DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °24

„Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, stellen wir fest, dass wir genau das besitzen, was wir uns wünschen.“ (Simone Weil) – Gilt das für alle? Kennen wir alle?, fragte ich. Jemand meinte: „Der Kern dieser Aussage ist, dass die Übel der Welt menschengemacht sind und nicht gottgewollt. Die verfehlte Schöpfung entsteht, indem wir uns selbst verfehlen…“ – Habe das anders, mit anderem Schwerpunkt, gelesen: Jeder schafft sich die Situation, in der er sich befindet. Und will es unbewusst so. Das wäre im Einklang mit Freud, Adler, Sartre. Jemand verplempert die Möglichkeit zur Karriere, um irgendwie Kind bleiben zu können. Erfolglosigkeit ist zwar unlustig, aber man erspart sich zugleich das Raffinement und das Triebschicksal der höheren Stände. Der Dichter wird nicht Universitätsprofessor, um stattdessen eine komplett rücksichtslose Lyrik und Prosa schreiben zu können. Das ist ebenso in Übereinstimmung mit dem Buddhismus: Das Samsarische wird von einigen mutwillig gewählt. Die Natur will sich austoben, sich in sich transparent werden. Aus dem Pietismus, der alles betulich zuwebte, musste ein Hermann Hesse ausbüxen, um zu sich zu kommen. Franz Jung nannte seine Autobiographie Der Weg nach unten. Für die Zeit von 1933 bis 1945 schrieb Peter Brückner, der damals Jahre seiner Kindheit und Jugend erlebte: Das Abseits als sicherer Ort. Manchmal kann im Abseits die eigene Sache besser entwickelt werden, so am besten noch überleben. Nossack in Hamburg, der sich, das Licht löschend, zur Zimmerpflanze macht, während drunten auf der Straße die SA patrouilliert. Oder Ludwig Hohls Jahrzehnte der Selbstklausur im Genfer Keller.

„Ich bin noch immer und unverwüstlich ein großes Kind, weil ich nie gern ein Kind war“, sagte ich zu Jausner. „Weil ich schon als Kind kein Kind sein wollte. Weil ich als Erwachsener noch weniger ein Kind sein wollte. Gerade nicht wieder Kind, im Staunensollen über andere. Nämlich als Kind dem Reifen oder einer behaupteten fremden und fordernden Meisterschaft oder auch nur größeren Macht mich stellen sollend. Als Kind sich ergeben. Gottkindschaft. Indem ich das umging, bin ich Kind geblieben. Oder Kindskopf. Mir selber Kind, einem Publikum Kind, das ja. Lausbubanteilshalter. Niederlagen, die man erlitten hat, werden nicht wie unter Ehrenmännern anerkannt, sondern so lange umgesprayt, bis sie schließlich mit den Jahren korrodieren, als solche unkenntlich werden, reizvoll fürs bestechliche Auge Rost und Grünspan ansetzen. Komplett darüber hinwegzaubernd, dass es ein Kampf auf Leben und Tod war. So werde ich zunehmend das Produkt meiner eigenen Umfälscherwerkstatt. Streetartist an den Rotten Places sowie im eigenen, dem Spitzbauch abgerungenen Stechschritt sich selbstverhäkelnder Solo-Paradist am Roten Platz der eigenen Biographie, Polizeiabführfall, als systematischer Karrierehintertreiber und bürgerlich unvermittelbarer, Familienerwartungen zerknüllender Lebenslaufdemolierer sein Clowndowngrading wie blödsinnige Gongschläge auf eine Regentonne so lange betreibend, bis Antäus die Erde berührt oder der Bauer die letzte Reihe erreicht, um sich in die Dame zu verwandeln. Bis sowieso die Diskurse, die damals gängig waren, einer späteren, viel jüngeren Generation eine Sprache sind, die niemand mehr versteht, und die alten Generationen, die ihre Codes noch verstanden hätten, in Demenz versinken, inkontinent auch bezüglich ihrer Verfeindungen werden. Oder durch Medikationen erweicht, Versöhnung oder auch nur mehr bloß Ansprache begehren.“ – Jausner sagte: „Mir ist egal, ob du wahrhaftig in Bezug auf dich selbst und andere, soweit es mich nicht betrifft, bist. Ich mag es am liebsten, wenn du unterhaltend bist. Ob deine Texte auf Wahrheit beruhen oder deine Träume weniger geträumt als erfunden sind, spielt für mich als Leser keine Rolle. Bei den Träumen, wären sie konstruiert, würde ich sogar sagen: umso besser! Ich bin nicht der Erzengel Michael, der die Seelen wägt. Keiner, der dich auf die Probe stellt oder dich durchleuchtet. Ich ringe nicht wie ein Expressionist, Nazarener oder lebensreformerischer Sektierer um dein Menschsein, dich mahnend: ‚Mensch, werde wesentlich!‘ Nicht um die Echtheit deines Schaffens, nicht um die Männlichkeit deines Mannseins. Nicht um dies Nachstellen irgendwelcher biblischen Szenen im heutigen Leben. ‚Da brannte uns das Herz.‘ Deshalb sind wir Freunde, weil du das auch nicht tust. Ich nenne dich niemals Bruder! Uns beiden wäre das nichts als nur peinlich. Du blickst niemandem ins Herz, sondern du baust allmählich wie ein Porträtist die Maske des andern auf. Du leitest Wasser auf dessen Mühlen, machst immer nur Anmerkungen am Rande. Da ist nie das Direkte, Frontale. Erst wenn man dich betrogen hat, wirst du frontalst. Dann geht es ans Zerfetzen.“

