DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °32

8ch. Irgendwie mag mein Eingabe-Finger nicht mehr „ich“ tippen. Es ist ein sehr häufiges Wort. Wie jetzt beim Eintippen auf dem Smartphone ich zuerst versehentlich „Wirt“ statt „Wort“ geschrieben habe, so tippe ich allzuoft „8ch“ statt „ich“. Es ist ein Ach um das Ich. Das Ich steht Habacht auf der Wacht um sich. Es ächzt in die Acht, ins Ach. So verschleift sich das Ego durch Wiederholung, bekommt sich satt. Es stöckelt um. Zeit, barfuß zu gehen?

Eine Übersetzung von Ovids Metamorphosen in Prosa weggegeben. Wollte zunächst alle Übersetzungen sammeln: von keinem anderen Werk besitze ich mehr Übersetzungen als von diesem. Aber hier, was mir erst deutlich werden musste, ist mir die Form anscheinend wichtiger als der Inhalt. Diesen auf die bloße Information auszunüchtern oder fürs heutige Ohr zu modernisieren, ermüdet mich, langweilt mich tödlich. Solch ein Riesengedicht – dasselbe gilt ebenso für Homer oder Vergil, aber auch für Milton – ist mir nur dann mundgerecht, wenn es in der Übersetzung rhythmisch durchpulst ist. Die Sache selbst bedeutet mir demgegenüber fast nichts – sie ist nur Rohstoff, an welchem sich die Kraft des Dichters (auch der Übersetzer ist hier ein Nachdichter) erweist. Das strahlt bis zu Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil noch aus, der als großes Prosagedicht bezeichnet werden kann: in diesem Fall gelungen, doch den heutigen Zeitgenossen fürs erste eher schwerzugänglich. In der Rhythmik galoppiert der Logos. Noch ärger wage ich es zu formulieren: Ich will in Dingen des Mythos nicht wissen, sondern prosodisch erleben. Es sind gewaltige bewegte Gemälde. Mehr interessiert mich der Glanz in den Augen eines Kindes und mehr noch die Beschreibungskunst, die diesen Glanz verewigt, als die Verwicklungen seiner Abstammung, die Gegenwart seines Ursprungs, den ich mir nicht kausal, weder tantengeschwätzhaft noch strukturalistisch, aufschlüsseln muss. Viel wichtiger als die Herleitung, warum jemand so ist wie er ist, ist mir, dass er so ist. Manche können keinen erstaunlichen Menschen sehen, ohne gleich zu fragen: „Woher hat er das?“

Die Ähnlichkeit eines Menschen mit einem anderen kann so frappant sein, dass etwas in uns diesem Eindruck mit vollen Händen zuarbeiten will, um diesen einen ganz zum Doppelgänger jenes anderen zu machen. Er hat kaum noch eine Chance, diesem Identischgemachtwerden entgehen zu können. Und er kennt zumeist nicht einmal das Vorbild. Auch das ist ein Vorgang einer besonders starken Idealisierung. Die zuerst nur einzelnen Ähnlichkeiten, aus der dann die Ähnlichkeit mit Haut und Haar sich vollgestalthaft ausgebiert, dass der Idealisierende selber staunen muss, wie ihm offenen Auges der eine zum anderen sich verwandelt, ohne dass er es verhindern kann, arbeiten dieser Idealisierung und Identifizierung zu. Eigensinnige und mächtige ideoplastische, projektive Bildekräfte sind hier am Werk. Wie eine Flasche bis oben gefüllt wird, so der eine mit dem anderen. Es geht so weit, schlussendlich gegen alle inneren Einreden den einen für den anderen zu halten, wobei ein Ihn-als-diesen-Wollen vorliegt. Peinlich kann es sein, wenn daraus eine Liebe aus vermeintlicher Wesensschau sich entflammen will, die doch einem anderen galt und die dem so als dessen Doppelgänger Geliebten nichts als unerträglich sein muss, weil jeder um seiner selbst, nicht eines anderen willen geliebt sein will. Pech hat, wer aus diesem Grund gehasst wird, weil er zufällig an einen anderen erinnert. Am Vorabend ihres Todes wollte meine Großmutter in einem meiner Brüder ihren aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimkehrenden, jedoch schon 1939 verstorbenen Mann erblicken, der aber ja gar nicht in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen war und den sie auch erst nach dem Krieg, in seinem Fall nach dem Ersten Weltkrieg, kennengelernt hatte. Mein Bruder hatte eine Pelzmütze auf, in der sich Schneeflocken verfangen hatten, als er die warme Küchenstube betrat. Die Großmutter umarmte ihn, ihn mit dem Vornamen ihres Mannes begrüßend, mit den Worten: „Sepp, endlich bist du aus Russland zurück! Lass dich anschauen! Fesch bist du geworden.“ Tränen der Rührung standen ihr in den Augen. Doch lag eine gewisse konstitutionelle Ähnlichkeit besonders dieses Bruders mit diesem schnauzbärtigen Großvater vor, was die Projektion begünstigte. Das Modell „Aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkehren“ war als kollektiver Eindruck kulturelltraumatisch offenbar so stark gewesen, dass es auch, was die Geschichte ihres Mannes betraf, sich über die realen Tatsachen hinwegsetzte, um zum Träger eines imaginierten Wiedersehens zu werden. Es wurde hier zu einem Synonym für ein langes, ungewisses Warten auf den verschollenen Mann. Acht Stunden später verstarb sie – oder konnte endlich sterben, da ihr Mann nach so langen Jahrzehnten aus dem Krieg zurückgekommen war: jung, geröteten sommersprossigen Gesichts, voller Tatendrang.

