DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°7

Zwei Linien. Eine Maus kommt zu einem Punkt, von dem aus eine Linie weggeht. Sie läuft die Linie entlang, die Linie nimmt kein Ende. „Niemals wird diese Linie enden“, sagt eine Stimme, der unbedingt vertraut werden darf, nun zur Maus. Die Maus läuft zurück – und immer mehr nähert sie sich dem Ausgangspunkt. „Und diese unendliche Linie endet doch!“, ruft sie aus, als sie den Ausgangspunkt wieder sieht und erreicht. Abermals wandert die Maus, die Linie verlassend, weiter. Sie kommt zu einer neuen Linie, die sich unabsehbar nach links und rechts erstreckt. Sie eilt die Linie nach rechts, und die Stimme, der unbedingt vertraut werden darf, sagt ihr: „Nie wirst du auf dieser Linie an ein Ende kommen! Niemand kann auf dieser Linie an ein Ende kommen. Es liegt nicht daran, dass du ‚nur‘ eine Maus bist und nur dein kurzes Mauseleben hast.“ Die Maus kehrt um, rennt die Linie zurück, sie rennt und rennt, weiß gar nicht, wie weit sie rennen muss. Bis wieder die Stimme, der sie unbedingt vertrauen darf, zu ihr spricht: „So weit du auch in die andere Richtung jetzt läufst, du wirst kein Ende erreichen!“ Da stutzt sie nun, die Maus. Wäre das nun erst die „wirkliche Unendlichkeit“? Gäbe es denn zwei Unendlichkeiten verschiedenen Grades – eine Linie, die beginnt und niemals endet; und eine andere Linie, die niemals je begonnen hätte und auch niemals endete?

Manche werden durch den metaphysischen Begriff eines „Bösen“ böser, als sie ohne diesen Begriff geworden wären. Sie ersäufen sich in einer Scheintiefe. Pervertieren sich, weil kontrastiv so viel Heiligkeit nach Dagegenfreveln schreit, damit Natur sich wieder ausgleiche.

Man sollte erst dann zu gewissen Gesellschaften stoßen, wenn sie einem nichts mehr anhaben können. Warum sind solche Gesellschaften so? Weil sie aus lauter Leuten bestehen, die zu früh in diese Gesellschaften hineingeraten waren, zuerst die Zähne zusammenbissen, dann sich anpassten, ja schließlich besonders hervortaten, ihr altes Selbst über andere Opfer, die noch dem eigenen alten Selbst glichen, in den Dreck zu treten. So läuft in bestimmten Kreisen „Vergesellschaftung“.

Da behauptet einer, erst Anfang Dreißig, wir bräuchten dringend wieder einen Krieg. Wie kann jemand so früh eine solche Misanthropie habituell ausbilden, dies Tag für Tag durchhalten? Und doch glotzen mich aus seiner Visage riesenbabyhaft-infantile, dümmlich- melancholische, darin unverbesserliche Augen an. So eine hoffnungslose, glasige Traurigkeit, die aber bei jungen Männern mit Aggressivität gepaart sein kann. Bei Fleischhauern habe ich einen solchen Grundzug öfters wahrgenommen. Ich muss schnell wegschauen: ein solches Gesicht bereitet mir stundenlanges Nachgrausen. Insofern bin auch ich nicht ganz frei von Misanthropie: nur ist diese spontan, reaktiv, nicht habituell, nicht systematisch gar. Weniger intellektuell, als in Brechreiz gegründet. „Wer hat denn dir in die Wiege geschissen?“, würde ich jenen Glubschäugigen fragen wollen, der mich an wen eigentlich?, ja doch: an einen noch jungen „Herrn Karl“ erinnert.

