DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °28

Zur Typologie: Die verschroben Ernsthaften einerseits, die verschroben Humorigen andererseits. Der verschroben Ernsthafte ist sehr auf seine Würde bedacht. Ein Genauer. Der schaut jedes Schuhbandl an, ob es was taugt. Er hat ein praktisch-logisches Verhältnis zum Alltag, der, insbesondere in der Zeitgestaltung, durchökonomisiert ist. Alles wird auf die sittliche Integrität und praktische Tauglichkeit geprüft. Auch die anderen werden an diesen Maßstäben gemessen. Der schaut jede Nudel oder Nadel daraufhin an, ob ihr Ausbeutung zugrundeliegen könnte. Hat er Kinder, will er sie zu diesen seinen Ansichten hinerziehen, er verstößt sie auch, wenn sie dem nicht entsprechen. Er kann ein pietistisch strenger Christ sein, jedoch ebenso ein atheistischer Freidenker, der zu dem Resultat sich durchgedacht hat, dass Religionen Verbrechen begangen haben, unter einem schönen Schleier von Folklore und unter dem Baldachin entfremdender Mystik unterdrückerisch sind und sich deshalb humanistisch disqualifizieren. Die Frage, ob Gott sei, ist gar nicht mehr zu stellen, wenn Gott nicht auf seiten des Menschen ist: sie verbietet sich ethisch. Tibet: er liest von den Grausamkeiten des lamaistischen Mönchsfeudalismus und das reicht ihm. Danach ist er durch kein tibetisches Meditationssystem mehr zu bestechen. Er stürzt sich mit Feuereifer auf solche Fragen wie die der „selbstverschuldeten Armut“, nicht um darin zur Milde zu gelangen, weil genug für alle da wäre – denn er ist gerechtigkeitsversessen. Er kniet sich ins Unbequeme hinein. Das Negative ist ihm willkommen, um es und sich daran abzuarbeiten und es gegebenenfalls über andere zu verhängen. Und auch als Grenze für die Bequemen und Wehleidigen. Er ist Vorbild, ist gern Instanz. Er hat über alles und jedes nachgedacht, die ganzen Uhrwerke auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Er lässt niemandem etwas durchgehen. Das kann zu totaler Verschrobenheit führen. Der verschroben Humorige ist ihm ein Ärgernis, ein Halb-und-Halber, ein Leichtgewicht, a piece of meat. Selbstironie ist des Ernstverschrobenen Sache nun nicht. Der Humorverschrobene langweilt sich an seinem ernsthaften, fordernden Gegenstück (der ganze Mensch ist Forderung), weicht ihm instinktiv aus. Ihm ist es kein Anliegen, Vorbild oder Instanz zu sein, er erschrickt, wenn ihm das zugemutet würde. Es kann aber sein, dass, wenn ihm diese Rolle auferlegt wird, er sich zumindest bemüht, halbwegs ihr zu entsprechen. Ein Ernstverschrobener stellt sich zum Beispiel die Fragen: „Was ist eine Beziehung zwischen Mann und Frau? Was ist das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern?“ Wenn die Wirklichkeit von diesen Zurechtlegungen und Überzeugungen, ja zu materialisierenden Definitionen abweicht, ist er enttäuscht, was bis zum Schlussmachen führen kann. Er ist tendenziell nicht nur der Schlussfolgernde, sondern der Abschließer und, bei Misslingen, der Schlussmacher, auch Selbstschlussmacher, ein Kandidat für Familientragödien. Er kann in seinem Verhältnis zur gesamten Welt philosophisch zu einem unabänderlich dann feststehenden Abschluss kommen, der durch nichts mehr revidiert zu werden vermöchte. Er ist der Mensch, der wirklich endgültig enttäuscht werden kann und sich nicht selten als ein streng Liebender begreift, sich dieses aktiven Liebens sicher, aber niemand erweist sich dieser Liebe würdig. Wäre er ein antiromantischer Romantiker? Manchmal kommen beide Verschrobenheiten in einem Charakter zusammen. Gewisse Regionen, Landstriche, Dialekte können dem förderlich sein. Mancher pfeifenrauchende Altbauer oder krippenschnitzende Altknecht hatte beides. Bisher habe ich in dieser Gegenüberstellung nur von Männern gesprochen. Wie ist es mit Frauen? Kann eine Frau denn verschroben genannt werden oder gäbe es dafür traditionell andere Ausdrücke?

