DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°8

Dass manche die bisher für die Wiederherstellung der Notre-Dame gespendeten 900 Millionen Euro gegenrechnen gegen unterlassene Hunger- oder Flüchtlingshilfe, statt etwa gegen die zwecks angeblicher „Bankenrettung“ aufgebrachten Milliardenbeträge, zeigt, dass das Schöne als erstes angegriffen wird. Welche Notwendigkeit bestünde, Gelder für die Kathedrale mit unterlassener Menschenhilfe in Verbindung zu bringen? Warum muss zuerst die Kunst dranglauben? Zuerst die schönen, ja die der Allgemeinheit offenstehenden, kulturelle Identität begründenden und unersetzlichen, so nie mehr wiederkommenden Dinge? Ist es letztlich nicht ein tiefsitzender Kulturhass, der am Grunde eines solchen puristischen Moralismus lauert? Die Rache noch der seinerzeit ausgebeuteten Bauern und Knechte, aus deren Mark sozusagen jene Kathedralen gesogen wurden? Der Moralpurist sagt auch: „Wozu Raumfahrt, wenn es Hunger gibt?“ Zum Glück sagen die Moralpuristen das seltener, und gegenrechnen lieber richtiger Rüstungsausgaben und Hunger. Der wahre und ekelhafte Moralpurist aber geht im Namen der Humanität als erstes gegen das Schöne los. Dem Schönen endlich die Legitimation entziehen können. „Ein einziges Menschenleben zu retten ist wertvoller als alle Kathedralen der Welt!“, sagen sie und gefallen sich in diesem deklamatorischen Pathos. Oder: „Um nur einen einzigen Menschen zu retten, würde ich die Tropen dahingeben!“ Wer ist er? Ein Despot, der ganze Ländereien „dahingeben“ könnte mit lässiger Gebärde? Das alles sind unnötige und unverbindliche moralistische Aufgeblasenheiten und Maulrednereien. Warum „dahingeben“, warum nicht beides retten? Nein, sie gefallen sich selbst in ihrer Rolle der „Dahingebenden“. Nicht etwa das Auto, sondern die Tropen, die Kathedralen. Man beachte die Reihenfolge! Das Schöne fällt zuerst. Es mag zwar der Satz aus dem Talmud wahr sein: „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte“; deshalb gilt noch lange nicht, dass wer die ganze Welt prinzipiell zugunsten eines einzelnen Lebens preisgäbe, dieses dadurch schon rettete.

La forêt perdue. Wie lange Holz hält, wenn es nicht abbrennt. Bei der Notre-Dame waren Eichenstämme dabei, die, das Wachstum des Baumes miteingerechnet, ohne weiteres noch aus den Jahren 900 oder sogar 800 stammen haben können. Oder älter noch?

Mit Gründen etwas zu bezweifeln, ist noch keine „Verschwörungstheorie“. Wobei ich nicht speziell den Brand der Notre-Dame damit meine. In der Weltgeschichte hat es immer reale, bestätigte Verschwörungen gegeben. Wenn ich ein bloßes Für-möglich-halten von Verschwörungen bereits unter – verbotener, geächteter – „Verschwörungstheorie“ rubriziere, dann folgt logisch daraus, dass das Phänomen der Verschwörung nicht mehr rational erklärbar ist, sondern angesehen werden müsste, als fiele sie einfach vom Himmel und finge spontan selbst zu laufen an. Alle Konjurationen, auch solche wie die des Catilina, wären dann unerklärlich.

