DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °36

Ein Freund, der noch bei seinen Eltern wohnt, hatte mich zu sich nach Hause eingeladen. Ich fragte ihn vorsichtshalber, ob das diesen eh recht sei. Sie waren dann nicht zu sehen, hielten sich versteckt. Das Haus ist übrigens groß. Überall klebten fromme Fotos und Sticker. Hauptsächlich von Madonnen. An die Marienerscheinungen von Međugorje wurde anscheinend geglaubt. Im Badezimmer überwog ein Hellblau. Dort mich waschend, dachte ich an die Adria. Diese Leute haben anscheinend die Adria, von der sie ursprünglich stammten, nach Österreich mitgenommen. Und obwohl es Winter war, unwirtlicher Schneeregen an dem Tag herrschte. Später musste ich erfahren, dass die Mutter des Freundes mich für einen Teufel hält. Sie muss mich wahrgenommen haben, entweder vom Fenster aus oder über Spuren, die ich hinterließ. An die Stille des Hauses mich anpassend, verhielt ich mich damals auch ganz still, wie in einem Wettbewerb der angehaltenen Atem. Noch heute finde ich es anerkennenswert, wie das Adriagefühl mitgekommen ist nach Österreich, wie dieses karge, übersichtliche und gleichzeitig großzügig-unkomplizierte gekachelte Badezimmer, in dem die 1960er Jahre standen, es vermittelte. Man mochte im tiefsten österreichischen Winter meinen, man käme vom Strand. Die Madonnen störten mich nicht. Sie passten dazu. Nun aber muss ich mich mit der Zuschreibung, ein Teufel zu sein, auseinandersetzen. Međugorje halte ich für einen Unsinn, einen Fremdenverkehrstrick. Aber ich schließe nicht aus, dass der naive, fromme Blick manchmal etwas erkennen kann oder ahnt. So in mir den Teufel. Aber ist ein Teufel noch ein Teufel, wenn er sich mit sich beratschlagen muss, ob er einer ist oder nicht? Ein Teufel, der nichts gegen die unsichtbare Frau hat, die ihn für einen Teufel hält? Der sie auch nicht von ihrem Međugorje-Glauben, nicht einmal von ihrem Teufelsglauben abbringen will, der zu faul ist, nun als Aufklärer sich ins Zeug zu legen? Wenn ich der Gattung der Teufel zugehöre, dann solcher, die kein Bestreben haben, andere hinabzuziehen oder von ihren Lebensansichten abzubringen. Ich will nicht das Verderben der Leute. Will es nicht gezielt. Auch blicke ich nicht überheblich auf sie. Die Frau scheint ja in ihrem Glauben es sich eingerichtet haben und hat immerhin die Adria hier hereinzuzaubern verstanden. „Mit Mariens Hilfe?“ – ja sogar das bin kindisch genug, zu denken. Mir hellblau auszumalen. Ich kenne ja ein wenig die Teufelsdefinitionen der Katholischen Kirche. Auch Unterteufel, Unterläufel des Satans gibt es. Ein lässlicher Teufel, kein Scherge? Früher, in der Pubertät, habe ich manchmal andere verhexen wollen, weil ich es nicht besser wusste und selber unsicher war. Aber heute?Also auf ihre Seelen habe ich es nicht abgesehen. Sie täuschen sich, wenn sie mir das unterstellen. Ich frage mich: HAT sie etwas gesehen, gespürt, geahnt, oder nicht? Oder ist es so abergläubisch wie in meinen Augen dieses ganze Međugorje? Wer dieses glaubt, auch im anderen irren muss? Wenn die Teufelslehre oder Dämonologie irgendein Recht hätte, müsste sie den reflektierenden, selbstreflexiven Teufel oder Dämon als Sonderfälle mitberücksichtigen. Könnte dem etwa dadurch nachgeholfen werden, indem ich ein Buch mit dem Titel Innenansichten eines Teufels oder Selbstbegehungsversuche eines Dämons nebst Seelenwanderkarte schriebe?

Monsignore Corrado Balducci führt das Melderegister der Hölle. Exakt 1.758.640.176 Teufel, so bilanzierte der einstige Chefexorzist der Diözese Rom, sind auf Menschenjagd. Laut des Prälaten Statistik stehen drei Diesseitige einem Jenseitigen gegenüber. In einer andalusischen Sekte, der sogenannten palmarianischen-katholischen Kirche, einem grotesken Double der römisch-katholischen, die sogar einen eigenen, mit Tiara gekrönten Gegenpapst namens Pedro III. präsentiert, werde nicht nur am Ende der Tage der Antichrist, sondern auch noch eine Anti-Maria erscheinen. Nun denn!

