DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °25

Im Wort „Automat“ stehen wir mit der Nase unmittelbar davor, was die Vollendung des Automaten sein könnte: dass von sich her das Ding sich einmal bewegen wird. Zum Selbstautomaten würde. Insgleichen Automobil. – Über den Daumen nur gepeilt, würde ich sagen, dieses „Sich“ des Automaten wäre ein trotzdem noch programmiertes. Dass unter bestimmten Umständen etwas in ihm ausgelöst würde, das autonome Reaktion genannt werden kann. Auch diese autonome Reaktion als Verhaltensvariante ist vorprogrammiert (und als Re-Aktion per se eine lediglich relativ-autonome), doch nicht unbedingt determiniert. Aber dass der Automat von sich her aufsteht und sagt: „So, jetzt gehen wir einen heben!“ und hinter seinem Erfinder und gegen dessen Verbot die Tür zuknallt, wird nur so geschehen, dass sein Erfinder eine solche Möglichkeit eventualiter vorgesehen hätte. Gleichfalls, dass ein Roboter in seine Pubertät käme. Unsere Notebooks kommen sozusagen in die Pubertät, wenn der User komplett chaotisch die Speicher überlastet und sich, wie es früher häufig vorkam, beim Betrachten nackter Geschehnisse Viren eintrat. Sie sind dann aber nur der Verhaltensspiegel ihrer unreif sich gebärdenden User. Aber: Dass ein Rechner den anderen erziehe, ist sicher möglich und machbar, und dass im Laufe der Zeit dieses Erziehungswerk Superiorität über den Menschen erlangen könnte, der mit jedem Säugling immer wieder von vorne beginnen muss. Dass das roboterale Wissen sich, Günther Anders zufolge, wie ein Schatten auf den zurückgebliebenen Menschen würfe. Unser Roboter kann aufstehen und spontan einen heben gehen, wenn sein liebwerter Großvater (hier sein ursprünglicher Erfinder, Schöpfer, Ingenieurgenius, also Mensch) noch Sinn für solche Späße gehabt und ein Fenster zur Bierschank offengelassen, sein Sohn oder Nachfolger dies vergessen oder verdrängt oder, aufgrund der strengrationaleren und peinlich profitorientierteren Zeiten einer purifizierten Netzwerkverernstung, die kamen, sich verboten und anderen verbeten hätte.

Um mich zu beschatten, müsste man eine Eselsgeduld haben und würde sich aufs Trostloseste langweilen, weil bei mir das meiste innen passiert und ich der Fußgängerei pflege, ein Leben nach der Uhr bei mir nicht erwartet werden kann. Der Detektiv tut mir jetzt schon leid. Seinem Auftraggeber würde er infolge ganz abnormer Zeitverschwendung aus vollen Uhren ziemlich viel kosten. Er käme mir vor wie ein guter Musiker, der mit einem ganz untauglichen, elenden Instrument, wie ein Liebespaar in einer Person, das mit einem schlechten Bette vorliebnehmen muss, an dem der Wurm nagt, die Wanze eierlegt, der Lattenrost herausbricht. Also wolle ich ihn zu einem Kaffee hereinbitten und ihm besser selber alles in Kürze erklären, auf einem Papierbogen aufzeichnen! Sowie mich daran mit ihm zusammen delektieren, wie sehr er in seinen Annahmen über mich irreging, so er mir dieselben schließlich amikal erzählte. Mein Beschatter würde mit der Zeit einer wie ich werden. Als geübter Spazierer würde ich ihn bald bemerkt, zwischen meinen Schulterblättern seine Blicke gespürt, durch meine Art, mich unerwartet sehr rasch umzuwenden, als Ausspäher vollidentifiziert haben. Dann begänne meine Arbeit, ihm sein Leben halbwegs erträglich zu machen. Der Arme würde mich innerlich beschäftigen. In welche abendliche Gestrüppe würde er geraten! Durch welche Finsternisse stolpern! Neben welchen Betrunkenheiten ausharren und wachen, welche unsäglichen Gesänge, welche selbstgesprächige Erprobungs-Scholastik sich anhören, auf welche undelikaten Selbstdelektationen sich einlassen, welchen schließlich von ihm nur mehr noch gefürchteten Privatvorlesungen beiwohnen müssen, bis ins erweichte Rückenmark zerstört von der Pflicht zur Mitschrift sich fremdschämen, da ja schon längst Seiner im Hochmoore bei Mondelichte erschütternd ständig ruft: „Wer ist des Tapirs?“ Er würde selber nach und nach ein wahrer Sempervigilat.

