DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °30

Bücher, die man nach langer Zeit wiederliest, Gegenden, die man nach langer Zeit abermals bewandert oder noch besser, bei denen man sich nicht einmal sicher ist, ob man sie bewandert hatte (wie neulich bei mir der als neu empfundene umwanderte Wallersee, wobei nachträglich, erst zwei Tage später es scheint, dass es sich um ein paar Déjà-vus auch handelte, man den Weg in der Kindheit also schon gegangen war): Vorgeschmack der Wiedergeburt, der Anamnesis, Einübung in das sich kaum je seiner sicher sein könnende Erinnern früherer Erdenleben. Schön dieses fast ganz schon Vergessenhaben, an einigen Zipfeln die Hoffnung, das alte aufgelöste einstige Festland von sich doch noch zu erhaschen. Atemlos die Frage. Die Altgier. Das Wiederauffrischen, das hier einem Neumalen gleichkommt. Es ist das gleich anschließend wiedererinnerte Neugemalte – als möglicherweise Alt- und Uralterlebtes, das aber nicht mehr zulänglich ist. Eine der wichtigsten Unterschiede zwischen den Charakterdispositionen von Menschen ist die: Wie hältst du es mit Kontrolle? Ist Kontrolle für dich etwas Positives oder Negatives? Selbstkontrolliertheit. Kontrolle des Gedächtnisses. Selbstverfügbarkeit. Selbstbesitz bis in die erinnerten Traumata hinein, daran die Identität – und sei es als negative – befestigend. Auch die des anderen: „Niemals vergessen!“ Erinnerungsansparung. Selbstrestauration. Sich in Schuss halten. Oder es ertragen können, wenn nicht sogar genießen, wie einige Teile von einem perdu gehen? Wie die ganze Scheune, die man selber ist, schief dasteht, aber trotzdem noch lange nicht zusammenzubrechen die Absicht hat. Wie man auch die Feinde von einst mitabgehen lässt, vergehen lässt, einverstanden damit, dass auch sie den Gang aller Dinge gehen. Wie der Teppichklopfer, mit dem einem der Hintern versohlt worden war, mit dem Sperrmüll abgeht. Wie ein alter Besen, der ohne Hexe davonfliegt.

Vorgestern von Henndorf weg rund um den Wallersee gegangen. Ausnahmslos nur freundliche Menschen getroffen: angefangen von der Bäckerei am Morgen bis am Schluss im Supermarkt. Egal ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Greis, wie auch der schwarze Hund, der mit dem orangenen Frisbee, in der DDR übrigens manchmal sinnigerweise auch „Schwebedeckel“ genannt, im Maul, über die grünen Hügel freudig herunterkam, die Rinder zufrieden nicht minder. Waren es Süßwassermuscheln, deren Schalen zuhauf am leeren Strand lagen? Oder gab jemand Austernparty? Leider war der Akku leer und so gibt es keine Fotos, keinen Film. Adorno sprach von einem „vergänglichen Kunstwerk“. So erschien uns unser nicht dokumentierter, durch viel Unvorhergesehenes bereicherter Gang. „Das vergänglichen Kunstwerk ist listigerweise auch das unzerstörbare!“, sagte ich zu meinem Begleiter Billy.

„Wir stellen uns in der Vorstellung die anderen als Mandln hin und wundern uns, wenn sie umfallen“, sagte ich zu Jausner. „Die Macht der Rollen! Sagst du Bruder, kommt die Frage: mehr Kain oder Abel? Sagst du Vater, denkst du zugleich auch Sohn. Mehr Sohn als Tochter, im Patriarchat. Dann hat uns noch zu allem Überdruss hier wieder die Bibel die Geschichte vom verlorenen Sohn beschert. Da rollt die Rolle nur so ab. Ein solcher Vater schaut seinen wirklichen Sohn gar nicht mehr an, sondern nur die Rolle, ob sich der Sohn der Rolle entsprechend verhält, wie auch der Sohn, durch den Vater auf die Rolle fixiert, den wirklichen Vater nicht mehr sieht, sondern den ihn fixierenden, segnenden oder verfluchenden. Eine Übergestalt, positive oder negative Idealgestalt. Und je mehr wir davon angefüllt sind, desto verrückter verhalten wir uns. Was ist denn Verrücktheit? Die Unangemessenheit!“, beantwortete ich die aufgeworfene Frage selbst. Zumal Jausner mir stets als eine Verkörperung der Angemessenheit erschienen war. „Egal oder vielmehr nicht egal: gerne in Paaren treten die Rollen auf. Ein Lehrer – was wäre der ohne den zu ihm passenden Begriff des Schülers? Eine Regierung – ohne die Regierten? Wäre die Entpaarung der erste Schritt zur Befreiung des Geistes? Den Lehrer ohne den Schüler, die Frau ohne den Mann zu denken? Der menschliche Verstand ist durch die Rollen komplett verhext, das Zusammenleben vergiftet, frustriert. Irrealisiert! Die Macht der Rollen, des Rollendenkens weit größer als angenommen! Selbst als Verlierer hätten mich die Meinen liebergehabt, in irgendeiner eindeutigen Rolle, selbst als Michael Kohlhaas, als Maler, als Müllmann, als Politiker, der den Menschen schadet, als Antreiber, der sie hetzt, alles wäre gegangen. Auch Zuhälter, Verbrecher. Doch nicht der diffuse Kerl, der ich real bin, der kein Sieger ist und sich nicht geschlagen gibt, nicht Fisch, nicht Fleisch. Und der andererseits so sehr den Seinen auch wieder gleicht. Ich möchte die Rollen durchschauen, um mich von ihnen zu lösen, um zum Überselbst, wie Paul Brunton es nannte, vorstoßen! Ich möchte durch diese Rollen durchschauen wie durch Röhren.“ – „Du spielst keine Rolle. Das ist dir oft gesagt worden“, antwortete Jausner, „aber das zeigt sich im Lichte eines Doppelsinns.“