Was sagte Jausner neulich? Aber ich bin doch selber Jausner? Oder Jausner hatte ein reales Vorbild, aber hat in mir phantasmatische Minijausner abgelaicht? Es fällt mir einfach nicht ein, was Jausner in mir zu mir neulich gesagt oder mich gefragt hat. Doch. Moment. Es war etwas mit Musik. Genau: es ging um „Jam-Session“. Er kannte das Wort nicht, hatte weder eine Jam-Session je besucht, noch herauszufinden versucht, was genau es ist, der Schandbare! In mir! „Marmeladensitzung?“, fragte er, fand auch noch witzig, wie er mich dabei naiv, zum Abwatschen süß, aus seinen Igeläuglein anschaute. „Konfitüren-Gelage? Sich mit Marmeladebatzen gegenseitig bewerfen und beschmieren?“ – „Und abschlecken“, fügte ich hinzu. „Gegenseitig.“

Wollen die LeserInnen in der Literatur (A) ihr eigenes Leben beschrieben sehen oder (B) sich davon für ein paar Stunden in andere Sphären ablenken, wegzaubern lassen? Für mich war es nie eine Frage von Entweder-Oder. Doch auch (A) hat ihr Recht. In den sozialistischen Ländern war (A) bevorzugt, dann kam der Realismus aus der Mode: wohl weil er auch zu sehr als ein „sozialistischer“ traktiert und dekretiert worden war, immer mehr als Zwang empfunden wurde, obwohl er in der Wieder- oder Neuaufbauzeit seine nützlichen Dienste geleistet hatte. Drüben – im Osten. Hier im Westen hingegen empfinde ich es ebenso als Zwang, nicht etwa schreiben zu dürfen, ohne Aussicht auf Verbreitung, was unmittelbar mir vor der Nase liegt und worin mich Tag und Nacht jeweils verstricken und wie ich versuche, es zu sortieren. Ein posthumer Gruß an die Realisten!

Grassens Die Rättin, Grass ist out, ich las sie damals schlecht, durch Atomangst psychotisiert. Niebehandelt hebephren auch noch. Aber ich erinnere mich, darin Szenen gelesen zu haben, tief verstörende, die mich an befürchtete Zustände erinnern, denen wir uns jetzt abermals nähern könnten. Oder hatte ich den Roman gar so miserabel gelesen, der ich mit meiner frühen Adoleszenz andererseits in jener Falco- und Klaus-Nomi-Zeit und mit den wirklich stressigen Modebedingungen jener Jahre aber wirklich so gar nicht zurande kam (erst mit den 1990ern fasste ich halbwegs nachjugendlich, also immer im Rückstand, Fuß), dass sich in der Erinnerung ein Roman unscharf abgebildet hat, der nicht Grassens, sondern eigentlich mein eigener war? Die 1980er, obwohl meine eigentlichen Jugendjahre, waren meine Zeit nun wirklich gar nicht. Ich konnte mich in ihnen nur taumelnd und wie vor den Kopf ständig gestoßen bewegen. Es war eine von einer Linken beherrschte Zeit, die mit dem Kapitalismus selbstvergiftend zu spielen begann. Tango Korrupti. Für Gewieftere, weniger verklemmt erzogene Clevere (vielleicht auch so: die einen hatten bereits Nachkriegseltern, ich noch Kriegseltern) waren es ihre Goldenen Jahre. Und da mir jene Jahre nun gar keine Jahre waren, nur die, mit Thomas Mann zu reden, von Unordnung und frühem Leid, geht bis heute durch meine Generation diese Trennung, die uns mit vollster Schärfe erlebnisklassengesellschaftlich scheidet und mich für die aber inzwischen angekratzten Überflieger von seinerzeit mit ihren jungen Aktien weiterhin zu einem Untouchable macht, den sie von sich fortdistinktieren. Worauf ich, abgeschlagene Nachhut, zurückstinktiere. „-stinktiere“, ganz richtig es gelesen!

Um mir das Rätsel zu ergründen, warum manche intellektuelle Männer mich durchgängig instinktiv und zwar persönlich im Kern, nicht wegen einer Streitsache, die auszutragen sie mir nicht einmal konzedieren, ablehnen, wenn ich Konkurrenzneid als zu banale Erklärung außerachtlasse, komme ich auf Lacan zurück. Wohl weil ich das „Nein-des-Vaters“ (Non-du-Père) nicht verinnerlicht habe und daran rüttle. Diese meine Ablehner haben sich damit abgefunden, ja abfinden müssen, gebrochen und umgebogen worden zu sein. „Dem gezähmten Elefanten missfällt der wilde Elefant“, heißt es in einem altindischen Text. Diese meine Verwerfer, die meist länger es probiert haben, sich als meine Lebenslehrer aufzuspielen, ohne dass ich sie darum im mindesten gebeten hätte, haben ihren Frieden mit der symbolischen Ordnung gemacht, auch wenn durch diese ihre Leben reihenweise entwertet und sogar vor sich selber entwertet wurden. Der Unterschied: sie haben akzeptiert, ich nicht. – Zusätzlicher Erklärungsansatz: mein Kleiner-Bruder-Komplex. Ich war der jüngste von drei Brüdern – und so tappe ich immer wieder in Fallen und bastle sie selbst (bastle sie, um in sie zu tappen?), die mich an diese Situation erinnern, dieselbige wiederholungszwanghaft auslösen, ziehe diese Situation immer wieder von Zeit zu Zeit herbei und bin das Opfer auch meiner Projektionen. Ich gehe mit Ablehnung unflexibel, zum Standhalten um jeden Preis entschlossen, um. Mag es das sein? Ich kann es nicht ertragen, abgelehnt zu werden.

