DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°6

Dass die Kartons nach dem Schülerprotest gegen den Klimawandel gleich vom Regen aufgeweicht herumstanden, zeigte bei allem guten Willen die Unzulänglichkeit der Mittel. Dachte zuerst, als ich die Plakate sah, es handelte sich um die Überreste einer Protestaktion gegen die Zupflasterung des Salzburger Residenzplatzes mit Granitplatten. Im strömenden Regen las ich: „RETTET UNS“, dann faltete ich das zusammengeklappte Plakat auf, „ERE ERDE!“ Ach so, dachte ich, und sprach halblaut den Satz aus: „Rettet unsere Erde!“ Klar. Der Regen hatte die Plakate schon ganz aufgeweicht, die handgemalten Schriften zerrannen, es wirkte wie die Hinterlassenschaft von Müll. War es das auch schon? Einige Minuten erfüllte mich Traurigkeit, dass sich das so abdelegiert, dass es aus einem so kleinen Ventil als von den Erwachsenen auch so gewollte wohldosierte und -kanalisierte Alibiaktion verpufft ist. Mit jener Greta hatten sie sich ein in seiner Strenge etwas befremdlich wirkendes und daher als Spottzielscheibe sich eignendes Mädchen ausgesucht, und mittlerweile, lese ich, plädiert sie für die Atomkraft als die verhältnismäßig klimaschonendste Form von Energiegewinnung, wie seinerzeit vor Tschernobyl es auch die Atomlobby getan hatte. Jetzt ist die Katze aus dem Sack gelassen. Gegen den Klimawandel mit Pappendeckeln zu demonstrieren, schien mir so hilflos, wie eine Gebetsprozession gegen den Ausbruch des Ätna zu unternehmen, wie das ja hin und wieder unternommen wird.

Wer gerne intelligent spielt, nimmt gerne mit eher wenigen Spielsteinen vorlieb. Wer solche ad infinitum herankarrt, kommt nicht zum Spielen. So verfahren auch die Denkstreitlustigen: Sie begnügen sich mit Thesen, über die sie entbrennen können. Der lange hermeneutische Umweg über das Lesen soll abgekürzt werden. Je mehr man weiß, desto ungewisser wird alles. Und: man weiß immer zu wenig. Besonders Studenten können zumeist nicht erwarten, dass der Vortrag endet, damit endlich das Diskussionsgefecht, in dem sie sich gehörig ins Zeug werfen, beginnen kann. Vor lauter Gier nach dem anschließenden Schlagabtausch hören sie einem Vortrag nur mehr brockenweise zu, um sogenannte Stichworte, an dem sie den Redner „festmachen“, herauszupräparieren. Manche bekommen dieses Kampfspiel nie satt. Ein paar andere ziehen sich lieber in die Bibliothek zurück, um alles doch noch genauer in Erfahrung zu bringen. Denker, die ein flaches Schlachtfeld brauchen, um ihre strategischen Operationen durchführen zu können, im Unterschied zu den Denk-Partisanen in unübersichtlichem Gelände, das sie als dort Einheimische und Bewanderte wie ihre Westentasche kennen.

Die Frage: „Wie fühlt sich ein Gedanke an, welche Intensitäten, welche Horizonte ermöglicht er uns, welche anderen Aspekte verschließt er, wofür macht er uns sehend, wofür blind?“, bezeichnet mein primäres Interesse an der Philosophie. Und dieses Ausprobieren von Gedanken und Weltanschauungen hat zu manchen Zerwürfnissen mit Leuten geführt, die von vornherein und für meine Begriffe zu schnell sich unter ein Allgemeines zu beugen bestrebt sind. Oft erfahren müssen, dass, wenn ich laut zu denken anfange, die ganz unterschiedlich in irgend etwas (sei’s positiv, sei’s negativ) sich gefestigt vermeinenden Leute gleich zu schreien anfangen. Schließlich schreibt man lieber die Gedanken auf, statt sie sich im Vorfeld schon zerstören zu lassen.

