DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °31

Das Maikäfermännchen, wurde mir in Erinnerung gerufen, habe vier Stunden Zeit, in der Kopulation seine Erfüllung zu finden, um danach tot abzufallen. Während der Begattung hört das Weibchen nicht auf weiterzufressen. So langweilig sei dem Weibchen dabei. Hier sehe ich mich nicht parteiisch für das Männchen eintreten. Sondern versetze mich in beide Seiten, wie in der Bhagavadgita bei der Schlacht zu Kurukshetra in beide Armeen, durch welche ein einziger Gott wirkt. Einmal sehe ich mich in dem Weibchen verhakt, um in meinem letzten vierstündigen Ritt, in dem es um alles geht, mich bis zur Erlöschung zu verzucken, dann wieder, den Aufreiter an mir gewährenlassend, weiterfressend, wonach ich ihn überleben werde. Ist das ein Gleichnis? Es befällt mich so oder so, mehr noch in dem Dritten, in dem beide zur Einheit gelangen, eine Befriedigung.

„Alle großen Lehrmeister der Menschheit waren merkwürdigerweise mündliche Meister.“ (Jorge Luis Borges) – Das Mündliche hat den Vorteil des Spontanen, es wirkt über das Ohr, hat jedoch, außer es ist auf Tonträger fixiert, den Nachteil des Nichtfestgelegtwerdenkönnens. Die Schrift wirkt über das Auge, nicht über das Ohr, sie kann wiederholt gelesen werden, ist auf sich festgelegt, der Kritik und Nachprüfung zugänglich. Auch erspart dir der Text, Aug in Auge dem Meister gegenüberstehen zu müssen. Der vermeintliche Meister könnte ja ein Hochstapler, ein Sophist, ein Manipulateur sein. Am Text ist das leichter erweisbar. Nicht umsonst spricht man von Gehorsam, der geht über die Ohren. Das Mündliche erzeugt und aktiviert sich jedoch auch über das Auge, das der Redende auf den oder die Zuhörer wirft, das Mündliche kann schnell, flexibel reagieren, aufkommende Zweifel abfangen, und manchmal produziert es sich (in einem doppelten Sinn des Wortes) in einer Art von ebenso auch übers Auge gehenden Verliebtheit, einer platonischen Inflammation, ist eine wechselweise Faszinationsgeburt, eine Rede auf Kredit. Es ist ein Aktuelles. Das Gelesene hingegen ist posteriorisch.

„Man braucht unendlich ferne Sätze, die man kaum versteht, als Halt über die Jahrtausende.“ (Elias Canetti) – Anders Wittgenstein: alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden. Entweder sehr konzise oder eben gar nicht. Das markiert auch einen Unterschied zwischen Literatur und Philosophie, wobei es einige Philosophen gibt, die dem Unklaren Valenzen abgewinnen können und selbst Unklares dem Schweigen vorziehen. Hauptsache, das Palaver erlischt nie. Eine Welt, in der ausschließlich Klares gesprochen würde, wäre eine sehr wortkarge. Dann würde durch die Art, wie man die Türen zumacht, ob leise oder frustriert zuknallend, „gesprochen“. In einer wortkargen Welt staut sich die Aggression, es sei denn, die Blumenwiese auf der Alm und das Kuhglockengeläut würden durch sich „sprechen“, ein Arbeitsvorgang bedürfte keiner Worte mehr. Das Klare wäre ein zunächst für sich Gewonnenes, zur Endgültigkeit Gebrachtes, die Klärung fände in einem selbst statt, bis Klarheit erreicht ist, dann wird dieses für sich ein für allemal Geklärte und Unumwerfbare dem anderen an den Kopf geschmissen. Nicht gemeinsam in Kommunikation wurde es geklärt. Aber um zur Klarheit zu gelangen, muss man sich häufig unklarer Sätze bedienen, es ist ein provisorisches Herantasten, bevor man die Leiter, falls Klarheit erreicht ist, hinter sich werfen kann.

Jakob Böhme war doch nicht nur Mystiker, sondern auch Schuster. Gerade im Anblick der Schusterkugel war ihm der Blitz der Eingebung gekommen. Wenn Böhme schreibt: „Der eigne Wille machet eine Form nach seiner instehenden Natur. Aber im gelassenen Willen wird eine Form nach dem Modell der Ewigkeit gemacht“, frage ich mich, ob noch von Meister Böhme verfertigte Schuhe erhalten blieben. Wie sähe Schuhwerk aus, das „nach dem Modell der Ewigkeit“ verfertigt wäre? Wäre es dann nicht viel zu weiträumig? Welche Schuhgröße hat die Ewigkeit? Wenn ich als sinnender Schuster die Hände in die Schürze lege und so lange warte, bis mir der liebe Gott die Idee des idealen Schuhs eingäbe, würde da je ein Schuh draus?

Denken bedeutet auch, die Kraft in sich zu vermehren, sich nicht von dem binden zu lassen, was das Denken hemmt oder verbietet. Was vor dem Denken nicht standhält, ist zwar ein Gegenstand des Denkens, sollte aber weder Macht über das Denken eingeräumt bekommen noch das Denken hemmen und in sich befangen machen können. Das Denken geht mit der Kraft einher, sich nicht überwältigen zu lassen, und dort, wo man überwältigt wurde, ein Roll-back am Eindringling zu veranstalten, um die Partie von vorne zu beginnen.