Im Geistigen sind es Vorentscheidungen unseres jeweiligen Wesens, unserer Wesensart, die uns trennen. Wie bei Gläsern: der eine ganz durchscheinend weiß, aus welchem lauteres stilles Wasser getrunken wird, der andere tief rubinrot, wie ein Doppelgänger des Weines selbst, der trunken macht. Es sind meist Differenzen der Ethik. Selbst wenn sie beide dasselbe Gute im Resultat wollten, sind ihre Motivationen grundverschieden. Der eine läutert seine Motive, bringt sie in Übereinstimmung mit einem sittlichen Prinzip, etwa einem kategorischen Imperativ oder einer Goldenen Regel, der andere ist aus sich selber Movens, das, auch wenn es sich begründet, tief in sich vorentschieden, immer, wenn sich erhellend, nur die Erhellung, die Explikation seines bleibenden und es belebenden Dunklen ist. Der eine sucht allgemeingültige Prinzipien oder letztlich DAS Prinzip (vorher gibt er keine Ruhe), es scheint ihm von einem solchen – gefundenen oder einfach nur nach Vätersitte adoptierten – auch noch so sterilen Prinzip sich selbst die Ethik sowohl als Theorie und Praxis (in ihrer Einheit) zu ergeben, ja seine Suche nach dem Prinzip ist sich schon eine ethische oder soll sogar allen anderen die einzig ethische sein und ist nicht ein ganzes Leben während, will raschest ein Ergebnis (hier noch zu zögern, wäre unethisch!), das er dann nicht mehr umstürzt, idealenfalls nicht einmal mehr nachzukommentieren braucht. Alles mündet in ein „Du sollst!“ Wohingegen der andere aus der Selbstreflexion kommt und zum Gutteil in dieser ständigen Reflexion steckt, ohne an klaren, ein für allemal dann feststehenden, wenigen kargen Sätzen sich trösten oder gar andere darauf verpflichten zu können, geschweige denn zu wollen.

Es vorhin einen Moment bedacht, warum ich mich immer weigerte, den Inhalt von Schuberts Winterreise, basierend auf den Gedichten Wilhelm Müllers, in mich aufzunehmen. Ich brauche immer nur ganz kurz hineinzuschauen, um augenblicklich wieder davon die Finger zu lassen. Dabei waren früh schon Freunde – und sicher zurecht – von der Winterreise begeistert, und wir teilten einander unsere Begeisterungen mit und steckten in unserem jugendlichen Kulturhunger einander mit diesen an. Doch in dieser Winterreise war etwas – ganz anders als in Goethes mich faszinierender Harzreise im Winter –, das ich von mir abblocken musste: etwas zutiefst Resignatives. Hier wird eine Grenze vielleicht meiner eigenen Humanität sichtbar. Es gibt Gefühle, in die ich mich nicht fallen lasse, weil sie eine ethische Wesenswandlung, eine Durchstreichung der ganzen bisherigen Persönlichkeit voraussetzen und eine Einwilligung in diese. Das Prinzip Hodina muss ein „Prinzip Hoffnung“ sein – und das hat sich bis heute nicht geändert.

Das Morbide ist mir nicht der Stoff, dessen Aufbauschung und Dramaturgie oder Ikonik, sondern mein Kriterium dafür ist: ob es mich selber morbide, moribund macht. So sind mir bestimmte Formen der christlichen Frömmigkeit morbide, so auch der Leiermann der Winterreise. Dass es in einem Werk vor lauter Grüften und Skeletten nur so staubt, man  mit leerem Blick durch unbewohnte verfallene Schlösser eilt, ist mir noch lange nicht morbide, wo es vom Sujet her es wäre. Morbide ist mir nicht einmal die Todessehnsucht, sondern einzig die präfinale Ergebung in den Tod. Und das muss ich als Friedhofsgeher sagen, da aus Friedhofsquerungen ich immer gesammelter und frischer hervorgehe, wie sonst nur aus dem Wald.

Manche sind zeitlebens wie Schmetterlinge, die nicht warten, bis ihr Flügelkleid zerschlissen ist, sondern die ihr Tod im Fluge aufspießt.