Obwohl K. und ich so viele Parallelinteressen haben, können wir uns nicht vertragen. Oder vielleicht WEIL. An einem Beispiel lässt sich unsere Divergenz verdeutlichen: K. als der fleißige Über, der er ist, malte brav das berühmte Sonnenblumenbild von Vincent van Gogh nach und signierte es anschließend mit seinem eigenen Namenskürzel. Ich hätte niemals die geduldige Demut, ein so bekanntes Gemälde nachzumalen, würde stattdessen lieber sogleich Eigenes machen. Aber ich hätte andererseits auch wieder nicht den doch lächerlichen, zugleich rührenden Hochmut, das abgekupferte Gemälde – die weltbekannte Erfindung eines anderen – mit eigenem Namen zu signieren. So sind bei uns, bei K. und bei mir, Demut und Hochmut unterschiedlich verteilt. Ich bin nicht frei von Hochmut, weil ich nicht bescheiden nachmale und mich dadurch übe, K. nicht frei davon, als er die fremde Errungenschaft, sie mehr schlecht als recht kopierend, als seine eigene Leistung sich zuerkennt. Aus solcher unterschiedlichen Verteilung hier zum Beispiel von Hochmut und Demut, von Unbescheidenheit und Bescheidenheit kommt unser beider Divergenz zustande. Es liegt an der Art unserer Temperamente. K. traue ich auch zu, dass er von einer Position größerer erlangter Reife über ein früheres Lebensstadium urteilt, dieses überwunden zu haben, während ich mir zugestehen will, frühere Stadien lediglich modifiziert zu haben, vertieft, ausgebaut, bloß in Einzelheiten korrigiert. Die alten Themen niemals ganz ablegend, sie immer wieder in Variationen aufnehmend, auf sie zurückkommend. Auch meint K., andere zum Denken „erwecken“, ihnen ein Licht anzustecken zu sollen, während ich nur Texte auslege, wie die Tibeter ihre sogenannten „Schatztexte“, damit der unbekannte Wanderer dieselben zufällig finde. Oder ich sie hinauswerfe wie Flaschenpost mit unbekanntem Adressaten. Das stelle ich wertungsfrei fest. K. spürt in sich eine aufklärerische Berufung, was durchaus gerade in Zeiten wie diesen in sich wertvoll ist. Es sind im Temperament verankerte Eigentümlichkeiten, die uns die Akzente jeweils anders setzen lassen.

„Man muss an jedem Menschen so lange suchen, bis man den individuellen Punkt ausfindet, wo er originell ist.“ (Jean Paul) – Statt seine Schwachstelle zu suchen. Aber für den Hegelianer, der dem Allgemeinen verpflichtet ist, IST ja die Originalität gerade die Schwachstelle. – „Originell“ von lat. origo = Ursprung, demnach „ursprünglich“. Später durch „authentisch“ ersetzt, aber sozusagen „ent-stammt“, entwurzelt, zumal biologismusverdächtig. Wenn jemand heutzutage ein „Original“ genannt wird, ist er eine Fremdenverkehrsattraktion, wie nach der Schablone geschnitten.

„Studieren ist schöner, als nur zu lesen“, behauptet jedenfalls der Wiener Rekordhalter in Titeln, wovon er gleich 16 besitzt. Dass das exzessive Lesen ein Hindernis beim Titelpflücken sein kann, wird damit indirekt angesprochen.

Gegen die „Tyrannei der Intimität“ (Richard Sennett). Auch eine Altersfrage wohl. Gehöre nun auch zu den von mir früher verabscheuten Personen, die auf die Frage: „Sind Sie Humanist?“ antworten: „Ja, gut erraten. Ich habe ein humanistisches Gymnasium besucht. Sie etwa auch?“ – Denn DAS war mit der Frage nicht gemeint. Sondern der Frager war auf dem Sprung, einem nahezutreten. Und hier galt es, zuerst einmal Abstand zu schaffen. So wie wenn jemand fragt: „Sind Sie Christ?“, und der andere antwortet: „Ich bin KATHOLIK.“ Das kann als kalte Abfuhr empfunden werden. Denn mit „Humanist“ und „Christ“ will man sofort in ein Engagement, in eine Kampagne hineingezogen werden. Schon wird einem eine Sammelbüchse unter die Nase gehalten, schon wird man zur Unterschrift gedrängt. Das ist so inflationär wie „Mensch“. Es verpflichtet. Und es ist eine kleine Macht der Engagierten gegenüber den sich erst nur zögerlich Engagierenden oder sich gar nicht engagieren Wollenden. Ich lasse selbst meine eigentlichen Gesinnungsgenossen nicht sofort erkennen, dass ich ja ihrer Meinung bin – und oft noch viel radikaler. Ich zeige ihnen, sie erforschend, scheinbar die kalte Schulter, merke, wie sie gleich gegen mich aufkochen. Staune über das fast gänzliche Fehlen von Menschenkenntnis.

