DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°4

Nun lass sie doch leben, die kleinen Aphorismen-Schmetterlinge. Es gibt nicht nur die Düsenjets der szientifischen Anmaßung. Ein Großmeister des Aphorismus, Stanisław Jerzy Lec, nannte ein Werk „Unfrisierte Gedanken“. Es muss nicht immer alles gekämmt daherkommen.

Traum: Bewohne alleine, was mir gerade erst noch als Vorteil erschien, eine kleine, an einem Hügelabhang sich befindende mittelalterliche Burg. Wie ich nachts, zwei Stunden vor Sonnenaufgang durch die einem kleinen Bullauge gleichende Schießscharte auf die dunklen, von Wäldern umsäumten Matten blicke, überkommt mich Angst. Besser, ich schrecke jetzt jemand anderen, denke ich, und fange an, durch das Bullauge sehr laut und furchteinflößend hinauszujodeln. Dies habe so schaurig sich zu verlauten, dass den zufällig hier nachts Wandernden der Schrecken packt. Meine Bettnachbarin wollte mich wecken, denn das Jodeln drang aus dem Traum heraus. Aber ich wehrte sie mit folgenden Worten, die gar nicht zu meinem Sonstigen passten, ab: „Lass mich schießen!“

„Das beständige Leben im Zimmer wird bald zur kränkelnden Vegetation. Wer Kraft und Mut und Licht mehren will, gehe hinaus in die Elemente.“ (Johann Gottfried Seume, der 1801/02 seine berühmte Fußreise nach Sizilien unternahm, seinen „Spaziergang nach Syrakus“)

Zu- und Nachsatz zu meiner Bemerkung „Deinen Hund gibt es mehrmals!“: Unser Hund, so sehr er vielleicht anderen Hunden gleichen mag, erkennt in seiner Treueveranlagung UNS, selbst wenn wir ihn aus einer Schar von tausend ihm gleichenden Hunden (etwa auf einem Foto) nicht sofort oder gar nicht mehr herauszufinden vermöchten. Diese anagnoristische, d.h. wiedererkennende Veranlagtheit des Hundes ist die andere Seite der zu ihm bestehenden inneren „Leine“. Es ist die anagnoristische Respondenz des Hundes, die uns der zwischen uns intakten Liebesbeziehung versichert, auch dann, wenn unsere Sinne schwankend werden. Obzwar ein Pinguin für uns dem anderen gleicht oder auch ein Schwan dem anderen, sind sie für sich treu zu Paaren, wie die Moraltheologie dies gern uns sündigen Menschen abverlangte. – Ich würde das Bellen des mir vertrauten Hundes für sich nicht als das seine erkennen, er hingegen drängt zum Handy, wenn er meine Stimme vernimmt und erkennt sie wieder. Was beweist, dass es sich nicht nur über den Geruchssinn abwickelt.

Notiz zum Vaterhass. Erst dann hat man Ruhe in sich gefunden, wenn man sich nicht mehr daran stößt, in manchem oder sogar vielem seinem Vater zu gleichen, ihm aber auch nicht mehr krampfhaft nachzustreben bemüht ist, was das andere Extrem. Exzesse des Vaterhasses können zu bestimmten Zeiten Mode und damit ansteckend werden. Es hängt auch damit zusammen, wie sehr Väter es daransetzen, dass die Söhne ihnen zu gleichen hätten. Dann brandet der Emanzipationskampf zurecht mit voller Stärke auf. Dadurch, dass manche Väter in NS-Verbrechen verstrickt und zudem autoritär-delegativ waren, ist der Vaterhass für einige Zeit angesagt gewesen. Doch nicht jeder Sohn ist Niklas Frank – und nicht jeder Vater Hans Frank gewesen. Man kann es mit dem Vaterhass auch übertreiben, ja der Hass hat das Wesensgesetz einer sich zum falschen Unendlichen aufbauschenden und aufstirnenden Übertreibung, kennt, einmal entflammt, kein Maß, ist insofern, was sein Wesen betrifft, ein Unwesen. Der Vater hat manche so vergällt, dass sie sich kastrieren haben lassen. Das ist wie ein Exorzismus: siehe als Zeitdokument das Buch „Elternaustreibung“ von Volker Elis Pilgrim (1984). Konsequent dabei, müsste man sich die Ohren abschneiden oder die Nase korrigieren oder das Geschlecht umändern lassen, wobei deutlich wird, wie in allem solchen Emanzipierenwollen ein Qual- und Selbstbestrafungskern steckt. Sich an sich selbst den Vater bestrafen. So verdorrt dann der Zweig am Stammbaum. Durch ein Selbstopfer, das sich jedoch niemals als ein solches zugeben würde.

