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Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °34

Noch einmal lese ich Fritjof Capras einstigen Bestseller Das Tao der Physik und frage mich, wie schnell damals das New Age, das Wassermannzeitalter und seine Verheißungen der Transformation wieder untergegangen waren. Teilweise sind sie in der philosophisch anspruchsvolleren Postmoderne ersoffen, und die Woge, die den „realen Sozialismus“ ein paar Jahre später ereilt hatte, hat auch die Aquarianer fast restlos weggeschwappt. Neu war fast nichts davon. Es war nur ein abermaliger Aufguss von bereits Bekanntem. Neu war es für die Jungen, die zum ersten Mal in ihrem Leben von Zen und Taoismus hörten. Capra musste allein schon durch das Wappen des Niels Bohr, das in der Mitte das Yin-und-Yang-Symbol enthält, auf die Thematik stoßen, die er recht inspirierend und auch für den Laien fasslich in dem Buch auszubreiten verstand. Mit dem New Age war schneller Schluss, als gedacht. Die Strecke führte nicht ins Unermessliche einer unendlichen Evolution des Menschen, sondern lief auf jenen Prellbock auf, auf den auch frühere Weltanschauungsversuche und Geistesmoden ähnlicher Art, wie die Lebensreformbewegungen der Zwischenkriegszeit, aufgelaufen waren. Eigentümlich war die schizoide Situation jener Jahre: einerseits die apokalyptische Stimmung von No Future in Anbetracht der atomaren Drohung, andererseits die Hoffnung auf ein futurologisch-spirituelles New Age, diese Umschlagsbereitschaft, schwankend zwischen Alles oder nichts.

Ein anderes maßgebliches Buch jener Jahre war Unsere Welt – ein vernetztes System von Frederic Vester. Von der Kybernetik hatte man sich ähnliche Wunder versprochen wie vom New Age, sie hatte Chancen, zur Leitwissenschaft aufzusteigen. Die Kybernetik hatte durch Georg Klaus sogar in beträchtlichem Ausmaß Eingang in die Philosophie der DDR, in das Philosophische Wörterbuch gefunden, das ja ansonsten bemüht war, den Marxismus-Leninismus aufs genaueste zu bestimmen und zu normieren. Trotzdem geschah dies zeitbedingt mit kybernetischem Beiwerk. Auch um die Kybernetik ist es viel ruhiger geworden. Alle drei genannten Werke stammen aus Zeiten vor dem Internet. Jetzt sind wir kraft Internet vernetzt, in einem vernetzten System. Wobei Vesters Konzept weit darüber hinausging. Aber wir haben heute durch den täglichen Gebrauch einen viel anschaulicheren Begriff von Vernetztheit.

Hypostatische Stapelung. Bei Metaphysikern, Esoterikern, Gnostikern, Yogis, im Idealismus zu finden. Eine Vielzahl von behaupteten höheren Ebenen, die, wenn man sie nicht erklommen hat, einem erfahrungsfremd seien. Es ginge da unendlich hinauf, hinaus, hinein. Die hypostatische Stapelung kann an Hochstapelei erinnern.

Beim Aufschlagen des Plotin, als es um „Existenz einer Vielheit der Formen“ (Enneade VI) geht, den Eindruck über mehrere Seiten, einen zeitgenössischen analytischen Philosophen zu lesen, nun gar nicht einen Mystiker. Oder liegt es an der Übersetzung von Christian Tornau? Da ich kein Philosoph vom Fach sein will und kein Plotin-Experte, sondern nur ein sich in der Philosophie orientierender Laie, genügt es mir vorerst, Plotin ein paar Regalmeter von der Mystik wegzurücken und sich vor Augen zu halten, wie sehr gewisse Formen des philosophischen Diskutierens bereits in der Antike gepflogen wurden, die im heutigen Sinn zeitgenössisch anmuten.

Nach Ken Wilber wäre erst eine Halbzeit der Evolution erreicht, wo uns doch eine bange Ahnung beschleicht, ob uns überhaupt noch die bange Frist, in die Verlängerung gehen zu können, eingeräumt würde.

Einer der wenigen Autoren, der in den Roman, das heißt in die geschilderte Lebenswelt des Protagonisten die Einflüsse des Kosmos miteinbezog, ohne dass es sich um Science-Fiction handelt, war John Cowper Powys mit A Glastonbury Romance. Wie erleben wir uns als aus Atomen Konstituierte und in Kraftfeldern uns Bewegende? Könnte das irgendwie in unser Erleben bewusst einfließen? Wer sich mit Engeln und anderen personifizierten Geistwesen behilft: Wie wären die unterschiedlichen Geschwader von Engeln der verschiedenen Religionen zu denken, wären die einen sozusagen von der japanischen, die anderen von der amerikanischen Luftwaffe? In einer Galaxie mag Krishna mit seiner Geliebten Radha engumschlungen sitzen oder Shiva alles zertanzen, eine andere mag im kosmischen Christus als dem Punkt Omega konvergieren, Jupiter ist nicht vertrieben, Wotan nicht verbannt.

Diverse Modelle der Gnosis: Vorstellungen, wie die Ur-Eins ablaichte.

