DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °26

Auf Beteigeuze zu Silvester blickend: Sehschwäche oder Sternschwäche? Es lag nicht an meinen Dioptrien, sondern am Stern: an Leuchtkraft vom Platz 7 auf Platz 21 herabgestuft. Ist er am Ende? Dann war er es schon vor 600 Jahren, das Licht erreicht uns erst jetzt. Anschließend Feuerwerk. Während der Hund es dem Karl Kraus’schen Österreicher gleichtat: nämlich aus Erfahrung nicht klüger, sondern dümmer zu werden, sich an jedem weiteren Silvester noch mehr ob der Feuerwerke zu echauffieren, ließ wie im Vorjahr ein Kauz sich durch das Feuerwerk hindurch mit seinen beständigen Lauten vernehmen, als folgte er seiner inneren Kauzuhr, egal was sonst noch in der Welt draußen passiert.

Auf der Westbahnfahrt von Wien bei unverschämt herrlichem Wetter zunächst nach Wels, wo ich mich mit einem Freund treffen wollte, der mir die ganze Nacht davor ein halbes Hundert SMS schickte, wo er mir hauptsächlich seine Begeisterung für die USA kundtat, in der Absicht, mich aus meiner Provinzialität zu reißen, musste ich von der Schaffnerin eine Fahrtverlängerung nach Salzburg beantragen, weil besagter Freund nach seinem Amerikaexzess in eine Müdigkeit hineingestürzt war, von der er jetzt nicht durch unser Treffen, sondern einzig durch seinen Ausnüchterungsschlaf sich zu erholen versprach. Die Zugstewardess sagte, sie würde wiederkommen, zuerst wolle sie noch die Waggons durchgehen und die Fahrkarten ausgeben bzw. verifizieren. Schließlich kam sie eine Viertelstunde später mit einem Verlängerten, weil nur das Wort „verlängern“ sie behalten hatte. „Auch recht!“, rief ich aus, „sogar ausgesprochen sehr recht!“ Bei der Zugfahrt die Erfahrung gemacht, sich grund- und sogar verantwortungslos in einem sich panzernden Optimismus befinden zu können, aus dem man eine ganze Weile nicht herauskann, selbst wenn man sich der Reihe nach alle triftigen Gegengründe aufzählt. Notierte dann auf der Rückseite des verlängerten Fahrscheins: „Auch aus dem Optimismus ist manchmal kein Herauskommen. Abstrahlmaske. Was jemand abstrahlt, welchen Tatenkörper er bildet. Alles theatralisch. Spreizen des Pfauenrads. Die nicht so schöne Rückseite des Pfauenrads.“ Bis zur Verdummung sagte ich mir, ein Napoleon sei manchmal sechs Tage aus seinen Reitstiefeln nicht herausgekommen, worin ich eigenartigerweise Trost fand, vermeinend, so wäre am besten zu leben. Luftpferde reitend. Mehr als eine Viertelstunde lang wälzte ich dieses Bild mit den Reitstiefeln, mit denen ich jeglichen Einwand platttrat. Es war direkt so, als hätte mir besagter Freund die ganze Nacht hindurch fünfzig Mal hintereinander diesen einzigen Gedanken als SMS geschickt.

Kaum spräche je so ein Lehrer: Du bist intelligenter als diese Bindung. Du warst immer schon intelligenter. In der Bindung, die du eingingst, um dich eine längere Weile noch geborgen fühlen zu dürfen, hat sich deine Intelligenz angeschirrt. Aus der Fiktion, von dieser Bindung einen Zuschuss, eine Kraftzufuhr zu gewinnen, bezogst du diese auch schon. Aber deine Intelligenz arbeitet unabhängig davon. Deine Intelligenz braucht mich nicht. Und auch nicht mich als Hindernis, an dem du wüchsest. Das sind alles pädagogische Mythen. Ein emotionales Bedürfnis ist es, sich von der Erde getragen, einer Kette von Generationen sich zu verdanken, den Ritterschlag zu empfangen, eines Tages die Stafette weiterreichen zu dürfen. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ – der Satz gilt auch hier. Aber wenn er, dies alles hinter sich lassend, wieder sich ganz zurückgeeignet sein wird, arbeitet in ihm weiterhin und stärker noch, weil sie muss, auf sich allein gestellt und neue Bündnispartner suchend, seine Intelligenz.

