DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °38

Traum: Im Schwäbischen, Mutterherkunftslinie. Nach so langer Abwesenheit bei den Händen gepackt und in einen Tanz hineingezogen, den der gewinnt, der als erster dem anderen mit Wucht auf den Fuß tritt. Auf unser landderbes Schuhwerk waren Zettel geklebt mit den Namen entweder mehr linker oder rechter Dichter, Künstler und Philosophen. Auf meinem rechten Schuh klebte beispielsweise der Name „Alfred Kubin“. Meine Tanzpartnerin, ein resches Augsburger Mädel mit Zöpfen, hatte auf ihrem Schuh „Brecht“ stehen und stieg mir in einem unvermuteten Moment – ich war noch nicht richtig bei der Sache – boshaft lachend auf meinen „Kubin“, dass es richtig wehtat. Eigentümlicherweise siegten bei dem Kampftanz immer die Linken. Ich wollte protestieren. Kubin, wenn auch ihn als Rechten einzustufen nur problematisch ist, wollte ich lieber AUF, statt unter Brecht sehen, denn Brecht im Lichte von Kubin betrachtet schiene mir interessantere und neuartigere Aufschlüsse bieten zu wollen, als den Zwickledter Eigensinnigen Kubin von Brecht aus dem Dust der großen Städte und der entscheidenden Klassenkämpfe vorgenommen. Vergeblich suchte ich meinen „Kubin“ aus der Klemme herauszuziehen, womit ich als Spielverderber desto mehr festgenagelt wurde. Als schließlich ein Schuh, auf dem „Adorno“ draufstand, mit voller Gewalt den Mittelfußknochen eines mit „Heidegger“ Bezeichneten splitternd traf, fiel mir das Wort „Echternacher Springprozession“ ein, worauf ich unter den Vorhaltungen meiner weitschichtigen schwäbischen Verwandten erwachte, die mich an den Hemdsärmeln im Traum festhalten wollten, um mir die Leviten zu lesen, zumal sie im Unterschied zu mir voll im Leben stünden.

In einem Modell durchspielen: ein Zusammenleben, das ausschließlich aus Phrasen, frommen Sprüchen, in resignative Bitterkeit abstumpfenden Zitaten bestünde. Diese Sprachgebilde wirft man einander gegenseitig an den Kopf und trifft selten genau. Oder man trifft mehr, als recht und billig ist. Das führt allmählich zu einer Verfinsterung des Lebens: gegen die zustoßenden Phrasenhörner und Sprichworthauer werden Panzer gebildet; solch grobe Sprache soll abprallen an dicker Haut. Anti-Ohren würden entstehen, um der Phrase keinen Eingang ins Hirn mehr zu erlauben. Je dicker die Haut, desto empfindlicher war das Wesen, das diese ausbilden musste. Aus den Phrasen würden ganze Kriege eskalieren, die sich durch Zitate, etwa aus dem Zusammenhang gerissene Bibel- oder Koranzitate, hochhysterisieren. Es wäre solche vorverfertigte Sprache, die uns zu ihren Marionetten machte. Und dann kommt Literatur und macht Sprache passender, situationsgerechter, humaner.

Was Literatur vermag? Wir können nicht in alle hineinschauen, kennen nur ein paar Begegnungsproben von Menschen und wissen füglich nicht, was Literatur kann und was nicht. Vielleicht hat sie auch potentielle Unholde an sich so sehr gebunden, dass ihnen das Weiterlesen wichtiger wurde, als den Unhold im Großmaßstab auszuleben, so dass wir weiter nichts von ihnen wissen. Insofern könnte die Literatur destruktive Kräfte neutralisiert haben, deren bloße Unterbindung einer Groß- oder Wohltat gleicht. Mag die Literatur und Leseleidenschaft auch ein paar Gute in ihrem Gutes-Tun vermindert haben, so auch sicher einige Böse in ihrem Böses-Tun, ihnen einfach den Zeitteppich für die Anwendung ihrer Bosheit weggezogen, ihnen den Inhalt ihrer Revolverkammer vor die Füße geleert. Nicht hat sie die Fiesen gebessert, der Charakter steht fest, sagt Schopenhauer, aber ihnen ein kräftigeres Motiv verabreicht: das des Homo lector.

Die geistige Nahrungskette. Wenn ich lese, wie jetzt gerade: „Jean Paul, der von Swift und Rousseau GENÄHRTE“ (Robert Minder), frage ich mich, ob und inwieweit er auch Rabelais gekannt hat. Sollte er ihn, was kaum der Fall, nicht gekannt haben, könnte er ihn dann trotzdem indirekt über Swift gekannt haben? Wenn ich einen Autor lese (esse), dann lese (esse) ich mit, was den Autor mit beeinflusst und mit konstituiert hat und baue damit meinen eigenen Geistleib auf. Ich kann mich in Cicero begeben, ohne Platon zu kennen, in Arno Schmidt, ohne Poe zu kennen, Jean Paul sinnaufschließend lesen, ohne Laurence Sterne zu kennen und umgekehrt.