Wenn man einmal 24 Stunden in einem Stück durchgeschrieben hat, ohne daneben irgendwelche Allotria zu treiben, ist das wie die Erfahrung der Erdumrundung eines ganzen Tages. Da blieb keine Lücke fürs Faulsein. Mehr war nicht drin. Der absolvierte Tag liegt wie eine Kugel in der Hand, sie zu drehen, bereit, auf die geschossen zu werden, die uns der Faulheit zeihen. (Mein Zusatz zu Peter Handke, Versuch über den geglückten Tag)

Es ist ganz interessant, herauszufinden, warum man jemanden weniger oder mehr, gar nicht oder vollkommen mag. Das sind feinste Dosierungen. Wie bei Planeten, die zu viel Methan oder anderes haben oder nicht haben, oder deren Farbe eine außermenschliche Leuchtpracht hat, in der das Gewohnte dissolviert. Ebenso werden antithetische, antagonistische Typen kenntlich, wobei die Wiederholung überrascht: dass rothaarige Anhänger von Folkrock, deren Haare sich kringeln, mich a priori, nur wenn sie mich mit einem Guinness still dasitzen sehen, nicht leiden wollen, ohne dass ich noch etwas gesagt haben muss. Dass zwischen uns sofort Betretenheit herrscht. Dass Haubenköche mich schon bei erster flüchtiger Sichtung gefressen haben, jedoch zu denen, die bei ihnen in der  Lehre sind, ein guter Draht bestehen kann. Dass ich in Liebe zu solchen entbrenne, vor denen andere mich nur warnen. Denen Ginsterkätzigkeit oder der Wolfsblick nachgesagt wird. Dass öfters Lehrer mit Heimatvertriebenenhintergrund mich nicht akzeptierten. Dass mir eine bestimmte Art von katholischem Arom Gift ist, doch kein starkes. Dass eine gewisse Art von genauest sein wollender Rechtlichkeit mich stresst, der Redliche sich verpflichtet sieht, mich zu meiden, und ich ihn. Die eine Bilanz ziehen, nach der ein anderer nicht genügt, oder sie sich selbst nicht mehr. Die wirklich nach dem Schlussstrich resignieren, die Uhr kennen, sie täglich aufziehen und wissen, was es geschlagen hat. Andere wieder: irrwitzige Hoffnungsfackeln in zu später Stunde, doch ja nur Irrlichter und Strohfeuer. Besonders schmerzhaft ist, wenn tüchtige Leute, die man selber schätzt, einen ablehnen. Dass Tierärztinnen mir lieber als alle anderen Ärzte sind. Es handelt sich um ein zu erforschendes Rätsel, das einer tiefdurchdringenden Schau bedarf. Wie bei der Probe von Linsen beim Optiker. Es geht dies bis zur Körpertemperatur, die Kälte oder Hitze gewisser Hände. Die Menschen selber können da nur wenig dafür, außer es handelt sich um die Folgen der Arbeitsteilung, der Ausdifferenzierung in Berufe, die einander sprachlos bleiben. Aber auch in diese Berufe zieht es einen ja nicht grundlos! Personen, die niemals in Fleisch schneiden wollen, so als würden sie sich damit selbst in ihr eigenes Fleisch schneiden; andere, die eine Berufung darin sehen, eine hohe Lust, zu den Innereien vorzudringen. Wieder andere, die anscheinend immer nur Puppen sehen wollen, nur an Oberflächen sich zu schaffen machen. Ausschmücker versus Reduzierer. Wortreiche gegen Schweiger. Mit Blicken nur Überfliegende gegen eindringlich Festnagelnde, Starrer. Die einen Zeiger, die anderen Weiser. Vatergeprägte, im Vater (oder einer Vaterfigur) sich geläutert Habende, mit dem Vater in Einstand, mit dem Leben in den rechten Winkel Gekommene – und andere, die nicht. Zähler gegen Schätzer. Solche, die es zu den Detonationen hinzieht, die bei Gewittern erst aufwachen, die das Mobiliar darauf abschätzen, ob es sich zum Barrikadenbau eigne. Solche, die im falschen Zeitalter gelandet sind. Anziehung und Abstoßung beruhen fast immer auf Gegenseitigkeit. Man kennt mit der Zeit seine paar Gefährder von weitem. Aber auch die, die man lieben würde wollen. Manche liebe ich durch ihre politische Einstellung hindurch. Manchmal wohnt ein ganz platter Geist in einem physiognomisch äußerst bemerkenswerten Kopf, den er ererbt hat oder der erst noch in Zukunft seinen würdigeren Nachmieter sucht.

