DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °35

Ad Hagia Sophia. Deren Musealisierung ließ die ganze Wucht der Geschichte anschaulich werden, ohne die Betrachter zu erdrücken oder zu verpflichten. So hatte man das Glück, als bloßer Tourist, als Inspekteur und Durchreisender der Geschichte diese empfinden zu dürfen. Die Musealisierung mit ihrem In- und Nebeneinander christlicher und islamischer Elemente ließ einen Schauer des erhabenen Synkretismus aufkommen. Mit an Hegels Geschichtsphilosophie gerüstetem Blick hätte man sogar eine Übergipfelung des Christlichen durch den späteren Islam aus den montierten Rundtafeln mit den kalligraphischen Namen für Allah und die Propheten herauslesen können. Eine tiefe Ordnungswidrigkeit lag auch für den Christen darin. Es mutete wie die Besetzung des durch tausend Jahre größten Sakralbaues der Christenheit an. Doch verflog der Schauer, indem die Erklärung, es handle sich nun schon seit über 80 Jahren um ein Museum, erfolgte. Die Hagia Sophia als stillgelegter Religionen-Reaktor! Die Eiferer und Buchstabenfrommen begreifen nicht, wie kühn dieser Bau ebengerade im musealen Stadium war: erhaben, zu mehrfachen Betrachtungen die Beschauer animierend und inspirierend. Zur freien, unangeleiteten Meditation über Geschichte und Metaphysik. Und dieser Meditation ohne Bevormundung durch die jeweiligen religiösen Oberhoheiten freigegeben. Jetzt wird der grandiose Anblick auf dem Altar des Populismus, des Machterhaltungsbestrebens eines Einzelnen geopfert. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass die Mosaiken von Eiferern zerstört werden. Gegen Hermann Lübbe, der schon früher die generell sich breitmachende Musealisierung kritisierte, wobei auch Rudolf Burgers Gedenktagekritik sich dem anschließt, auch gegen Feridun Zaimoğlu, der jetzt die Umwandlung des Museums in die Moschee begrüßt, möchte ich festhalten an einer Affirmation der Musealisierung als positiver Chance. Nicht nur der Hagia Sophia, sondern generell. Auch die Herren Trump und Erdoğan et al. Sollten so rasch als möglich ins Museum kommen: je früher, desto besser! Sie ermöglicht einen anderen Blick auf die Geschichte, wie von einem Raumschiff aus auf die Erde. Sie ist als Praxis des Historizismus in ihrem Effekt postmodern, dekonstruierend. Und wer weiß, vielleicht besteht die „Heilige Weisheit“ in dieser Aufhebung der Geschichte à la Hegel? Den Frömmlingen, die sich noch engagieren, zum Schauder. Die nicht wissen wollen, dass ihr Boden nicht halten wird.

Chateaubriand, dessen Memoiren Erinnerungen von jenseits des Grabes ein Fall von Neotismus, von Verjüngung sind. Im testamentarischen Vorwort nennt er dieses prachtvolle umfangreiche Werk eine „Arbeit, die dazu bestimmt ist, mich über die Langeweile dieser letzten und vereinsamten Stunden, die niemand mag und mit denen nichts anzufangen ist, hinwegzutäuschen“. So hat sich kaum einer je über das eigene Alter erhoben, es als widrig von sich weisend, um ihm die Produktivität, die produktive Erinnerung vorzuziehen. Als er sich an die letzten Stunden der Madame de Staël erinnert, kommt wieder sein Bemühen zum Ausdruck, das Erlebte in alter Frische neu, neotisch vor dem Leser auferstehen zu lassen, als es durch die inzwischen verflossenen Jahre zu ernüchtern: „Ich müsste fürchten, heute durch meine alten Jahre ein Gefühl zu profanieren, das in meiner Erinnerung seine ganze Jugendfrische bewahrt hat und dessen Zauber zunimmt in dem Maße, in dem mein Leben sich neigt. Ich schiebe meine alten Tage beiseite, um dahinter himmlische Erscheinungen zu entdecken, um aus der Tiefe des Abgrunds die Harmonie eines glücklicheren Gefildes zu vernehmen.“

Was ich bei Rousseau suchte und in den Träumereien eines einsam Schweifenden sowie in den Bekenntnissen teilweise fand, finde ich noch mehr bei Chateaubriand in dessen prachtvollen, eine große Welt enthaltenden Mémoires d’outre-tombe. Eigentlich war es Chateaubriand, auf den ich, ohne ihn noch zu kennen, aus war, als ich Rousseau las.