Über Wahrheit, Lüge und Phantasie. Einige nehmen es mit der Wahrheit so genau, sei es, dass sie einen festen Begriff von ihr haben, sei es, dass ihnen ihr Glaube vorschreibt, was Wahrheit ist, und sie diese Wahrheit zu glauben sich zwingen, obwohl sie sie im denkerischen und auch nicht erlebenden Sinne glauben, sondern durch das, was sie „glauben“ nennen, realisieren (herbeisuggerieren), sei es aber, dass sie philosophisch eminent anspruchsvoll sind hinsichtlich einer Wahrheit, die sie positiv nicht kennen, der sie aber trotzdem entgegenstreben, indem sie das Unwahre aussondern, dass ihnen allen dreien das bloße Phantasieren bereits als Lüge erscheint, die ständig über die Verhältnisse lebt. So können Künstler von ihrem weniger aus der Kunst als aus der Religion und der Philosophie, meistens jedoch letzten Endes bzw. frühsten Anfangs aus dem Herkunftsstalle stammenden Wahrheitsideal oder Wahrheitsimperativ in ihrem Schaffen gehemmt werden. Etwas wahrheitsgetreu zu schreiben, bedeutet, sich der Wirklichkeit anzuschmiegen, die Wirklichkeit mit Worten wiederzugeben, sich ihr anzunähern bzw. ein Abbild von ihr zu schaffen, das dem Wahrgenommenen und sich ereignet Habenden entspricht. Etwas anderes ist die abstraktive, ideale, normative, existentielle und unsichtbare Wahrheit über bzw. in allen Dingen, die den um sie Bekümmerten in Fesseln schlägt und von der vielfältigen Wirklichkeit der Dinge abzieht. Der Schöpferische kann gleichwohl nach dieser Wahrheit sich strecken, weil er in ihr seine Quelle vermutet oder sich aus dem Anschluss an sie kreative Zufuhren verspricht. Aber es kann ein Autor Meisterromane geschrieben haben, ohne jemals jener Wahrheit im tieferen, metaphysischen oder mystischen Sinne innegeworden zu sein, ja er kann auch die Möglichkeit solcher absoluten Wahrheit für sich oder überhaupt für den menschlichen Verstand abschlägig beurteilen.

„Der Leichtsinnige kümmert sich nicht einmal um den morgigen Tag, und ihr wollt ihn mit der Ewigkeit schrecken?“ (Marie von Ebner-Eschenbach) – Aber auch der von der Ewigkeit Geschreckte kann davon so verstört sein, dass er nicht mehr zur ordentlichen Bewirtschaftung seiner Tage kommt, weil die „letzten Fragen“ die bedrängenderen sind, deren z.B. von der Kirche vorgegebenen Antworten (Dogmen) er entweder anerkennen oder sie agnostisch neutralisieren, sistieren muss, um sich überhaupt ein Feld für die Pragmatik verschaffen zu können. Fragt Cioran, wie sein nächster Tag aussah, der wieder nur mit Notizen anzufüllen war, Cioran, der gläubig sein wollte, ohne glauben zu können. Das Wälzen ewiger Fragen kann mit Lebensunfähigkeit einhergehen, weil man täglich vom Vergänglichkeitsgedanken erfüllt ist und kaum einen festen Fuß auf die irdische Matte zu setzen vermag, geschweige denn eine Familie gründet.

