DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °33

Ein Literaturagent eigener Art. Als nahezu ganz unbekannter Autor mit ein paar Büchern überschaubarster Auflage wundert man sich doch, wenn jemand sie zuerst bestellte, bezahlte, sie aber aus der Einschweißung nicht löste, sie also nicht einmal aufgeschlagen hat, um sie einige Jahre später für ein Drittel des Preises im Internet zum Verkauf anzubieten. Wie dieser Mensch, kein Buchhändler oder Antiquar, absolut kein, wie sein sonstiger angebotener Krempel zeigt, Leser derartiger Bücher ist, trotzdem meine so entlegene Trilogie Steine und Bausteine erstehen wollte, um sie dann ungelesen neben Plastik-Gießkannen, Trachten-Gürtelschnallen, gehäkelten Eierwärmern à 50 Cent, stockfleckigen Kinderbüchern, gebrauchten Hundehalsbändern und eigenartigen Puppen feilzubieten. Man betrachtet diese Galerie des betreffenden Anbieters und findet immer unheimlichere Bezüge. Manches deutet auf engste Verwandte hin. Die die Bücher gekauft hatten, aber aus schrulligen, darunter sektiererisch-religiösen Gründen sie sich zu lesen verbraten. Man hat den einen oder anderen Verdächtigen vor sich, komplettiert, von diesen Stücken verleitet, was man von ihm wusste, mit sensationell Neuem, zumal sich ein weiteres höchst bemerkenswertes Bündel persönlichen, um nicht zu sagen direkt intimen Materials des Anbieters, auf das ich hier nicht eingehe, darunter findet. Hatte jemand, dem ich im Rausch, im Überschwang, wie es gelegentlich vorkam, meine Bücher schenkte, sie dann so schnöde zu Geld zu machen versucht, wie es leider mehrere Male vorkam, sodass ich heute meine Bücher nicht mehr verschenke? In diesem Angebot des wohl pseudonymen Verkäufers befanden sich noch einige weitere, an sich unscheinbare, für mich aber privat bedeutungsgeladene Dinge, auf die ich wie gesagt hier der Kürze halber nicht eingehe, aus denen aber die Atmosphäre eines phantastischen Romans von mir würde aufgebaut werden können. Was ich aber sagen will: Ich setze mich nun als LITERATUR-AGENT in Bewegung, nehme einen anderen Namen an: „Gestatten, mein Name ist Stüber, Anton, ich möchte Sie fragen: Wie kamen Sie zu diesen drei Bänden von jenem Hodina?“ Normalerweise versteht man unter Literaturagent etwas anderes, es hat sich diese andere Bedeutung ganz fest eingebürgert, aber ich gehe hier als ECHTER AGENT dem obskuren Schicksal meiner eigenen kleinen Literaturproduktion nach. Mich interessiert das Schicksal dieser paar in der Welt herumzirkulierenden Bücher, die man eigens suchen muss, um sie finden zu können. Wenn jemand, der es nicht mit Literatur hat, allenfalls nur mit stockfleckigen Kinderbüchern, in denen vier-, fünfmal zusätzlich mein eigener Vorname als „Peterle“ oder „Petzi“ in den Titeln vorkommt, will mir dies alles immer weniger ein Zufall sein, sodass ich als Agent in diese möglicherweise gestellte Falle munter in der Maske eines harmlosen Selbstabholers, zusätzlich mit der obligatorischen Corona-Maske getarnt, was mir zu meinen Zwecken hier recht nützt, hineingehe. Auch, damit anderer Verdacht, der sich schon verdichtet hatte, sich allenfalls wieder auflöst. Darin liegt viel Erkenntnis und modifizierende Arbeit am verdächtigenden Organ in uns, wenn ich das so sagen darf.

