DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°9

Absprechen. „Thomas Bernhard ist für mich kein Schriftsteller, sondern ein Textbrunzer.“ Verstehe hierin Werner Schneyder nicht. Entweder ist das in privaten Animositäten bzw. im Ruhmneid begründet oder aber er, der doch durchaus Geistreiche, war hinsichtlich Bernhards einfach „unmusikalisch“. Die Animosität kann sogar eine physische gewesen sein: Schneyder, der es mit dem Boxen hielt, konnte sich Bernhard nicht im Ring vorstellen. Es gibt Formen der Intellektualität, die sich mit anderen Formen – hier möchte ich lieber sagen – des Geistes,  nicht vertragen. Oder sogar mit dem Geist selbst nicht. Sie neigen oft auch dazu, „Geist“ als „metaphysisches Wort“ schon abzulehnen. Hier stelle ich Intellektualität und Geist gegenüber wie Spengler Zivilisation und Kultur. Zusätzlich schien Schneyder Bernhards politische Stellung nicht ganz knusper, bei Schneyder war es immer ein aktuell kritisch Stellungbeziehen, geschult an Tucholsky. In einem Interview zu seinem 80. Geburtstag sagte Schneyder: „Die positive Einschätzung von Thomas Bernhard ist ein literarischer Irrtum, der auf einer gewissen Magie des Faschistoiden beruht.“ Dass der existenzabsurdistische Bernhard der ungemein Radikalere ist, scheint ihm unzugänglich gewesen zu sein. Oder ist es nur der eine Narzisst, der den anderen neben sich nicht dulden kann, nach dem Motto: „Es kann nur einen geben“? Eigentlich hätten die beiden sich ja gar nicht ins Gehege treten brauchen, sie waren ja objektiv gar keine Konkurrenten. Doch bei wesentlicherer Betrachtung schon: in Interviews, doch auch in seinen Theaterstücken, in der Prosa versteckter war Bernhard unabsichtlich dem kabarettistischen Fach nahegekommen, ohne dieses aber im Sinne der alten Schule zu beherrschen, wozu Bernhard auch nie die Ambition je hatte: er war weder ein Karl Farkas noch ein Loriot. Bernhard in seinen Interviews ist häufig witziger als die Kabarettisten, ohne dafür eigens im Schweiße des Angesichts ein eigenes Kabarettprogramm ertüfteln zu müssen. Seine spontane Witzigkeit war Nebeneffekt bzw. richtiger: Manifestation seines Geistes. WITZNEID also letztlich beim anderen?

Es war der eine Albert, der den anderen Albert für den größten Menschen seiner Zeit hielt: Albert Einstein den Albert Schweitzer. Die Enormität der Schweitzerschen Lebensleistung erweckt den Eindruck, er habe für drei, vier gelebt. Wie all das in einem einzigen Leben untergebracht werden konnte: die Musikwissenschaft (von Schweitzer stammt eine umfangreiche Bach-Monographie), die Leben-Jesu-Forschung, die Entwicklung einer philosophischen Ethik und dann noch seine aufopfernde Arbeit als „Urwalddoktor“ in Lambarene. Zu Jahrtausendbeginn ist vom Verlag C.H. Beck der umfangreiche Nachlass herausgebracht worden: unter anderem viele hunderte Seiten zu „Kultur und Ethik“, die Torso gebliebene sogenannte „Kulturphilosophie 3“, deren Lektüre ich mir vorgenommen habe: insgesamt drei dicke Bände. Wie immer bei solchen Büchern schlage ich sie zuerst an einer beliebigen Stelle auf. Hier war es gleich die folgende: „Bei Kierkegaard: Störung des Willens zum Leben. Ein Psychopath.“ Und auf der nächste Seite noch: „Aus einem krankhaften Menschen wie Kierkegaard einen Denker machen, der er nicht ist. – Die heutige Grüblerphilosophie.“ – Ich erschrak nicht wenig, ein solches Abhaken und Abtun eines geistesgeschichtlich Größten durch einen anderen enorm Großen zu finden. Dass Schweitzer im Fall Kierkegaards nicht die Geistesweite aufbrachte, ihn gelten lassen zu können. Es ist eine VORENTSCHEIDUNG des Menschen Schweitzer. Ähnlich der Goetheschen, der auch das „Kranke“, „Krankhafte“ in Anschlag brachte und mied, ja ausschied. Mit ganz schnellem Urteilsspruch, wobei Kurt R. Eisslers Goethe-Psychographie den Olympier uns als nicht eben durchgängig Gesunden präsentiert, ja als selber Hochproblematischen. Wenn man Lange-Eichbaums „Genie, Irrsinn und Ruhm“ liest – eine höchst vergnügliche Lektüre wegen der aufgewiesenen Formenvielfalt des sogenannt genial „Psychopathischen“, dabei der unglaublichen Begriffsfindigkeit dieses Psychiaters -, erkennt man, wie benachbart Genie und Wahnsinn ja immer schon waren, was bereits in der Antike Gemeingut war. Schweitzer kennt hier anscheinend keinerlei Empathie. Er will um jeden Preis das Gesunde, die Bahn frei machen für das kulturoptimistisch Gesunde. Er selbst war ja einer der so Wenigen, der seine Ethik lebte, aus seiner Praxis entwickelte. Seine ethische Vision hinwiederum brachte ihn zur Praxis: zur aufopfernden Arztpraxis im Liebesdienst an der Menschheit. Sein größter Antipode war Nietzsche. Wie wenn er selber stellvertretend Buße tun hatte wollen wegen der Folgen Nietzsches, so erscheint es mir manchmal. Schweitzer, ein wahrer „Mahatma“, ein so weites, mitfühlendes Herz, der „Gutmensch“ hier fast wirklich ohne Fehl und Tadel, hatte aber seltsamerweise keinerlei Empfänglichkeit für ein fragiles Genie wie Kierkegaard. Das gibt mir sehr zu denken. Und ich habe bei sehr engagierten Menschen oft beobachten können, dass sie, vom Ernst ihrer selbstgesetzten Aufgabe restlos durchdrungen, ganz unduldsam werden und humorlos sein konnten und können gegen sogar ganz bedeutende Erscheinungen der Weltkultur. Was bedeutete Schweitzers Ablehnung des gesamten Kierkegaard als „krank“ hinsichtlich des eigenen Arztverständnisses? Als was sah er den Arzt? Auch als einen „Gärtner“, der das irreparabel Kranke aussondert, entmündigt? Es fällt meines Erachtens hier ein epochen- und professionsbedingter Schatten auf Schweitzer, dessen GRENZE an diesem Beispiel sichtbar wird.