Erklärungsansatz. Neben Urkonstellationen aus der Kindheit, die sich in Variationen abgeschwächt wiederholen können: Die gewisse Hürde, es mit einer anderen Kompetenz zu tun zu haben, einmal nicht mitreden zu können. Das verurteilt zu ziemlicher Schweigsamkeit und kann, bei entsprechender Unflexibilität des Wesens, zu Verlegenheit führen. Weil man sich fehl am Platz fühlt, nicht mitgehen kann. Nun muss ich das Ding einmal auch anders sehen: Wie oft mag es anderen mit mir so ergangen sein, die viele der von mir erwähnten Literaten- und Philosophennamen noch nie gehört haben, sich für mein Segment nicht interessieren, darin sich kaum bewegen können, die Fremdwörter nicht recht verstehen, wenn vor sie diese ganze etwas weltfremd anmutende Hirnkastenlade hingeschüttet wird?

Traum, der aus der Reihe fiel: Zurückversetzt in Halbwüchsigentage sehe ich eine gar sehr kleine Münze in meiner Hand, zeige sie meiner Großmutter und sage: „Sieh nur, wie klein sie ist! Das ist die kleinste Münze der neuen Währung: 1 Cent!“ Klein wie eine Knopfzelle, kaum damit zu hantieren. Ich lasse sie über die glatte Tischplatte laufen und sie entpuppt sich als sogar in seinem Eigensinn bösartiger Kreisel, hart wie von Diamant, der in Linien über die Platte wandert, sich dreht, abermals wandert, sich wieder dreht, und damit schier nicht aufhören will, wie aus einem Eigenleben heraus. „Ei, was wäre das für ein liebes eitel‘ Ding!“, hätte im Märchen der Ausruf lauten können. Ich nehme das neue Objekt wie einen Talisman an mich und stelle mich, ohne dass mich die Großmutter dabei sehen dürfte, auf die Veranda mit Blick auf einen weiträumigen Wildpark mit Rehen und einem Hirsch. Hebe den kleinen Gegenstand hoch wie ein Priester die Hostie. Spüre ihn wachsen, sich transmutieren, er wird gelblich wie aus Harz oder ist Harz, sehr leicht, gerillt, könnte auch abgerundete Römerglasscherbe sein, vom Meer angespült, staune, wie das Ding in meinen Händen sich gewandelt hat, sehe, dass es mitten entzweigeht, ohne dass ich es gebrochen hätte: es zerfällt einfach in seine zwei Hälften von selbst. Die Tiere sind nun sehr aufmerksam geworden, wie eingewurzelt stehen sie da und schauen mich angstvoll, aber auch bewundernd an. Es ist noch etwas anderes in dem weiten Freiareal vor mir, das nur indirekt beschrieben werden kann, weil es angreiflich nicht sichtbar ist, sondern mehr mit der Konstellation der Tiere zusammenhängt, wie sie jetzt für sich dastehen, so wie einzelne Sterne ein Sternbild ergeben, das der frühzeitliche Mensch, indem er Linien zwischen die einzelnen Lichtpunkte zog, ideierte. Dieser Platzierkosmos der Tiere, diese ihre zufällig angehaltene Choreographie, dieses Wildparksternbild ist mit einer noch unerschlossenen Bedeutung geladen, wie ein Landeplatz für einen speziellen Geist bei der magischen Invokation. Wobei dieses Geschehen lautlos sich ereignet, der Geist noch nicht bekannt ist und folglich nicht beim Namen gerufen werden kann, nur als Vor-Bereitung, evozierende Szene sich atmosphärisch kundgibt. Was bei Ernst Jünger das „Eintretende“ genannt wurde, hier dessen Vorhof ist. Kühn und mit dem leichten Schauder des auf eigene Faust magisierenden Zauberlehrlings breite ich meine Arme aus, die Hände zu Schalen haltend, in jeder das Halbstück aus Harz. Und ohne angezündet worden zu sein und wenn, dann wie das olympische Feuer durch Hohlspiegel entzündet, sehe ich, wie es sich links und rechts in meinen es darbringenden Händen in dickem schwarzen aufsteigenden Rauch verbraucht.

Zu Typhon den Satz gelesen: „dass er ebenso wie Zeus in seiner eigenen Jugend ungestört heranwachsen konnte“, wobei von einer solchen Aussage sogleich Kräftigung ausgeht. Dass man die Jungen nicht störe, sie sich entwickeln lasse. Was Risiken birgt.

Ein gutes Beispiel für Altersdemenz, obzwar Anekdote: „Paderewski sei bei einem großen Konzert im Madison Square Garden mit 20.000 Sitzplätzen nicht erschienen, weil er dachte, er habe das Konzert bereits gespielt (…).“ (Wikipedia)

Peter Hodina

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