Bei Montesquieu oft den Eindruck eines schweifenden Sammlers. Manche Gedanken von ihm wie von Vorsokratikern. Er hatte viele Sekretäre beschäftigt. Seine Notizen leitet er oft ein mit „Ich sagte…“. Sie scheinen mir von einer ganz altertümlichen naiven Neugierde geprägt, auch was das Systematische seines Hauptwerk De l’esprit des lois angeht, rieb ich mir öfter die Augen. Oder liegt es an der eigenen hochsommerlichen Stumpfheit, da nichts recht anbeißen wollte. Wie ein Fischer saß ich dösend über diesen Fragmenten. Dann biss etwas an – das war nun prachtvoll: „Man soll nie etwas tun, was den Geist in Augenblicken der Schwäche quälen könnte.“ Das ist eine Art kategorischer Imperativ, zu sich selbst gesagt. Er führt sehr weit. Er umschifft das christliche Thema der Reue geschickt, wobei Montesquieu Gott nicht abgeneigt war und den Nihilismus einer gottlosen Welt vorausspürte. Als Aristokrat ist ihm Reue nicht sympathisch, man soll sein früheres Glück nicht bereuen, seinen hohen Mut nicht denunzieren und schließlich in hora mortis niedergezwungen kapitulieren und sein ganzes Leben aufs Undankbarste anschwärzen. Das ist Schwäche, der Geist ist dann nicht auf seiner Höhe, die er einmal in besseren Tagen innehatte. Trotzdem trifft der Baron hier Vorsorge für die Stunden der Schwäche. Niemals etwas tun oder lassen, was in diesen Stunden Anlass zur Depression und Selbstzurücknahme geben könnte. Er scheint sich wind- und wetterfest gegen die Reue machen zu wollen. So schlicht der Satz daherkommt, so sehr hat er es in sich. Er kann sogar Nietzsche standhalten. Er rettet die gute Bemühung. Aber liebedienert nicht gegenüber der Gütelei. Er stattet seinem Geist Respekt ab als überhaupt dem Geist in seiner Allgemeinheit.

Beim mühsamen Herausziehen festgewachsener Wurzeln zwischen den Platten am Balkon, an einem der heißesten Tage des Jahres, kam mir im Schweiß meines Angesichts der Gedanke, dass weniger wir die Verwurzelten sind, sondern dass bestimmte Dinge, mächtige Meinungen der unterschiedlichsten, oft konträren Art in uns Wurzeln geschlagen haben, die wir zusätzlich mit unseren Lektüren mehr genährt haben, als uns guttut. Wir sehen, infolge einer verbreiteten Metapher, immer uns Wurzeln schlagen und verwurzelt sein, und kaum, wie sehr auch anderes in uns Wurzeln schlug und uns systematisch durchfrisst. Bei mir waren es Christentum, Psychoanalyse, Marxismus, Selbstvermarktungszwang, denen ich, obwohl teilweise in heftigstem Widerspruch zueinander, erlaubt habe, in mir über Gebühr sich zu verwurzeln. Zwar hatte ich die emporschießenden Gewächse von Zeit zu Zeit entnervt zurückgestutzt, aber diese Knollen zwischen den Platten meiner selbst waren geblieben, um Jahr für Jahr abermals auszutreiben. Wie ich gestern schließlich doch nach Jahren erst einmal jene Übel grundlegend herauszog, dabei studierte, was Wurzeln eigentlich sind und wie heimtückisch sie verlaufen können, war mir klargeworden, dass es so auch mit Ideen ist, denen wir so viel Platz in unserem Leben eingeräumt hatten, dass sie uns schließlich von den verschiedensten Seiten her durchsetzten und wir keinen selbstständigen Schritt mehr machen können, ohne nicht von einem christlichen, psychoanalytischen, marxistischen oder selbstvermarkterischen Gewissen uns infrage gestellt zu spüren, von nicht einmal untereinander ausharmonisierten Gewissen, sondern von einem Wirrwarr der unterschiedlichsten Gewissen, die nur ein Hauptziel kennen: einen zu fesseln und von einem zu zehren. „Bewege dich!“, rufen sie einem zu, während sie einen bis zur Immobilität fesseln.

Peter Hodina

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