„Philosophiske Smuler“ hätte ich, als des Dänischen nicht mächtig, einfach so über den Daumen gepeilt als „Philosophische Schmuddelkinder“ übersetzt. Für den Systematiker und Fleißmenschen sind Aphorismen ja solche. „Brocken“ oder „Brosamen“? Dem Armen wirft man Brosamen, den Enten Brocken hin.

Zum Unterschied zwischen Philosophie und Literatur. Zu sagen: „Aristoteles lehrt…“, macht Sinn, nicht jedoch: „Trakl lehrt…“. Philosophie will allgemeingültig sein, Literatur kann – ob sie will, ist eine andere Frage – allenfalls „exemplarisch“ sein. Trotzdem ist Literatur philosophiehaltig. Nichtlehrhaft-philosophisch, implizit philosophisch. „Gombrowicz lehrt…“: das ist so unvorstellbar und ihm wider den Strich wie die alptraumhafte Schulbankwelt in seinem grotesken Roman „Ferdydurke“.

Im Prado hängt die älteste Kopie der Mona Lisa, vermutlich von einem Meisterschüler Leonardos noch. Im Faltenwurf ihrer Bekleidung am linken Oberarm ein teilverhülltes männliches Gesicht erkennen zu wollen, scheitert dann letztlich an den Nasenlöchern. Und sogleich, an diesem Detail sich fixierend, zerfällt das eingebildete „Gesicht“, dekomponiert sich, widerruft sich komplett. Die Perzeption einer Ganzheit, hier des vermeintlichen „Gesichts“, geschieht über eine „Überschlagsrechnung“ der Sinne. Indem wir ein Gesicht sehen WOLLEN, konstituiert es sich in der Einbildung – die dagegensprechenden Details „überschlagend“. Die gewollte Ganzheit übersummiert sich. Die „Schau“ will es. Will diesen Dante-Kopf heraussehen. Nehme ich aber die „Nasenlöcher“ in den Blick, lasse ich sie meine Vision gegenindizieren, wird diese alsogleich zu einem Unfug bloßer Einbildung, deren man sich nun sogar leicht schämt. Was zuerst der hineingelegte Überschuss der Einbildung war, trägt nach dem Einspruch vom widersprechenden Detail her nun dazu bei, dasjenige, was man erblickt zu haben vermeinte, komplett zu zerstören: was vorher ein Plus war, wird nun zu einem Minus, das wir unserer vorhergegangenen Vermessenheit selbst anhängen, wie wir dies nie tun würden, wenn wir von vornherein nur und nichts als einen Faltenwurf gesehen hätten.

