DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °29

Viel gravierender als der Unterschied zwischen Links und Rechts erscheint mir der zwischen Menschen, die nie ziellose Spaziergänge machen (in einem halben Jahrhundert nicht, keinen einzigen, nie, das gibt es, solche sind unter uns!) und anderen, die meistens ohne bestimmtes Ziel herumgehen oder denen das Ziel im Gehen erst kommt, oder Menschen, die damit prahlen, pro Tag nur drei Stunden Schlaf zu benötigen, um andere damit zu tyrannisieren, es ihnen gleichtun zu sollen. Oder Menschen von strengster wissenschaftlicher Denkweise gegenüber solchen, die aus ihrer Sicht nur Phantasten und Schwärmer sind. Menschen, die immer nach dem Nutzen fragen, bei allem und jeglichem, andere, die nicht besonders ambitioniert sich zeigen, diese Frage zu klären. Und die lustlos sind, sich in fremde Leben einzumischen. Der Unterschied auch zwischen solchen, denen ihr geistiges Rüstzeug schon lange oder seit jeher genügt, und anderen, die ihr Denken für unablässig nachbesserungsbedürftig halten. Solche, die mit dem Erwerb eines akademischen Grades auf der Stelle auch habituell nun Akademiker SIND (vor sich und anderen), und andere, denen das nicht wichtig ist. Solche Wesensgegensätze können ein Zusammenleben unerträglich machen. Einer betrachtet den anderen aus jeweils anderen Gründen als Elenden.

Gestern Abend einen an der Bank, auf der sitzend ich in der eingebrochenen Dunkelheit  meine Pizza verzehrte, lehnenden Prügel mitgenommen, von der Größe und dem Gewicht her wie ein Baseballschläger. War das ein liegengelassenes Apportierholz für eine Dogge? Dann fand ich ein paar Meter weiter in der Wiese zwei, schließlich drei andere solcher Prügel. Ich holte, ihn zur Bank zurückbringen wollend, zum Schlag gegen deren Lehne aus: er war nicht eben heftig, aber saß. Das Holz lag gut in der Hand. „Wohl dem, der einen Prügel hat!“, könnte es einmal heißen. Oder „Woher einen Prügel nehmen, wenn man ihn braucht?“ So wie dieser Tage die Maskenausgabe war, war dies vielleicht die Prügelausgabe? Wer jetzt nicht zugreift, könnte es schwer haben, von diesen Wohnungsbewohnern. So nahm ich sie vorsorglich mit, die Keule. Untern Arm geklemmt, wie anderen damit signalisierend, noch nicht davon Gebrauch machen zu wollen. Ich war mit der Keule bedeutender geworden, das fühlte ich. Was kann ich machen, wenn ich es so fühle? Steckt in jedem noch ein Erbe des Höhlenmenschen? Das letzte Abendrot war in Schwärze übergegangen, in der ein Keulenträger dahinschritt.

Aphorismen – deren Sorten zwei: Die Aphorismen, deren Würze in der Kürze liegt. Die Lichtenbergschen, die uns augenblicklich das Leben erheitern, um Perspektiven bereichern und kommoder machen. Und die in aller Knappheit ungewürzten. Die faden, herben Binsenwahrheiten, die uns selber verknappen. Als bittere Pillen von Existential-Positivisten verabreicht zwecks Aushaltens im wunschlosen Unglück, in dem das Wünschen nicht mehr hilft.

„Streng wissenschaftlich“. Las gerade die Überschrift: „Vedisches Wissen ist streng wissenschaftlich“. Ebenso habe ich mindestens ein dickes Buch, das die Bibel als wissenschaftlich beschreibt, diese würde Erkenntnisse viel späterer Naturwissenschaften vorwegnehmen. Ferner eine schmale Broschüre, die das mit dem Koran unternimmt. Auch einige Aufsätze, die dasselbe mit dem Buddhismus anstellen. Nicht ist eine andere lokale oder historische Form, praktische Wissenschaft zu betreiben, damit gemeint – wie bei der tibetischen Medizin. Sondern es geht um die zeitgenössische globalisierte Wissenschaft und deren State of the Art. Was trat nicht alles schon als Wissenschaft auf? Der „wissenschaftliche Sozialismus“ von Marx und Engels, wir erinnern uns. Aber auch der Evolutionismus – bis heute. Der Rassismus. Der Spiritismus, auch der! Die Rutengängerei. Die Kabbalistik. Die Psychoanalyse. Die Philosophie. Ab zweiter Hälfte des 19. Jahrhunderts ist zu sehen, wie alle geistigen Ambitionen förmlich darum ringen, als wissenschaftlich anerkannt zu werden. Dieses Gütesiegel war ihnen unentbehrlich. Manche setzten es sich zur Lebensaufgabe, für irgendein abseitiges Gebiet den Nachweis, es wäre „wissenschaftlich“, zu erbringen, oder die Konkurrenz als „unwissenschaftlich“ zu erledigen. Mehr wurde um das Prädikat „wissenschaftlich“ gerungen als um die Phänomene, die im Sortierverfahren als gute ins Töpfchen der Wissenschaft, als schlechte nicht einmal ironisch-literaturabseitig ins Phantasie-Kröpfchen der Wissenschaftsstreber kamen, sondern zum Mist.