Zur Askese. Wer seinen Sex sich abgewöhnen will, ist eigentlich wie ein Kindswegleger ein Sexwegleger. Oder wie einer, der den altgedienten Esel an den Schlächter zu verhökern gedenkt. Bevor der Morgen graut, sagt er sich, der Esel habe nun die letzte Nacht in seinem Stall gestanden. Was rechnet man sich bei diesem Handel aus? Die Ewigkeit? Der Verdammnis zu entgehen? Es ist und bleibt ein Handel mit Imaginaritäten.

Das unter anderem Gute an den asiatischen angewandten Philosophien und Religionen ist, dass sie die unterschiedlichsten, entgegengesetztesten Wege, Methoden und Stile kennen. So diese zwei Richtungen im Zen: die plötzliche Schule (Rinzai) und die allmähliche (Soto), welch letztere lind sein will „wie das Frühlingslüftchen, das die Blume liebkost und ihr zu blühen hilft“. Es gibt nicht nur einen richtigen Weg. Nicht nur den, der mit Schock arbeitet. Ich meine jetzt unsere Formen der Pädagogik und Menschenführung. So kann es ebenso unter den Denkern den Typus des scharfen Trenners geben, der von sich abtrennt, abtrennen kann und abtrennen will, dessen Denken eine ständige Arbeit des Trennens ist. Der auch frühere Stadien von sich zurücklässt, zurücklassen kann und zurücklassen will. Ein für alle Mal! Biographisch: der das Wort von den Lebensabschnitten wortwörtlich nimmt. Oder im religiösen Bereich: die Widersagenden. Dem Teufel Widersagenden, sich auch von Ungläubigen Trennenden, den Umgang mit ihnen Einstellender. Die Bereuenden: die etwas von sich ablegen, um aus solcher Trennung als neuer Mensch hervorzugehen. Doch kommt es auch darauf an, was bereut wird: ob ein Mord oder nur der Schlendrian. In der Kunst: das Ablegen und Abtun des Romantischen von sich. Des Nichtzeitgenössischen vom Zeitgenössischen. Des Unreifen vom Reifen. Von der Politik will ich noch gar nicht reden. Und diesen zum Trennen und Abtrennen Entschlossenen stehen die gegenüber, die niemals aufhören, alles – und sei es auch nur irgendwie und irgendwie eben gerade noch – zu integrieren, niemals etwas abzulegen, abzuspalten, sondern ständig eine Synthese im Auge behaltend. Die durch jede Trennung, zu der sie gezwungen werden, gleichsam beleidigt sind, sie nicht verwinden können, alte Geschichten neu aufwärmend, alte Prozesse neu aufrollend, weil es ihnen keine Ruhe lässt, etwas von sich abgetrennt zu sehen. Oder sich als von etwas abgetrennt zu erfahren. Das ist auch der Typ, der nichts wegwerfen kann. Oder der etwas wegwirft, wonach es ihm leidtut, es weggeworfen zu haben. Der ein Buch weggibt, um es später wieder zu kaufen. Ist der zweite Typ, der der Integration und Synthese, der schwächere oder ein Schwächling? Das kann so nicht gesagt werden, wenn es auf den ersten oberflächlichen Blick auch so scheinen mag, denn der Wille zur Synthese, diese durchzuhalten, diese auszubauen, alles – und sei es wie die Steindämonen an gotischen Domen – unterzubringen, benötigt den langen Atem, Ausdauer und geistige, mehr noch Seelenkraft und -weite.

Der Thesenroman blühte in der Zeit der französischen Aufklärung. Ein spezielles Beispiel ist die Justine des Marquis de Sade. Der weiß im Voraus, was er von der Natur, der Leidenschaft zu halten hat. Philosophen sind wohl die Minderheit, der das Genre gefällt. Die These, die durchgehalten wird, ist dem Explorativen abgeneigt. Philosophen lesen Voltaire, Diderot, auch Sade, alle die, die Thesen exemplifizierten. Denn Philosophen sind zumeist thesenverliebt. Nur was sich in eine These fassen lässt, kann ihnen auch zum Streitthema werden. Will sich der Philosoph von der Wirklichkeit nicht mehr überraschen lassen? So müssen im Thesenroman die Figuren aufs Grausamste durchgehalten werden, wie sie in der Natur so reintypisch niemals anzutreffen sind. Ein Fluss ohne Ufer ist dem Philosophen nicht geheuer. Ein Oblomow kann sich im Bett herumwälzen, weil ihm diese herauspräparierten Rollenspieler, diese Begriffshampelmänner allesamt auf den Wecker gehen, den er abstellt, weil ihm der Schlummer süßer scheint.

Wenn zu lange nicht draußen, zu lange auch im Liegen gelesen, dann eingeschlafen, man darüber erschrickt, wenn man bemerkt, seinen Arm bewegt zu haben, ohne dass dem eine Absicht, ihn zu bewegen, vorausging. Die Ahnung, dass die Bewegung zuerst da ist und danach erst die Absicht, dass es immer so sein könnte. Wahnwitzige Schlussfolgerungen. Was dagegen hilft: ausreichend Bewegung untertags, mit sich einstellender Ermüdung. Sonst käme man seinem Automaten noch auf die Schliche.

Peter Hodina

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