DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°3

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Zur Phänomenologie des Neides. „Gabalier wirft Kritikern Neid vor.“ Um ihm wirklich neidig sein zu können, müsste man dasselbe wollen wie er. Ein Mitbewerber in seiner Sparte sein. Wer will das aber? Sonst ist dieser Neid auf jener plattesten, doch verbreitetesten Ebene, wo jemand sagt: Ich neide ihm sein Auto, ich neide ihm sein Haus, ich beneide ihn um seinen Body. Der Gipfel des Neides wäre, der andere selber sein zu wollen, sein Leben gegen das des anderen einzutauschen. Und das wurzelt in Selbstmissachtung, einbekannter Eigeninferiorität, Selbstaufgabe. Aber nein! Man will des anderen Geld, dabei aber ganz naturgemäß der bleiben, der man ist. Genaugenommen, um ein konsequenter Neider zu sein, müsste man jedoch komplett mit dem anderen tauschen wollen, mit Haut und Haar und Bluterkrankheit. Man überlege dies gut!

Leider geht es fast immer um etwas. Erst wenn es um nichts mehr geht, tritt der Wert der Dinge objektiv hervor. So wird man bestimmten Werken erst dann gerecht, wenn Schall und Rauch der Mode unser Urteil nicht mehr trübt.

Ist ein Übel gerade noch tragbar, ist es seine Rechtfertigung nicht mehr. So bringt dann Schlechtideelles das Fass zum Überlaufen.

„Mitläufer“: da müsste zusätzlich das Tempo mitangegeben werden. Unter den Mitläufern finden sich auch Gegner, die nur ihre Haut nicht riskieren wollen und froh sind, wenn der ganze Spuk vorbei ist. Deshalb kann die Diktatur dem äußeren Schein, den sie zwar organisiert, nie ganz trauen und sucht die Mitläufer in Verbrechen hineinzuziehen, um sie auf Gedeih und Verderb zu Komplizen zu machen.

Wieder einmal von Ernst Jünger geträumt, er war über Hundert, lebte noch. Hielt mir sogar, an einem schwarzen Tisch sitzend, eine Privatlesung. Sein Gesicht wandelte sich ununterbrochen während des Vorlesens. Ein Wandelantlitz, das aber die Masken unterschiedlicher Tiere annahm. Beginnend bei einem ganz scheuen, verletzlichen Tier, dass man ausrufen wollte: „Ach!“ Später kamen Raubtiere hervor, darunter unberechenbar Bärenartige mit gierigen Schnauzen, an denen Opferblut klebte. Das Unbehagen wuchs stetig. Nie war der Vorlesende festzumachen. Da er mir nie als großer Mimiker oder gar Mime bekannt gewesen war, musste ich annehmen, dies sei sein WAHRES Gesicht: das Wandelantlitz DES Tieres. Der Singular war angemessen: DAS Tier in all seinen Möglichkeiten, Schönheiten, Grässlichkeiten und Grenzen, in all seiner letztlichen MENSCHENFREMDE aufscheinen lassend. Mich zur Frage bringend: „Was ist der Mensch – HINGEGEN?“ – Eine Stimme aus dem Off sprach zu mir: „Du musst ein Jäger werden!“ – Nach der Lesung war der Autor so freundlich, mir das erlebte Phänomen zu erklären: ich hätte lediglich das von ihm Vorgetragene auf sein Gesicht projiziert. Und richtig: Es war nur mehr das Phänomen dieses tierhaften Wandelantlitzes, das ich in mich aufsog und das in mir immer größeres Staunen sowie zugleich zunehmendes Entsetzen auslöste, nicht mehr der Text, dem ich gar nicht mehr wissentlich folgte.

Eher nahm Jünger nacheinander die Gestalt von 666 Tieren an, als dass er DAS Tier 666 gewesen wäre.