Immer wenn ich in Linz auf die Spanieln aufpasste, las ich die in einem dicken Dünnblattband gesammelten Romane Thomas Bernhards neu. Inzwischen hat ein Hund im aber hohen Alter das Zeitliche gesegnet und der andere blickt mich mit melancholisch geröteten Augen aus noch schrägerer Haltung als vordem an: nun ebenfalls nach einem Dreivierteljahr meiner zwischenzeitlichen Abwesenheit im Greisenstadium angekommen. Beim dritten- und viertenmal Lesen habe ich auch keine Unterstreichungen mehr gemacht, sodass es aussieht, als hätte ich vor zwei Jahren hier nicht in einem Zuge binnen Wochenfrist „Korrektur“, „Auslöschung“ und „Beton“ wiedergelesen, obwohl ich das ja noch besterinnerlich hatte. Die Hunde und ihr Altern sind wie die laufende Uhr, die die fliehende Zeit anzeigt; das dicke Buch hingegen ist die stehende Uhr, der Zeitspeicher, aus dem ich den Nektar entnehme, der wie alles Glück uns „mitnimmt“, obwohl kontrastiv-bedürftig die Hunde dabei schneller sind, ins Verschwinden hinüberzudackeln und zu -wackeln. Am Ende wird ein Bernhard sein „und mir wer’n nimmer sein…“. Walter Pilar und Gregor M. Lepka, nun auch der Komponist Balduin Sulzer leben nicht mehr, die alte Eisenbahnbrücke ist weg, manches Haar ergraut (sozusagen im Umblättern), und wieder blättere ich in dem dicken Band, zu lesen, was ich hier in Linz daraus noch nicht wiedergelesen habe, ohne dass ich nur im entferntesten irgend etwas davon auswendig wüsste und also nur mit einiger Mühe den Inhalt nacherzählen könnte. „Nimm und lies!“ Es ist das Lesen ähnlich wie die aktuierende Rückbeziehung auf das „Eine“ des Plotin (oder sogar eine Spielart dessen): den Quell- und Erneuerungsgrund, den Hirtenstock auch seiner selbst, aus dem es treibt, und alles in den Büchern Gespeicherten, zusätzlich alles beim Lesen ansonsten noch assoziativ parallel herbeispielend Durchlaufenen, „Versammelten“, „Er-innerten“, das gar nicht direkt in den Büchern steht, das durch ihr Lesen aber jederzeit mitausgelöst wird. Die Formel Sigmund Freuds: „Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten“ kommt beim Wiederlesen zum Zug. Die Hülle erneuert sich, die Haut, die den Flohzirkus der Dissemination zelthaft zusammenhält, das verlustierensgeneigte molekulare Gewimmel. Für alte Juden oder Christen, auch Muslime mag ihre Bibel, ihr Talmud, ihr Koran diese Rolle spielen, für den Schopenhauerianer „ihr Schopenhauer“. Nur der Kugelkaktus hält akkompagnierend sein Niveau: dieser kaum Bedürftige. Er bleibt immerselbig mit langen Stacheln wie Antennen ein stummer Secretarius.

Unter meinem Lesen werden die Hunde alt.

Ist der Leser selbst wie ein umblätterbares Buch? Beim Wiederlesen von Büchern oft die verblüffende Entdeckung, dass das Lesen wieder wie neu sich gestaltet. Bei sogar drei-, viermal schon im Lauf der Jahre Gelesenem. „Wo war ich da?“ Es muss auf einer anderen Seite in meinem Gedächtnisorgan stehen, die ich verblättert habe. Es ist mit Büchern wie mit Hemden, die auch immer wieder knittern und nachgebügelt werden müssen. Das abermalige Lesen ist dieses Nachbügeln. Frisch, feucht und zerknittert kommt das Buch aus der Vergessenstrommel.

In irgendeiner Hirnkammer befinden sich die gelesenen metaphysischen, in einer anderen die gelesenen marxistischen, in wieder einer anderen die Asiatika, in einer weiteren wiederum die Psychologen, wie wenn es jedesmal ein anderer Mensch gewesen wäre, der sie rezipierte. Ist gründliches Lesen ein Kopieren nach der Art der mittelalterlichen Mönche, die am Ende ihres Kopistenwerkes dann alles vergessen haben mit Ausnahme der Vögel, Drachen, Einhörner und Grotesken, die sie nebenbei zusätzlich hineingemalt haben?

Ein konservativer Bekannter notierte: „Menschen sind überwiegend kriminelle Wesen. Wenn ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird, kriminell sein zu können, dann werden sie kriminell. Erstaunlich ist, bei Vorhandenheit der Möglichkeit, in der Regel die Entrüstung über die Realisierung dieser. Täter sind dabei, übrigens, meist unschuldiger als die Herrschenden. Diesen obliegt es, Möglichkeiten der Kriminalisierung einzudämmen. Die Ordnung muss immer stärker sein als die Möglichkeit zur Affektausübung.“ – Dazu möchte ich, ohne ihm jetzt widersprechen zu wollen, folgendes hinzubemerken: Die Art dieser Kriminalität oder „Kriminalität“ wäre näher noch zu bestimmen. Sie hat oft ihr Maß in sich, geht individuell jeweils zumeist nur bis zu einer bestimmten Grenze. Das ist mehr eine kriminologische als etwa moraltheologische Frage. TäterInnenprofile sind ziemlich unterschiedlich. Ein echter Kriminologe „liebt“ gewissermaßen seine Fälle. Wie bei den Wahnformen ist die Variabilität recht vielfältig. Formen der Kleinkriminalität, die niemals zum Tötungsdelikt kommen. Schwerkriminelle andererseits. Und Massenmörder, die, da auf höhere Weisung handelnd, nicht begreifen, wenn sie als solche angeklagt werden. Es ist nicht etwa so, dass am Anfang der Ladendiebstahl und am Ende der Genozid oder Omnizid stünde. Keineswegs! Es gab Massenmörder in der Geschichte, die niemals auch nur eine Birne geklaut hätten. Sexualstraftäter, die nur diese eine ihre Spezialität haben. Der Mensch mag zwar immer „verderbter“ werden, dabei aber doch kann ihm das 5. Gebot das sogar willkommenste sein, zu dem er sich nicht überwinden muss, weil ihm das Töten ohnehin keinen Spaß macht. Auch kann ein entsprechend abgebrühter Mensch sich der Lüge entschlagen; vom Lügen lässt er ab, einfach so, weil er dann soweit abgebrüht ist, das Lügen nicht länger zu benötigen. Es ist nicht besser mit ihm geworden (metaphysisch, nicht sozialpsychologisch), weil er nicht mehr lügt, sondern schlimmer, weil er nicht einmal mehr zu lügen braucht. Er hat nichts bereut, ist nicht – in religiöser Sprache – „umgekehrt“, sondern nur auf seinem Weg der Eigenlust weitergegangen. Am Ende kann er sogar der beste Mensch sein, vom Verhalten her, aber hätte doch ein „kriminelles“ Herz. Er hat seine Verruchtheit in sich vermittelt und sublimiert, ja stillgelegt.