Traum: In einem gutbürgerlichen Gasthaus, wo ich mit meinen Eltern saß, wurde ein Skirennen übertragen. Eine Österreicherin lag in Führung und durfte die Goldmedaille gewärtigen, ebenso lag eine Landsmännin auf Platz 3. Da kam noch eine späte Läuferin aus Israel und schaffte ganz sensationell den Sprung aufs Stockerl: zeitgleich ex aequo mit der Drittplatzierten. Da schrie eine Frau in der Gaststube schrill auf, als wäre dadurch etwas Furchtbares geschehen. „Passt Ihnen etwas nicht?“, rief ich quer durch den Raum und machte zusätzlich noch einige ausfällige, in meinen Augen aber längst fällige, hartkantige Bemerkungen über den Antisemitismus. Worauf alle Gäste die gute Stube verließen. Ich saß mit meiner Nachspeise alleine da, die ich betreten aufaß. Ich hatte das der Wirtin nicht antun wollen. Sie kam, setzte sich zu mir und war dann so nett sogar, mich auf dieses Essen eingeladen zu haben. Zum Dank für meine bewiesene Courage. Auch traten neue Gäste in den Raum, ein ganzer Reisebus voll Gästen.

Von Handke sowie Gombrowicz geträumt. Handke viel viel jünger, lieb nachgerade, unendlich aufmerksam, ich plapperte immer platteres Zeug, dass es doch fürchterlich sein müsse, so berühmt zu sein, dass junge Leute, wenn sie einen Ruck machen, ihn als „Handkeschen Ruck“ bezeichnen, mit Fragezeichen aber, ob Handke damit einverstanden wäre, von einem Ruck zu sprechen, wenn ich mit einem Ruck mich vom Tisch losreiße, um das nächste Bier zu holen. Handkes unglaubliche Geduld! Dann aber Gombrowicz, dessen Werk ich mich näher fühle: Was für einen puppenhaft kleinen Kopf er hatte, Glatzkopf bebrillt, dabei jedoch körperlich insgesamt großgewachsen, drahtig, elektrisierend, sprungbereit, ernst. So stellte ich mir Gombrowicz nicht vor, so kenne ich ihn auch nicht von den Fotos. Und er fragte mich, wie ich zum Schreiben gekommen sei? „Mit fünf schon. Ja, mit fünf konnte ich bereits lesen und schreiben. Aber die Zahlen verstand ich nicht. Sie waren mir nur eine andere Art von ratlos beiseitegelassenen Buchstaben.“ Das sprach ich leichtmütig hin, wobei ich mit Gombrowicz‘ Sympathie rechnete. Nun aber der: „Wer das Mathematische und die Logik mit solcher Überheblichkeit abtun zu können glaubt wie Sie, ist geistig nicht ernstzunehmen. Wir zwei haben fertig. Der nächste bitte!“

Bei Träumen oft umgekehrt: das Kernhaus wird als das narrativ Wertvolle herausgeschnitten, während das eigentliche Fruchtfleisch (das für den Psychoanalytiker belangvollere?) gemaischt für die Destille abfällt. – Beim heute Vormittag notierten Handke-Gombrowicz-Traum habe ich diesmal nur das Kernhaus herausgeschnitten und präsentiert. Um das Kernhaus herum war noch ganz anderes, Diffuseres, das zu beschreiben, obwohl gut in der Erinnerung, allzu umständlich geworden wäre. Sodass die für sich als alleine stehen könnende und als selbstständige Literatur-Miniatur verwertbare Szene dadurch verwirrt und nicht so deutlich herausgekommen worden wäre.

Gestern: Fleischtheke zehn Minuten unbesetzt. Kein Hinweis, wohin und wann zurück. Ich war zuerst da, danach ein äußerst korpulenter Mann in kariertem Flatterhemd, beide wir mit den obligatorischen Masken beengt, erhitzt und atembehindert auf unsere Wurstsemmeln wartend, mehr auf Augenkommunikation nun angewiesen. Der Hunger staute sich in uns, der Dickere hatte noch größeren Bedarf. Wir schauten uns gegenseitig an wie zwei Tiere und fragten uns, ob wir einander gleich auffressen sollen. Das wiegelte ich durch freundlichtuerische Armbewegungen sowie durch künstlich aufgesetztes Kopfschütteln über den mangelhaften Service hier ab. Wenn Feuerbach sagt: „Der Mensch ist, was er isst“ und er recht hätte, esse ich mindestens seit Anbruch der Corona die häufigste Kost der Deixfiguren und, gesetzt, in der verordneten Einsamkeit entsprechende erotische Vorlieben weiter herauszubilden, kann es nicht mehr lange dauern, bis ich selber zu einer Deixfigur werde, dachte ich, während der Mann mir gegenüber, je länger wir warteten, zu einer unermesslich gewaltigen Deixfigur, ihr Gesicht hinter der Maske versteckt, sich aufzublähen schien.