Ein Buch, das man zu lesen Appetit hat, bleibt der gleiche Happen, egal, ob man im Leben Karriere gemacht hat oder nicht. Egal, wer man ist. Hauptsache, man hat Appetit darauf und kann lesen und hat Zeit oder sich Zeit dazu verschafft. Das Leben kann gar nicht so verfehlt und sinnlos sein, dass man nicht diesem immer frischen Lesehunger nachginge, wodurch man sich selbst wiederauffrischt. Am schwierigen Buch ist auch zuverlässig abzulesen, welche Fortschritte man als hermeneutischer Leser gemacht hat. Indem man es lesen und auch sinnausleckend verstehen wollte, hat man schließlich sein Leben in solche Lagen und Umstände gebracht, bis man über diesen von außen oft nicht ansehnlichen Umweg sich dazu befähigt sieht, es nunmehr problemlos zu verstehen. Es sozusagen vom Blatt zu spielen. Und wenn die Welt auf einen spuckte! Die letzte Feder mag einem vom Bürzel gerupft worden sein, aber man versteht jetzt Joyce.

An den besten Schreibnachmittagen sehe ich zwischen auf den nächsten Einfall wartenden Atem- und Rauchzügen mich wieder ins kleine Zimmer meiner Großmutter hineinversetzt, wo auf den drei geerbten Eichenschränken gummierte Bilder von Blumensträußen und Schäferhunden klebten, während die Sonne sich neigte und die fromme alte Frau, ihrer beider im Krieg gefallenen Söhne eingedenk, sich zum Avegebet rüstete.

Die entwurzelten Bauernnachkommen, in die Städte verschlagen, verfielen, arbeitslos geworden, zum Teil der Blut-und-Boden-Ideologie. Dem Mythos der Scholle. Nietzsche sprach schon im 19. Jahrhundert nur noch verächtlich von den „atavistischen Anfällen von Vaterländerei und Schollenkleberei“. Es wurde von den Ideologen konstruiert: hier der verwurzelte Arier, dort der entwurzelte Jude, hier die Seele, dort der Intellekt, hier die Dichtung, dort die Asphaltpresse, hier unverdorbenes Land, dort sittenlose Großstadt. Man hatte rassistische Archetypen konstruiert. Aber, unerachtet solcher dichotomisierenden Konstrukte, war die Erfahrung des Fliegers eine andere als die der am Boden Gebliebenen. Durch die Aviatik ist die besagte „Schollenkleberei“ am meisten transzendiert worden, ob zum Guten, ob zum Schlechten, bis hin zu Bombardements. Der Flieger aller Nationen war gewissermaßen ein „Entwurzelter“. Dazu braucht es keinen Rekurs auf „Rasse“. Die Fliegerei hat den Himmel aufgerissen und die alte Weltbewandtnisganzheit gesprengt, die sich zu bewahren suchte und dabei zur Erfüllung dieses Zweckes nach den allerfalschesten Mitteln wie den Faschismus griff, die mehr als alles andere, ohne es zu wollen, dazu beitrugen, dass der alte Orbis gesprengt wurde. Bei allem Fortschritt werden die Schatten, die von diesem geworfen werden, länger und länger. Bis die Nacht sie schluckt?