Auskunft der Sprachwissenschaft über das „Böse“: „Sie weist ‚böse‘ auf eine Wurzel bhu- ‚(die Backen) aufblasen‘ zurück, zu der unter anderem auch e. to boast ‚drohen, prahlen‘ gehört. Das boo!, das erschrecken und verscheuchen soll, ist den englischsprechenden Völkern auch heute sehr geläufig. Die gleiche Lautgebärde kehrt in den Namen von Schreckgespenstern und Kinderfressern in den verschiedensten Sprachen wieder, dem Butzemann, Popelmann, Popanz, dem tschechischen bubak, dem englischen bugaboo, den bouga, boubou, babau, papau, barbau, barbarouche, bambarouscho der romanischen Mundarten, und dem bôbla, der, in den Vogesen hinter einem Felsen kauernd, die Leute durch plötzliches Geschrei erschreckt. In Abraham a Sancta Claras Narrennest werden die ‚forchtsamen Narren‘ geschildert: ‚Man wird einige Hasenherz finden, die bei der Nacht nicht können allein liegen; andere trauen ihnen nicht einmal die Hand aus dem Bett zu recken; andere erschröcken, wann sie nur eine Maus hören, wann nur ein Bett kracht; einen jeden Block und Stock sehen sie für einen Bau-Bau (in späteren Ausgaben: Wau-wau, Mau-mau) oder Gespenst an. O forchtsame Narren! – Wer ist Ursach dieser eurer Zaghaftigkeit? Niemand anders als das böse Gewissen.‘“ (Mario Wandruszka: Angst und Mut, Stuttgart: Klett-Cotta, 1981, S. 86f.)

Manchmalige, komplett verbotene Gedanken, warum wieder so viele Nazis. Mitgeteilt an Frank Scheidhauer Kunst: „Ich glaube fast schon, es hätte astrologische Ursachen. Etwa wie bei W. B. Yeats, A Vision, wo ganze Zeitalter unter einem bestimmten Einfluss und Bann stehen, ganz andere Bühnenbilder wieder aufgezogen werden, worauf abermals wieder komplett andere folgen. Oder es sind wirklich die wiedergeborenen Seelen der Nazis. Hilfe, im Kinderwagen sitzt ein Nazi! Ja, lieber Scheidhauer h.c., ich beliebe auch von Zeit zu Zeit mit Dingen zu spaßen, mit denen man nicht spaßt.“