PEAK EXPERIENCE. Ein dänischer Fotograf hatte (oder simulierte bloß) Sex auf der Spitze der Pyramide von Gizeh, schoss davon Fotos und erregt nun die Gemüter. Inzwischen nennt er es „die dümmste Idee seines Lebens“. Altertumswissenschaftlich, wenn man an die mesopotamischen Zikkurats denkt, ist der Gedanke einer solchen Gipfel-Paarung gar nicht so abwegig. Bereits Herodot wusste aus Babylon zu berichten: „Der Tempelbezirk ist viereckig, jede Seite zwei Stadien lang. Mitten in diesem heiligen Bezirk ist ein fester Turm errichtet, ein Stadion lang und breit, und auf diesem Turm steht wiederum ein Turm und dann noch einer, im ganzen acht Türme übereinander. Alle diese Türme kann man ersteigen auf einer außen herumführenden Treppe. Auf mittlerer Höhe sind Ruhebänke angebracht, auf die sich der Hinaufsteigende setzen kann, um sich zu erholen. In dem höchsten Turm steht erst das eigentliche große Tempelhaus, und in dem Tempelhaus befindet sich ein großes Ruhebett, mit schönen Decken belegt, und daneben ein goldener Tisch. Kein Götterbild findet man dort aufgestellt, auch nächtigt kein Mensch in dem Tempel, bloß eine einzige aus Babylon stammende Frau, die sich der Gott unter allen Frauen des Landes erwählt, wie wenigstens die Chaldaier, die Priester dieses Gottes, behaupten.“ (Historien 1, 181) Die Heilige Hochzeit am Neujahrsfest zu Ehren Marduks: Vereinigung des Königs mit einer Priesterin zwecks Erneuerung der Natur. In unserem Fall jedoch zeitgenössisch profaniert.

BISORHIOHIOHIO ODER WAS AUTORISIERT EINEN AUTOR?  Vor vielen Jahren hatte mir einmal eine Sektiererin das sogenannte „Lorberwerk“ zum Lesen angetragen. Es handelt sich dabei um eine sogenannte „Privatoffenbarung“ in allerdings sehr vielen Bänden (im Umfang von gar 20.000 Seiten), die der steirische Musiklehrer Jakob Lorber nach „innerem Diktat“ feinsäuberlich niederschrieb. „Gekommen“ war’s ihm exakt am 15. März 1840 um sechs Uhr morgens. Dann legte er, der sich bloß als „Schreibknecht Gottes“ verstehen wollte, die Feder nicht mehr nieder. Manchmal wird der eselsgeduldige Leser mit einer Skurrilität belohnt: So habe die Erde einen trichterförmigen Mund am Nordpol, der durch einen Magen-Darm-Trakt mit einem Ausscheidungsorgan am Südpol verbunden sei. Die Himmelskörper sind Lorber besonders angelegen; in seiner Schrift „Der Saturn“ heißt es beispielsweise: „Der größte aller Fische dieses Weltkörpers ist der sogenannte Bisorhiohiohio.“ Dieser „tausend Klafter“ dicke Riese wird aber eher selten gefangen, weil „ein jeder Saturnbewohner einen außerordentlich großen Respekt“ vor ihm hat. Das mag gelegentlich durch seine Bizarrerie uns für die sonstige Langweile entschädigen. Problematischer wird es, wenn Lorber behauptet, Jesus habe zuerst durch seinen Kreuzestod das Judentum von sich abstreifen müssen. Für mich gehört ein Jakob Lorber auch in die Literaturgeschichte. Die Frage: „Was AUTORISIERT einen Autor?“ wird an diesem Extremfall besser verdeutlichbar. In diesem Fall wäre es der durch ihn sprechende Jesus selbst und manchmal auch der Erzengel Raphael. Jedenfalls in der phantasiereichen Einbildung des „Schreibknechts“. Ein solcher „Schreibknecht“ nur sein zu wollen, scheint mir nun wirklich gar keine Empfehlung für einen Autor zu sein. Aber er bringt es andererseits zustande, seine kleine Leserschar über Jahre an eine doch überwiegend langweilige Literatur zu binden, wie das sonst Autoren kaum vermögen: allein durch das Heilsversprechen. Noch nie hätte ich gehört, dass Autoren wie Doderer oder Thomas Mann nach ihrem Tod über Medien weiterschreiben hätten wollen. Dazu waren sie auch wohl zu stolz. Es ist immer die Mediokrität, die durch solche „Schreibknechte“ sich mitteilt und an ein mediokres Publikum sich wendet und dieses gegebenenfalls auch entzweit. Was autorisiert nun den Autor? Antwort: allein sein Können, sein Werk.

