DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°5


Was mein persönliches Lieblingsbuch von Thomas Bernhard sei? Eine sehr schwere Frage, die ich spontan so zu beantworten suchte: „Die Auslöschung kauft zwecks Holzfällen eine Hose aus Beton, die früher Wittgensteins Neffen gehörte, nimmt im Kalkwerk eine Korrektur daran vor, worin sie mit beschnallten Gummistiefeln im Wetterfleck  durchs Innviertel, wo die Kinder dick sind, gen Ungenach wandert und, einen diesmal weiten Bogen um die Ursache machend, bis über die Baumgrenze hinaus sich über den Heldenplatz erregt, wo Elizabeth II. unter dem Eisen des Mondes im Frost – welch eine Verstörung! – mit dem Balkon zusammen mitten auf den deutschen Mittagstisch an einem deutschen Dichtertage fällt, was der Wahnsinnige ignoriert, indem er an den Rosen der Einöde riecht.“

Absagebrief Thomas Bernhards aus dem Jahre 1968, in Salzburg zu lesen. „Alle Menschen ersticken in ihren scheußlichen Biographien. Die Bibliographien sind ebenso grauenhaft.

Buchstabendreher: die „amoprh geformte Wohnskulptur“. Lässt unfreiwillig anschaulich werden, was „amorph“ bedeutet.

Also das neben mir gesessen- und schweinsbratengegessenhabende Ehepaar aus Bayern jetzt, das muss erst noch beschrieben werden. Highlights über Highlights. Sie teilten die Welt ein in gute Ehen – und gar keine Ehen. Das war wirklich schon das Weltbild auch. Die Frau schwieg fast nur, der Mann räsonierte. Aber er konterte dem Weniggesagten der Frau, das diese gegen andere hinsichtlich von deren nicht gar so sittlichen Ehen behauptete, durchaus skeptisch: „Ich kenn diese Leute ja gar nicht.“ Damit mundabschließend dem katholisierend stummzwar dienenden, dabei jedoch aufgeißenden Weiblichen. Insgesamt harmonisch jene beiden Siebzigjährigen. Am Schluss ging es um den Platz, wo sie ihr Fahrrad abgestellt hatten. „So dunkel bei der schlechten Straßenbeleuchtung dort, dass du die Kombination wieder nicht lösen kannst?“ (er zu ihr), in dem bayrischen Dialekt ist etwas Grundberuhigendes. Dieser Dialekt erdet ontologisch. Aber am schlimmsten bin ich – der „Neumodische mit dem Handy“, in ihren Augen, immerzu dahintippend, surfend, Bier trinkend, alles um sich untergehen lassend, mit ehrerbietigem Salut. Ich denke an Karl Lagerfeld. Den Verletzlichen. Von mir so lange durch katholische Selbstverhetzung Verkannten.

Nicht selten Missmut wegen ungenauen Sprachgebrauchs. „Du hast diesen Weg gewählt – und nicht den anderen.“ Sehr populär, oft gehört, zu oft gehört. Es hatte Sinn, als die Menschen noch sehr weite Reisen mit ungewissem Ausgang machten. Von „So many roads“ bis zum „Weg des Künstlers“ (Julia Cameron) oder „Weg des Kriegers“ (Bushidô). Dabei gleichen manche Existenzen mehr denen von Kakteen, die alle paar Jahrzehnte einmal blühen und immer im gleichen Topf sitzengeblieben sind. Oder einem Feuerwerk, das aus ein- und derselben Flasche abgeschossen wird. Oder einem Pulsar. Oder einem Vulkan, der seine Lava aus dem immer gleichen Krater spuckt. Inflammiert aus einem immer schon vorhanden gewesenen Persönlichkeitskern. Ihr Leben ist kein „Weg“, keine „Reise“, kein „Pilgrim’s Progress“, kein „Gradus ad Parnassum“, keine „Karriere“, keine „Schule“. Sie sind selbstleuchtend, auf- und abschwellend. Nach langer Dunkelheit eine abermalige Garbe, die alles Bisherige übertrifft. – Eine fehlgehende Lebensmetapher nagelt uns fest. So trifft es bei manchen die Sachlage besser, statt zu erklären: „Du bist gescheitert“, zu sagen: „Du bist schon lange nicht mehr aufgeblüht.“

„Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt.“  (Schopenhauer) – Aber auch Hoffnungslosigkeit und beständig eingezogener Schwanz schützt nicht vor dem Tod.

Zu einem Goethe-Zitat. „Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.“ (J.W. v. Goethe, Maximen und Reflexionen) –  Ein sehr häufig vorkommendes Goethe-Zitat, oft nicht vollständig zitiert. Didaktisch, mit der Betonung der Pflicht im Alltäglichen. Das darin aber befreiende Moment: langem Grübeln sich entschlagen zu können – und zu DÜRFEN. Die Selbsterkenntnis ist Reflex der Praxis. Die Introversion gleichsam die Diastole der systolischen Extraversion. Beides gehört zusammen. Goethe war das leere Graben im stillen Kämmerlein des Ich suspekt. Selbsterkenntnis gewinnt man im Prozess, nicht im voraus. Sie ist Frucht der Arbeit, aber nicht im Sinne eines äußerlichen, sondern eines inneren Ertrags. Nicht würde der Mensch zuerst in Gott befestigt oder aber der Bodenlosigkeit der leeren Selbstreflexion, der Nabelschau ausgesetzt, sondern der Vico-Satz „verum quia factum“ kommt zur praktischen Anwendung: The true is the made. Der geistesgeschichtliche Bezug zur „Szienza nuova“ von Giambattista Vico ist ebenso für Goethes Sicht illustrativ: „Der scholastischen Gleichung: Verum est ens – das Sein ist die Wahrheit – stellte er [Vico, Anm. PH] seine Formel entgegen: Verum quia factum. Als wahr erkennbar ist nur das, was wir selbst gemacht haben. Diese Aussage führte ihn über die Ablösung der scholastischen Metaphysik hinaus; er wies auch die cartesianische Erkenntnistheorie zurück: Denn der menschliche Geist könne nicht erkennen, wie er selbst funktioniert, da er seine Erkenntnisobjekte selbst gestalte (‚wie auch das Auge alles sehen kann, nur nicht sich selbst‘).“ (Wikipedia) Zusätzlich ist jedoch bei Goethe ein mächtiges Momentum einer objektiv-idealen Schau auf die Dinge wirksam, ohne den erkenntnistheoretischen Skeptizismus. Und hierin ist er Erbe des Platonismus. Die Wahrheit ist ihm nicht nur eine gemachte oder erst durch Tätigkeit erschlossene: sie scheint ihm in der Natur selbst anwesend zu sein, aus ihr hervorzuleuchten.