Ein Idiot, der fingieren kann, dass seine Idiotie bloß fingiert wäre. Er rechnet damit, dass eine solche Idiotie nicht nur ihm, sondern eigentlich niemandem zugetraut würde. Er weiß bei sich selber seine Idiotie und ihr ganzes Ausmaß. Darin hat er den anderen etwas voraus: einen Erkenntnisvorsprung als Selbsterkenntnisvorsprung. Von einer Tintenwolke umgeben, nimmt er sein Bad in der eigenen Nichtigkeit, dem er erfrischt entsteigt.

Klaus Theweleit neulich im Interview über Slavoj Žižek: „Kennen Sie diesen Film, in dem Žižek über seine Bücher spricht? Seine Bücher hat er zu Hause hinter einem Vorhang. Den zieht er auf und die stehen da alle in einer bestimmten Ordnung. Und wenn ein Buch nicht da steht, wo es soll, dann flippt er aus. Wirklich nicht mein Typ.“ – Wie ein Puppenspieler. Der flippt auch aus, wenn eine Puppe fehlt. Es geht ja nicht, wenn beim Kasperltheater das Krokodil fehlt.

Auch der größte Einzelgänger darf davon ausgehen, dass er bei 8 Milliarden Menschen wohl ein paar hundert oder tausend Ebensogesinnte finden mag. Ein Außenseiter in einer Schulklasse fände weltweit wohl Millionen Genossen. Und wer in seiner Schulklasse keinen Freund fand, fand einige davon in der Schule. Meist. Es gibt keine Narrheit, die nicht Mitnarren fände. Wohl mag es Formen des Wahnsinns geben, die einzig und alleine darauf hinauszielen, wirklich einzigartig und nur mehr dieser unverwechselbar EINE zu sein. Der Gipfel, die Nadelspitze, der isolierte Punkt.

Während der Grenzübergang zum Islam inzwischen stark bewacht ist, ist doch der uralte andere verfallen, ruinös verzaubert und ganz frei begehbar: der vom Christentum über die Patristik zu Plotin, Porphyrios, Proklos zurück. Wenn wir Scottus Eriugena oder den Pseudo-Dionysius Areopagita lesen, gehen wir schon über die steinerne Brücke zurück, an deren Kopf uns der Geist des Kaisers Julian erwartet.