Ob ein Anfang wirklich ein Anfang war, stellt sich erst in der Fortsetzung heraus. Oder gibt es einen für sich stehenden Anfang? Unfortgesetzte Anfänge? Erste Sätze von dann nicht geschriebenen Romanen? Potentielle Anfänge? Ein Anfang unterbricht einen andersgearteten Zustand, das Kontinuum des Nichtbeginnens. Er ist eine Intermittenz. Ein Anfang muss nicht unbedingt mit einem Hahnenschrei oder Hornsignal beginnen oder einen Plan zur Grundlage haben – man kann in ihn auch hineingestolpert sein. Es nachträglich erst realisierend, dass man, dass „es“ begonnen hat. Aber das ist nur seine eine Seite, seine Initialseite. Die andere ist seine Fortsetzung, seine telische, teleologische Seite. Idealenfalls bis zum Ende. Anfang und Ende gehören als Paar zusammen, weit mehr als Anfang und Fortsetzung. Das wäre ja ein schöner Anfang, der gleich wieder zu Ende wäre! Allerdings IST der Anfang ein Ende: zumindest des ihm vorausgegangenen Zustands.

„Ein Mensch, der nicht schöpferisch tätig wird, ein Mensch, der bloß das hinnimmt, was ihm das Leben oder die Natur bietet, ist tot.“ (Isaiah Berlin, Johann Gottlieb Fichtes Grundeinstellung wiedergebend) – War nicht Faulheit die Hauptsünde laut Fichte? Ist er gar sein Leben lang vor der Faulheit davongelaufen? Denn was ist Faulheit? Ein Nicht-Ich im Ich. Oben steht: „Der nicht schöpferisch tätig WIRD“, der es also nicht IST. Folglich ist hier ständige Selbstüberwindung am Werk. Das Nicht-Ich ist nicht nur außen, es ist auch innen. Der ungeliebte Anteil des Trägen. Indem ein solcher Mensch erst schöpferisch tätig werden muss und es noch nicht ist, es nicht aus seiner Natur her ist, heißt das, dass er sich täglich durch einen bewussten Akt oder Entschluss von seinem Totsein erheben, die Leiche von sich abschütteln muss. Freilich ist es von Fichte in seiner die Dinge absolut nehmenden Art drastisch ausgedrückt, krass übertrieben. Wer einfach am Meer liegend die Seele baumeln lässt, ist deshalb noch lange nicht tot. Der Jesuit soll die Befehle seines Oberen hinnehmen wie ein Kadaver (Kadavergehorsam). Diese Kadaver erweisen sich dann aber als höchst tätig in der Welt. Manchen depressiven Jugendlichen wollen manchmal alle anderen wie „lebende Leichname“ erscheinen – ein häufig in pubertären Dichtungen wiederkehrendes Bild. Auch wird die Metapher einer verwesenden Gesellschaft bei den radikalen Ideologen von Links bis Rechts gleichermaßen verwendet. Wenn ich am Strand liege, könnte eingewandt werden, bin ich ja schöpferisch tätig, aber auf nur kleinerer Flamme. Allein der Kontrast, mich im Süden zu befinden, befördert den vorschöpferischen Zustand, belebt mich.

Als Schreiber schießt man sich ins Aus, wenn man mit dem großen Schweigen liebäugelt. Wenn die Sprachkritik so weit geht, uns auf das angebliche Unvermögen der Sprache an sich zu stoßen. Ich kannte eine Jungautorin, die wegen Fritz Mauthner zu schreiben aufhörte. Einige Jungautoren, die wegen Wittgenstein, Rudolf Carnap und den Maßgaben strengen wissenschaftlichen Denkens und Schreibens die Finger von der Literatur ließen, weil sie ihnen von den Grundlagen und von der vermeintlichen Unklarheit ihrer Sätze her zu „schmutzig“, auch zu metaphernbefrachtet, mit anderen Worten zu subjektiv war. Kleist sah sich durch Kant erschüttert, um die Möglichkeit von Wahrheit gebracht. Hatte nicht auch Kierkegaard den Dichter in sich malträtieren müssen? Wieder ein anderer hörte mit Dichten auf, weil Rimbaud mit dem Dichten aufgehört hatte: in Wirklichkeit, weil sein Vater auf einen ordentlichen bürgerlichen Beruf drängte.