Was das Gegenteil eines Opportunisten sei? – Ein „grader Michl“, was unter Umständen bis zu einem Michael Kohlhaas gehen kann. Jemand, der schwere Nachteile riskiert in seinem Wahrhaftigkeits- und Gerechtigkeitsdrang. Der Opportunist dagegen dosiert das Risiko und kassiert den Vorteil. Es gibt unterschiedliche Grade von Opportunismus: auf der Skala von Profitiermöglichkeit bis Verlustangst, von Raff- und Karrieregier bis einfach bloß Rettenwollen der eigenen Haut. Die Innenansicht der Opportunisten ist auch unterschiedlich: Wernher von Braun wollte zum Mond, aber über die Nazis. Er gebrauchte die Nazis (aber auch die Zwangsarbeiter), danach die Amerikaner als Mittel zum Mond, die Nazis ihn (und die Zwangsarbeiter) zu Kriegszwecken. Ein solcher Opportunist hat für sich ein höheres Ziel, als die es haben, denen er sich vorläufig anpasst. Ein Dombaumeister mag einem ekelhaften Bischof zu Arsche kriechen, wenn er nur seinen Dom bauen kann. Mancher Opportunist hat gegen seinen Herrn einen Dolch im Gewande, aber nutzt ihn nicht, schiebt das Attentat ewig auf. Ist der Herr selbst ein Opportunist, schaukelt er mit jeder Welle mit. Mancher, der sich in der Rolle des „Versöhners“ gefallen will, eint die anderen dann dadurch, dass sie alle zusammen über ihn als „Opportunisten“ herfallen.

Exakt an dem Tag, als ihre Kredenz fortgeschafft worden war, verwirrte sich der Geist der alten Frau. Jahrzehntelang stand das Möbel an seinem Platz. Verrückte man die Dinge oder schaffte sie fort, wurde ein solcher Gewohnheitsmensch, wie sie es war, selber verrückt. Käme „Kredenz“ von „credo“? Also Verbürgtheit des Glaubens an die Konstanz der gewohnten Dinge kraft des Möbels? So weit allerdings, trotz richtiger Herleitung, brauchen wir nun aber nicht unbedingt zu gehen: „Das Wort leitet sich vom lateinisch credere ‚glauben, vertrauen‘ beziehungsweise italienisch credenza ‚Glaube, Vertrauen‘ ab. In Zeiten, in denen Könige noch Vorkoster benötigten, um Giftattentaten zuvorzukommen, wurden die Speisen vom Vorkoster beglaubigt und für unbedenklich befunden. Die kredenzten Gaben konnten demnach unbeschwert verzehrt werden.“ (Wikipedia) – Warum andererseits kann ein Möbelstück (das mit dem schwenkbaren Ankleidespiegel) „Psyche“ heißen? Können Gegenstände so mit uns verwachsen sein, dass die Wegtrennung von ihnen uns ins Chaos stürzt, als sei unserem Bild der Nagel, an dem wir hingen, gezogen worden?

„War jetz‘ des gestern oder im 3. Stock?“ (Karl Valentin) – Ein Beispiel, wie manchmal das Gedächtnis (dys)funktioniert bzw. sich zusammensucht. Die Ereignisse, an die wir uns erinnern, haben einen Sitz in Raum und Zeit. Manchmal ist ein Gedanke, der uns entfallen ist, sobald wir das andere Zimmer betreten, noch in dem einen Zimmer, in dem er gedacht wurde, „enthalten“. Wir gehen in dieses Zimmer zurück, schon ist der entfallene Gedanke da. Im Extremfall – und das hängt keineswegs nur mit dem Alter zusammen -, verliert man den gefundenen Gedanken sofort wieder, wenn man ein paar Meter aus dem Raum hinausgeht, in dem er gedacht und bereits wiedergefunden wurde; gehst du nur die vier, fünf Schritte zurück, kannst du ihn erneut abrufen. In seltenen Fällen musste ich gleich mehrmals hin- und zurückgehen, so sehr „war“ der Gedanke in dem einen Raum. Bestimmte Gedanken „hängen“ an Orten, Landschaften, an einem Wasserlauf, am Duft von Pflanzen, sind damit ad-soziiert.

„Die Unordnung im Zimmer entspricht der Unordnung im Herzen.“ (Japanisches Sprichwort) – Man weiß aus der Suizidforschung, dass viele Selbstmörder, bevor sie sich umbringen, alles aufräumen. Dann, wenn alles aufgeräumt ist, stehen sie vor dem Unaufräumbaren in sich selbst und räumen dann „gründlich“ mit sich auf, sich weg. Am wenigsten lässt sich die innere Leere aufräumen, wie auch? Sie lässt sich zuräumen, vollräumen. Das Chaos verhindert das Gewahrwerden jener inneren Leere. Wer hält es schon in den Steingärten des Grauens aus? Es bleibt bei einem äußerlichen Chaos, in der sich auftürmenden Labyrinthik und halbeinstürzenden Ruinanz immer noch gar viel wegzuräumen, bis man endlich zu sich selber kommt, sich als dem armen Schachkönig in dem Spiel auf die Pelle rückt. So prokrastiniert man sich lieber durchs Leben. Prokrastinage als lebensverlängernde Maßnahme. So baut man dem Kirchturm zu Sankt Nimmerlein die Glocke aus, die einem keine Stunde schlägt. – Doch ist das alles zu sehr Zimmerperspektive; zu bedenken bleibt: „Im Atelier sind die Farben falsch, und das Licht ist ebenfalls falsch.“ (Édouard Manet)