„Selbstentfremdung: sich nicht mehr in sich von gestern hineinversetzen können.“ (Reinhard Duran Salas) – Interessanter Ansatz, abweichend von dem anderen meist Dazugehörten. Aber im wörtlichen Sinne ist es so. Und auch im psychologischen Sinne weiterführend. Ich, der ich mich lange für selbstentfremdet hielt, wäre dann nach obiger Definition von sämtlichen meiner Bekannten einer der am wenigsten Selbstentfremdeten! Und schon, allein durch diese Zurechtrückung des Begriffs auf den Wortsinn, fühle ich mich insgesamt gleich viel weniger entfremdet! Die sonstigen Psychologen meinten: wem die Amnesie, das Vergessen und Überwinden der Kindheit, nicht gelänge, sei, weil mit dem sozialen Realitätsprinzip überkreuz, entfremdet. Und da ihm kaum mehr Resonanz zuteil würde, dann auch sich selbst. Denn wir selbst wären nur durch die anderen: durch deren Anerkennung und uns geneigte Spiegelung. Die Selbstkonstitution durch sich selbst könne nicht gelingen. Eine bittere Pille, die ein Steinbockgeborener mit seinem Self-made self gerne wieder herauswürgen wollte – anderen ist sie süß und teuer.

Variation. Noch einmal (also anders) gerafft, zum Thema Selbstentfremdung: Ich selbst allerdings war mir sehr und bin mir nur allzusehr bekannt, was noch nicht heißt: befreundet, jedoch verbündet, und ich grüße mich als Kind und das Kind grüßt mich zurück, aber ich wurde, da ich das Kind noch weiter grüßen wollte und vom Kind, das ich war, zurückgegrüßt wurde, von anderen, die mir die neue Lebensrichtung vorgeben wollten, schließlich nicht mehr gegrüßt und also eiskalt abserviert und sohin mir entfremdet. Bis ich die Verzauberung durch die anderen, nachgewappnet mit einem angelesenen und selbstdurchdachten Arsenal von erdrückenden Argumenten, von mir endlich abtat, wobei sie vorher schon verstorben waren und sich dabei ungewollt mir doch noch als zuvor-kommend erwiesen. Ich habe mich von mir selbst nicht entwöhnen lassen bzw. diesen zwangssozialisatorischen Vorgang durch Endlosverschleppung hintertrieben, wie ein Demonstrant für sich selbst, der sich in passivem Widerstand schwermacht. Vom Selbstbesetzer schlussendlich zum Selbstbesitzer. Heiliger Max (Stirner), bitte für mich! Wie Hänsel im Märchen hatte ich die Batzen meiner „Steine und Bausteine“ hinter mich geworfen, um aus dem Dickicht zu mir zurückzufinden. Recht früh, ab fünfzehn, wenn nicht gar ab zwölf „wusste“ ich, dass alles unternommen werden würde, mich mir vergessen zu machen. Für diese Zeit bespielte ich im Voraus Tonbänder mit Klavierimprovisationen, um zu meiner alten Lebensmelodie und zu meinem Eigenrhythmus zurückkehren zu können, falls ich, entleert und wirr gemacht, ganz im Dunklen einer Orientierungslosigkeit einmal sitzen sollte, gefahrlaufend, um die Hand zu betteln, die mich züchtigte. Zu einer derartigen Kapitulation solle es niemals kommen, dagegen mauerte mein Stolz und traf armierende Vorsorge. Der tägliche Anblick unserer Festung Hohensalzburg, die nie eingenommen und über lange Jahrhunderte immer weiter ausgebaut wurde, gab mir das steinerne Vorbild. Nicht nur arbeite ich heute dem Kind, das ich war, nachträglich durch beständige Reflexivität zu und suche an ihm heilend gutzumachen, was an ihm wie an vielen anderen verbrochen wurde, sondern das Kind, das ich war, kommt auch mir Heutigem entgegen und hatte, mit den unzulänglichen Mitteln der kindlichen Symbolisierung, dem vorausgearbeitet. Therapeut bin ich mir immer selbst gewesen, aber auch besonders über die Lektüren und die unendliche Niederschrift. Selbstverliebt wäre für all dieses das falsche Wort, aber es wird ja immer uneigentlich gebraucht, zumal ich mich in mich keineswegs verlieben würde wollen, ich mir nach meinem bevorzugten Beuteschema niemals erotisch in Betracht käme.

Unabgeschlossenheit. Wie die von einigen stilistisch und denkerisch mit einigem Recht verabscheuten drei Punkte, die einen Satz in ein Offenes beenden, das aber meist nur im Einverständnis seiner Leser die Quittierung sucht, so lassen sich meine Fragmente in alle Richtungen hin mit drei Punkten, nach oben, nach unten, nach allen Seiten hin fortsetzen. Ohne aber an den gleich danach kommenden Prellbock billiger, konventionell-platter Einverständnisse gleich aufrollen zu wollen.

Peter Hodina

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