Fragment zur Ethik. Diese dazu da, dass wir uns, wenn es nötig ist, einen Ruck geben, das in diesem Moment Gebotene zu tun. Etwas anderes ist, die Vorgänge im Gehirn, vermittelt durch sozialen Druck, zu betrachten, die Übeltäter zu „verstehen“, was ebenso etwas Wichtiges ist. Einige Zeit schien mir der Gewissens-Begriff ganz unbrauchbar und kompromittiert zu sein. Dabei war „Gewissen“ einmal für mich ein leuchtender Begriff, der an diesen Ruck des ganzen Wesens im kritischen Moment appelliert: etwas zu tun oder bei einer Scheußlichkeit nicht mitzumachen. Dafür ist mir nun die Bezeichnung „präsentisches Gewissen“ eingefallen. Im Unterschied zu einem auf die Vergangenheit, das bereits Geschehene, oft Irreparable gerichteten nagenden Gewissen, dessen Effekt für einen Glaubenslosen ein deprimierender, das Übel imaginär verdoppelnder sein kann oder sogar fast muss, wenn es nicht durchs Verstehen im nachhinein sich ermäßigt und relativiert. So sehr in die Vergangenheit verstrickt, dass das präsentische Gewissen, auf das es immer ankommt, nicht zum Ruck kommen kann, dieses lahmlegend. Der versäumte Ruck, die lebensgeschichtlich versäumten er-innerten Rucke werden wiederholungszwanghaft zum Grund, den gegenwärtig gebotenen neuen Ruck abermals zu versäumen. Stattdessen ein immer rasender und reißender werdender Übelbach der Schuldauslebung. Schließlich auch noch das futurische Gewissen, das den ganzen Raum des Ethischen hinsichtlich der zukünftigen Weltgestaltung ermisst. Diese Notiz versteht sich nur als Baustein, der die Thematik keineswegs schon erschöpft.

Zum Begriff „sozialer Druck“: der kann unter Umständen intergenerationell sein und ist es meist auch. Das plötzliche Wegfallen dieses Drucks kann zu herostratischem oder im Kollektiv zu jakobinerhaftem Übermut, zu neureichen, gewissermaßen „nachholenden“ Exzessen führen, zu einem Vakuum im Kopf, wo solch ein Neuherrenmensch oder gegebenenfalls eine neuarrivierte Elite sich vermisst, ihm bzw. ihr sei nun „alles möglich“ bzw. „alles erlaubt“. Aber gleichfalls alte, überreife, schon verfaulende, nicht mehr nur nostalgisch morsche Eliten stehen dekadenten Entwicklungen offen. Also auch solches ist in meinem Sinne noch „sozialer Druck“: „erdrückt von den Vorfahren“ und sich Ventile für sein eigenes inferiores Ungenügen verschaffend. Darüberhinaus verstehe ich selbstverständlich den Begriff „sozialer Druck“ auch und primär im Sinne gängiger Soziologie.

