DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °23

Frühgeschichtliche Felsmalereien in Indonesien entdeckt. Es ist wieder einmal mehr ein Indiz dafür, dass bestimmte Stadien der Kulturentwicklung weltweit und wohl unabhängig voneinander sich herausgebildet haben, sich herausbilden mussten. Jean Gebsers Ursprung und Gegenwart bestätigend. Dass diese so weit entfernten Frühkulturen miteinander hätten Bekanntschaft haben können, wäre eine allzu phantastische Hypothese. Wie sähe eine solche schräge Hypothese aus, in welchen Varianten wäre sie denkbar? (1) Dass die Menschheit doch einen einzigen Ursprung hätte?, (2) dass interkontinentale Wanderbewegungen auch in so früher Zeit über die Ozeane hinweg stattfanden (wie Joseph Campbell es in Anbetracht der Auslegerkanus nicht ausschloss)?, (3) dass es eine Art telepathischer Verbindung gegeben hätte, die uns heute weitgehend abhanden gekommen wäre?, (4) dass es eine anders als heute ausgestaltete geologische Realgrundlage, den Wanderfuß darauf zu setzen bzw. von Insel zu Insel sich durchzuschiffen, gegeben hätte? Beim Tapir etwa war angenommen worden, er sei über das Meer nach Indonesien geschwemmt, per Tsunami, ob er wollte oder nicht, den Rüssel als Schnorchel in über das Weltaufschäumen entrüstetem Überlebensdrang herausgereckt, geschwappt worden und habe dann Land gefasst. Wie der unheimlich bei Hochwasser nächtlich auf der Donau aufrecht in einem Fasse dahintreibende Mann in Algernon Blackwoods phantastischer Novelle Die Weiden. Alles zu phantastisch und zu esoterisch.

Peter Handkes Rede wollte ich jetzt nicht sehen und hören. Werde es später, vielleicht heute noch oder morgen, nachholen. Nur die Zusammenfassung gelesen, aus der einige Eckpunkte herausfiltrierbar sind. „‚Keiner von euch ist der Schuldige.‘ Das Ich, so Handke, sei ‚dem Menschen die erhaltende Natur‘: ‚Wir stehen Gelb in Gelb vor den gelben Blütenkelchen. Die Verneigung vor der Blume ist möglich.‘ Es stimme, dass es in der Geschichte der Opfer keinen stichhaltigen Trost gebe: ‚Wisst, wie ihr gleich seid!‘ Die Natur sei das einzige stichhaltige Versprechen: ‚Sie gibt das Maß.‘“ (laut ORF) – Hier ist ja schon einiges Nachdenkenswerte enthalten, in den paar Brocken bzw. Proben nur. Die Wertschätzung des Ichs. Oder las ich falsch? Ich las es zuerst so: das Ich, das SICH eine erhaltende Natur sein könne. Das Ich wird ja oft moralisch angegriffen, von allen Seiten. Aber ist es nicht auch ein Wertmesser, hat es nicht auch ein Maß in sich? Einen Sinn für das ihm Zuträgliche und vielleicht auch für das Zuträgliche überhaupt? Oder stünde hier nicht etwas anderes: Die Natur nämlich sei dem Menschen die Norm seines Ichs? Also die allgemeine Natur, von der aus die eigene sich bestimmen ließe bzw. bestimmt wird, die ein Prinzip der Erhaltung in sich birgt. Nicht meinem Ich nur liegt die „erhaltende Natur“ inne, als meinem Naturell, sondern das Objekt habe Vorrang vor dem Subjekt. Es sind sehr klassische Gedanken, die Handke hier zum Ausdruck bringt, die sich von den Vorsokratikern über die Stoa, den Kirchenlehrern, denen die Natur aber als eine durch den Sündenfall beeinträchtigte sich darstellte (jedoch trotzdem „Schau Gottes durch seine Spuren im Universum“, so z.B. beim Hl. Bonaventura in seinem Itinerarium mentis in Deum, ebenso bei seinem Freund Thomas von Aquin mit dem gesamten Thomismus), bis zu Goethe und auch zu Späteren noch finden lassen, noch gar nicht die Taoisten erwähnt. Kann die Schuld in der Allnatur, die uns letztlich als Gleiche vorfände, ersäuft (gleichsam „weggetauft“) oder neutralisiert werden? Alles tiefe Fragen. Was bedeutet die zunehmende Naturzerstörung für den Menschen, der sein gesamtes Heil auf diese Natur stellt? – Die andere Laureatin des Tages, Olga Tokarczuk, sagte: „Die Welt stirbt, und wir nehmen es nicht wahr. Wenn ich Geschichten erzähle, dann als ob die Welt eine einzige lebende Einheit wäre, die sich ständig vor unseren Augen formt und deren kleines, aber zugleich machtvolles Teil wir wären.“ (laut FAZ)

