DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °40

„Der Mensch kennt seine Formel nicht.“ (Dostojewski) — Aber noch weniger darf sie, nämlich meine Formel, ein anderer kennen. Es muss absolut verhindert werden, dass ein anderer meine Formel findet. Ich muss meine für mich nicht abschließend gefundene Formel hüten, als ob ich sie hätte, wie in einer Konkurrenz der jeweils nach dem Nobelpreis oder gar der Weltformel gierenden Physiker. Mehr noch, ich muss die Schwerkraft sein, die sich dagegen sperrt, verformelt zu werden. Die Sonne, die verkündet, keine Hitze zu kennen. Zwar ist man ein offenes Buch, aber mit dem Vorbehalt, sich jederzeit vor der Nase eines Eindringlings zuschlagen und an anderer Stelle wieder aufschlagen zu können.

Andere Formen des persönlichen Beeinflusstwerdens: wie ein Überspringen von Teilchen des anderen. Diese Teilchen reizen bestimmte bewegungsbereite Elemente in einem zum Tanz, Lösungen für lang verfestigt gewesene Problemlagen bieten sich an, Verbindungen, die man bisher nicht sah oder schon sah, aber nicht ausreichend aktivierte. Der Auslöser wirkt wie ein Denkanstoß, ohne dass gestoßen oder auch nur geschubst, ohne dass kon-frontiert worden wäre. Es ist dieser andere Mensch als solcher, wie er gar nicht anders kann, wie er geworden ist, von dem die Teilchen überspringen, und es ist keine Lehr- und Lernbeziehung, kein Überschwemmtwerden, keine Insemination des einen durch den anderen, keine Bullenzucht des Geistes, keine manipulative, nicht einmal intentionale Lenkung, sondern ein von selbst stattfindendes Überspringen des sei es bloß atmosphärischen Funkens, ohne dass von Begeisterung gesprochen werden müsste, eher von „Begeistung“, die ganz nebenbei und nahezu absichtslos erfolgt und die man an den Wirkungen erkennt. Wobei die Hauptarbeit man selbst macht, die aber mit einer nie gekannten Leichtigkeit vollzogen wird, weil es um Verknüpfungen geht, die in einem latent vorhanden waren und die man jetzt selbst in sich, durch das Hinzuspringen jener fremden Teilchen, aktiviert. Um es in ein Bild zu bringen: es regnet Sterne aus seinen, des Korpuskulators, Bewegungen.

Etwas nicht sein zu wollen, was man eh nicht ist („Er will kein Buddha sein, obwohl er kein Buddha ist“, wie es in einer alten chinesischen Bildlegende heißt), ist der Weg, sich trotzdem oder gerade dadurch mit dem, was man nicht ist, zu affizieren. Er möchte kein schlechter Mensch sein, obwohl er kein schlechter Mensch ist. Das ist eine Formel für das niemals schlafende Selbstgewissen. Er möchte kein Philosoph sein, obwohl er kein Philosoph ist: würde er dadurch nicht schon ein bisschen philosophisch? Er möchte nicht schwul sein, obwohl er nicht schwul ist: würde er dadurch nicht etwas schwul? Er möchte nicht wie sein Vater sein, obwohl er nicht wie sein Vater ist: würde er durch dieses ständige Mit-sich-hadern nicht immer seinem Vater ähnlicher? Er möchte kein Rhetor sein, obwohl er kein Rhetor ist, kein Dichter, obwohl er keiner ist: würde er dadurch nicht schon etwas beredter und dichterischer? Man könnte zwar diesen Vorgang, diese Selbstkonfrontation mit Paul Watzlawick im Sinne einer Anleitung zum Unglücklichsein verstehen. „Er will nicht unglücklich sein, obwohl er nicht unglücklich ist.“ So bleibt das Glück seine immerwährende Aufgabe. Gärendes Wachstum durch Selbstentzweiung. Der Saft hält es in sich nicht aus.

Man mag mit einem ramponierten Teddybären Mitleid empfinden, weil er unsere Stimmung und Lage widerspiegelt, aber nicht mit einem wegzugebenden Spiegel, der uns wirklich spiegelt. In allem können wir uns spiegeln, im einsamen Baum auf einem Felsblock in der Klamm, im abgelaufenen Schuhabsatz, in Stolz wie in Leid, nur nicht im Spiegel selbst.

Wer mit Tieren übertrieben Mitleid empfindet, der gilt manchen sogar als faschismusverdächtig. Tierliebe und Menschenhass können durchaus nebeneinander in ein und derselben Person koexistieren, heißt es, obwohl wir gegenteilige Stimmen wie die des Grafen Tolstoi anhören, der sagte: „Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben!“ Was aber ist mit jenen, die nicht nur für Tiere Mitleid empfinden, sondern sogar für Dinge: für verlassene, weggeworfene Stofftiere und Puppen? Wären die der größten Menschenfeindlichkeit zu verdächtigen?

