DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °37

Wer die Abendverzweiflung nie kennengelernt hat, ist eigentlich kein Verzweifelter. Indem ich immer mit einer gehörigen Portion Morgenverwirrung und Morgentaperigkeit starte, kann ich doch nicht anders, als mir später irgendwie den Tag zu verglücken. So dass der Abend dann doch jedesmal eine Ernte, einen unvorhergesehenen Ertrag an Funden zeitigt, dass alles, was an Verzweiflungsmöglichkeiten an mir sein Glück, mich unglücklich zu machen, versuchte, sich aufgebraucht hat und man nackt vor den Toren des Schlafes steht. Bertrand Russell berichtete über den hierin ganz anders veranlagten Wittgenstein: „Er sagt, dass er seine Arbeit jeden Morgen hoffnungsvoll beginne und jeden Abend in Verzweiflung ende.“

Die Agape mochte ich nicht, auf die der Eros heruntergebracht werden sollte. Ich erinnerte mich meines gymnasiastischen Widerwillens, als ich neulich ein dickes Buch zu dem Thema kurz zur Hand nahm: Agape – Die Liebe als Grundmotiv der neutestamentlichen Theologie, von Viktor Warnach, erschienen 1951. Nach dem Verfasser recherchierend, stieß ich auf den langen Verriss durch einen Kollegen. Dachte mir, das hat man davon, wenn man sich um die Agape über 750 Seiten abmüht. Das Buch muss aber seine offenbar mehr philosophischen als theologisch-exegetischen Qualitäten haben, wie ich dem Autor gewogeneren Stimmen entnehmen konnte. Sehr früh war jener Warnach verstorben: in Fregene. Ich gab „Fregene“ ein und kam gleich auf Bilder von Strand und bewegtem, tiefblau wogenden Meer, 30 Kilometer von Rom entfernt. Da dachte ich an Thomas Manns Der Tod in Venedig, versetzte mich in den Benediktinermönch, wie er da Mitte Mai in jenem Jahre 1970 auf das Meer zuschritt. Und einen Liegestuhl aufklappte, das Kommen des Sommers genießend, seitwärts zum Meer blinzelnd. Es konnte ja alles anders gewesen sein, als ich es in meinem Kopf aufgrund weniger Daten kombinierte. Aber da las ich auch schon, er sei tatsächlich ganz unerwartet am Strand von Fregene gestorben. Mit nicht einmal 61. Man opfert sich der Agape auf, und sie dankt es einem nicht. Mein alter Verdacht. Wenn ich verliebt bin, will ich diese Leidenschaft für einen bestimmten einzigen Menschen, für den ich entflammt bin, nicht zur Agape dämpfen. Und mich weder fragen, ob dieser Mensch diese Liebe verdient, noch ob ich seine Liebe verdiene. Der Eros, der listige Gott, entwindet sich solcher Zügelung, wenn er nicht gar sich rächt.

Siedlungstypisches Nornengespinst vor Studienbeginn — Mitbrüterschaft der Angehörigen: Zwei alte Personen, die ich bei großer Frühherbsthitze in der Gasse überholte. Der Greis, am Stock gehend, aufrecht: „Er sagt, er schreibt eine naturwissenschaftliche Arbeit. Ich glaub es nicht recht.“ Die Frau: „Aber alles verbieten können wir ihm auch nicht, sonst rumpelt er herunter und wird zum Sandler.“ Mit dem „Alles verbieten“ war dessen Freundin, namens Veronika, gemeint; immerhin hatte er eine.

„Und stellt euch vor, er hat dann Sekt aus der Flasche getrunken!“, es war ein Bayer im Kleinfamilienkreis, der hinter mir im Gastgarten so redete. Und damit an kein Ende kam, so sehr muss ihn das verstört haben oder so wenig ereignet sich sonst in seinem Leben. „Der hatte komplett die Kontrolle über sein Leben verloren, von oben bis unten, wenn ihr wisst, was ich meine.“ Er sprach im Tonfall eines Psychiaters. Dass er aber auch nach fünf Minuten noch immer nicht herauskam aus dem Skandälchen mit der Sektflasche! Und wieder am anderen Tisch ein Paar, der Mann sagte schon lange gar nichts mehr, sie las indessen bis ins kleinste Detail die Speisekarte, die man an sich schnell überfliegen konnte, laut vor. „Nein keine Pommes.“ Ich schaute auf die Uhr, wie dieses Studium sich hinzog. Eine Dreiviertelstunde für kaum zwei Seiten. „Immer dasselbe essen ist auch nicht gut.“ Der Mann war schon ganz ermattet, wie ein Lappen, der alles erduldet. Zuerst taten mir beide leid, dann aber bemerkte ich immer mehr, dass die Pedanterie der geistig etwas eingeschränkten Frau mit deutlichen Zeichen von Bosheit durchmischt war. Nicht unraffiniert. Schließlich bestellten sie. Kaum war sein Teller serviert, stahl sie ihm auch schon etwas herunter. Noch immer sagte er nichts. Als würde er diese Beziehung als Opfer auf sich nehmen. Mir gefiel immer mehr, wie sie ihn fertigmachte. Weil er es sich gefallen ließ, obwohl es ihm sichtlich missfiel. Dann betrat noch ein älteres Paar den Gastgarten. Die waren wie aus Gummi. Zuerst meinte ich, es müssten Geschwister sein, so sehr hatten sie sich angeglichen, aber sie waren ein Ehepaar. Die Sonne musste entschieden um ein Stück weitergewandert sein, als diese alle noch immer, sei es über einen vergangenen Schluck aus der Sektflasche nicht hinweg-, sei es im Studium der Speisekarte nicht vorangekommen waren, und ich dachte, wie kann bei einem solchen Schneckentempo überhaupt etwas entstehen, wieso gibt es Häuser rundum, Autos, wenn alles in solchem Tempo seinen so unglaublich zähen Gang nimmt? Aber ich vergesse immer die Hartnäckigkeit solcher Pedanten. Das ist wie mit der Schnecke, die dann doch in ein paar Stunden die Hauswand emporkommt.