„Deinen Hund gibt es mehrmals!“ So darfst du niemals zur stolzen Hundebesitzerin sprechen, auch wenn draußen die Doubles nur so rumrennen. Und es wird nicht milderbar dadurch, dass du sagst, dieses Bonbon gebe es jetzt zum Glück noch mehrmals, das wir zum Munde vielleicht sogar einander uns führen.

Mit Genugtuung lese ich soeben, dass eine weitaus jüngere Autorin das Wort „Automobil“ gebraucht. Schon vor 30 Jahren wurde mir in einem Schreibkurs gesagt, „Automobil“ ginge heut-, das heißt nun auch schon wieder damalszutage nun gar nicht mehr!

Früh ist auch deshalb aufzustehen geboten, um jene innere Chemie, die mit denen verbündet ist, die zum Frühaufstehen uns nötigen wollen, mit rein physikalischen Mitteln (ohne Drogen und derlei) niederzuzwingen und auf unsere statt auf ihre Seite zu bringen.

Gestern mir eine mehrbändige Ausgabe von Abraham a Sancta Clara entgehen lassen. „Einen Antisemiten brauchst du nicht im Haus“, beschloss ich schließlich. Mein Auge fiel auf eine Verszeile, die hier aber auf eine ungewöhnliche Sprachhandhabung schließen ließ. „Nehme ich ihn also doch? Oder lieber nicht?“ Ging weg vom Bücherkasten, zuerst eine Wurst zu essen. Ein Prediger, will ich einen Prediger, war ich nicht zu viel früher Predigten ausgesetzt gewesen, auch Predigten, in denen der Name „Abraham a Sancta Clara“ unangenehm gefallen war? Als von einem, der dem Volk die Leviten las. Verglich diese Volks- und Bußpredigerei mit den Asiaten. Hätten diese ein Pendant zu diesem christlichen Den-Laien-ins-Gewissen-Reden? Beim Verzehr der Wurst wurde ich dem Erwerb jener Schriften des Abraham a Sancta Clara zunehmend geneigter. Denn seine Reden wurden angesichts der Pest und der Türkenbelagerung gehalten. Und ich versprach mir, durchs Lesen dieser Reden in die Dramatik jener Zeiten mich versetzen zu können. Zudem witterte ich einen gewaltigen WORTUMTRIEB, wie sonst vielleicht nur bei Luther. Nun erinnerte ich mich plötzlich, dass auch Martin Heidegger ihm eine kleine Studie gewidmet hatte, und Heidegger ging in der Auswahl seiner bevorzugten Dichter niemals fehl. Wie ich, den letzten Zipfel der Wurst hinunterschlingend, doch beschließe, mir die Ausgabe zu holen, finde ich sie mir vor der Nase weggeschnappt. So sehr war ich mit dem Gedanken an Megerle (wie Abraham a Sancta Clara ursprünglich hieß) beim Verzehr der Wurst beschäftigt gewesen, dass ich sogar vergessen hatte, mein Bier mitzunehmen, sodass die Standlerin mir es später, als ich mit der Wurst fast ganz schon zurande gekommen war, nachbringen hatte müssen, der ich hinter dem Würstlstand meine etwas weltabwesenden Gedanken mit der Wurst zusammen in den Senf eintunkte.

„Was sich entzieht, kann sogar den Menschen wesentlicher angehen und in den Anspruch nehmen als alles Anwesende, das ihn trifft und betrifft.“ (Martin Heidegger: Was heißt Denken?)

