DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °39

Versuch über die Wiederholung

Ich machte dort an dem Brandenburger Ort wohl in summa dreißigmal eine Tür zum Pferdestall auf, wo ein indischer Türgriff mit Elefantenkopf aus Messing angeschraubt ist, den ich einmal als Geschenk mitgebracht hatte. Wenn ich in diesen Stall hineingehe, bin ich ganz dort, als wäre alles andere in den Hintergrund gedrängt, ja überwunden. Oder wenn ich in Salzburg durch die Hellbrunner Allee gehe, durch die ich hunderte Male gegangen bin, oder durch den Kommunalfriedhof. Oder wenn ich die Rolltreppe am Wiener Westbahnhof benutze oder in der Westbahn sitze, wie so oft, bin ich ganz dort. Wenn ich in Zügen sitze wie in einem fahrenden Wohnzimmer.

Es sind kleine, nicht aufregende Szenenwechsel, aber durch sie habe ich Teil an anderen Milieumomenten. Diese sind in dem Moment stärker als mein amtlicher Hauptwohnsitz, in dem ich im Stau einer konzentrativen jahrzehntelangen Erinnerungsballung mehr liege als sitze, um nicht zu sagen inmitten allzuvieler angesammelter Bücher vegetiere.

Mein Ankommen in Wien, in meinem anderen Zimmer in Berlin mit den anderen Büchern, in Silberwald, oder mein Ankommen in Ferrara, mein seltenes Hineinwaten ins Meer, mein Wiederzurückkommen nach Salzburg, wo mich regelrecht immer sogleich der Regen empfängt, dieses alte, unfreundliche, augenblicklich einen zusammenstauchende Sauwetter, das erbrechenerregende, einen von Station zu Station immer mehr in die Herkunftsprovinz zurückformatierende, von Kindsbeinen an nur allzuvertraute Obusgeruckel, das Warten auf den Anschlusszug in Innsbruck vorhin noch, der Zeitvertreib im Hinaufblicken zur Nordkette, wo in der Dämmerung ein Hubschraubereinsatz, ein langes Suchen nach einem Bergsteiger offenbar sich abspielte, dem ich als banges, beim Eintreffen meines Zuges noch unabgeschlossenes Schauspiel folgte.

Oder das Durchfahren dreier Tunnel hintereinander auf einer anderen Eisenbahnfahrt von Venedig durchs Friaul nach Kärnten zurück, erinnernd an eine abergläubische Kindheitsbangnis, die Berge könnten durch ein Erdbeben just in dem Moment über einem zusammenstürzen, die ich durch Gebete und Augenschließen magisch überbrückte. Talismanumklammernder Beter und zugleich talismanstehlender Bösewicht, der ich war. Nur noch Teile des Erinnerungsfreskos sichtbar, mit augenreibender Mühe erinnerlich, wie aus einem inzwischen doch anderen, ja früheren Leben, bei gefühlt viel kürzerer Strecke.

Ob das Betreten von Linz, das Ankommen in München: jedesmal nimmt mich das Flair des jeweiligen Ortes vollständig in Beschlag, ich habe Anteil daran, es ist das Wiedereintreten in Bekanntes, seit Jahren sich dort Haltendes, ein spontanes Wiedererinnern bei gleichzeitigem Entäußern. Es ist in dem Moment so, als wäre ich immer dort gewesen. Es geht bis ins Kleinste: das Benutzen einer Toilette in der Salzburger Universitätsbibliothek, das Hinauffahren mit dem Lift in den Linzer Wissensturm, das Betreten der dortigen Stadtbibliothek, das Erinnern an die Atmosphäre der früheren Hauptbibliothek mit der knarrenden Treppe in der Museumstraße 15 bis hin zum Gefühl beim Betätigen der alten wackeligen Messingklinken, all das sind Momente, abgesunken, wiederkehrend, ihr Verschwinden oft geübt, bei ihrem Wiederkehren nicht überrascht.