Literatur hat es schon auch mit Wahrheit zu tun. Wie aber muss ein Wahrheitsbegriff beschaffen sein, dass er den Schreibenden nicht entmutigt und ihn nicht zum Bekenner und Verkünder einer statischen, dogmatischen und sterilen Wahrheit reduziert? Ist man noch jung, kann man die gegensätzlichsten Konzepte in sich unterbringen. Es ist genug Hohlraum da, der unersättlichen Lust auf geistiges Neuland zu genügen. Aber in Wirklichkeit stoßen sich die Dinge und schließen sich nicht selten gegenseitig aus. Ein Schriftsteller kann sich durch bestimmte forcierte Wahrheitsansprüche an sich selbst die Grundlagen abgraben, lange im Glauben, sie sich dadurch zu erwerben. Wie eröffnet man sich die Schneise innerhalb der – sei es religiös, sei es moralisch, sei es sprachkritisch, sei es szientifisch – verrammelten Wahrheiten? Hätte die Literatur eine eigene, spezifische Dignität hinsichtlich der Einbringung und Heuristik von Wahrheit?

Wenn ein großer Komponist oder Schriftsteller gestorben ist, gibt es immer auch die, die das zu einer kleinen Predigt nutzen: „Siehst du, auch diese ganzen Sinfonien, diese vielen Bücher, diese Erfolge haben ihm nichts genützt!“ Bei dem Tod jenes Schlechtmachers müssen wir dann spätestens auch feststellen: „Siehst du, dein ganzes Heruntermachen, banales Gejammere und wirkungsloses Mahnen hat dir auch nichts nützen können.“ Ebenso wie Erfolg letztlich vor dem Tod nicht bewahrt, tut dies auch nicht Erfolglosigkeit. Sich im Vorhinein schon vor dem Tod zu ducken, heißt nicht, dass die Sense über einen nur obenhin hinwegglitte und dass ein allzu Bescheidener ungeschoren bliebe. Das Unechte solcher Bescheidenheit zeigt sich insbesondere an der Anmaßung, andere auf dieselbe Bescheidenheit verpflichtet sehen zu wollen. Sie ist keineswegs sich selbst genug, der andere muss mit in die trübe Milch der Vergeblichkeit hinuntergeduckt und seine Tage müssen ihm versauert werden.

Durch mehrere Gewitter schließlich durchnässt nach Hause. Als ich, mit mir selbst sprechend, zu den härtesten Sentenzen vorstieß, krachte ein unvorhersehbarer Blitz in nächster Nähe herab. Ein Regensack tat sich über mir auf und machte mich pudelnass. Dann wieder konnte der Schirm abgespannt werden, schließlich abermals Regen und Blitz und Donner. Brandgeruch in der Luft, es musste wo eingeschlagen haben. Mich Teufel holt jetzt der Blitz, dachte ich. Recht geschieht mir. Die Wahrscheinlichkeit, in der Finsternis von Gaunern überfallen zu werden, schwand andererseits, je mehr es herabgoss. Ich dachte, dass der Blitz schon lange niemanden mehr erschlagen hatte, aber die Bäume, unter denen ich ging, zeigen viele Einschlagspuren. Dass das Gewitter genau über dem eigenen Kopf, in dem die ärgsten Gedanken gerade sich bilden und zu ultimativen Sätzen aus einem herauszüngeln, sich ballt, der Blitz mit einem mitgewandert war, lauernd, unseren Fluch zu quittieren, der Donner mit ungemeinem Krach es nahezu gleichzeitig nachstempelt, das kann zum Geheimnis dessen werden, den ein solcher Blitz ereilt.

Peter Hodina

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