Ad Träume. Bewusstgemacht: BEWUSST gemacht | bewusst GEMACHT. Günter Landsberger: „Träume werden aus unserem Leben heraus geboren, sind manches Mal geradezu Lebensperlen und vermögen als bewusst gemachte durchaus wieder kräftig in unser Leben zurückzuwirken.“ – Diese Notiz machte mir bewusst, dass ein auseinandergeschriebenes „bewusst gemacht“ doppelt akzentuierbar ist: eben (1) als etwas sich bewusstgemacht habend, es ins Bewusstsein hebend, und (2) etwas bewusst MACHEN. Bei Träumen stellt sich ja die Frage: Was ist echt geträumt, was ist Zusatz, Brücke über Disparatgewesenes, was weggelassen, zu Literatur gleichsam auffrisiert? Wenn ich den Traum psychoanalysieren will, muss ich diese Zutaten unterbinden und den Traum in seiner Disparatheit betrachten. Je weniger er eine gediegen geformte Geschichte ist, desto ergiebiger, um das triebgeschichtlich Verdrängte zu fassen zu kriegen. Wenn ich aber den Traum nicht deuten will, sondern als Geschichte zu mir und anderen sprechen lassen möchte, wird sich die Frage stellen, wie sehr die Intention, den Traum zu narrativieren und auf eine gelungene Pointe zu finalisieren, jenen dann nur zu einem Rohstoff oder Schreibanstoß gebraucht. Sosehr ist der Begriff „Traumdeutung“ in unser Kulturselbstverständnis übergegangen, dass wir Zutaten zum Traum als dessen Verfälschung, wie beim Alkohol als Streckung empfinden, als TRAUMPANSCHEREI. Könnte man nicht nun den Landsbergerischen Gedanken dahingehend aufnehmen, dass es sowohl BEWUSSTgemachte als auch bewusst GEMACHTE Träume geben kann? Analog zur Unterscheidung des sogenannten Volksmärchens vom Kunstmärchen? Inwieweit ist in der Bewusstmachung selbst, auch ohne dies zu wollen, Hinzutat? Weil über den Sinn, will heißen das Vertraute und Konvenierende, packen wir das Unvertraute und Unkonventionelle. So dürfte beim einen wie beim anderen, wirklich zugeschliffenen, nachbearbeiteten Traumgebilde es jeweils einen bestimmten Prozentsatz an Natürlichem und Künstlichem geben, wobei ich mutmaße, dass wirklich ausschließlich erfundene Träume, also nur vorgebliche Träume, den Traum wie ein Genre benutzende, zumeist nicht aufgehen und steril bleiben. Der Prozentsatz ihrer Naturwüchsigkeit die Kunstelemente hoch überwiegt. Etwas anderes ist die Kunst der Traumwiedergabe und Traumerinnerung, die wie alles durch Übung sich mehrt.

Platons Höhlengleichnis auf Akustik transponieren? Nicht dass die Eingeschlossenen das Licht nicht kennten, sondern bisher keine Musik. Aber in und aus den Körpern ist ein Eigen-, ein Selbstlauten oder peristaltisches Grummen. Die alte, von Edgar Allan Poe in Heureka gestellte Frage, ob es selbstleuchtende Planeten gäbe. Selbstlautende Körper, im besagten Grummen, das Widerhallen vom Tappen im Keller der Höhle, der entfahrene Schrei beim Ausgleiten und Dagegenstoßen. Das sich nach außen stülpende Hörorgan, über sich den Schacht. „… und die Lautschatten der Körper widerhallen von den Wänden der Höllenhöhle“, ergänzte Alfred Zellinger sehr schön.

Über eine mögliche Zeile sinnend: „Der Tapir ist’s…“, per Books Google einiges unter „Er ist’s“ durchgeflogen, zwecks grotesker Anklangsmöglichkeit. Wir stießen hauptsächlich auf alte vergilbte Predigtbestände in Fraktur und immer wieder Luther. Wenn „Er ist’s“ geschrieben und gedichtet wird, ist’s meist Gott oder sonst etwas Imponierendes wie der Frühling oder der Krieg. Immer eine Haupt- und Staatsaktion, immer Gebraus, Getöse oder Ausruf der Anagnorisis. Franz von Moor in Schillers Die Räuber: „Es ist Karl! Ja! Jetzt werden mir alle Züge wieder lebendig – Er ist’s! trutz seiner Larve! – Er ist’s – trutz seiner Larve – Er ist’s – Tod und Verdammniß!“ (4. Akt, 2. Szene)