Vom Du zum Sie zurück, dann wieder ins Du sich vorwagend, schließlich vielleicht beim Du für immer bleibend. Ich war früher ein solcher Wechsel-Du-Siezer, der ein ihm von Älteren angemutetes Duwort öfters nicht durchhalten konnte. Ich schämte mich lange dessentwegen. Heute hingegen, wo bei anderen mir es begegnet, finde ich es voller Charme und Blütenhaftigkeit. Nie würde ich es als „Schwäche“ verachten, sondern es zeigt ein unverbildetes, unabgestumpftes Sensorium an, das um jeweilige Feineinstellungen bemüht ist.

Die meisten von denen, die, ohne genau auf die Worte achten, zwar anerkennend sagen: „Damit lässt sich etwas ANFANGEN“, sagen es so, als wäre eine Sache in sich abgeschlossen, bereits fertig, statt zu Weiterem, eben erst richtig Beginnendem, sich Freispielendem eröffnet. So bleibt es fortsetzungslos oder setzt immer wieder neu, von Bruchstück zu Bruchstück, an.

Welch ein guter Mensch er war, zeigt sich bei dem einen in der Nähe, bei dem anderen aber aus der Ferne – wie bei gewissen Gemälden, die viel Platz brauchen. Im Abstand gewinnend. Aus der Nähe wird der Farbverbrauch offenbar, der vermeintlich ganz wüste Strich. Und war der Maler nicht sogar ganz „handunmittelbar“, direkt mit den Fingern zugange? Alle hacken heute auf den „guten Menschen“ ein: so muss er sich „vexieren“, sodass das Völkchen ihn nicht sieht. Und so wahr und frei heraus sprechen, dass niemand ihm glaubt.

Beim Aufwachen Skizze einer politischen Theorie, die beim Privaten beginnt, beim Umkreis persönlicher Kontakte. Wie wir, auch wenn wir uns schon seit Jahren kennen, gleichwohl mit dem anderen in uns nicht „fertig“ sind. Wie wir anständig miteinander umgehen, das Individuelle achtend. Eigentlich nicht uns in fremdes, uns unbekanntes Leben einmischen wollen. Dann kommt die Politik und fährt mit groben Vorurteilen da hinein. Oder uns widerfährt ein Übergriff, den wir privat nicht mehr auszuhandeln und auszuhändeln imstande sind, dann werden wir alarmiert. Das ruft nach einem Dritten über den beiden Streitteilen. Häufen sich solche „Einzelfälle“, werden wir gar direkt Zeugen davon, erwacht das Bewusstsein, dass dem politisch und nicht mehr privat zu antworten sei. Die Politik summiert die Menschen, hantiert mit zu „Massen“ zusammengefassten Sozialatomen, die Individuen nur wenig achtend, höchstens als Störfaktoren einkalkulierend. Ja sie hantiert nicht nur mit solchen Überschlagssummen, sondern formiert aktiv einander befeindende Gruppen, sie konstruiert ihr Konfliktfeld. Der einzelne, mag ihm die Tatsache etwa, zufällig eine weiße Hautfarbe zu haben, bisher ganz unwichtig, überhaupt nie ein Thema gewesen sein, wird vom Rassismus mit dieser Tatsache konfrontiert: sei es positiv oder negativ. Die Politik mit ihren groben Summationen dringt in die filigranen, privaten, eher friedfertigen Kommunikationsbildungen ein und vergröbert sie. Die Politik kann die Menschen regelrecht verunstalten, und ihr Telos ist fast immer Konflikt, Kampf, Krieg, Bürgerkrieg. Es sei denn, sie wäre jederzeit bestrebt, eine Balance auf grundrechtlich konsensualer Basis zu halten, mit dem klassischen Ziel eines „bonum commune“. Dann wäre sie Sozialarchitektur.

Gewisse Gebirge und Meere sind der Beweis, dass die Natur von sich her Grenzen zwischen den Völkern zu ziehen versucht.

Zweierlei Maß. Hätte z.B. dieselbe Passage ein Hermann Lenz, ein Wilhelm Genazino oder ein Ludwig Hohl geschrieben, würde man sagen: „Merkwürdig, merkwürdig, versponnen und hier etwas wunderlich der Alte!“ Aber da von Lenz, Genazino oder Hohl, MUSS es was sein, da hämmern wir es passend, UNS selbst hämmern wir zurecht, bis der Text passt, auch wenn sich dabei etwas an uns verbeult. Zweierlei Maß bei Texten: ob von Berühmten oder Unberühmten. Der Text könnte qualitativ gleichwertig, ja identisch sein. Die Träger des Lorbeers haben Vorschusslorbeeren.

Schlagzeile, um nicht zu sagen Stoßzahnzeile: „The Return of the Mammoth May be Sooner Than You Think“.

Peter Hodina

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