Zwei Joggerinnen, mutmaßlich Lehrerinnen, im keuchenden Dialog, den Feldweg hineinlaufend, während es zu gewittern anfing: „… und der Vater?“ (eines ihrer Schüler) – „Ein versteinerter Irrer.“ Vor dem in Gewitterwolken gehüllten Untersberg hatte der „versteinerte Irre“ eine besondere Bedeutung angenommen. Ein Kalksteinirrer? Blitze durchwetterten meine Assoziationen. Nicht ein verkalkter, sondern ein versteinerter Irrer. Ein Irrsinnsfossil. Oder ein verrudolfsteinerter?

Der Übende. Einer wird nicht müde, schier alles als Übung zu bezeichnen. Er hat es mit diesem Wort. Umgekehrt kann jemand geübt sein, im Schreiben etwa, ohne es sich in Happen beigebracht zu haben. Nur für die Elementarschulzeit mag das zutreffen, dass es in Happen anexerziert wurde, später entscheidet jeder, wie er mag. Sehr geübt im Schreiben, Wandern, Klettern, es hat vielleicht keiner Kurse bedurft. Der Waldbauernbub, der in den Bergen wie die Gams herumsteigt. Zum Üben im ersteren Sinn gehört, dass eine Übung zeitlich terminiert ist, einen Anfang und ein Ende hat, etwa 50 Minuten dauert. Durch viele solcher Übungen sich den Fortschritt versprechend. Diese täglich zu einer bestimmten Stunde sich einrichten. Ein Geiger, der zu seinen Stunden fix übt. Der ja an sich sinnvolle Übungsbegriff wird manchmal so ausgedehnt, dass das Lebensgesamt als Übung aufgefasst wird, so dass auch ohne Verunfallung man sich in fortwährender Reha zu bewegen vermeint. Als bedürfte es fürs bloße Ablassen der Darmwinde eines eigenen Trainers. Sein ganzes Leben und Erleben durch die Übungsmangel drehen. Anders Hermann Lenz, wenn er sich wieder an den Schreibtisch setzte: „Ach, ich geh‘ probieren.“

Bestimmte Arbeiten geschehen ganz folgerichtig, wie etwa die Sekundärliteratur. Da genügt ein Blick über den Zaun, um zu sehen, wie die Sekundärliteratur zu Derrida, zu Jünger, zu allem Möglichen sozusagen ganz automatisch ohne mein Zutun Jahr um Jahr wächst. Täuschung des Müßiggängers, Aura des Warenfetischs? So auch, wenn ich meine Ordner und deren Überschriften überfliege. Sie füllen sich von selbst. Sie ordnen sich fast von selbst an, werden täglich weiter bestückt. Die Versöhnung mit den Konzepten der Mühe und Planung besteht darin, mit Lässigkeit sagen zu können, dieses und jenes Buch, das man geschrieben hat, sei „entstanden“. Es ist der entwaffnende Ausdruck eines gärtnerischen Luxus des Gedeihenlassens, zu sagen, diese Paradeiser oder Kürbisse seien entstanden. Oder Maler, durchs Atelier führend: dieses und jenes Bild sei damals entstanden. Damit wird der Zugabe aus dem Unplanbaren, der Inspiration, dem Zufall, ja der Gnade eine Libation entrichtet.

Der eine denkt für sich einen Gedanken bis zur Klarheit, der andere entringt ihn einem in sich angestauten Gemisch aus Widersprüchlichem durch die Niederschrift, in dem er sofort Fahrt aufnimmt und Form gewinnt. Ein Gedanke, um Rilke zu zitieren, der „den großen Wind hat, strahlend und fatal“. Der eine ist in sich rein, er hat den Gedanken schon zu Ende gedacht, noch vor aller Mitteilung und Niederschrift, er ist ein pedantischer Mechanikus und Reproducteur seines Denkens und besteht energisch auf seiner Urheberschaft, beim anderen fetzt der Mond durch die Wolken. Um des Effekts wegen wagt er Abschweifungen. Der feurige Grimm des Schaffenden ist anderen Zuschnitts als der Zorn des Gerechten. Es ist die transpersonale Berauschung am Element selbst, das, wenn es nicht gelöscht wurde oder ausbrannte, in sich dämonisch im dunklen Selbstgespräch fortglimmt.

Peter Hodina

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