Im anderen Autor oder Philosoph sehe ich nie den Konkurrenten, sondern den anderen Weltzugang, in dem ich auf Herz und Nieren geprüft werde. Ich sehe mich insgesamt in Frage gestellt, wenn er mich ablehnt. Das führt zur peinlichen Selbstbefragung. Empfindlich, wie die Erfahrung zeigt, reagiere ich auf Leute, die sagen, was Sache ist. Ich hingegen bin der, der sagt, was die Sache AUCH noch ist. Für den anderen bin ich nichts als die konzentrischen Kreise, die der Stein, den er in mich hineingeworfen hat, um sich zieht. Der andere ist stolz auf sich, ich auf mich niemals. Ich höre ihn zum Beispiel eine Zeile von sich vortragen: „Im Tod zählt nur die Liebe“, aber er macht ein Gesicht dazu, das zum Fürchten ist. Er drückt seinen Daumen in den Ton. Er ist der Bringer der harten Sätze. Er sieht sie als bekräftigt durch seine Existenz, auch Männlichkeit, er ist in der Rolle des Fordernden, des Herausforderers. Dass seine Sätze letztlich überwiegend banal sind, stört ihn angesichts seiner Authentizität als Lebenskämpfer nur wenig. Ich weiche seinem mich festnagelnden Blick aus. Bin arielhafte Luftnatur. Kann sein, dass der andere das so abkürzt: „Ein Furz.“ Anders gesagt: Es gibt im Geistigen Menschen, die auf Anhieb einander nicht mögen. Das hat noch nichts mit Konkurrenz zu tun, wenigstens von meiner Seite nicht. Blödgelaufen bin ich aber, wenn der andere mich ablehnt, weil er lediglich den Konkurrenten in mir sieht, und ich es mir so romantisch auslege, als würde er mich als Mensch und als Kerl verwerfen, weil er mich als Leichtgewicht verwürfe. An seinem Schwergewicht hingegen zweifle ich nicht. Er ist es gewohnt, seinen Daumen in den Ton zu drücken, er ist am Drücker, drückt sich nicht. Er kommt von der Wirklichkeit her, ich komme von der Möglichkeit. Es ist eine elementare Unverträglichkeit zweier Naturelle. Oder es würde schwierig zusammen. Sagen wir so. Ich möchte die Konstellation literarisch gestalten. Am Beispiel, wie wir beide jeweils auf Adalbert Stifters Erzählung Der Waldsteig reagierten. Er würde sagen, der Protagonist sei ein verwöhnter Hypochonder, ein reicher Erbe inmitten doch schon vielfacher, im Text ausgeblendeter Not der Massen, ich hingegen würde auf anderes zeigen: diese geschilderten Intensitäten, als jener hagestolzene, sich schließlich im weiteren Verlauf der Erzählung doch noch zur Frauenliebe bekehrende Sonderling Tiburius im Wald sich verirrt, mir ist nämlich egal, ob einer im Biedermeier ein reicher Erbe war oder nicht, wo er doch noch dazu eine fiktionale Figur ist. Oder auch in Sachen Amazonas: Ich lasse meinen Widersacher sagen, wir Europäer hätten unsere eigenen Urwälder schon lange kaputtgemacht, also sollten wir den Brasilianern nicht mit Moral kommen, ich lasse ihn (wiederum in meiner Fiktion von ihm) sagen: „Der Amazonas gehört Brasilien, nicht uns!“, während mir der Amazonas und dessen Erhaltung, insbesondere die Artendiversität, millionenmal älter als je ein Brasilien, dort ein Wert an sich ist, nach meinem Weltbild der Amazonas zuerst einmal sich selbst gehört. Und hier werde ich nun ja auch hart, diamantenhart und unnachgiebig. Es ist nicht so, dass der andere der Harte ist und ich der Weiche. Denn meine Härte versteckt sich nur unter einer Humusschicht. Sie weiß noch nichts von sich, sie offenbart sich erst im Konflikt und würde aus Liebe zum Urwald die Gegenargumente einfach unbedenklich wegreißen. Und auch das fühlt der andere oder sieht es oder riecht es (er hat den Riecher, die Witterung dafür), indem ich ihm von da her auf Anhieb unsympathisch sein muss, nämlich weil ich eine andere Moral habe, eine wildere, nicht nur humane, keine exakt humanistische. Eine heidnischere. Denn der Mensch ist mir nicht der einzige Zweck und nicht der einzige der Betrachtung und der Sorge würdige Gegenstand.

Peter Hodina

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