Zitat zum Traumbuch: „Meine Hand im Schlaf auf eine Falte eines seidenen Vorhangs geschlagen, diese Empfindung kann zu einem Traum aufwachsen und blühen, dessen Beschreibung ein Buch erfordert.“ (Georg Christoph Lichtenberg) – Dazu passend folgender Bericht Philipp Vandenbergs, als er im April 1976 direkt die Mumie des Pharaos Ramses des Großen am Obduktionstisch des Chemischen Instituts des Ägyptischen Museums in Kairo betrachten durfte: „Es war eine unheimliche Audienz. Beim Wegziehen des weißen Tuches mussten sich die über die Brust gekreuzten Arme leicht verschoben haben. El-Nawawy [der Mumienexperte, Anm. PH] streifte sich die Gummihandschuhe über und versuchte vorsichtig, Ramses‘ Arme wieder in die ursprüngliche Lage zu bringen. Gespannt lauschten wir auf irgendein Geräusch, das diese Bewegung hätte verursachen können, aber es war nichts zu hören. Doch etwas völlig Unerwartetes geschah, etwas, das uns allen, die wir wie neugierige, frevelhafte Gaffer um die Mumie herumstanden, das Blut in den Adern stocken ließ: Wie ein Pfeil, der von einem Bogen abgeschossen wird, schnellte der linke Unterarm etwa zwanzig Zentimeter nach oben, so, als mache Ramses eine ungnädige Abwehrbewegung. Entsetzt fuhren wir zurück, einer der Assistenten tat ein paar Schritte zur Tür hin und blieb dort abwartend stehen. Was war geschehen? Haut und Sehnen des linken Unterarms der Mumie, die von mehr als hundert Metern Leinenbinden umwickelt war, hatten seit 3200 Jahren unter Spannung gestanden. Dabei hatte der rechte den linken Unterarm an den Körper gedrückt. Mumienkonservator Ibrahim el-Nawawy musste diesen Spannungszustand aufgehoben haben…“ (Ramses der Große. Eine archäologische Biographie, Bern/München 1977, S. 14)

Hatte einst mit großem Interesse Freuds „Traumdeutung“ zweimal gelesen, aber die Psychoanalyse presse ich nicht jedem Traum ab, werfe nur gelegentlich einen Seitenblick auf sie, wenn in einem Traum sie sich besonders illustrativ aufdrängt. Von denen, die Verständnis für meine Traumerzählungen aufbringen, wird mir öfters vorgeworfen, ich „machte zu wenig daraus“, d.h. unterzöge sie zu wenig einer Deutung. Ich halte Traum und Deutung weitgehend entkoppelt. Viele Träume können für sich stehen als autonome Erzählungen und kraftvolle Symbole, die ebenfalls wiederum, hier ganz gegen Jung, NICHT einer archetypischen Deutung unterzogen werden müssen. Zwar KÖNNEN, aber nicht MÜSSEN. Dass viele AutorInnen Traumbücher geschrieben haben (auch z.B. Heiner Müller, Günther Anders oder Arthur Schnitzler, von den ganzen SurrealistInnen noch nicht zu reden), erleichtert mir meinen persönlichen Zugang zu den Träumen, dass ich diese nämlich von sich her sich aufschließen lasse. Bei Freud war noch der damals epochentypische Forscherentschluss ausschlaggebend, „DAS Rätsel der Träume“ 1899 gelöst zu haben, als ein „Welträtsel“ und als ein anthropologisches Rätsel – und zwar als Erster, so wie jemand zum ersten Mal den Südpol erreicht, den Atlantik überfliegt oder den Mt. Everest erklimmt. Das war das heroische Pathos auch der Forscher jener Zeit, ein Zeit-Dispositiv. Die mit Freud einsetzende Art der Symboldeutung geht aber revolutionär weit über die populären Traumdeutungsbücher hinaus, in denen, um ein Beispiel zu erfinden, ein geträumtes Hufeisen bedeutet, an der Lotterie morgen teilnehmen zu sollen, weil man dann mit Sicherheit gewönne. Da der Traum von innen heraus erwächst und evolviert, gespeist aber von Problemsplittern und „Motiven“ (wie die „Motive“ eines Malers hier zu nehmen) des Außen, sollte er auch primär von innen her verstanden werden, statt nur von außen rationalistisch seziert und allerlei Messungen unterworfen zu werden. Wir können uns selbst zwar zur Wissenschaft werden, aber müssen deshalb nicht ganz und gar uns dazu pressen, verwissenschaftlichte Existenzen zu sein.

Ein wirkliches Warten, darin der Sehnsucht verwandt, ist das ausschließliche Warten auf jemanden. Wie es Philosophien des Sammelns gibt, könnte es auch solche des Wartens geben: von der öden Warteschlange an, in der man zu hyperventilieren droht, bis hin zu den Formen sich steigernder Sehnsucht, die, in der Ängstigung versetzt zu werden, sich in der Spannung erhält. Jemanden absichtlich warten lassen, heißt, in ihm die Spannung auf sich zu steigern. Im freiwilligen Wartenkönnen erweist sich Treue, die manchmal sogar einen Genuss aus sich zu ziehen vermag, während sie am vereinbarten Treffpunkt auf- und abschreitet.

Im Wettkampf der asketischen Leibesbegierdenabtöter der Spätantike prahlte ein gewisser Sarapion gegenüber seinem Konkurrenten: „Ich bin toter als du“.

Oh, der Traum! Den hätt‘ ich glatt vergessen jetzt. Obwohl er sich zweimal hintereinander wiederholte, wie um sich nur ja einzuprägen. Vom Thomas Bernhard geträumt nämlich, er nahm Abschied. Und zwar gab er mir einen Kuss, sogar einen Zungenkuss. Seine Zunge schnellte in meinen Mund. Ich war perplex. Die plötzliche physische Nähe seines Gesichts schon war erstaunlich und leicht überfordernd. Dann drehte er den Kopf weg wie ein Sterbender, doch mit dem Ausdruck lautlosen Lachens.

Peter Hodina

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