Nachnotiz zum Begriff „präsentisches Gewissen“: Das präsentische Gewissen wird auch durch die kantianisch gewissenhafte Motivprüfung geschwächt. Stattdessen auf zu einer Ethik der richtigen positiven und positivistischen Taten, die nicht in der peinlichen Selbstbehorchung, ob sie persönlich nur lauter genug seien, sich aufreibt, nur um jedes etwaige Spurenelement von Selbstgefallen oder parteilicher Vorliebe oder persönlicher statt unpersönlicher Liebe (gäbe es denn letztere?) zu beseitigen! Um es auf den blanken Knochen der Pflicht herunterzunagen. Warum nicht gleich zur blanken Positivität der richtigen bzw. gebotenen Taten vorzustoßen? – Wie wir auch immer es damit halten: das Gewissen hat nicht wenig zur Psychologie und zur Selbsterinnerlichkeit beigetragen, was auch Foucault bestätigt hat. Kant hatte festgehalten, dass wohl nie ein Mensch diesem seinem moralischen Höchstanspruch hatte genügen können.

Ad Coaching. Manchmal bräuchte es einen weiteren Coach, der einem den Coach erklärt. Hier ist Schopenhauers Dual von Willen und Erkenntnis fruchtbar. Der erste Coach hat das Willenstraining im Sinn, meist in Unterordnung unter einen oft nicht ganz durchsichtigen „höheren“ Zweck, er ist ein praktisch orientierter Zu- und Abrichter. Der andere, der jenen und mich in meinem Verhältnis zu ihm mir erklären kann, ist der reine, von jeglicher Willenstrübung unbeeinträchtigte, umfassend verstehende Theoretiker, der die schmerzliche Sache am besten aus eigener Erfahrung kennt und in sich zur Klärung gebracht hat und mir sie daher in aller menschlichen und sozialen Kompetenz auserklären kann, dass kein blockierender Rest mehr bleibt.

Ein alter Kollege, ein erasmischer Geist, bewandert in den alten Sprachen, der berühmten „geflügelten Worten“ akribisch auf den Grund geht und mit Vorliebe Krimis liest und anspruchsvolle Kreuzworträtsel löst, eigenbrötlerisch infolge schwerer körperlicher Beeinträchtigung von Geburt an, hatte schon lange seine Mutter, eine gewesene Opernsängerin, verloren und wusste nicht, wer sein Vater war. Im Traum waren mir nun seine Eltern erschienen – viel jünger waren sie als angenommen. Und in ihrer Lebensauffassung viel moderner als der skrupulöse, mir immer schon greisenhaft erschienene Sohn. Sein Vater, mit einem Tramperrucksack, obenauf eine Aluminiumschüssel, bepackt, war ein Einbeiniger, der auf Krücken ein gar schnelles Tempo hinlegte. Sie kämen eben von einem Campingurlaub zurück. Ein Auto hatten sie sich niemals angeschafft – mit einer recht sonderbaren Begründung: „So bepackt, bin ich durch dieses Packeseltum behinderter als durch meine Einbeinigkeit“, erklärte der Mann, der ein kurz vor der Pensionierung stehender höherer Finanzbeamter war. „Meine auf mich genommene Packeselei lässt mich die Einbeinigkeit vergessen, wissen Sie.“ Die Frau, nur mittelalt, mit Pulli, Kurzhaarschnitt, Loki Schmidt ähnelnd, sei dabei immer seine treue Begleiterin; sie hätten schon Weltreisen zu Fuß unternommen, sie lachte. Im Garten ihres Hauses angekommen, setzte er sein schweres Gepäck ab, und wir nahmen auf den Gartenstühlen Platz. Ein paar spielende Gassenjungen kamen herbei und neckten den Mann, er solle doch seine Brust entblößen. Und wie überrascht, aber auch befremdet war ich, dass er einen üppigen weiblichen Busen vor ihnen über einen herabgestreiften schwarzen Busenhalter quellen ließ. Die Buben griffen hin, und ich fragte mich, ob das jetzt nicht unter Pädophilie falle, obwohl die Buben eindeutig mit diesem Spiel begonnen hatten und im Unterschied zu mir ihren Spaß dabei zu finden schienen. „Das Leben ist doch eine totale Baustelle“, sagte ich für mich, „es ist doch alles noch viel komplizierter als gedacht! Aber auch einfacher!“ Nun wusste ich also, wer der Vater meines privatgelehrten Bekannten war, was er selbst immer vergeblich herausfinden hatte wollen. Und vielleicht löste er nur deshalb so viele Kreuzworträtsel, weil er dieses eine Haupträtsel seiner Existenz hatte lösen wollen: wer sein Vater war. Er hätte wohl geschluckt, wenn er nun seiner ansichtig geworden wäre. Seine Eltern waren mehrsprachig, redeten mal wieder zwischendurch englisch, französisch. Dem Sohn ginge es momentan nicht gut, sagten sie, es könne sein, dass er nicht durchkäme, aber sie sagten es so, als sei der Tod die natürlichste Sache der Welt wie das Herabfallen eines eine Weile im Wind noch schaukelnden Blattes.

Peter Hodina

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