Plotin ist, wie einmal jemand gesagt hatte, ein „entsokratisierter Platon“, also Platonismus ohne Sokrates, aber ebenso braucht es bei ihm keinen Christus als Mittler, um in der „Henosis“ zum göttlichen Einen, und zwar in sich selbst, zu gelangen. Christus mag späteren neuplatonischen Patristen wie Pseudo-Dionysius Areopagita als Vorbild oder schlechthin auch als DAS Vorbild (als der „innere Lehrer“) erschienen sein, zu dem Einen zu gelangen, aber nie als das einzige, unumgängliche, um das kein Herumkommen ist. Oder doch schon, indem nämlich das neuplatonisch Eine trinitarisch konzipiert wurde? Augustinus schrieb in seiner Frühschrift „De vera religione“: „Suche nicht draußen! Kehre in dich selbst zurück! Im Innern des Menschen wohnt die Wahrheit. […] Der Verstand schafft die Wahrheit nicht, sondern findet sie vor.“ Bei Plotin erfolgt jene Einung weniger in der „Schau“ eines Externen (wobei für ihn vier singuläre mystische Erlebnisse überliefert sind, die einer „visio“ gleichkamen), nicht in den krampfhaften Regungen des Leibes und der Seele, nicht im Leiden und der Tollwut der Leidenschaften und der Reue darüber, nachdem alles durch Unverstand und Verblendung zerschlagen ist, sondern es ist ein sanftes, aber bestimmtes Innewerden des uns und allem immer virtuell innewohnenden, jedoch zeitweise verdunkelten Daseinsgrundes. Ist Sammlung und Entzerrung, reflexive Stand- und Eigenstandgewinnung gegenüber der Welt- und Gesellschaftszumutung. Nie könnte ein Mensch so im Übel missraten, dass er sich nicht selber an einem Spinnenfaden zurückturnen könnte ins Zentrum seines Netzes, das, von sanfter Luftströmung bewegt, im Lichte sich wiegt. Jean Trouillard bezeichnete den Plotinismus als „une doctrine et une méthode des métamorphoses du moi“. Allerdings wurde der nach E. R. Dodds ursprünglich „mystische Optimismus“ Plotins immer mehr durch die behauptete „Nichtigkeit“ des Menschen unterlaufen, der von sich her sich nicht in einer „Epistrophe“ zur Gottheit bzw. zum Einen aufzuschwingen vermöge. Plotins „mystischer Optimismus“ erschien im Kontrast zu dieser unterstellten Christusbedürftigkeit nunmehr als antik-heidnisch-unfromm. Das „solus Christus“ begann sich damals bereits in dieser Entmächtigung antiker Weisheitspraxis abzuzeichnen und einen gewaltigen, bis heute wirksamen Trennbalken der Menschheit zuzufügen. Bei Plotin ist, wie mir scheint, die Grundform einer philosophischen Religion vorgezeichnet, die inhaltlich noch unterbestimmt ist. Und deshalb z.B. auch nicht der Gnosis zuzurechnen ist. Die Denkfigur des Plotin gleicht einem urbar gemachten Grund, in dem noch keine Eigentumsrechte sich geltend gemacht haben, noch keine Parzellierungen erfolgt sind. Es herrscht noch nicht der Lärm, der ganze spätere Unfrieden des konfessionellen Nachbarschaftsstreits bei ihm. Der Mensch (und zwar potentiell jeder) ist dafür der Selbsttranszendenz grundsätzlich fähig erachtet. Er bedarf dazu keiner Kirchen oder Logen, keines „Mittlers“. Soweit ich sehen kann, ist Plotin komplett teufellos; und wenn er sich auch im eigenen Leib nicht eben wohlgefühlt hatte, war die Natur für ihn deswegen noch lange nicht wie für die Gnostiker das misslungene oder bösartige Machwerk eines Demiurgen.

So lange das beklemmende Gefühl gehabt, von irgendwelchen zufällig mich musternden Leuten durchschaut zu werden, bis ich begriff, dass an mir nichts zu durchschauen ist. Das heisst, mit Plotins „Einem“ rückgeschlossen zu sein. So klar werden wie ein Glas Wasser, in dem der fremde Korrekturstift sich als gebrochen zeigt.

Meine Hochachtung vor unserem Mond ist gestiegen, während die vor Planeten wie Merkur und Mars gesunken ist, als ich sie im Größenvergleich zur Erde sah. Unser Mond ist beachtlich. Pluto ist kleiner als unser Mond. Das kann jeder wissen, kennt jedes Kind, hat jeder mal gesehen, aber nur wenige halten es sich gegenwärtig. Wie groß Österreich auf dem Merkur wäre, musste ich denken. Oder auf dem Pluto.

So etwas kann auch nur ein Kaiser schreiben: „Verkaisere nicht! [„me apokaisarothes!“] Nimm einen solchen Anstrich nicht an, denn es geschieht so leicht.“ (Mark Aurel)

Dass ein Besucher bei einem Konzert leider tot umgefallen ist, ließ mich nicht los. Fand heraus, dass es sich um Robert Schumanns Klaviertrios 1-3 handelte. Hörte sie mir selber an, den Atem anhaltend: jetzt – jetzt – oder jetzt? An welcher Stelle vollführte der Tod den Schlag? Meldete er sich ein paar Takte vorher schon an? Auf einmal wird Musikhören zu einer Gratwanderung. Man traut der Welt nicht mehr gar so ganz, wenn man von solchen unerwarteten Todesfällen hört. Momentan die Ahnung, in einer Musik würde vielleicht etwas sein, das so schön, so berührend sein kann, dass es einen zu töten vermag. Die Musikstücke überlebt zu haben empfand ich nun wie die vollbrachte Überquerung einer Schlucht auf den morschen Brettern eines baufälligen Steges. Ich war diesmal „montiert“ in diese so schöne Musik hineingegangen wie in eine Gefahrenzone: Hingabe bis auf Widerruf. In Gedanken errichtete ich danach ein Marterl für jenen „Verunglückten“.

Peter Hodina

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