Nachtrag zur Rolle. Eher ist der Mensch bereit, sein Schicksal (als bedeutungsgeladenen Wirklichkeitsausschnitt) anzunehmen, als die ungeteilte durchmischte, vielfacettierte Gesamtrealität. So sind wir auch hier wieder in Rollen. Man spielt den reumütigen Lebensverlierer, gar immerdar, geknickt, gebeugt, blind für alles außer seiner Rolle, als blühte für einen die Blume nicht, schiene für einen keine Sonne mehr und breitete sich nicht die feuchte Wiese zur Ergebenheit in die die Unterschiede verwischende Nacht. Tief sitzt der egofizierende Ingrimm der in uns zudem von anderen eingebrannten Rolle und der ihnen enttäuschten Rollenerwartung, zu der, dass wir sie enttäuscht hatten, wir uns doch lieber selber gratulieren sollten, zumal wir uns so halbwegs bewahrten. Die Sozialisierung ist eigentlich bei zunehmendem Alter die Egofizierung in Schuld. Der Mensch würde also, je sozialer, desto egoistischer, und je egoistischer, desto sozialer?

Zum 40. Todestag Sartres: Er hat vor allem viel hinterlassen! Täglich 25 Seiten geschrieben. Der Idiot der Familie in seiner Dichte scheint mir sein wichtigstes Werk. Er war in der Konversation ungemein beredt und flexibel, rauchte ständig dabei, hörte genau zu, fing sozusagen jeden Ball auf. Einige Jahre nach seinem Begräbnis, an dem Zehntausende teilnahmen, kamen noch einmal bei Rowohlt in roten Boxen alle seine philosophischen und literarischen Werke heraus und füllten die Auslagen der Buchhandlungen. So viel abschließend Sartre auf einmal erschlug einen. 15 Jahre später ergatterte ich einige der Boxen im Abverkauf, es waren viele und insgesamt dann nur die Hälfte, so viel war das. Er war der beherrschende französische Intellektuelle dieser Zeit (Philosoph und Schriftsteller doppeltausgeprägt in einem, dies mit Albert Camus, ja Voltaire, Diderot, Rousseau gemeinsam: nicht wie gewöhnlich in einer Lebenswahl den einen gegen den anderen in sich niederringend), auch die Art, wie er lebte, prägte das Intellektuellenbild. Für einen Jean Améry war Sartre der Gipfel des Intellektuellmöglichen, unerreichtes Vorbild. Danach fürchtete er nur mehr den Abgrund der Beliebigkeit und das Verrinnen des menschlichen Antlitzes im Sand. Nach 1980 war Sartre toter als tot. So ging bei uns, wie immer verspätet, der Stern Foucaults auf, später der Derridas. Auch das Profil eines Intellektuellen, das, was man unter einem Intellektuellen verstand, hatte sich radikal geändert. Sartre war überberühmt geworden. Mit überberühmt meine ich: so erschöpfend berühmt, dass danach dieses Schweigen kommt, dieses (endgültige?) Begrabensein. Auch wurden kaum mehr Dissertationen über Sartre angenommen. Die Überberühmtheit ist das Erschöpfende, Erschlagende. In der Überberühmtheit begraben. Die Indiskretionen intimer Biographik, das billige Aufrechnen politischer „Fehler“ ließ den geistigen Gesamtkomplex Sartre in einer unschönen, keine Umstände mehr machenden Zeremonie des Abschieds (anders als in dem gleichnamigen Buch von Simone de Beauvoir) korrodieren, nur mehr, um mit ihm zum Ende zu kommen, noch bevor man mit ihm beginnt. Zu den Namen, die jeder kennt, die Werke, die keiner mehr liest: außer Einzelgängern. Ein Paradox: dass die Bekanntesten dann zur bevorzugten Lesebeute der Einzelgänger werden. Diese werden für sich fündig: dass Sartre in manchem seine Nachfolger, die auf ihn sich nicht mehr beriefen, vorweggenommen hatte. Freilich: jeder Philosophiebeflissene hat an L’être et le néant seine Ausdauer erprobt, in der Annahme, dies sei Sartres Hauptberg, aber dahinter kamen noch höhere Berge, wer wagte sich daran?

Peter Hodina

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