Die Annahme, es gäbe einen Teufel, ist wie eine App zu sämtlichen Formen von Paranoia, die wir auf uns installiert haben.

Ein Beispiel für pharmakologischen Materialismus: „Die Geschichte eschatologischer Ideen hat aber einen echten Fortschritt zu verzeichnen – einen Fortschritt, der sich, theologisch ausgedrückt, als der Übergang vom Hades zum Himmel beschreiben lässt, chemisch ausgedrückt, als der Ersatz von Adrenolutin durch Meskalin und Lysergsäure und, psychologisch ausgedrückt, als Entfernung von Katatonie und Gefühlen der Unwirklichkeit und Hinwendung zu einem erhöhten Wirklichkeitsgefühl in Visionen und schließlich im mystischen Erleben.“ (Aldous Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung | Himmel und Hölle. Erfahrungen mit Drogen, München: Piper, 1970, S. 131)

Zum Verhältnis von Trieb und Intellekt. Schopenhauer: „Da die Bestimmung des Intellekts ist, die Leuchte und der Lenker der Schritte des Willens zu sein; so muss, je heftiger, ungestümer und leidenschaftlicher der innere Drang eines Willens ist, desto vollkommener und heller der ihm beigegebene Intellekt sein; damit die Heftigkeit des Wollens und Strebens, die Glut der Leidenschaften, das Ungestüm der Affekte, den Menschen nicht irre führe, oder ihn fortreiße zum Unüberlegten, zum Falschen, zum Verderblichen; welches Alles, bei sehr heftigem Willen und sehr schwachem Intellekt, unausbleiblich der Fall sein wird.“ (aus: Parerga und Paralipomena II, Kap. 26, Psychologische Bemerkungen, § 304) – Was mir zu verdeutlichen scheint, dass Schopenhauer zwei Brennpunkte hatte: einen starken Willen ebenso wie einen starken Intellekt. Sein Seelenleben könnte als Ellipse versinnbildlicht werden. Nicht wird der Trieb in immer höhere Höhen sublimiert und aufgebraucht, sondern er befeuert vom Grund her. Oder der Intellekt wie ein Sonnenspiegel, der die olympische Flamme des Geistes entfacht.

Freudscher Versprecher vorhin bei einem Telefonat, wo ich meinte, zu einem Partnerschaftsproblem meinen Senf abgeben zu müssen: „In eurer Pantherschaft…“

„Der bei weitem Einzige, der keine inneren Zwänge hat, bist du“, sagt die beste Freundin zu dem, der zu drei Vierteln, wie ihm vorkommt, nur aus solchen Zwängen besteht. Aber in dem einen Viertel ist er von diesen geläutert – mehr als andere. Er ist eine Zwangsraffinerie.

Noch nie vorher hat das Google bei mir gemacht. Punkt 23 Uhr schickt es mir mitten hinein im Betrachten von Bildern vom Mars die Mitteilung: „Es ist Zeit, ins Bett zu gehen, Mr. Tapyrus!“ Hatte das nicht vorher eingestellt. So, jetzt haben wir nicht nur einen Bundeskanzler, der uns sagt, wann wir aufzustehen hätten, sondern auch noch ein Google, das uns abends das Licht löscht. Wie im Heim.

Die Wächter der Zeitgenossenschaft – die bezahlten und die ehrenamtlichen. Manche nehmen grundsätzlich Partei für die „Zeit“, als wäre sie schon von sich her was, wo sie doch hauptsächlich nur das Verrinnen selbst ist. Die „Zeit-ung“, die – vorfiltriert – berichtet über das, was sich zeitigt. Doch auch außerhalb der Zeitung zeitigen sich die Jahreszeiten. Wer nichts gelernt hat und nichts kann, wird Zeitphrasendrescher, Zeitopportunist, Zeitmitläufer, Zeitnachhetzer oder gar vorausrennender Zeithengst.

Idealistische Varianten: Aus und in einer Idee leben, mit einer Idee, neben einer Idee, trotz einer Idee. Mancher zieht Orchideen vor.

Leider hat es die Natur nicht so eingerichtet, dass wir auf der Stelle tot umfallen, wenn wir einen menschheitsschädigenden Plan fassen. Wie sehr wären wir in diesem Fall bemüht, unseren aufkeimenden Hass und unsere Destruktivität zu zügeln, sie nicht zum Äußersten aufkochen zu lassen, denn: „ploing!“ – und aus die Maus. Wir wären Hypochondriker der Destruktivitätsbegrenzung, zitterten vor bösen Überschreitungen. Ein paar verwegene Jungspunde fänden sich, die sich davon nicht hemmen ließen, die Grenze bis hart an dieses „Ploing!“ auszuproben, ja mitten hinein zu laufen in den Exit.

Peter Hodina

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