Herrje. Nicht dass es noch Krieg gibt wegen des introvertierten Mannes, der am Felsfenster morgens steht oder in einer dunklen Nacht aus seinem stillen Haus geht. Das Wort „Nationaldichter“ steigt auf einmal wie ein bemoostes U-Boot auf, das lange am Grund dahinrottete. Bei uns ja schon länger nicht mehr vernommen. Von Nationaldichtern spricht man kaum. Goethe und Schiller? „Fahr ab mit deinem Grillparzer!“ Wildgans gar? Lachhaft. Aber kaum fährt man nach Slowenien hinunter, sieht man ein Denkmal für einen Nationaldichter. Oder in der Ukraine. Überall die jeweiligen Nationaldichter, die man bei uns fast allesamt nicht kennt, sogar oft nicht einmal die Namen. Ungarn. So viele Denkmäler, Kränze davor. Und für zeitgenössische Autoren sind diese Nationaldichter die unwesentlichen, nicht gelesenen, ja von ihnen verweigerten. Diese Denkmalkapitäne, auf dessen Köpfen die Tauben sitzen. Und Handke scheint in Serbien ein solches Sonderleben anzunehmen, diesen Sonderkörper ausgebildet zu haben.

„Paech sitzt irgendwo am Rande, mit Notizbüchlein, Bleistift und einem Radiergummi. Er ist etwas am Ausradieren, und wischt dann die Gummikrümel mit der Hand weg. Wann sieht man heute noch Menschen mit einem Radiergummi?“ (Benedict Neff in der NZZ)

„Wie hältst du es mit Bleistift, Spitzer und Radiergummi?“ – Viele Bleistifte, die braucht man mit der Zeit sowieso ab, kaufe ab und an eine Schachtel, eine sogenannte Vorratspackung, stelle dann alle Bleistifte in Tassen wie Soletti, gebrauche nicht einen nach dem andern, sondern nach Belieben ohne hinzuschauen, spitze sie dann wieder, immer ad hoc jeweils den einen Bleistift, den ich brauche, sobald ich ihn spitz brauche, niemals alle zusammen, wobei die Bleistifte allesamt gleichmäßig schrumpfen, bis wieder einmal eine neue Vorratspackung fällig wird. Nicht sparen bei den Bleistiften! Nicht geizen mit den Spitzern, habe deren fünf oder sechs, denn sie könnten in den Zettelhaufen verschütt gehen. Die Bleistifte gebrauche ich ausschließlich beim Lesen, zum Unterstreichen, Anmerken. Und unter den Radiergummis haben sich besonders die Rollradierer bewährt, um eben solche zarten Anstreichungen in Büchern schnell wieder tilgen zu können, wenn es sein muss. Mit den daumenbreiten Radiergummis erzeugt man viel unnötigen Abrieb, auch schmieren sie, und es besteht die Gefahr, besonders im Ungeduldsfalle durch zu großen Radierdruck die Buchseite zu zerknittern.