Kynisch kleinlaut geworden. Seit dem ganz unvorhergesehenen Tod des so anhänglich gewesenen Hundes Lopez und auch der anderen Hunde, die unseren Weg gekreuzt hatten und infolge der relativen Kürze eines Hundelebens nicht mehr leben, viel sparsamer darin geworden, mir immer wieder selbst einen Ruck zu geben mit den halblaut zu mir selbst gesprochenen Worten: „Na, du Hund?“ Es besser ersetzen durch: „Na, du Papagei! Na, du Schildkrot! Uhu, damischer!“?

Einer, den ich bisher den Atheisten und Humanisten zurechnete, nannte mich „verblendet“, was mir einen Sektengeruch auszuströmen scheint. Auch dieses so hoffnungslos pauschalisierende, an dem andern kein Fleisch dranlassende, den andern in die Umkehr erpressende Wort fehlt auffällig in meinem Wortschatz. Geblendet wird von mir schon gebraucht. Aber verblendet? Das findet sich zwar in der Bibel. Der Geblendete ist entweder einer, an dem die grausame Strafe der Blendung als Augenlichtberaubung vollzogen worden ist oder im übertragenen Sinne jemand, der von etwas – einem Scheingut – geblendet ist. Aber er ist mehr das passive Opfer dessen, auch sogar seiner Gier. Geblendet, wer ausschließlich des Reichtums und nicht seiner selbst wegen nach Reichtum strebt. VERblendet hingegen ist als Musterbeispiel der Größenwahnsinnige. Geblendet von seinen Demagogen, wird das Volk schließlich VERblendet. Verblendet, verblödet es. Ein Eigenverblendeter ist nicht von etwas passiv geblendet, hat vielmehr sich zum Objekt und Reittier und sattelt sich zu tollkühnstem Ritt. Der Verblendete ist der durch-und-durch-durchteufelte, in sich zur Summe gekommene oder auch einfach immer schon durch Erstgeburtsrecht vital zu sich entschlossen gewesene, unbremsbare Eitle (und mitunter voluntativ Eindrucksvolle), der sich blind gemacht hat oder immer schon blind war für das andere, das ihm nur mehr fichteanisch ein zu überwindendes, hindernishaft zu überrennendes Nicht-Ich ist oder lediglich das Speculum seiner Taten. Ein Denkender, Reflexiver ist niemals ganz verblendet. Je multiperspektivischer, desto immuner gegen die Dauerverblendung. Mögen die alten Babylonier verblendet gewesen sein, indem sie den Turm errichten wollten: aus archäologischer Sicht sind die Zikkurats so großartige Kulturdenkmäler wie nur die ägyptischen Pyramiden. Canetti umging die Entscheidung, ob ge- oder verblendet, indem er seinen Roman einfach Die Blendung nannte. Der Größenwahn ist nicht das einzige Beispiel einer Verblendung. Auch in der Erotik ist sie möglich. Indem jemand hinsichtlich eines wesentlich jüngeren Partners vermeint, so attraktiv wie nie zuvor zu sein, während er etwa doch schon Geld hinstreckt. Eine erotische Verblendung hat Thomas Mann in seiner Meisternovelle Der Tod in Venedig dargestellt. Des römischen Kaisers Hadrian Vergötterung seines Antinous, dem er Tempel baute. Meist stirbt dann einer.

Kann Leute einfach nicht verstehen, die die GANZE Romantik, den GANZEN Goethe, Heine, was weiß ich, den GANZEN Wagner, den GANZEN Freud oder Doderer oder Thomas Mann ablehnen müssen. Oder den GANZEN Brecht. GANZ Bernhard, GANZ Handke bleibt ihnen fortan nie mehr zu betretendes Land. Und auch Bruno Ganz wird nach dem Film Der Untergang von einigen GANZ abgelehnt.

Peter Hodina

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