Drei Proben Darwin. Blätterte in Aphorismen von Charles Darwin hinein, weil mich die Anwandlung überkam, ohne ihn würde unser Weltbild heiterer sich gestaltet haben. Komme zum ersten Satz: „Wenn sie nur kann, wird die Natur dich dreist belügen.“ Er ist mir unsympathisch, weil ich den Schein liebe, statt zu den Ursachen vorzudringen, um die Welt ernüchtert zu sehen, denn ich bin kein strenger Naturwissenschaftler. Zweite Probe: „Im Fortschritt der Geschichte nimmt die Phantasie ab und das Denken zu.“ Ja leider, das liegt auf derselben Linie. „Ich mag ihn einfach nicht!“, rufe ich aus. Abschlussprobe: „Ich habe gesehen, wie ein kleiner Junge, sechs oder sieben Jahre alt, dreimal mit der Reitpeitsche über seinen nackten bloßen Kopf geschlagen wurde, ehe ich dazwischentreten konnte, weil er mir ein Glas Wasser gereicht hatte, das nicht ganz sauber war. Und solche Handlungen werden von Leuten ausgeführt und verteidigt, die vorgeben, ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben, welche an Gott glauben und welche beten, dass sein Wille auf Erden geschehe!“ Und dafür aber muss ich Darwin lieben und kann über ihn doch nicht den Stab brechen.

Wenn Corona die ganze Welt betrifft, die Wirtschaften alle gleichermaßen, dachte ich, dann müsste, wenn die Pandemie abklingt, die Wirtschaftstätigkeit ohne Weltwirtschaftskrise wieder aufgenommen werden können, wie wenn die Welt eben drei Monate in Schlaf gelegen hätte. Nur müsste man eine Rechtsregelung finden, die die Schuldverhältnisse für diese Zeit sistierten bzw. wo solche Zahlungen für den Betrieb oder den einzelnen Menschen überlebenswichtig sind, staatlicherseits ausfallshaftend unter Heranziehung der aufgeblähten Milliardärsvermögen nachgeholfen werden. Das sind aber nur Gedanken eines Laien. Bei einem Grundeinkommen zusätzlich würde es sich um ein allerrealstwirtschaftlich zum Tragen kommendes Geld handeln, das zur Stillung des unmittelbaren Bedarfs verwendet und also zur Gänze unverhortet in den Waren- und Diensteumsatz fließen würde, was die vitalnotwendigen Branchen wiederum stützt und jene Kosten erspart, die soziale Unruhen, psychosoziales Elend, ausbrechende Überlebenskriminalität und nicht zuletzt – wie seit längerem schon – hinhaltende Arbeitsvermittlungsbürokratie, die keine Arbeit vermitteln kann, verursachen werden. Dazu müssten aber (durchaus auch in der Sozialdemokratie) tiefeinverwurzelte Vorurteile rasch abgelegt werden. Rechnen statt moralisieren.

Noch nie hatte ich eine Milton-Ausgabe (John Milton gibt es in unseren Buchhandlungen so gut wie nie), immer nur ein paar gescheite Freunde, die Milton nicht ausstehen können. Welche Gründe sie gegen ihn vorbrachten, habe ich sofort wieder vergessen, als einer, der alles vergisst, was er nicht braucht. Trotzdem erinnerte ich mich gestern beim Gehen in dieser einzigen Frage am Panikrand dieses Titels Paradise Lost und Paradise Regained, und es wurde mir zu einer innerlich richtunganzeigenden Formel. Zwar waren es nur einige ins Deutsche übersetzte Strophen von Milton, die mir als Schüler schon begegneten, aber sie machten einen großen Eindruck auf mich wie damals sonst nur die Messiade von Klopstock.

Bei jeder Angelobung einer neuen Regierung oder eines neuen Präsidenten denke ich: Ihr wisst noch nicht, was auf euch zukommen wird, ob ihr nicht einmal Maßnahmen setzen müsst, die euch ganz aus eurer jetzigen Sicht zuwiderlaufen. In der vielleicht altmodischen Formel „So wahr mir Gott helfe!“, auf die der Anzugelobende je nach Einstellung auch verzichten kann, kommt dieses Unvorausplanbare, diese Schicksalseventualität zum Ausdruck, die das bisherige Paradigma sprengt und wo unsere Kräfte an die Grenze stoßen. Zu Kurz hätte ich gesagt: „Wenn Sie nicht einmal der sein werden, der das Bedingungslose Grundeinkommen wird einführen müssen!“, worauf er mit einem trocken auffahrenden, ganz abschlägigen Lacher wie auf die Bemerkung eines Idioten, einer kristallkugelschauenden Spinnerin geantwortet hätte.

Peter Hodina

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