Die Wahrheit, die behauptete, geglaubte, dogmatisierte, pflanzt sich einfach in die Welt, zuerst nur getragen und praktiziert von einem Kader, der entschlossen ist, diese zu verbreiten. Sie macht die anderen ungültig. Die Jahrhunderte, Jahrtausende davor, die Mitmenschen, die der Mission widerstehen. Sie sind dann „nicht in der Wahrheit“. Damit sind sie in ein Aus gedrängt. Sie selbst würden sich durch ihren Starrsinn von der neuen Gemeinschaft ausschließen, heißt es dann, obwohl sie nur dieselben zu bleiben begehren, die sie waren. Der neue Glaube pflanzt sich auf, drückt den anderen sein Symbol auf die Nase, damit der böse Geist aus ihnen weiche, sie selber aus sich weichen. Solch ein neuer Glaube braucht nicht begründet zu werden, kann abstrus sein, für den Verstand nicht nur nicht nachvollziehbar, sondern qualvoll unlogisch. Er wird verkündet statt begründet. Schließlich unterwandert der neue Glaube die ganze Gesellschaft. Das war bei den Christen so, das war später bei den Nazis so, die die Christen imitiert hatten, aber bei ganz anderer, antichristlicher Zielsetzung. Das Kreuz war für unsere heidnischen Vorfahren vielleicht genauso furchtbar wie später das Hakenkreuz, hatte Signalcharakter. Es war zum Fürchten. Es markierte einen neuen Anspruch an die Menschen, ihre bisherige gewohnte Welt, ihr bisher gelebtes Leben als ein verkehrtes begreifen zu sollen. Es handelt sich um massivste Kampagnen einer Umerziehung der Massen.

Die einen haben ihr Wissen oder sind ihr Wissen, sie können dir sagen, worum es geht, sagen es zumeist auch ungefragt. Doch können sie auf Fragen absichtlich verschlossen reagieren. Sie sind in der Welt orientiert, orientiert an den mächtigeren Ursachen, halten sich nicht bei Folgen und Teilfolgen auf. Was ist der Blumenschmuck an einem Bauernhaus gegenüber der Tatsache des Verschwindens der Landwirtschaft? Mit derlei Idyllen geben sie sich nicht ab, zwar sei es traurig, dass das verschwinden wird, aber man müsse da durch. Unerbittlich. Und dürfe nicht zurücksehen. Der Fortschritt habe auch vielen, nicht zuletzt den Kultur- und Gesellschaftskritikern ein besseres Leben gebracht, ohne das sie nicht einmal den Mund aufmachen und die Feder führen könnten. Immer auf das Wesentliche hindrängend, das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheidend, das im strengen Jägerauge behaltend, das das Mächtigere ist, ja das Mächtigste, von dem alles abhängt, die Wirtschaft, die Milliardäre, das eine weltbeherrschende dynastische Prozent, Gott (oder das Nichts, man ist sich nicht einig), dulden sie nicht, wenn jemand in Quisquilien abirrt und sich nicht für das eine oder das andere entscheidet. Entscheidung ist ihnen alles, sie sind entschiedene Menschen, sie wollen nur Umgang mit ebenso entschiedenen Menschen, was ihnen darauf dann hinausläuft, dies müssten Männer sein, obwohl einige inzwischen darüber anders denken. Dass es auch entschiedene Frauen, ja besonders straighte Frauen geben könne, aber es bleiben Bedenken. Wie auch gegen Schwule, von denen einige auf den ersten Blick zwar besonders machtgeeignet scheinen, weil sie für gewöhnlich keine Rücksicht auf Frau und Kind nehmen müssen, besonders machtpräpariert, wenn sie von älteren erfolgreichen Männern gleichsam oder wirklich adoptiert worden waren, Schwule, sofern sie aus gutem Holz geschnitzt sind oder Holz ist zuwenig, denn der härteste Werkstoff wird in Zeiten wie diesen benötigt. Also, bei allen Bedenken gegen solche, die abbröckeln, sich entpaternalisieren, entpatriarchalisieren, als kommunizierende Leuchtstängel gesamtweltallaufschließen könnten, solchen unsicheren Kantonisten, Wackel- und Wankelkandidaten, potentiellen Verrätern, die früh zu erkennen und auszusondern, ja am besten kaputtzumachen sind, wenigstens in lebenslanger Beirrung kleinzuhalten, in Wohnzellen zu isolieren, wenn sie sich nicht umstülpen und komplett neuaufsetzen lassen, ist es doch immer das Wesentliche, das im Auge zu behalten, auf das immer zu drängen, zu dem hin immer erzogen, gebildet und geformt werden müsse, von dem her das nutzbare, beflissen gemacht werden könnende Schwache zu unterwerfen, aber die freischwärmerischen Schwächlinge, diese junikäferhaften Surrprojektile am effektivsten gleich noch in der Schule zu keschern und zu selektieren wären. Diese einen, sagte ich, haben ihre Wahrheit, sind Inhaber und Vollstrecker der Wahrheit, sie benennen ihre Wahrheit als Macht, als die Orientierung auf und an Macht, als DER Ursache, von der alles andere Folge ist oder auf deren Spruch hin das andere tilgbar wäre, nur bis auf Abruf ist. Nur Mädchen halten sich mit Balkonblumen auf, nur junge oder alte Mädchen, undurchbildete, langhaarige Halbburschen in Norwegerpullovern, hagere aufrechte Landpfarrer in enggeschlossener Soutane, die vom morschen Kleinbauernbalkon aus der Welt durch Vegetarismus und antimilitaristische Pfingstbriefe trotzen zu können vermeinen, die anachronistisch Prophetischen, aber zählen sie? Nicht mehr als eine elektrische Katze, die einen Buckel macht.

Peter Hodina

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