaal aufgestellt und zum Leuchten gebracht. Zum Frühstück gab es Sardinen aus der Konservendose, frische Zwiebeln und Suppe vom Vortag. Die Übersetzerin hängte der sehr schräg stehenden Novemberbaumfrau die Tasche aus Pferdefell über die Schulter, klappte das Täschchen auf und legte eine Ölsardine hinein. Alles wie immer. Draußen im Garten brannte die vom Orkan verschont gebliebene Fichte lichterloh.

„Du machst mich leuchten! Ist das korrekt?“ Jana blickte Roman feierlich an.

„Was weiß ich schon. Ich bin nur ein Journalist.“ Roman, der im Speisesaal mit dem Rücken zum Fenster an seinem Tischchen saß zuckte mit den Schultern und würdigte Jana keines Blickes.

„Ja, du machst mich leuchten“, bestätigte Jana zufrieden und schaute das Feuer. Ondrej aß seine elf Sardinen samt Köpfchen, der Pianist, der an diesem Tag ausschließlich Übersetzer sein wollte, trank ein Gläschen Cognac. Acht cl schrieb die Serviererin in ihr schlaues Büchlein. Alles wie immer.

Regina Hilber

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