Peter Sloterdijk vom Cicero-Magazin zum Ranking-Ersten der 500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen 2019 gekürt. „Peter Sloterdijk ist der einzige deutsche Intellektuelle, den man als Denker im klassischen Sinne bezeichnen kann. Charakteristisch für jeden echten Philosophen ist, dass er sich nicht von unwichtigen Fragen ablenken lässt. Aber das wird unter modernen Lebensbedingungen immer schwieriger. Dass das philosophische Leben heute fast unvermeidlich auf Abwege gerät, hat drei Gründe: Die Politik verführt zum Gefälligkeitsdenken, die Medien verführen zur Selbstinszenierung, und die Universität verführt zur Resignation. Gegen diese Übel kennt Sloterdijk eine Medizin, die schon Nietzsche verschrieben hat, nämlich eine Dosis Übermut: Riskiert etwas, im Leben wie im Denken! Seid Abenteurer! Wagt es, gefährlich zu denken! Auf die Schiffe, ihr Philosophen, seid neugierig, es gibt noch eine Welt zu entdecken!“ (Norbert Bolz)

Interessant dieses singuläre Lob durch Bolz. Unter meinen intellektuellen Freunden gibt es in der Mehrzahl Sloterdijk-Verächter. Sie lehnen ihn als Medienfigur entweder in Bausch und Bogen ab oder kaprizieren sich darauf, das eine oder andere ungenaue Haar in der Suppe zu finden. Manchmal sind es auch hart und karg arbeitende Wissenschaftler und Forscher entweder in den Sielen der Institute oder abgeschlagen außerhalb, die ihm seine Freizügigkeit neiden. Sie haben für sich das Gefühl, „besser“ zu sein, aber niemand beachtet sie im Gegensatz zu DEM. Sloterdijk habe ich viel gelesen, oft mit Gewinn, von Anfang an, fast alles. Er ist ein hervorragender Stichwortgeber. Sprachgewandt, stilistisch mehr Spengler übrigens vergleichbar als Nietzsche. Belesen, auch ins Abwegige, Seltene hinein, der diese Belesenheit mobilisiert und so viele Bücher schreibt, dass man kaum mit dem Lesen nachkommt. Am wenigsten kann er überzeugen, wenn er Thesen formuliert. Er mischt Humor hinein, macht sie dadurch unernst. Doch Stichworte liefert er pünktlich. Überdies hat er mit sich einen in Deutschland ganz neuen ironischen Denkertypus ins Spiel gebracht, der unpathetisch seinem spezifischen Pathos frönt. Dabei ist er, wie von ihm über Nietzsche behauptet, selber ein „Denker auf der Bühne“.

„Irgend etwas Angriffiges muss in der Ursache der Komik stecken, gewissermaßen der Ansatz zu einem Attentat auf das soziale Leben…“ (Henri Bergson) – „Witz und Laune müssen, wie alle korrosiven Sachen, mit Sorgfalt gebraucht werden.“ (John Locke)

„Einer regt sich auf, weil er annimmt, dass andere sich aufregen werden, oder weil er will, dass sie es tun.“ (Ludwig Marcuse)

Manches von sich sollte man in Stein meißeln, um der eigenen Vergesslichkeit zuvorzukommen.

Was willst du mit Leuten anfangen, die, wenn die Rede auf einen ausgestopften Schabrackentapir kommt, absolut nur Bahnhof verstehen und sogar vermeinen, man hätte sie soeben beschimpft?

Introspektion. In seinen Trieb hineinschauen wie zum Frosch im Wetterglas, der auf der höchsten Sprosse seiner Leiter steht und mit der Sturmfahne winkt.

„Gibt es ein ‚Selbst‘?“ – Dieser Schmarren ist Zeitverschwendung. Man ist ja eh da. Wieso sich verdoppeln? Sich aufblähen? Es soll ein Film gezeigt werden – und jemand jubelt: „Das Licht! Das Licht!“ Noch bevor der Film losgeht. Einem solchen Jubelschrei verwandt ist die Freude über den Besitz der Leerform Selbst. „Juchhu, ich habe einen Sack!“, jubelt der, „ich BIN ein Sack!“, noch bevor er einen einzigen Apfel hineingetan hätte.

Als der Käfer eines Tages aus gar keinen Träumen erwachte und feststellte, wieder Gregor Samsa zu sein, beschlich ihn da nicht ein bisschen Wehmut auch?

Peter Hodina

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