Notiz zur Tradition. Die Tradition ist immer schon abgerissen, war meine These. Bzw. sie ist der immer wieder von neuem aufgenommene Faden. Die Tradition dieses immer wieder neu Aufnehmens, wobei dies erst die übernächste Generation oft macht. Mit jedem Tod bricht eine Tradition ab, denn ich bin mir auch meine Tradition und weiß mehr, habe mehr erlebt, als ich überliefere. Als ich überliefern KANN. Das ist nicht nur Versagen des einzelnen, sondern eine Frage der Konstitution, der begrenzten Fassungs- und Tradierkraft des Menschen. Auch hat jeder das Recht auf SEINE Geschichte. Er darf mit Vergangenem nicht überbürdet werden, sonst wirft er in einem Rappel alles von sich. Tradition, so meine persönliche These, bezeichnet das Immerwiederaufnehmen der abgerissenen, fragmentierten, unvollständigen Tradition. Am ehesten hält sie sich in Riten dauerhaft. Doch kann der Sinn der Riten vergessen werden, wie schon bei Naturvölkern vielfach von Ethnologen berichtet. Sobald ich den Traditionsinhalt mühsam rekonstruieren muss, ist die Vitalität der Tradition gebrochen, der Spannungsbogen nicht mehr intakt, sondern nur mehr künstlich reanimiert. Eine weitere Tradition sind die Gene, die Instinkte, die aber mehr der Natur angehören, doch in ihnen tradiert sich auch etwas. Ebenso der Gebrauch von Techniken. Indem ich hier auf dem Smartphone tippe, habe ich, ob es mir bewusst ist oder nicht, Teil an der Tradition der Technik.

Dieses vorhin gegessene wirklich „Lindfleisch“ zu Nennende (beim Chinesen) war dermaßen weich, dass es den Anschein hatte, es wolle auf der Stelle durch den Körper hindurchrutschen, um schleunigst wieder den Ausgang zu finden. War als Chop Suey deklariert, unglaublich viel Fleisch, ganz wenig Gemüse. Durch Pfeffern versucht, es herunterbringbarer zu gestalten. War nicht schaffbar. Pfeffern in seiner Doppelbedeutung tat sich sowohl als Problemstellung als auch Drang auf. – Zur Typologie: Es gibt den Kotztypus, der erbricht, und den Hintennaustypus, bei dem es den ganzen Verdauungstrakt durchlaufen muss. Bin der zweitere. Auch in meinem Leseverhalten. Beim einen sitzt der Kritiker schon im Gaumen, den tieferliegenden Organen die Passenz übler Massen ersparend, beim anderen schlängelt es sich prozessphänomenologisch durch. Durch die Kreuzwegstationen sämtlicher beteiligten Organe.

Dieser so außerordentlich schön gelegene Ort Bagnoregio in der Provinz Viterbo in Latium. In einem alten Reiseführer hatte ich gelesen, der Ort sei unbewohnt, eine Geisterstadt, verfiele – was mich besonders anzog. Er ist inzwischen schon lange wieder erschlossen, ein Tourismusmagnet, die 250 Meter lange Fußgängerbrücke muss optisch in Kauf genommen werden. Eher störend aus der Ferne, großartig bei der Begehung. Die Information, dass der Kirchenlehrer und Philosoph und beinahe Papst gewordene Bonaventura (1221-1274) von dort her stammte, ist eine erfreuliche zusätzliche Brücke, sozusagen Eselsbrücke. Über solche anschaulichsten Brücken lässt sich am besten und zwanglosesten und auch lustvollsten lernen, das Gedächtnis aufbauen, nämlich, einige Kontexterschließungsneugier vorausgesetzt, ganz nebenbei. Aber als Salzburggeborener bin ich ein Burgnarr, wegen unserer Festung Hohensalzburg. Deshalb zieht mich immersogleich alles Burgartige oder Höhennestartige an. Bei jenem „Aufstieg“, dem Itinerarium mag wohl Bonaventura auch seine Heimatstadt, in der er 1221 als Giovanni Fidanza geboren wurde, vor Augen gestanden haben. Das Itinerar, ganz nebenbei, erinnert von der Bauweise her, aber auch inhaltlich an die geradezu zeitgleiche mahayanabuddhistische und lamaistische Scholastik, was nahelegt, kulturmorphologisch von einer „Achsenzeit“ auch in diesem Fall zu sprechen. Joseph Ratzinger hatte seine Habilitationsschrift dem „Doctor Seraphicus“ gewidmet: Die Geschichtstheologie des Heiligen Bonaventura (1957), die in der ersten Fassung zurückgewiesen worden war, worauf sie der hinsichtlich seiner Lebensplanung geschockte Habilitand binnen zwei Jahren überarbeitete. Ratzinger sah bei Bonaventura eine Auseinandersetzung mit Joachim von Fiore vorliegen, entgegen dem damaligen Forschungsstand.