Dass doch sehr viele Leute auf der Straße dahingehen und in den U-Bahnen sich drängen, die vieles von dem, was ich gelesen habe und, um ein Mensch zu sein, lesen zu müssen glaubte, nicht gelesen haben, nicht einmal vom Hörensagen kennen, auch nicht ahnend suchen, ohne deshalb sogleich tot umzufallen, beweist mir, dass man diese Lektüren nicht unbedingt durchlaufen muss, um als Bipeder zu bestehen. Und da jedes Leben jederzeit aufhören kann, ist auch jedes Leben jederzeit gültig. Ich sage mir das immer gegen die Lehren der graduellen Reife vor. Der Siebzehnjährige, der von der Klippe springt und dabei zu Tode kommt, ist so gültig wie der Hundertjährige. In jedem Abschnitt des Lebens wird die Wette auf die perzeptive Ganzheit eigengestalthaft gewagt; in einigen Lebensstadien bilden sich ganze eigentümliche Weltbilder und Poesien, bildet sich ein Stil heraus, was nicht bedeutet, dass sie die Kraft zur Verschriftlichung besitzen, wohl aber zu anderen Symbolisierungen, die für die bestimmte Lebensphase charakteristisch sind, wie bei Kinderzeichnungen. Auch der Höhlenmensch war bereits gültig. Die Verliebungsfähigkeit ist ein Anzeichen der Ausspannung auf Teilganzheit und Ganzheit. Aber auch „eris“ (ἔρις), die Streitbarkeit, deutet das innere Laborieren an, sich als Ganzes auf verändertem Niveau reorganisieren zu wollen.

Was im Literaturbetrieb gefragt ist und was nicht, kann deprimieren und kurzzeitig verwirren, besonders wenn durch langes Verwarten und Zerlesen der Lebensjahre der Zug für einen schon länger abgefahren ist. Nicht nur der letzte Zug ist abgefahren, sondern die Gleise werden vor einem abgetragen. Sich über Züge zu unterhalten ist dann müßig. Ja, man hatte nicht bedacht, wie schnell das Leben vergeht. Und wie oft fühlte der Leser in einem den Druck, das Zeigen auf die Uhr, endlich ein Schreiber sein zu sollen, und der Schreiber, wieder seiner Lesesucht sich im Unmaß, wie wenn man unsterblich wäre, hinzugeben. Zugleich aber hat man durch den knapp die Aktienmehrheit seiner verfallenen Lebensaktie haltenden Leser in sich den Kompass und das Richtmaß. Würde man sich selbst lesen? Nach seinen Büchern greifen, Stunden und Tage damit verbringen? Wäre man so objektiv, sich den eigenen Texten gegenüber als Fremdling, Neuling empfinden zu können? Und das am stillgelegten Bahndamm sitzend, an dem nie mehr ein Zug einfahren wird? Würde einen diese Lektüre durch die Nacht tragen und den Gedanken zu vertagen helfen, wie nun weiter?

Was Griffe in der Wand hätten sein sollen, sind Brösel und Gerölle. So geht es dem sich bei Quisquilien und allerlei Denkwürdigkeiten aufhaltenden Aphoristiker. Der Aphorismus gerät zum Schotter, was dem Unterhaltungswert keinen Eintrag tun muss.

Die Frage, woher etymologisch das Wort „strawanzen“ komme, ist ungeklärt. Gerade las ich bei Lew Schestow das Wort „stranstvovanie“. Im Zusammenhang mit Seelenwanderung: stranstvovanie po dušam. Was bei ihm aber bedeutete: andere Autoren zum Sprachrohr seiner selbst zu machen. Seelenstrawanzerei?

Ad Walter Richard Sickert (1860-1942). Was würde sich an der Qualität der Bilder ändern, wenn sie wirklich von Jack the Ripper gemalt worden wären? Wären sie dann keine Kunst mehr? Müssten die Werke dann eingeklammert und jedesmal mit dem Vorzeichen, von einem Mörder gemalt worden zu sein, versehen werden? Oder wären sie autonomisiert dieselben, ob von Mörderhand gemalt oder nicht? Gäbe es eine Fußnote zum Mörder, auch ein hochtalentierter Maler gewesen zu sein, oder eine Fußnote zum Maler, dass er ein Mörder war? Von Mörderhand gemalt oder von Malerhand gemordet? Die Malerhand weiß nicht, was die Mörderhand tut oder umgekehrt. Oder wusste es. Als Betrachter der Bilder würde ich sagen, kein anderer habe so genial den Markusdom in Venedig bei solch unterschiedlichem Licht gemalt. Wenn er Jack the Ripper war, was bedeutet das sowohl für Malerei als auch Mörderei? Aber deshalb, weil Sickert ein Bild mit dem Titel Jack the Ripper’s Bedroom malte, darauf schon schließen, er sei derjenige?

Peter Hodina

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