Ein wildes Stück Kriminalpsychologie geträumt. Bin zu Gast in einer großen Wohnung in Wien bei wirklichen Freunden, darf dort tagelang für mich leben. Da reitet mich der Teufel und ich beginne grundlos, schöne Gegenstände zu zerstören. Nicht von Neid getrieben, sondern aus einem perversen Anflug von punktueller, nicht genereller Destruktionslust. Auslöser des Traums war der Bericht über eine vandalisierte frühgeschichtliche Felsritzzeichnung, die von Unbekannten zerstört wurde. Da dachte ich mir, solchen sollte man die Hände abhacken, damit es sich in die Menschheit einbrennt: „Das tut man nicht.“ Solch ein Gedanke führt auch nicht weiter, er ist nur ein Ventil, seinen Groll abzulassen, einen Fluch auf jene(n) Unbekannten ins Unbekannte abzuschießen. Kaum verging ein Tag, versetzte mich mein Traum in die Lage und Seelenverfassung eines solchen Vandalen. Wie schäbig war ich diesen großzügigen Freunden gegenüber! So ihr Vertrauen zu missbrauchen! Wie schändlich dieses mein Tun! Nicht in einem Wutanfall, zu dem ja hier kein Anlass bestand, alles zu zertrümmern, Geschirr zu Boden zu schmeißen oder Stühlen die Füße auszureißen und die Lehnen herunterzubrechen. Nicht also im Exzess eines Kontrollverlusts, sondern höchst kontrolliert, mit vollstem Bewusstsein dieses Stück für Stück vorgehenden abartigen Tuns. Die Initialtat gab die steil abschüssige Verderbensbahn für alles weitere frei. Wie die Freunde abgereist waren, nahm ich mir die große kostbare massive Glasschale gleich vor, stellte sie vor mir auf den Marmortisch hin und schlug mit einem schweren Hammer auf sie ein. Als sie zerschlagen war, sagte ich mir: So, jetzt bist du ein Verbrecher. Es war wie eine absolute Tat – frei und zusammenhanglos im Raum stehend. Unmotiviert. André Breton hätte das eventuell einen „absoluten surrealistischen Akt“ genannt. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wie ein Sadist fischte ich mir die einzelnen Objekte heraus, wunderschöne, unwiederbringliche, und machte sie zu Scherben. Ich wurde in diesen Tagen zu einem Massenmörder an den Dingen. Dabei aber genoss ich mich im Zivilisationsschatten, ein Verbrecher und gänzlich verderbter Charakter zu sein. Bei Lautréamont in seinen Gesängen des Maldoror finden wir manchmal ähnliche Stimmungen. Was würde ich nun meinen zurückkommenden Freunden zu berichten haben? Das Unverständliche? Diesen angerichteten Irrsinn? So fing ich an, ein Protokoll zu verfassen, wo ich die Stücke auflistete, aber als Taten eines vorgeblich Unbekannten, eines Eindringlings. Hatte die Keckheit zu behaupten, dass nicht ich es gewesen sei. Meine Freunde schenkten mir Glauben, weil nicht einmal im Traum sie mir einen solchen Irrwitz zutrauten. Mein Protokoll wanderte zur Kriminalpolizei. Erst nach einem halben Jahr, als die Angelegenheit für mich schon halb vergessen war, wurde ich zur Kripo vorgeladen. Da lag das Kuvert mit meinem Punkt für Punkt säuberlich auflistenden Protokoll. Mein Herz pochte. Der Beamte bedankte sich bei mir. „Für Sie ist die Sache erledigt“, sagte er, als ich mich beim Weggehen noch einmal mit fragendem Blick umgedreht hatte. War das eine Falle? Würde ich sogleich anschließend auf dem Gang hoppgenommen? Mit den Worten: „Und übrigens: Sie sind verhaftet. Sie stehen unter dem dringenden Verdacht…“ Nichts von alldem. Ich gelangte ins Freie, mein Auftritt, dem Beamten ins Gesicht zu lügen, musste diesen restlos von meiner vorgeblichen Integrität und Unschuld überzeugt haben. Aber nun nagte schon etwas anderes in mir: nicht etwa Reue oder Scham! Weit gefehlt! Sondern dieses unberechenbare Glosen des Verbrecherischen in mir. Ich vertraute mir selbst nicht mehr ganz. Zu den beiden Freunden zurückgekehrt, es handelte sich um ein Paar aus Mann und Frau, hatten auch diese eine Kopie meines Protokolls vor sich liegen sowie eine Seite über den Stand der Ermittlungen. Der Frau wurde plötzlich ganz übel. Sie sagte nichts, aber in ihr stieg jetzt dieser gewisse, sich zur Gewissheit verdichtende Verdacht auf, dass ich, ihrer beider Freund, jener Verbrecher gewesen war.

Peter Hodina

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