Einen Mystiker lesen, bedeutet, sich zu bereiten. Außer man liest ihn distanziert als zu analysierenden Text, auf seine Strukturen hin. Wenn nicht, bereite ich mich. Etwa zur Imitatio Christi des Thomas a Kempis. Ich mache mich dem Text erliegen, spalte das, was in mir davon absteht, ab oder schlage mich mit der Spaltung, wie ich sein und werden soll und wie ich andererseits war und bin, herum. Wenn ich hingegen einen Roman lese, tauche ich in dessen Welt ein; er reanimiert mich in meinen Widersprüchen, ich muss mich nicht existentiell entscheiden und der Textintention assimilieren. Meine Widersprüche werden gleichsam gegossen statt ausgetrocknet. Gerade das spannungsgeladen Verschiedene in mir, mit Jean Paul geredet: mein Äther und mein Schlamm, bietet ein Arsenal, den Roman zu verstehen und ihn nicht auf irgendeinen sittlichen Gehalt zu destillieren. Das in mir Gemischte und im christlichen Sinn Sündige macht mich zu einem immer besseren Leser und Versteher. Der Roman spaltet mich im Unterschied zu einem mystischen oder geistlichen Text nicht auf und bringt mir das volle Leben ohne Nötigung, es zu glätten. Es haben die großen Romane eine Dimension oder Schraube mehr. Wenn wir vornehmlich literarisch interessiert sind, finden wir in mystischer Literatur Sättigung an der Metapher, immer am Eigensprachlichen, Wortschöpferischen des Mystikers, der Mystikerin. Dort, wo sie ins Konventionelle einschwenken, beginnen sie uns anzuöden. Literatur fordert uns für gewöhnlich nicht auf, uns zu spalten. Und manche heilt das Lesen der Belletristik und auch Lyrik mehr als jede geistliche Lektüre, macht sie zu angenehmeren, weil mit sich und den anderen nicht zerfallenen Zeitgenossen. Statt im Imaginären abgezogen zu sein, eine Einheit mit der Urkraft zu finden, dabei den undankbar kadaverisierten Rest des alten leiblichen Esels hinterherschleifend, sind wir durch die Romane der Vielfalt der Welt gewonnen und konkretisiert.

Die mystikablehnende Linie in Religionsphilosophie und vornehmlich protestantischer Theologie: Søren Kierkegaard, Alfred Ritschl, Wilhelm Hermann, Friedrich Gogarten, Karl Barth, Emil Brunner. Dagegen all die Schellinge, mit einer Gnosis liebäugelnd, die Quellen der kreativen Selbstermächtigung durch Gottinnewerdung anzapfen will, statt in der ethischen Forderung des Tages innerweltlich Auslastung genug zu finden. Es sind zwei geistige Hauptquellflüsse unterschiedlichsten Gewässers, wie der Weiße und der Blaue Nil. „Caput Nili quaerere“, nannten die Römer die Suche nach den Quellen des Nil: es bedeutete ihnen, etwas vollkommen Unnützes zu unternehmen. Der Theosoph steht, das ist zu befürchten, im Ernstfall seinen Mann nicht, wie ihn etwa Dietrich Bonhoeffer gegen den Nationalsozialismus stand. Jenem ist der Hang zum Wunderbaren und zur Verzauberung ein tieferer oder doch nur scheintiefer Verständnisgrund, der die notwendigen Konfrontation des Lebens umgeht, indem er dem überphysikalisch aufgebauschten Allgesamt sich ohnedies konfrontiert (das Wort „ohne dies“ zeigt die ganze Fatalität des Überblätterns der Ethik) und im Zeichen der Vergänglichkeit und zugleich der Unsterblichkeitsbegierde auch mit Gegnern fraternisiert, so dass sein schwelgerischer Allversöhnungsopportunismus nicht eher Ruhe findet, bis alle, selbst die größten Verbrecher, aus der Hölle erlöst sind, als wäre das Leben ein Theaterstück, bei dem am Ende alle Schauspieler beklatscht würden. Sprächen diese Gnostiker denn je ein letztes Urteil? Im großen Ganzen haben auch sie virtuell, aber nicht aktuell recht: Wären alle von dem „Umgreifenden“ erfüllt, hätten die Übeltäter anderes zu tun, als Übeltäter zu sein.

Autor- und Vaterschaft. Thomas Mann den „Vater des Zauberberg“ zu nennen, wäre Unsinn. Weniger Unsinn, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt den „Vater von Rowohlts Rotations-Romanen“. Einen Vater der Mozartkugel kann es viel eher geben als einen Vater des Don Giovanni. Ein Vater ist auch kein Autor oder Komponist seiner Kinder. Wohl kann er deren Korrektor sein wollen: im schlimmsten Fall so sehr, dass er gewisse Partien in ihnen lieber schwärzen wollte, so nicht das missratene Produkt, das sich beharrlich nicht bessern will, gar einstampfen. Vater im übertragenen Sinn kann man sein einer Erfindung, eines neuen Verfahrens, eines über mehrere Generationen gehenden Betriebes. Aber niemals des Mann ohne Eigenschaften und nicht der Eroica.

Peter Hodina

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