Ich betrete den Pferdestall, höre das Quietschen der Tür, und bin absolut dort, ich fahre absolut in dem bestimmten Lift zum Bahnsteig der Schnellbahn hinunter, wie so oft, ich setze mich in diese Tram, in jene, an diesem Ort, an jenem, ich gehe an einem sehr heißen Sommerabend in Sandalen am Parlament vorbei, wie alle Jahre wieder mehrmals und denke, was für ein Redner an mir verlorengegangen ist, betrete die Alte Schmiede, das Literaturhaus, wie alle Jahre wieder, das Stifterhaus, manchmal genau immer zur gleichen Zeit im Jahr.

Komme im Juli in Strobl an, trinke bei der Anfahrt über Fuschl wie jedes Jahr genau nur einmal dieses eine traditionelle, seit 1783 existierende Tonicwater, das schon Schopenhauer, vielleicht sogar sein Vater noch getrunken haben mag, und das ich regelmäßig nicht vertrage, ohne aus Erfahrung klüger geworden zu sein, die Fahrt führt übrigens vor St. Gilgen an einem Schild mit der Aufschrift „Mühlbachsau“ vorbei, was mich albernerweise alle Jahre wieder dazu kitzelt, es als „Mühlbach-Sau“ halblaut vor mich hinzusprechen, um mich an der Belustigung der Mitfahrenden zu ergötzen.

Habe dann den gleichen Blick vom Balkon, stehe nachts mehrmals mit der Zigarette barfuß an diesem netterweise für mich als Raucher vorreservierten Holzbalkon immer desselben Zimmers №107, schaue nach, ob meine über das Geländer gehängte frischgewaschene Wanderhose schon trocken ist, bin wie jedes Jahr in Verlegenheit, wo ich meine Zigarette ausdämpfen soll, besser nicht immer an der Dachrinne, wie manchmal, besser nicht in die Wiese hinunterwerfen, wie selten, und ich sehe sie im Bogen hinunterfliegen als Lichtfunken ebengenauso wie schon vor acht Jahren, gerade Neunundvierzig, jetzt Siebenundfünfzig, aber der hinabfliegende Funke, der im Rasen noch minutenlang zu sehen ist, glimmt nicht anders als vor acht Jahren. Ich nehme aus Umweltgründen besser das kleine Wasserglas aus dem Badezimmer wie jedes Jahr als vorläufigen Aschenbecher, ich weiß, dass in diesem Hotel der Lichtschalter hier ist, im anderen dort, dass in jenem Gewölbe jener Geruch herrscht, in der einen Kirche dieser, in der anderen ein anderer.

Schließlich kenne ich die paar gepolsterten, abwechselnd mit schwerbedächtiger Pfote gedrückten Hundeklaviertasten meines gewohnten Lebensspiels allesamt, auf denen ich gleichwohl unverdrossen improvisiere, und vermag, auf jeder Taste länger verweilend, mich hinunterzuhören bis zum Absoluten dieses jeweiligen Tons, bis zum Einzigartigen, selbst und gerade in der Wiederholung Einzigartigen.

Jeden wiederkehrenden Moment an den unterschiedlichsten Orten in mich aufsaugend, mich dabei deutlich herausgestellt spüren aus der dicken Suppe meiner Privatdruckkammer, in der ich sonst in Einzelhaft sitze und Erfolge herauspressen soll, damit meine Angehörigen an mir nicht verzweifeln und sich nicht bis in die Knochen meiner schämen müssen.

Aus diesen Momenten der Wiederholung fallen von Zeit zu Zeit unversehens vertraute Orte weg, ein Haus wird abgerissen, eine geliebte Brache brutal wie gegen mich gerichtet, solche wie mich, die sich nicht in die Gentrifizierung planquadrieren lassen, vertreibend, verbaut, die Hunde, auf die ich in unterschiedlichen Haushalten von Zeit zu Zeit aufpasste, haben kürzere Lebenszyklen (Wie andere in Jahren und Stunden, / rechne ich mein Leben in Hunden), ein bester Freund verlor die Nerven und löschte sich, in meinen lyrischen, epischen Augen ganz unnotwendigerweise, dramatisch aus, weil ihm mein Phlegma fehlte, dann fällt einer über die Treppe, bricht sich das Genick, den ich immer von Zeit zu Zeit traf, mit dessen Anruf ich rechnete, so fallen Zähne aus dem Räderwerk der Wiederholung, das gleichwohl noch läuft, weil sie durch die Erinnerung nachwuchsen und sich festigten.

Peter Hodina

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