Ich lese, dass der Dialekt verschwindet, und das grämt mich. Dabei habe ich gar keinen einer Region rein zuordenbaren Dialekt, sondern diese gewisse Mischform, wie sie lange in Österreich gepflogen wurde. Man bringt heute in den höheren Schulen Kindern bei, ein gehobenes Deutsch zu sprechen. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass das ein klareres, zivilisierteres, moderneres, international anschlussfähigeres Denken zur Folge hätte. Das Wienerische, aber auch das Bairische stürben aus. Eine neue „Koine“ (Einheitssprache) entsteht, und wie immer gibt es Lehrer, Coaches, die sich besonders engagieren, dass wir gesitteter und moderner würden. Ich sehe einen solchen in der Phantasie vor mir, wie er zu mir sagt: „Ich rede mit Ihnen nicht weiter, wenn Sie kein ordentliches Deutsch sprechen!“Ich imaginiere ihn als neoliberal-links. Er hat jeglichen diskriminatorischen Altbestand aus der Sprache getilgt, o.k., gendert brav, fühlt sich als Vorbild, verweist auf seine verbrieften Qualifikationen, pflegt das Gute Leben, hält auf Standards, will, dass die Gesellschaft nach diesen taghellen Standards ausgerichtet wird, will in den Schulen das Fach Ethik statt Religion, „Wozu noch den Faust lesen? Wozu Latein?“, alles ist sauber, korrekt, aber hart, in jedem zweiten Satz fällt das Wort „Business“, „Der Papa ist so toll“, sagen seine Kinder, manchmal dürfen, nein sollen sie ihn mit dem Vornamen anreden, und doch … und doch … trennt mich eine Riesenkluft von diesem angeblich urbanen Menschenschlag, und ich bleibe dagegen resistent und renitent. Mir fehlt einfach überhaupt der rechte Glaube: in allem und an alles.

Die Befriedigung, etwas genau als Hundertster zu liken. Die noch größere, es genau als Tausendster oder Zehntausendster zu liken, wenn 9.999 vor einem ins Wasser springen, dann der Zehntausendste sein. Ohne noch zu schauen, wo genau man da hineinhüpft. Seit ich darauf achte, schaffe ich es täglich mehrmals, mindestens je in einer Sache der Hundertste, Fünfhundertste, ja Tausendste zu sein, oder wie vorhin, bei einem der nicht unbedingt hübschesten Huskys, der genau weltweit Hunderttausendste! Und ich stehe erst am Anfang, komme erst in Übung. Alles Zufall? Man kann bei bestimmten Posts auch warten, bis es soweit ist, wie bei einer Online-Auktion — und zuschlagen!

Einen Mann aus Japan einmal kennengelernt, der immer dann besonders lachte, wenn es nach unseren Begriffen aber auch wirklich nichts zu lachen gibt. So stellte ich mir gerade vor, wie er sagen könnte (obwohl er kein Schriftsteller ist): „Mir fällt nichts mehr ein. Hihi. Ich bringe nichts mehr zusammen. Hihihi. Ich bringe nämlich wirklich im ganz wortwörtlichen Sinn diese Wirklichkeit nicht mehr zusammen, hihi, der Leim ist aufgebraucht, mit Spucke allein, hihi, und Schleim und, hihi, mit Auswurf, hihihi, kann ich sie auch nicht mehr zusammenkleben, hihihihi!“ Und wie er das zu den ihn ständig unter Druck setzenden Angehörigen sagt, sie entwaffnend, wie er ihnen, einem harpunierten Wal gleich, seine Unfähigkeitsseite zuwendet. Wie er in diesem Hihi alle auf ihn gerichteten Ansprüche und Erwartungen auf der Stelle zerstreut.

Über Proust: „Mehr als der Roman beschäftigt mich die Tatsache, dass er den größten Teil im Bett liegend, auf kleinen Zetteln, in einem mit Kork ausgelegten Zimmer, beim Licht einer kleinen elektrischen Lampe geschrieben hat. In den letzten zehn Jahren brachte er, ohne je Spaziergänge zu machen, ohne je ein Fenster zu öffnen, diese Willenskraft auf, trotz quälender Asthmaanfälle. Einerseits ein Sklave, andererseits einer der ganz wenigen schöpferischen Menschen, der ausschließlich tat, was er wollte, seinen eigenen, eigenartigen Lebensstil ausarbeitete und sich mit minuziösester Genauigkeit, auf niemanden Rücksicht nehmend, an seine Gewohnheiten hielt. Sein elterliches Erbe ermöglichte diese Haltung. Die Mitmenschen seines Kreises und seine eigenen Triebe studierte er wie ein Entomologe das Insekt.“ (Zenta Maurina: Meine Wurzeln sind im Himmel. Letzte Wegstrecken, Memmingen: Maximilian Dietrich Verlag, 1979, S. 16f.)

Abends, ob erlaubt oder nicht, alleine einen Rundgang auf dem Areal der Nervenklinik unternommen. Das ist ein eigener Stadtteil. Große Ruhe, fast Frieden dort. Das Tor der kleinen Kirche stand angelehnt, ich betrat sie, innen einladend Licht, niemand sonst dort. Neben dem Eingang eine Marmortafel, die an die Opfer der NS-Euthanasie erinnerte. Die Eiche, die lange nach dem Krieg zu Ehren eines vormaligen Primars gepflanzt worden war, der seinerzeit Diagnosen ausgestellt hatte, die zur Patientenvernichtung im Zuge der T4-Aktion führten, ist entweder beseitigt oder umbaut worden. Das Allerwichtigste auf dem etwas labyrinthischen Areal, das auch über einen großzügigen Fußballplatz verfügt, war indessen vergessen worden: der Wegweiser, der zum Ausgang führt! Eine einzelne Raucherin zeigte mir die Richtung, in die ich gehen musste, um wieder hinauszufinden.

Peter Hodina

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