VOR TORSCHLUSS. Traum, schon mehr als ein halbes Jahr her: Unmittelbar vor Verlassen des Salzburger Kommunalfriedhofs wurde ich Zeuge einer Auseinandersetzung zweier sehr alter Männer, die beide nur mehr einige Tage zu leben hatten. Der eine hatte gebeichtet, als Assekuranz die Sterbesakramente empfangen und zeigte sich für die letzte Überfahrt komplett reisefertig. Er hatte sich entschlossen, bis zum Antritt der finalen Reise sich keine Sünden, auch nicht die kleinste, zu erlauben. Er wollte sozusagen die Todeskommunion mit nüchternem Magen empfangen. Der andere, auf Krücken, Spaßvogel bis zuletzt, fluchte über die Pfaffen, dabei laut lachend und krächzend: „Am Ende spießen sie einen mit ihren verdammten Kreuzen auf. Sieh bloß hin über die Gräberreihen: so viele Tote, so viele von den Kruzifixen schlussendlich Aufgespießte, der Pfaffe steckt sie sich alle auf die Kappe!“ Dabei glitt er auf einer Eisplatte aus, stürzte, doch auch am Rücken liegend, nicht mehr aufkommen könnend, streckte er noch den Arm aus und ballte die Faust. In den Tod werde man ihn „nur über meine Leiche“ hinwegtragen. Der Frömmler hingegen erbleichte angesichts dieses bis zuletzt nicht Einsichtigen. Er half ihm aus lauter Selbstgerechtigkeit nicht auf. Jegliche Berührung mit dem anderen war ihm inzwischen tabu. Wie beim Jüngsten Gericht die Böcke von den Schafen getrennt würden, so war er selber nun, im Urteil dem ewigen Richter vorgreifend, verbocktes Schaf. Gestärkt von den Sakramenten, scheute er jegliche Berührung mit dem bis zu seiner Hinrichtung aufgekratzte Frevelreden haltenden Clown. Noch in den letzten Tagen beider nur mehr wachslos auf kleinstem Docht glimmenden Lebzeiten schien das Urteil schon gefällt. Unerbittlich war der Bigotte, entsagend bereits ganz dem Leben abgekehrt. Reichte nicht die Hand zur Hilfe. Über die Treppe zum Obelisken hinunter rannte ich vor diesen Gespenstern davon, um nicht in ihr Sterben mithineingezogen zu werden, und freute mich über jeden Stöckelschuh, jedes Luxusauto, jedes übermütige Gebalge von Kindern am Wegweg, über all solches, das eindeutig noch lange der Lebensseite zuzuschlagen war, obenauf als ein Fettauge der im Leben es sich einrichtenden Lauheit schwamm. Und dass, nochmals auf die zwei temperamentgegensätzlich Uralten zurückkommend, zu den an sich ja, wie man meinen möchte, strafausreichenden Beschwerden des Greisenalters noch die Aussicht auf die ewige Verdammnis hinzukam, hielt ich für nichts als nur sadistisch, furchtausbeuterisch, menschentrennend.

Peter Hodina

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