Schuldgefühl und Machbarkeitswahn. Die Saurier sind wenigstens unverschuldet ausgestorben. Das Schuldgefühl speist sich daraus, dass es auch anders hätte kommen können. Durch eigenes Handeln. Es ist die Negativfolie zum Machbarkeitswahn. Wäre ich bei der Malerei geblieben, dann, so sagt das Schuldgefühl, wäre ich ein großer Maler geworden. Es betrauert den großen, nicht zum Zug gekommenen Maler in sich. Es hochstapelt den großen Maler in sich hinein, aus sich hervor, als Versäumnis, als wäre er im Bereich des eigenen Möglichen, Erschwingbaren gewesen. Es betrauert einen ganz großen, nicht zum Zuge gekommenen Maler, obwohl keine Bilder da sind, und erweist ihm die Reverenz, indem es sich reuig auf die Brust klopft. Es erheuchelt sich ex negativo ein Talent, als nicht realisierte Möglichkeit, und erschleicht sich einen Kredit bei denen, die ihm dies glauben.

In einem alten Fischer-Weltalmanach stand, die Lachkrankheit verliefe zu hundert Prozent tödlich. Beim Dentisten gab es ein Döschen, auf dem „Lachgas“ stand. Wenn die anderen Kinder auf mich zugelaufen kamen, um mich zu kitzeln, lachte ich schon vorher auf, das zog die Kitzelpeiniger nur an. Eine etwas gestörte Spaziergängerin, „entsprungene“, aus dem Hamsterrad des Schuldienstes herausgepurzelte Mathematiklehrerin aus einer Mathematikerdynastie, kicherte in ihrem Fischgrätmantel immer vor sich hin. War das bereits die Lachkrankheit? Das Thema ließ mich nicht los. Wäre es möglich, sich zu Tode zu lachen? Oder, wie eine Redensart lautete, „sich einen Ast zu lachen“? Würde etwas grünen auf dem Ast? Oder käme man beim Dauerlachen „auf keinen grünen Zweig“? Lachten nicht gewisse Tiere, besonders gewisse Vögel, ständig? Geschreckt hatten mich gewisse Foltergeschichten, dass bei manchen Völkern die Füße der Delinquenten mit Salz bestrichen wurden, um von Ziegen zu einem Tod durch Kitzellachen geleckt zu werden. Würde ich das nicht aushalten können? Tod eines gefesselt auf einen Ameisenhaufen Gesetzten, Lachen bis zum Gerippe.

Bücherumzug im Traum. Es musste rasch gehen, es stand nur ein herrenloser Einkaufswagen zur Verfügung. Ein von Geburt an schwerbehinderter früherer Schulkollege half mir beim Anfüllen. Dann schoben wir zusammen den Einkaufswagen am Pannenstreifen einer spiegelglatten Autobahn voran. Wir gelangten schließlich zu einer Zollstelle. Die Bücher liefen über ein Band wie im Supermarkt. Wieder half mir der Bekannte, und ich merkte, wie bei diesem Tun seine Behinderung deutlich abnahm. Es wirft ein schlechtes Licht auf mich, dass ich ihn die Arbeit weitgehend alleine machen ließ, aber andererseits tat sie ihm gut, er war von einem Gesunden nun kaum mehr zu unterscheiden. Er hielt mir einen Band Platon unter die Nase, während ich unbedingt in einem verschlissenen kleinen Bändchen jetzt nachlesen musste, was irgendein Tiroler über einen anderen Tiroler in dieser Geburtstagsfestschrift schrieb. Dabei hielt ich am Band alle auf. Die Bücher, die mein Begleiter zurück in den Einkaufswagen legte, verwandelten sich in seiner Hand in Speck, Würste, Käse. Der ganze Einkaufswagen war am Ende angefüllt mit Delikatessen.

Neuerscheinung eines Buches „Warum haben wir Kinder?“. – Als Kind, das schon lesen hätte können, würde mich ein am Tisch liegendes Buch mit einem solchen Titel beunruhigt haben. Wie vielleicht ein Ferkel, würde es lesen können, sich an einem Kochbuch beunruhigte.

Peter Hodina

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